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Michael Köhn
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- Anmoderierung - Mördertage -

Als Buch bei Amazon: www.amazon.de/M%C3%B6rdertage-Michael-K%C3%B6hn/dp/3844221573/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1334811038&sr=1-6

In den Knästen der BRD sitzen cirka 15 % aller Häftlinge unschuldig ein.
Da wo ich herkomme (U-Haftanstalt Berlin- Moabit), sind es wesentlich mehr als nur 15 %. Doch unschuldig oder nicht, alle wollen nur eins: RAUS! Und es gibt Wege hinaus, fragen Sie mich, denn im Gefängnis werden Sie alleine nicht lange überleben - es sei, ich helfe Ihnen. Dazu lesen Sie bitte auf meiner HP www.literatalibre.de zu ’Mördertage’ den Namensauszug sogenannter Promis, denen ich schon helfend zur Seite stehen durfte ...

’Mördertage’, übrigens, habe ich als Probedruck bei epubli verlegt.

http://www.epubli.de/shop/buch/2000000013567

Ich wählte dazu ein kleines Schriftbild usw., um die Seitenanzahl zu reduzieren und den Roman kaufbar zu machen. Sollte ’Mördertage’ größeres Interesse finden, kommt eine ISBN hinzu und die Seitenanzahl in normaler Schriftgröße wird den Kaufpreis bestimmen. Nun wird das die ’einsitzenden’ Leute weniger tangieren. Den Rest aber, der von Zuständen im Knast nichts weiß, der Angst davor hat lebendig begraben zu werden, getötet womöglich - den sollte das schon ... Und  - ’Mördertage’ ist (für den der sich gruseln will) auch in Auszügen hörbar: 

http://derohrenschuetzer.blogspot.com/2009/08/die-kohn-collage-13.html#links







Mördertage
Roman 
02. Februar 2012 


Roman mit autobiographischen Einschüben und anskizzierten persönlichen Begegnungen des Autors (in der Untersuchungshaftanstalt Berlin Moabit) mit Personen der Zeitgeschichte wie: Andreas Baader, Horst Mahler, Hans-Christian Ströbele, Otto Schily, Peter-Paul Zahl, Fritz Teufel, Josef Bachmann, Monika Berberich, Dr. Werner Best, Dieter Hallervorden, Martin Semmelrogge, Rolf Zacher, Klaus Speer und diversen anderen. Der Roman entsteht in Cut Up Technik. Hinweis zu Cut Up: www.http://homepage.univie.ac.at/ingrid.thurner/marokko/autoren/cutup.html
Im Roman ist die jeweilige Schnittstelle (Cut) durch eine unterschiedliche Sternchenanzahl gekennzeichnet. Beispiel: /* = Erzähler /** = Jean /*** = Yasar /**** = Lanz /***** = Margot, usw.

/*
Ein eisernes Tor, das beim Öffnen in den Scharnieren kreischt. Eine Tür neben der Toreinfahrt, mit rostigen Nieten an den Beschlägen. Ein Lastwagen fährt durch das Tor, hält quietschend in einem weiten Innenhof, auf dem ein einzelner Baum steht. Eine Eiche. Nach dem automatischen Schließen des Tores steigen fünf junge Männer aus dem Wagen. „Los raus, Leute. - Schneller!“ Die Männer tragen verwaschene Schlosseranzüge und sind mit einer Kette aneinander gefesselt. Zusätzliche Ledergurte verbinden ihre Fußgelenke, begrenzen ihre Schrittweite.
„Das sind ja ganz schwere Jungs!“ hört man aus einer der Fensterhöhlen des Pfortengebäudes. Einer dreht sich nach dorthin um. Yasar -, mit einen Blick im Zorn. Yasar sieht die Pforte, das Tor, eine Mauer, deren Putz blättert. Die Wand ist an die drei Meter hoch, oben gerundet, mit Glasscherben und Stacheldraht bewehrt; man könnte es trotzdem mal versuchen, denkt er.
„Komm schon, Junge; komm endlich!“
Yasar blickt gezwungener Maßen nach vorne. Sieht ein graues Haus -, ein Stockwerk hoch. Einen Kirchturm dahinter. Überall vergitterte Fenster. Abgetrennt, hinter Maschendraht linker Hand, ein Flachbau. Darin Werkstätten, Küche, Wäscherei. Er weiß das. Er war schon mal hier. Andererseits beginnt hier alles am Anfang. Und es endete, wo alles beginnt, am Anfang. Und genau da wie hier wird jede Existenz auf Kante getrimmt -, auch eine scheinbare Wirklichkeit. Und man kann dem zuwider nichts dagegen tun, denn es ändert sich hier alles wie von selber, oder nicht. Und das ist die endlichste Form vom unendlichen Anfang.
Yasar jedoch, der wusste davon nicht die Bohne, warum auch. Der trägt Sommer wie Winter eine Strickmütze, wenn er die Zelle verlässt. Darauf steht sein Name. Sonst weißt ihn nichts aus. Nichts.

