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Just In Time 
Romananfang (Aug. 2011)
Michael Köhn



Rejection and Denial - Zurückweisung und Abstreiten der Tatsachen.


„Händchen falten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken. Er gibt unser täglich Brot, er hilft uns aus aller Not. Amen.“ Deutsches Kindergartengebet



1
Ich wurde geboren - und der Führer siegte sich mit Hilfe meines Vaters an allen Fronten zu Tode.

Dr. Mackenrott lautete der Name meines Geburtshelfers, der eine private Entbindungsklinik, angelehnt an den berüchtigten Bendler Block - inklusive Waffen-SS und Hauptsitz des Kampfkommandanten von Berlin, im Bezirk Tiergarten betrieb.

Mein Großvater hatte die Klinik ausgesucht. Oder der Führer persönlich. Doch wie es später immer so ist: letztlich will es keiner gewesen sein, und einer schiebt es auf den anderen.

Der Mann meiner Mutter hatte auch Übung im Schieben. Im Zivilberuf leitender Bankbeamter, der gedanklich zum Olympiasieg im Einer ruderte. Bestimmt ein durchaus ehrenwertes Hobby, wäre nicht der Traum vom Olympiasieg an seiner Lebensweise gescheitert: Immer ein, zwei Mädchen auf dem Schoß, dazu eine gute Zigarre, den besten Portwein. Deswegen marschierte er dann auch Seite an Seite mit dem Führer in Frankreich ein: wegen der Mädchen, der Zigarren, dem Portwein.

Zu meiner Geburt kam ein Telegramm: “Glückwunsch - Stop - Martha - Stop - zur Geburt eines Stammhalters - Stop - solchen Nachwuchs braucht der Führer - Stop - Heil Hitler - Stop“

Ein Jahr später dann eins an mich: „Unter dem Donner der Geschütze - Stop - das Eiserne Kreuz erhalten - Stop - Dein Heldenvater - Stop - Heil Hitler - Stop“

Viele Jahre später erzählte mir meine Mutter, wer mein wirklicher Vater war.
Ich konnte mein Glück kaum fassen.


2
Von der Jazzkneipe aus ging es über eine Treppe durch eine geheime Tapetentür in die “Galopp-Diele“, einer Kaschemme mit Tattersall, in der Ruine der alten “Scala“, dem ehemals renommierten Berliner Variéte in der Martin-Luther-Straße.

In die “Galopp-Diele“ gelangte man natürlich auch durch den Haupteingang. Doch um ungesehen in das von der Öffentlichkeit als Sündenbabel verschriene Etablissement zu kommen, benutzten nicht wenige Besucher die erwähnte Tür. Um die eine Mark fünfzig Eintritt, kamen sie allerdings dort auch nicht herum.

Der Tattersall war eine mit Sägespänen ausgelegte Reitbahn in Kreisform, in der Frauen gegen Bezahlung nackt auf Pferden ritten.
Die vier, fünf Pferde rekrutierten sich aus den vor dem Abdecker gerettete Zossen der Rennbahn Karlsruhe, denen man die Stimmbänder durchtrennt hatte, damit sie nicht zur unrechten Zeit wieherten und die erotische Atmosphäre gewahrt blieb.

Die Nutten der “Galopp-Diele“ stammten alle vom Lande und wiesen unisono extreme Oberweiten auf, die beim Reiten mächtig aufschaukelten.
Die Hure der Stadt konnten angeblich nicht reiten, und waren dem Betreiber des Etablissements auch zu flachbrüstig.

An Tischen im Rund um die Reitbahn saßen die Herren der Gesellschaft beim Champagner, manche bei einem Herrengedeck - und onanierten. Einige ließen sich als Hilfe ein Mädchen kommen.
Fast ohne Pause hörte man im Hintergrund dezente Musik eines Trios, bestehend aus Bass, Geige, Schlagzeug.
’Das Schlagzeug wird wegen der Atmosphäre lediglich mit dem Besen gerührt’, hatte der Chef des Ganzen, Herr Musil, angeordnet.

Herr Musil ist als ’großer’ Onanist und Selbstdarsteller in der Szene Berlins eine Berühmtheit. Doch wer wird sich später daran erinnern. Nur ich ...

Herr Musil sah es gerne, wenn Geiger und Bassist auf Anforderung des Gastes an dessen Tisch trat, um auf Wunsch bestimmte Titel zu spielen.
So was russisches, das den Leuten das Wasser in die Augen treibt, war des Geigers Spezialität.
Ach, der lässt aber die Seele tanzen, rühmten ihn viele deswegen - und das Trinkgeld floss reichlich.