/**
„Gustav Fünf, ein Zugang!“ höre ich vom Anfang der endlos scheinenden Treppe den Kammerbullen zum zweiten Mal rufen, - dessen Stimme jetzt lauter, ungeduldiger scheint als zuvor. Zusätzlich schlägt der im Rhythmus von Elvis Jailhous Rock ’dont stepp on my blue ...’ mit dem Schlüssel gegen das Geländer, das es durchs Haus scheppert wie Stahlgewitter. Ich muss also - und verlasse die Spülzelle mit den Worten „ ... sieh dich bloß vor, Arschloch, nächstes Mal mache ich ernst!“ Wickele mir im Laufen ein Taschentuch um die blutende Hand und brülle so laut ich kann „Kommen lassen, - den Mann!“ Doch erst als ich vom Ende der Treppe zur Bestätigung winke, wobei mir - was ne Scheiße aber auch - das mittlerweile blutgetränkte Tuch zu Boden fällt, um ein Stockwerk tiefer auf dem Flur zu liegen, schickt Oberwachtmeister Renft den Häftling los. Einen Neuzugang, der einen Sack aus verknoteten Rosshaardecken über der linken Schulter schleppt, indem sich seine gesamte Habe befindet. Jedenfalls all das, was er laut Justiz hier zum Überleben ’auf Zelle’ braucht. Nicht mehr nicht weniger; so war es immer schon. Und das nicht nur in der UHA Berlin-Moabit, sondern in fast allen Knästen Deutschlands. Doch auch das muss ich erst noch lernen. Und noch eine Menge mehr. Zum Beispiel, wie man an Mördertagen mit Menschen umgeht.
Wegen der Anstrengung, mit vollem Gepäck die Treppe zu steigen, schnaufen die meisten Häftlinge ab der Station Gustav Drei gewöhnlich heftig - und ich kann so ihren aktuellen Fitnessstand einordnen - und bin so auf körperliche Auseinandersetzungen mit denen gut voreingestellt. Und auch der hier, Kalle, Karl Heinz Friesmann, mit dem ich noch bis vor ein paar Wochen auf dem Fabrikgelände der WTAG, nahe der Grenze zu Ostberlin im Akkord Abwasserrohre verlegt habe, schnauft wie eine Dampfmaschine. In der Zusammenarbeit mit ihm ist mir das überhaupt nicht aufgefallen. Obwohl es sich dabei um eine körperlich anstrengende Tätigkeit handelte, die auch noch schnell gehen musste, um ’gutes’ Geld zu verdienen. Und zwar so: Kalle legte und schob die Tonrohre hintereinander in den schon vorbereiteten Graben. Ich verstrickte die jeweiligen Anschlussteile mit Hanf und vergoss die dann mit Teer. Er schaufelte ein wenig Sand drüber. Ich holte Bier. Und beinahe jeden Freitag, wenn der Bauleiter der Firma Heine mit der Lohntüte kam, zockte mir Kalle in der nächstbesten Kneipe die Hälfte vom Lohn beim Trudeln ab. Er beschiss dabei. Ich wusste es, konnte es ihm aber nicht nachweisen. Und darüber konnte er sich halb tot lachen ... Nun grinse ich und bin gespannt, ob er mich erkennt. Doch nichts! Schweißüberströmt und augenscheinlich völlig fertig überreicht er mir einige voll gedruckte DIN A4 Seiten und nennt mir, nach Luft japsend, seinen Namen. Ich lasse ihn in Ruhe. Wie soll er mich auch in meiner abgewetzten Uniform und der Dienstmütze - dazu an einem solch beschissenen Platz wie diesem - wieder erkennen? Das gelingt mir ja selber kaum.
„Dann kommen Sie mal! - Zelle 528. Mit Aussicht zum Hof!“
„Kenne ich, Meister“, antwortet er, „ist ja nicht mein erstes Mal ...!“
„Prima, dann muss ich Ihnen ja nicht viel von Hausordnung und so weiter erzählen.“
„Nee, müssen Sie nicht“, grient er, „aber Granit hab ich. Können Sie mal den Kalfaktor nach ner Kuhle fragen?“
„Machen Sie besser selber“, sage ich, „vorne, in der Spülzelle. Aber Beeilung!“
Als er wenig später mit zwei, drei Scheiben Brot und einem dampfenden Kaffeepott in der Hand zurückkommt, fragt er einigermaßen entsetzt „Mensch - Meister, der Kalfaktor sitzt blutend in der Spüle und heult - was n mit dem los?“
„Das ist Nellner. Ein Kinderficker! Der ist vorhin gestürzt!“
„Ach so. Verstehe.“
„Prima!“
„Wenn Sie mal einen guten Kalfi brauchen ... ich kann!“
„Der Fall ist notiert.“
Wenig später dröhnt es blechern aus dem Lautsprecher ’Gustav Fünf’, was heißt, der Zentralbeamte will mich sehen. Und keine fünf Sekunden später stehe ich drei Stockwerke tiefer vor seinem Büro. Einer vergrößerten Eckzelle - mit Glasfront, durch die hindurch ich die zu erwartende Bescherung schon sehen kann. Denn breitbeinig, wie eigentlich immer, steht da Kubratz, der Hausleiter von Haus II, sitzt gebeugt Erwin von ..., umgeben von Akten und dicken Büchern hinter dem Schreibtisch, lehnt Werner Schultz, Aufsichtsführender Zentralbeamter, gegen die Wand und raucht. Im Begriff anzuklopfen, sehe ich Kubratz winken, höre ihn „Nun machen Sie schon rein ...“ brüllen. Kaum das ich den Raum betrete, peitscht sein „Glückwunsch! Sie sind nun Aufseher! Gratuliere!“ - und ich sehe, dass er sich in Vorfreude die Lippen leckt. Erwin von ... lässt sich da mehr Zeit. „Ich gratuliere Ihnen auch. In so kurzer Zeit vom Hilfsaufseher zum Aufseher, Respekt! Und hier nun Ihr Schlüssel ... Sie dürfen ab nun den Aufzug benutzen!“
„Verlieren Sie den ja nicht“, meckert Schultzes Stimme wohlwollend, „das ist eine besondere Auszeichnung.“
„Danke“, kann ich gerade noch sagen, denn Kubratz hat schon eingeschenkt und steht in Habacht-Stellung.
„Prost!“

/*
Die Zelle ist mit zweieinhalb Schritt gegen vier rasch aufgemessen. Licht bringt ein vergittertes Fenster auf 80 mal 60 cm. Metallstreben unterteilen das Fensterglas in exakte Rechtecke. Nur oben ist viktorianisches Halbrund angesagt. Und nur dort ist das Fenster auf 30° klappbar, reguliert von zwei Fensterbacken als Führungsschiene. Eine hölzerne Fensterstange pendelt am Rahmen. Neben dem Fenster, rechter Hand, ein Schrank aus Sperrholz. Dem Schrank fehlt die Tür. Drei Fächer sind eingeteilt. Dort liegen Rasierzeug, Kosmetika, Kaffe, Tabak und eine Bibel. Auf der Bibel steht ein ehemaliges Marmeladenglas, dessen Deckel an mehreren Stellen durchstoßen ist, mit einer Spinne darin. Rechts davon hat der Schrank eine Kleiderablage. Ein Fach ist für Unterwäsche und Handtücher vorgesehen; sieht man eine Leichtmetallstange, auf der zwei Drahtbügel baumeln. Hängen eine braune Jacke, ein gestreiftes Hemd. Ein paar schwarze Schnürschuhe stehen am Schrankboden. In den Schuhen stecken graue Socken. Neben dem Schrank ein Tisch, den man an die Wand klappen kann. Ein metallener Riegel ragt dazu aus der Wand. Die Tischplatte bildet ein Rechteck und sieht wie oft gebraucht aus, mit ihren diversen Herzeinkerbungen und Schnitten, dem eingeätzten Kristall von Tränen. Ein vom Alter passender Stuhl steht vor dem Tisch. Eine Art Porträt in schwarz-weiß hängt über dem Tisch an der Wand. Titel: Charakter und Moral. Dort drunter pappt ein privates Foto. Das Foto zeigt einen fröhlichen Mann, eine ebensolche Frau und ein lachendes Kind am Wasser und hat - wie von Hand gezeichnet - ein rotes Herz darum. Eine milchfarbige Kugellampe, die durch einen Sockel in der Wand gehalten wird über dem Tisch. In der Regel befindet sich eine 25 Wattbirne in der Lampe. Das Waschbecken hängt cirka 70 cm tiefer - links neben der Lampe. Das Becken ist schmutziggrau. Früheres weiß erahnt man gerade noch. Ein gemusterter Putzlappen hängt am Traps. Neben dem Waschbecken, in einer Nische nahe der Zellentür, das Klosettbecken. Ein Deckel aus Hartholz, ein Relikt aus der Zeit als noch gekübelt wurde, liegt auf dem Möbel; wegen der Ratten. Es riecht dennoch scharf nach Ammoniak. Hoch über dem Klobecken ein Lautsprechergitter, - der Lautsprecher ist in die Wand eingelassen. Dort heraus dröhnt augenblicklich ’... tanze mit mir in den Morgen ...’
Die Zelle begrenzt eine Stahltür mit zusätzlichen Metallstreben als Verstärkung. Eine runde Öffnung, groß wie ein Fünfmarkstück, findet sich in Augenhöhe in der Tür. Doch die Öffnung ist mit Glas verkleidet; Spion genannt. Hier ist das Glas allerdings mit Zeitungspapier verklebt.
Neben der Tür ein Heizkörper mit fünf Rippen. Darauf ein Brett aus Holz, auf dem sich ein Teller, eine Schüssel, Löffel und Gabel befinden. Ein Messer fehlt. Gegenüber vom Tisch ein Bett. Auch das Bett ist an die Wand klappbar. Eine Matratze aus Seehaferstängeln liegt auf dem eisernen Bettgestell. Wenn die Zelle belegt ist, wie die hier, sieht man die Matratze nicht. Nur das Laken - weiß. Die Zudecke bezogen mit karierter Bettwäsche. Das Kopfkeil ebenso bezogen.
Ein Mensch liegt auf der Zudecke. Ein Mann. Ein aufgeschlagenes Buch auf dem Bauch. Titel: Pflege, Haltung und Zucht von Spinnen. Eine Brille liegt auf dem Buch. Ein Bleistift - nicht weit neben der rechten Hand. Stimmen hört der Mann, ohne deren Sinn zu enträtseln. Eisernes Klappern. Sirrendes Schneiden von Luft in den Windfängen des Gebäudes. Einen rumpelnden Fahrstuhl. Entfernte Vibrationen, die sich über die eisernen Bettstäbe ohne Umschweife auf seinen Magen übertragen, - die an heftigem Beben zunehmen, unrhythmischer werden, je näher die kommen. Essenausgabe. 