Man erzählt, der Geiger habe, betrunken, einem Mann den Geigenbogen ins Auge gepiekt, weil er, statt aufzuspielen, auf dessen monströses Glied gestarrt habe. Seit dem war es ihm absolut verboten, direkt an den Tischen zu spielen.

’Ab nun mindestens drei Meter Abstand halten’, hatte Herr Musil getobt, als er Monate später die Schadensrechnung des Onanisten von über tausend Mark bezahlen sollte.
’ ... und dazu noch ein Jahr freien Eintritt und frei Saufen’, tobte er, ’dieser Goj macht mich noch ganz meschugge ...!’

Übrigens, der Geiger war mein Erzeuger.
Der einäugige Onanist ein Intimfreund Musils.

Als ich ein Jahrzehnt später den Club besuchte, der inzwischen zu einer Peepshow verkommen war, erzählte man sich den Klatsch über Geiger und Onanisten immer noch.
Ehrlich, ich glaube solche Geschichtchen ja nicht so recht. Andererseits ist öffentlich bekannt geworden, dass Musil schwul war, denn er soll sich und den einäugigen Onanisten in einer Eifersuchtstat umgebracht haben.

’Beide waren liiert’, mutmaßte die Presse.
’Eine Beziehungstat’, erkannte die Kripo.
Doch keiner wusste es so richtig.

Übrigens: Der abgeschnittene Penis des Onanisten soll in einem Marmeladenglas gefunden worden sein. Erdbeerkonfitüre, - der Herr Musil nie widerstehen konnte, wusste Vater.

Also: Herr Musil war längst tot, mein Vater lebte noch. Zwar in einem Altenheim und unter erschütternden Umständen, - er darf dort nicht Geige spielen, und man verabreicht ihm täglich ein Antipotenzmittel, das berüchtigte “Hängolin“, doch er lebt.
Man sieht also: es geht auch ohne Onanie!

Ich hatte mal im öffentlichen Telefonbuch nachgesehen und zählte 798 Geiger in Berlin. Mein Vater ist dort nicht mehr aufgeführt, sonst wären es 799 Geiger. Wie viele von denen Onanisten sind, hätte ich gern gewusst. Es war mir aber zu mühevoll die alle anzurufen, um sie zum Thema zu befragen.

Musil dagegen steht acht Mal im Telefonbuch, obwohl der wahre Musil tot ist. Doch ein Musil, und der allein mit drei Telefonbucheinträgen, ist der Neffe vom Alten. Robert. Der leitet jetzt die Peepshow.
Jenen Robert will ich später mal über Onanisten befragen ...

Wer in der “Galopp-Diele“ mehr wollte als onanieren, konnte auch selber auf einem Pferd reiten - und onanieren, - auch mit einem Mädchen als Hilfe. Es war bloß teurer, als alleine zu reiten. Allerdings war in dem Bums, ob zu Pferd oder nicht, jeglicher direkte Geschlechtsverkehr mit den Mädchen verboten.
’Wegstecken’, sagte mein Erzeuger dazu irgendwie ironisch.
’Es gab aber für solchen Zweck nebenan eine kleine Pension, “Der Schlupfwinkel“, sehr gemütlich.

„Ach ja, Junge, es war immer lustig wenn wir in der Galopp-Diele aufgetreten sind. Wir hatten viel Freude mit den Galoppsportlern - obwohl vom verdienten Geld fast nichts übrig blieb ...“

Er träumte so und mit einer Träne im Knopfloch den vergangenen Zeiten nach - und strich sich wie selbstverständlich Kolofonium ins Haar. Er war wenige Tage zuvor achtzig geworden.

’Dein Erzeuger war nicht nur Geiger in der “Galopp-Diele“, sondern auch Trompeter der Jazzband “Spree- City- Five“! Trompeter, Sänger, und Bandleader in Personalunion – und leidenschaftlicher Onanist, jawohl’, heulte meine Mutter Jahre später noch, ’der war eigentlich nur in diesem Puff - ich sah ihn lediglich, wenn er seine schmutzige Wäsche brachte ...
Hoffentlich schlägst du ihm nicht nach’, betete sie, wenn sie die Flecken aus meinem Bettzeug wusch. Doch das war längst nicht alles.

’Und denk daran, zu Hause brachte dein Vater nie was auf die Reihe, außer dich - das eine Mal - und dir wird es später ebenso ergehen, wenn du nicht damit ...’, und dabei machte sie diese Handbewegung, als würde sie eine Kuh melken ... Da wusste ich, sie hatte von der Technik des Onanieren keinen blassen Schimmer.

Irgendwann fragte ich sie, unschuldig wie ich war, mit welcher Hand mein Erzeuger es denn getan hätte. Daraufhin gab sie mir schweigend eine Ohrfeige.

Warum das?, grübele ich noch heute, - denn ehrlich, mit welcher Hand man onaniert dass macht doch den Menschen aus. Und nicht nur wenn man jung ist und Geld sparen muss, oder? Immerhin besser, als diese unbeantwortet gebliebenen Fragen anlässlich meiner drängenden Pubertät.

Später kommt als Wichtigkeit noch hinzu - wo man onaniert! Die Art und Weise. Mit welcher Häufigkeit. Mit wem, - und mit welchen Gedanken, und so.

Ja, das mit den Gedanken, und mit wem man es tut, das wird mit zunehmenden Alter immer wichtiger. Ich sehe es an mir. Denn im Schnitt, dass wusste ich aus meinen Studien, wird es mit achtzehn, neunzehn richtig wichtig; nur - ich war inzwischen zweiundzwanzig, und in dieser Hinsicht (also) ein Spätstarter, denn bis dahin griff ich gedankenlos einfach so in die Vollen, und ließ es kommen wann, wohin und wie es wollte.

’Mach dir nichts draus’, sagte mein Freund Hansi, dem ich deswegen mein Leid klagte, ’bei einem kommt’s früher, bei dem andere später; wichtig ist, dass überhaupt was kommt. Lass es uns mal zusammen machen, dann wirst du schon sehen’.

Ein Spaßvogel, der Hansi, oder? Doch es klappte.

Und, was ich auch erst später erkannte, diese rasanten Jungwichser, die Pseudoschwulen, die es überall und nach dem Motto tun: Nur ich weiß was richtig und falsch ist, - die sind immer die Arschlöcher der Zeit. Denn um sich cool selber zu befriedigen, damit man für ’ne Weile so richtig satt ist, und das Rohr einen zufrieden lässt, braucht man neben perfekten Wichsvorlagen Charakter, Selbstwertgefühl und Ehre, sonst kommt er einem gar nicht erst hoch. Sie können mir glauben, ich weiß, wovon ich rede.

Bei vielen ist das mit Ehre, Charakter und den Wichsvorlagen, usw. aber nebensächlich. Die brauchen gar keinen Steifen. Die wichsen im Kopf. Fragen Sie mich, den Fachmann, auch dazu.

Also ich finde, so was nur im Kopf zu tun total ungeil, ’ne Sauerei ..., denn so ’ne Art Onanie verhindert Leben und deren Spätfolge(n), leere Rentenkasse und so - hört man doch überall; - klar, das sollten diese tumben Typen auch mal überlegen.
Andererseits: für manche von denen ist es von vorn herein besser ihren Samen ins Gras zu spritzen; hätte ihr Vater schon tun sollen, - wäre vielleicht ’nen prima Laubfrosch draus geworden.

Ich sag’s Ihnen, ehrlich, über diesen Spruch lacht Hansi jedes Mal mindestens ’ne halbe Stunde, oder so; der ist und bleibt eben ein Spaßvogel, wie gesagt. Andere wieder, ich kenne einen davon im Ansatz, - meinen früheren Nachbarn Ludger nämlich, haben durchaus das Zeug dazu, Kinder in die Welt zu setzen, glaube ich. Es sind vor allem diese intelligent wirkenden Typen mit randlosen Brillen auf schmalen Nasen, die mit den fleischigen Ohren, die nie in der Nase bohren, nicht rauchen, trinken und anderswie rumhuren, die schon in der Schule Lehrers Liebling waren und in der ersten Reihe saßen - ja, die vielleicht.

Egal, so Weisheiten kann ich für mich knicken. Ich gehöre nicht dazu. Schon wegen meiner ’guten’ Augen, der lädierten Nase, und weil ich in der Schule als Raufbold beschimpft, in der letzten Reihe sitzen musste, wenn überhaupt, denn oft stand ich zur Strafe wegen irgendwelchem dummen Spaß auf dem Schulgang. Dort musste ich mich dann fragen lassen: ’Na, Jimmi, wieder wegen Blödheit rausgeflogen - wieder unterm Tisch gewichst und erwischt worden? Du Idiot!’

Mir bleib nur übrig ’verpiss dich’ zu sagen und ab und an mal einen Jab gegen so ein bescheuertes Hirn abzufeuern. Sie können sich also vorstellen, wie ich Schule, Lehrer und Schüler hassen lernte. Von den Eltern der Schüler ganz zu schweigen, weil die sich immer mal wieder bei meiner Mutter beschwerten.
’Ihr Sohn hat meinem ein blaues Auge geschlagen ...’, als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt geben würde, zum Beispiel, ob Jackie Steward nochmals Formel eins Weltmeister werden würde - und dann wurde es doch Jochen Rindt. Mensch, was für ein Scheißjahr. Abhaken!