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„Erzähl mal, Alex!“, fordert Manfred, „dann gebe ich noch einen aus!“
Nun, die restliche Seite vom Hof säumt eine Mauer. Einfach so. ’The Wall’, wird Pink Floyd später singen - wir wissen es schon jetzt. Die ist aus Beton. Sechs Meter hoch, unverputzt, rau, mit sorgfältig gerolltem Stacheldraht auf der Krone, der wie von Hand verlegt und preußisch ausgerichtet ist. Spitze Dornen auf Pickelhauben und Marschmusik. Gleich zwei Spazierringe glänzen ständig feucht auf dem Hof, geben ihm so was wie ein Gesicht. Unregelmäßig durch hinter einander gelegte Granitplatten bilden sie im großen Ring eine hundert Jahren alte Visage heraus, - die Mona Lisa der UHA- Moabit. Die, zerschabt und abgetreten von Millionen Tritten, ein Zerrbild, rutschig von Tränen und Wut - oder Hass, zerfressen von salzigem Regen, dem Blut der Zeit ist. Eine andere Eigenart ist der kleinere, rotbraune, wie gegossene Ring im Zentrum des größeren, der wie neu aussieht. Wie Tartan. Dem Laufband für Weltrekorde. Olympischer Goldmedaillen; auf anderen Höfen fehlt so was.
„Hier liegen im Parterre die Krüppel, deswegen,“ äußert sich ungefragt von Grothling, „ ... unwertes Leben,“ schiebt er nach, grinst, raucht in hohler Hand, weil Rauchen eigentlich verboten ist.
Zwischen den Ringen und drum herum Gras. Kurz geschnitten. Kein Halm Unkraut, dafür spitzer Schotter, schwarze Schlacke, bis an die Häuser ran, an die Mauern. Und überall dazwischen Kippen der Wachposten. Manchmal ein Kanten Brot, Margarine. Lumpen Eddi ist Hofkalfaktor. Der wird die Stummel einsammeln, und den Schmok zu Feierabend in der Pfeife rauchen. Das Brot lässt er hart werden und verfüttert es an die Tauben, die Margarine verkauft er. Er fühlt sich dabei wie ’Bräsicke’. Wer das ist, sagt er nicht ... Na gut, das Tabakzeugs stinkt, gibt er auf Fragen zu, die Margarine auch - doch was soll’s, mehr sparen kann man nicht.
Der kleine Kreis dreht sich entgegen dem großen. Bleiche menschliche Kugellager, - ohne einander anzuklicken. Meist laufen dort acht bis zehn Personen. Im großen an die vierzig. Im kleinen spazieren die mit einer Arztkarte, die nicht richtig laufen können. Kranke, Behinderte, Sieche. Und ja, der kleine Ring ist bei den Knackis beliebt, - man kann dort Geschäfte machen, sich leise unterhalten, wenn der ’Meister’ es zulässt, und deshalb wird mit den Arztkarten schwunghaft gehandelt. Fünf Dreher und fünf Holz pro Tag, die Karte. ’Stück’, erklärt mir bei erster Gelegenheit von Grothling, mein Kollege. ’Hast du die gezählt?, fragt er beim Ein und Ausrücken immer wieder aufs Neue, ’wie viel Stück ...?’ - Als wären die Vieh. Einer oder zwei ’von dem Viechzeugs’ schleichen gar am Stock über den Ring. Knicken beim Gehen ein. Taumeln. Wieder andere werden von Mithäftlingen gestützt. Allein laufende schleichen mit gesenktem Kopf, flüstern. Sind Schlachtvieh. Aussatz. Schuldig, schon so. ’Sind meist Sittenstrolche’, weiß von Grothling. Trotzdem, Scheiß drauf, sagen die, die sich die Karte gekauft haben, Geschäfte machen geht vor! „Krüppel gehören vernichtet. Schwanz ab!“, kreischt einer voll Hass aus dem Fenster. „Schnauze!“, brüllt von Grothling zurück, „oder du landest im Keller, Freundchen!“
„Wenn ich könnte, wie ich wollte ...,“ sagt er zu mir, und tut imaginär einen Schnitt am Hals.