Andererseits, Blödheit oder Verschiedenheit in der Sache macht bei der Onanie eigentlich auch keinen allzu großen Unterschied, wie ich im Rahmen weiterer Studien feststellen konnte. Denn trotzdem alle zumindest über krumme Rücken, leere Rentenkassen und so weiter wissen mussten, wichsten die wie die Blöden - egal wo.

Ich finde, die sind alle krank, asozial, kümmern sich einen Scheißdreck um nichts. Und warum? Na, weil Onanieren säuisch Spaß macht - und vom beschissenen Alltag ablenkt. Oder etwa nicht? Genau, denn nicht jeden Tag fährt die Formel eins! Und gerade deshalb tu ich es auch - vier Mal täglich. Und wenn ich Zeit habe öfter ... Mindestens.

Mal ehrlich, finden Sie meine Theorie konfus? Glauben Sie ich spinne, gehöre in die Klapse? Fragen Sie sich vielleicht, wer ist denn der Wichser da, dass der so was behaupten darf?
Na gut, ich sag’s Ihnen und es ist ganz einfach zu verstehen - ich habe nichts mit Papst soundso/dem/sechsundzwanzigsten am Hut und bringe das ewige Leben, ich habe auch keine persönliche Sendung an Sie, oder so, - nein, ich bin ganz einfach Jimmi, der Onanist aus Freude und Leidenschaft, dass heißt, ich nenne mich Jimmi, und das frei wählen meines Namens und die Onanie ist die einzige Ähnlichkeit mit einem Papst, egal wie der heißt.

Sollte ich Sie nun neugierig gemacht habe, können Sie sehen, warum ich mir ausgerechnet den Namen Jimmi gegeben habe. Kommen Sie mit, sehen Sie.
Mann, nun tun Sie’s schon, keine falsche Scham und es tut auch nicht weh!, gehen Sie einfach ins Retro- Kino, - oder lauern Sie vor der Glotze auf ’nen Hollywoodschinken von Elia Kazan, - dann kommt’s Ihnen, garantiert!

Sollten Sie Internet haben und nun flitzen um zu googlen, weil Sie nicht wissen wer Elia Kazan ist und nicht blöd ins Kino wollen - nicht weiter schlimm, macht nichts, tun Sie’s. Doch wenn Sie ihn haben, den ollen Kazan, bleiben Sie nicht gleich bei: ’Ein Baum wächst in Brooklyn’ hängen, oder bei: ’Endlos ist die Prärie’, - nee, scrollen Sie weiter Mann, weiter runter - Mann, - weiter, weiter, weiter!, in die frühen Spätwerke, die wichtigen ...
Na bitte, geht doch ...!

Was?, wie ich aussehe?
Na, ich trage wie Kazans Helden Stiefel aus Kalbsleder, hochgekrempelte Levis- Blue- Marke Franz, die ich genau auf Stiefelkante abschließen lasse, ’ne schwarze Lederjacke aus Sackrattenleder, die edel ist und trotzdem was wiegt, denn aufs Gewicht kommt es bei guten Lederjacken an, - ich hab ’ne Goldkette um den Hals, die auch nicht ohne ist, ein samtenes Rider- T-Shirt unter, dass meinen Body echt geil verpackt und von Brust und Armen was sehen lässt, weil ich drei Mal die Woche im Studio Eisen biege und beinahe doppelt so oft in der Kunstsonne liege - ja, und das Schönste, ich fahr bei Bedarf ’ne Harley, denn diese Dinger sind in Sekunden zu knacken, wenn man Ahnung hat - und die Mädels fliegen darauf, auf sonem Bock gebumst zu werden.

Was stört ist, dass ich nicht auf solche Mädels fliege oder nur in extremen Notsituationen und, dass mich irgendwelche Leutchen, die mich sehen, ohne mich zu kennen, für ’nen Rock’n Roller, ’nen Zuhälter, DJ, oder so was ähnlich Ekelhaftes halten; mich - Jimmi! Und mal ehrlich, Jesus starb zumindest für mich mit, für meinen Traum von Ruhm, Reichtum und Glück. Für meine Ziele. Und Elia Kazan.

Noch was, Leutchen, - ich bin echt anders als ihr mich seht, das ist ja wohl klar, mein Aussehen ist nämlich lediglich ’ne Art Kostüm, ’ne Tarnung, - und ich habe auch nicht das Ziel und die Zeit Leute tot zu schlagen, bloß weil ich so gewalttätig aussehe - mit den paar Tätowierungen und dem Piercing an der Augenbraue, nein, ich will Filmschauspieler werden, oder, wenn’s dazu nicht kommt, Sänger, Pornodarsteller, ein bekannter Onanist im Fernsehen, oder so ..., ein Star, jedenfalls!, - der die fette Kohle abgreift und überall mächtig auffällt, - einer, dessen Name täglich satt in der Presse steht, egal weswegen; und die Fans sind da, brüllen: Jimmi ...! Jimmi!!! Ja, so; so was, das finde ich geil ...

Mein Kumpel Hansi meint, bei meinem Talent hätte ich auf alle Fälle ein erfolgreicher Fußballer, Basketballspieler, Boxer, K1 Fighter oder Hütchenzocker werden können.

Doch ehrlich, wer quält sich schon gerne den Arsch ab, macht seine Klamotten dreckig oder liegt, wenn’s blöde läuft, Tage im Spital, um Titanteile in seine Knochen implantiert zu bekommen?
Bin ich pervers? Nein! Na siehste, es geht auch ohne ..., ich bin der lebende Beweis; Ich, Jimmi!, - und übrigens: Elvis lebt, ich traf ihn neulich bei Hansi. Am nächsten Tag hatte ich dann mächtig Kopfschmerzen. Ich sag’s euch: Elvis ist ein harter Hund, mit seinem Gummibecken ...

Hansi, mein bester Freund, ist auch Okay., fast so Okay. wie ich, - sonst wäre er ja nicht mein bester Freund. Hansi und ich kennen uns seit dem Kindergarten, dann Grundschule, Oberschule, wo wir beide sitzen blieben.

’Was gut werden will muss reifen’, ist sein Spruch. Er blieb wohl deshalb auch zwei Mal sitzen, - dann die Lehre: Mechaniker, er ein Jahr nach mir. Danach trennten sich unsere Wege. Doch nie so ganz, denn zu mindestens einmal am Tag telefonieren wir.
Wenn ich an Hansi denke, führe ich unsere Jugend spazieren: Rock’n Roll, Bill Haley, Elvis, - diese geile Menage à trois, mit der wir groß geworden, die uns von Erwachsenenwünschen befreite, uns zu ersten Klauereien von Zigaretten und Schnaps beim Kaufmann nebenan ermutigte: every night before I go to sleep. Darüber muss ich immer grinsen - wirklich immer.

Hansi malt, - ist Kunstmaler, Autodidakt - und er lacht gutmütig, wenn ich ihm vorschwärme, Schauspieler zu werden.
’Das erzählst du schon seit hundert Jahren!, nun mach doch mal endlich, mach, werde ein Künstler ...’

Hansi malt Bilder die von Jackson Pollock inspiriert, denke ich, seiht jeder..
Für mich unverständliche Teile, und doch emotional mitreißend, denn durch seine Bilder lässt er wie mit der Gießkanne gegossene Farbe und Musik in meinen Alltag einfließen.

Manchmal träume ich von diesen höllischen Bildern. Phantasiere in einem nervösen Lebens- Farb- Ton- Traum, - schwitze. Ich glaube schon lange, es sind mehr die Orte, als die Farben und Töne, vor denen ich Panik bekomme. Vor Menschen, deren Nacktheit, in der die sich selber beschreiben, - diese monströsen Körper, Titts, die Ähnlichkeit mit Garagen oder Krankenhäuser haben, je nachdem von wo aus ich hinsehe, die aufeinander und übereinander liegen, spiegelgleich ineinander verschachtelt sind, als ob sie kopulieren, sich rektal penetrieren oder so.
Dann wieder verstören mich weiße Penisse, die wie lebende Leichen von Bruegel aussehen - oder dieser legendäre Walfisch im Rhein. Jedenfalls sind’s monströs lang gezogene Pimmel von Bälgern, die anschaffen, sich prostituieren, die Drogen verkaufen, Graffitis auf U-Bahnwagen sprayen und die nach idiotischem Surfen auf Zügen tot an der Erde liegen, ins Leere blicken und scheinbar endlos in sich ausgerichtet sind, egal wohin.

... sind so nackte kleine Tiere in Blau, die auf den Bildern platt, von Lastwagen überfahrene Riesenschlangen im Amazonas; davon gibt es aus irgendwelchen Gründen auch welche in Grün und Braun, - die genauso beschissen aussehen.

Hansi sagt ’meine blaue Periode Amazien’ zu allen, auch zu den grünen, braunen, toten, den beschissenen, seinem eigenen Pimmel, - und kippt Enzian direkt aus der Flasche in sich rein: Escorial, Hennessy, je nach Gusto. Neulich sah ich ihn Absinth trinken, danach war er völlig durchgeknallt und pinkelte von einer Leiter auf ’ne ocker Leinwand; ’Das wird der Renner der Saison’, juchzte er dazu vom second floor.