 Im großen Ring schlurfen im Abstand von ca. einem Meter die ’gesunden’ Männer. Solche die gehen können, rennen, flüchten würden, - nur weg ... Doch die rennen nicht, bleiben da, schweigen, stinken. Sind grau. Nicht alle, doch die Meisten der Herde. Sind Wolf und Lamm. Lamm und Wolf. Brüder. Sind Stück. Und auch wieder nicht. „Absolute Ruhe!“, höre ich mich sagen, als sich flüsternd Stimmen nähern, „ ... sie wissen doch, Meier zwo,“ ermahne ich, „dass Unterhaltungen bei der Freistunde verboten sind!“
„Entschuldigung ...“, sagt Meier zwo, „ich habe da ein Problem, Meister ...“
„Später,“ sage ich. „Später, Meier zwo ...!“

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Scheiße, die Wahrheit konnte und wollte ich nicht erzählen, ich war nur in der Lage zu berichten, was auch die Zeitungen gemeldet hatten, nämlich, das ich ein siebenjähriges Mädchen vor dem Ertrinken gerettet habe. „Schwimmen Sie immer so weit raus?“, hatten die von der Presse gefragt, als ich aussagte, von der Insel Scharfenberg gekommen zu sein. „Ja, immer einmal um Scharfenberg rum“, log ich. „Einmal um die ganze Insel?“
„Ja.“
„Das sind ja - unter Brüdern - fast zwei Stunden“, staunte der Reporter.
„Ja!“
„Sind Sie Leistungssportler?“, fragte ein anderer. „Ja, ich ...“, wollte ich sagen, schwieg dann aber lieber und dachte an die Szene auf der Insel, - als ich das Liebespaar beobachtete.