Den Käufern und Galeristen scheint’s egal ob Urin, platt, tot, blau oder grün, braun, beschissen, Absinth, die kaufen komplette U-Bahnwagen mit abgetrennten Gliedmaßen daran, Totalschäden von Lastwagen, wo der Fahrer tot aus dem Führerhaus hängt, diese grauenvollen Bilder in Bildern, die Lümmelpiepel, und das, was er über seine Bilder sagt oder nicht, wäre es noch so blödes Sagen oder Schweigen, oder Gott Vaters Tod persönlich.

’So ist das Leben, Jimmi, mal oben, mal unten’, orakelt er Absturzgedanken, - schmatzt trotzdem selig in die Drinks hinein, als ginge ihn das andererseits nicht wirklich was an, sprudelt Blasen wie ein Kind, und lässt sich innerhalb von Sekunden einen Bart stehen ..., erstaunlich, oder?

Doch keine Frage - das Alles, der Erfolg und so, ist nach den vielen Jahren seines fast ereignislosen Lebens dann doch zu viel auf einmal, - er beginnt mehr und mehr zu trinken, wie ich an den Zucker- Enzian- Escorial- Hennessy- Absinth- Flecken in seinem Bart bemerke, diesen Resten von Erbrochenem auf seinen T-Shirts, den vollgebrunzten Schlüpfern, die im Bad seines Hauses herumliegen – manchmal wickelt er sich Shirt oder Schlüpfer im Rausch um den Kopf: ’wegen der irren Hitze’, erklärt er. Dabei friert er ständig.

Egal, denn anders als üblich, und von mir erwartet, sind die versauten Flecken usw. noch mehr eine Verkaufschance, und stören seine Fans nicht, im Gegenteil, die T-Shirts und Schlüpfer gehen genauso rasant weg wie seine Bilder. Und Hansi ackert mit Dope im Blut wie eine irre gewordene Hafennutte, um Bilder, T-Shirts und Schlüpfer ranzuschaffen; der sagt mir in eine Schaffenspause hinein, als wir beide auf dem Klo stehen und in die Badewanne pinkeln: ’ He, Jimmi, auch du hast Eier, wie ich sehe - Jimmi -, und bald bist du mit Erfolg haben dran, - ich werde meine Beziehungen zu Absinth, Enzian, Escorial und Hennessy spielen lassen, damit aus dir ein wirklich richtiger Jimmi wird, ein Artist, wie ich. Komm, wir pinkeln mal die Wand hoch, wer am höchsten kommt; also, los, gib Gas, drück auf die Ovula, - Junge!’

Ich wusste immer, meine Zeit wird kommen, nicht weil ich beim Hochpissen gewann, nein, man muss nur auf den richtigen Zeitpunkt warten, - und ich habe lange genug gewartet. Dass die Zeit allerdings durch Hansi für mich gebogen wird, und nun alles schwer von meinen Eiern abhängt, das wäre mir im Schlaf nicht eingefallen ...

Doch egal - komm schon - komm schon - Ruhm und Erfolg, tobe ich in Vorfreude - ich bin bereit, – pisse, gewinne, siele meine Zunge viele hundert Mal durch die Absinths, Enzians, Escoriale und Hennessys auf Hansis Partys, und dabei lerne ich Leute kennen, Mäzene – und was für welche. Die meisten davon besiege ich gleich im ersten ’Hochpissen’.
’Sie werden noch ein ganz Großer’, versprechen die, ’ ... mit der Nummer’!

Eines der größten Rätsel aller Zeiten ist die Frage, was einen Star ausmacht. Selbst von den besten Filmschauspielern, Musikern, Schreibern oder Malern werden nur wenige unsterblich.
Gut, manche dieser Gaukler können Hand-, Fuß-, Bauch- oder sonstige Abdrücke in den berühmt berüchtigten Asphalt Hollywood/Santa Monica pressen. Und doch werden nur wenige das, was man eine Ikone nennt, ist der schnelle Ruhm auch noch so heftig, die Nase rotzig voll gekokst - doch meist latschen die Gaffer der vermeintlichen Attraktionen mit ihren Supermarktplastiktüten in der Pfote sowieso achtlos über die mehr als hundertundeinen Abdruck rüber ...

Als ich in Hollywood über den Sun Set lief, war ich bemüht, nicht auf die körperlichen Initialen dieser Berühmtheiten drauf zu treten.
Erstens tut das denen weh, und zweitens wollte ich dort ja selber mal mein auszementiertes Teil ablegen, und dann fände ich es auch nicht unbedingt geil, wenn einer mit Kacke am Schuh auf mein Ding tritt.

“Jimmy“ Dean, mein Vorbild, geboren 1931 in einem Städtchen namens Marion im Staate Indiana, gestorben am 30. September vor vierzig Jahren in einem Porsches 550 Spyder, hat nur drei Hauptrollen gespielt.
Mir ist das nicht neu, denn ich war durch meine Beobachtungen der Szene schon immer sicher, talentierte Leute werden mit ein, zwei Dingen bekannt, die sie hervorragend tun können, - mit viel mehr nicht, und Sie sehen, Jimmy Dean ist mit drei Hauptrollen der Beweis.

Im Grunde ist es erstaunlich, dass Leute überhaupt ein, zwei Dinge hervorragend tun können; die meisten vermögen nicht mal eine Sache ’vernünftig’ zu tun, z.B. Autofahren. Ja, es warnen jeden Tag Nachrichtensender vor Geisterfahrern auf Autobahnen und anderen menschlichen Katastrophen in unserem Umfeld.
Die durch solche Warnungen und andere Therapien gescheiterten Selbstmörder lassen aber nicht etwa von ihren Hoffnungen auf ein selbst bestimmtes Sterben ab, - die Spinner denken an eine Wiedergeburt, binden sich Tonnen von Sprengstoff um den Bauch, und los geht’s ... Ich meine, es wäre fürchterlich, diesen Kretins noch einmal im Leben begegnen zu müssen. Und nicht nur deshalb lehne ich meine eigene Wiedergeburt rigoros ab, ich will jetzt da sein - und alles erreichen, was ich brauche.

Es ist jedoch so, als ich im Jetzt loslegen will mit Karriere und Leben, mit dem was ich tun kann und will, dass ich eine abstrakte Fremdheit in meinem linken Fuß spüre. Eine Taubheit, direkt unter der Socke, ganz dicht unter der Haut, die mich zweifeln lässt, Eigentümer von diesem Fuß zu sein. Das ist doch irre!

Als ich grübelnd sitze, überlege, wie die Behinderung einzuschätzen und zu ändern sei, überfällt die Taubheit, die ich inzwischen als Angriff Außerirdischer diagnostiziert habe, meinen anderen Fuß. Wäre ich im Besitz einer Pistole, es wäre Zeit die Eindringlinge zu erschießen. Ein Glück, dass ich keine habe. Als ich resolut weiter in mich gehe, die Kraft meiner Gedanken Richtung Lendenwirbel lenke, habe ich auch gleich ein 3 D-Bild meines Unbehagens vom Fuß.
Gut, das Bild, dass ich mir von den Fremdlingen mache und Ihnen jetzt weiter erzähle, wirkt eventuell wie inszeniert, doch ehrlich, es ist mir egal wie es rüberkommt, wenn ich es bloß wegbekommen - und habe bei der sogenannten ausländischen Begegnung plötzlich Spaß ...; Wahnsinn: Ich sehe, wie auf einem negativ Film, wie drei der befremdlichen Gefühle entspannt vor der Kulisse New Yorks posieren - und mir zuwinken, dann, auf einer Coca-Cola-Kiste sitzen. Ein anderes Mal in Wollmänteln neben einem halbnackten Bauarbeiter an einem Imbiss Hot Dog essen, so tun, als würden sie dem Bauluden, um ihren Fraß zu bezahlen, die Brieftasche stehlen; ... um den, als der sich gegen den Raub der Kohle wehrt, nieder zu schießen, - ich höre an die zwanzig Schuss, und sehe die dann mit der Imbissbude im Schlepp flüchten ...
Mein lieber Mann, denke ich, reichlich brutal, fast wie im deutschen Kinderfernsehen. Und außerdem mache ich mir Sorgen wie die Leutchen dort in Zukunft ohne Fritten, Hot Dog und Donats auskommen.
Dann sitzen die drei mit angezogenen Füßen und träumendem Blick auf meinem Sofa, vor dem Bücherregal mit dem einen Buch darin, - blicken mit hochgezogenen Brauen und Spottlächeln in meine Richtung. Doch ich lasse mich nicht provozieren, ich sage nichts, ich denke über ein zweites Buch nach. Da drin sehe ich mich, ein Foto: Ich fläzte im Warteraum der Filmproduktion in Babelsberg auf einem Ledersofa, träge, die Beine ausgestreckt, in Cowboystiefel mit Fransen, und einem Gesichtsausdruck wie mit der Axt hinein geschlagen. Mit Groll. Unbewusst, denn das mit dem Unwillen in der Visage missfällt mir - immer, - denn ich will glücklich sein, nur das, - unglücklich war ich lange genug - und wie aufs Stichwort kommt sie zur Tür rein.
’Jimmi?’, sagt sie, ’Sie sind dran’.
’Na dann mal los’, sag ich, und gebe ihr in Vorfreude auf die neue Rolle einen Kuss.
’Wenn ich die Rolle habe, gehen wir essen’, lade ich die Fee gut gelaunt ein.
’Okay, Jimmi’, lächelt die zurück, ’gerne; Ich drück dir die Daumen’.
Und dann quetscht sie meine nicht unansehnlichen Daumen, was in Wirklichkeit natürlich ich tue, bis ich vom Vorsprechen wieder rauskomme, und ihre süßen beiden Daumendinger und die vier Finger drum herum schon nahezu schwarz wie Negerpfoten sind. Nur die Fingernägel mit den Brillantsplittern darauf glänzen wie metallenes Perlmutt.

’Wie heißt du eigentlich?’
’Angie’, haucht sie, und strömt den Duft von “Explosion“ aus.
’Ein starkes Parfüm’, sage ich.
’Ich habe noch mehr davon, willste mal sehen?’
’Ja!’
’Heut Abend?’
’Ja, gerne!’
’Ich freue mich!’
Würde es nach mir gehen, könnten wir immer da stehen und geistvoll Frage und Antwort spielen ...

Angie hat Klasse, auch im Bett, und nichts von ihren Posen wirkt einstudiert, - wie das sonst heute so üblich ist, wenn man zum Film kommt.

Andere stehen hier nämlich ständig vor dem Spiegel im Klo, ziehen sich ’ne Nase, proben dies und das, und wie man stöhnt oder schweigt, beim Sex, oder nicht, - wie ich selber sehen konnte, und die vergessen darüber sogar den Vorsprechauftritt und ihren Namen.

Ich dagegen bin ungeschminkt und natürlich geblieben. Und mein Bild beim Vorsprechen, im Ledersessel vor dem Fernseher, hat den Regisseur und den Produzenten so überzeugt, dass ich die vorgegebene Rolle in ihrem Film spielen darf.

’Ist aber keine Sprechrolle, - erst mal!’, sagt der Regisseur, und blinzelt mir vertraulich zu, ’am Sprechen musst du noch arbeiten, - aber sitzen, so wie eben, das kannst du echt spitze!’ und dabei hüpft er in die Höhe, übrigens - Giga heißt er, wie der legendäre Hans Rosenthal bei “Dalli Dalli“. Bloß, Giga hält sich beim Sprung aus mir unerfindlichen Gründen am eigenen Sack fest. Und das sieht vielleicht bescheuert aus ... Doch vielleicht hat er auch einen Grund dazu - was? Ein Ding wie ein Ofenrohr, oder dicke Eier wie Bukowski. Egal, den bescheuerten Sprung macht das auch nicht besser.

Das mit dem Sitzen, jedenfalls, dass hat Hansi auch mal gesagt, damals, in der Schule, wollte ich antworten, als der Regisseur immer noch begeisterungstrunken wieder auf festem Boden stand, verkniff mir aber die Worte, - war ja auch keine Sprechrolle - das hier. ’Mhhm’, machte ich deswegen zustimmend, und davon war der Macker so hin und weg, dass er zu seiner Assistentin, der Angie, sagte: ’Lass uns das “Mhhm“ in die Rolle einbauen, das ist obergeil, - ein schweigend onanierender Mann vor ’nem kaputten Fernseher auf ’nem versifften Sessel, der einzig ’Mhhm sagt. Spitze! Spitze ...!!!’ Und ich befürchtete schon wieder sein Hochspringen - mit dem Sackgriff. Ach, ich hasse solche primitiven Peinlichkeiten seit Michael Jackson bei den Jackson five. Doch egal, weg mit den Kleinigkeiten, es könnte schließlich heute der entscheidende Moment im Leben meines Schauspielerdaseins werden.

Elia Kazan, zum Beispiel, der “Jimmy“ Dean für die erste große Rolle (in der Steinbeck- Verfilmung “Jenseits von Eden“) nach Hollywood holte, hatte mit dem “Mhhm“ von “Jimmy“ die gleiche positive Erfahrung gemacht, - wenn auch der kaputte Fernseher vor dem der Jimmi von damals onanierte noch in schwarz/weiß sendete, und der Sessel ein Melkschemel war, aber so sicher bin ich mir da nicht.
Egal, denn ich tu nun ein “Mhhm“, dass schon durch Elia Kazan und James Dean in die Filmgeschichte eingegangen war.
Mein Gott!, ... darauf war ich unbeschreiblich stolz! Ein Welterfolg!

’Wie soll denn der Film heißen’, fragt Hansi.
’Scheiße, hab’ ich vergessen zu fragen’.

Stand: 27. August 2011