Man Reloaded
(Aspergers- Tage- Buch- Auszüge 2012)
Michael Koehn


Ihr fielen seine schmalen Hände auf, als er zu ihr kam um sich über die Musik zu beschweren. Seine feingliedrigen Finger. Die ramponierte Nase. Sein großer Mund mit den vollen Lippen, als er über ’I’ve got the blues’ lästerte. Dabei sah er selber aus wie Blues. Später sagte sie über ihn, er wäre einer, der Freiräume brauchte und viel Luft zum Atmen. Genau das meinten auch jene, die ihn sonst noch so kannten. Die aus der Bar nahe des Friedhofs unter der Hochbahn, auf dem er später liegen wird.

1,93 war er, schlank, trug vorwiegend Jeans. T-Shirts aus Baumwolle. Schiebermütze. Fuhr Harley. Hatte dicke Arme, um den PS-Protz zu halten. Und sonst noch was, - wie zum Beispiel seinen Stolz. Er war aber auch ein Mensch, der sich mit Literatur und Wissenschaft beschäftigte. Berliner Mundart sprach ... Arrogant sei er gewesen, tuschelten die ewigen Arschkriecher. Ein Schläger, sagten andere. Ein Säufer, der ...
Ein Frauenliebling war er, sagte sie, die er über all die Jahre siezte.
Stimmt, - ein Rock’n Roller ist nun mal kein Engel. Und er schon gar nicht.

Im Testament ist sie als seine Alleinerbin eingesetzt. Doch nun war sie tot! Und Familie hatten beide nicht. Dabei konnte er Klavier spielen. Mit diesen Hände. Nur innen mit Schwielen. Die ihm halfen, Zentnerlasten zu stemmen. Doch nicht sie. Nicht sich. Oder Liebe, - oder so. Obwohl sie sagte, sie hätten sich... Klar. Hatten sie auch! Im Stehen, auf dem Dachboden vom Haus. Und dort, am Fenster, mit dem weiten Blick über die Stadt war auch ihre Seele dem Körper entflohen. In einer Art Gefängnis, auch wenn sie das vermutlich nicht so empfunden hat. Denn als er sie dort hoch trug, war sie nur noch Augenblicke bei Bewusstsein. Als es dann soweit war, schloss er seine Arme um sie, hielt sie, während sie aus der Dachluke über die Stadt sah und mit einem hörbaren Seufzer von ihm ging.

Er blieb weiterhin am Prenzlauer Berg wohnen, während seine Beziehung zu sich selber zu kriseln begann. Es war wie im Krieg. Bei der Legion. Friss, oder stirb. Doch er war satt. Voll satt. Als hätte er ein ganzes Schwein gefressen und vergessen zu kotzen. So blieb ihm nur das Sterben.

’Nun mal langsam’, hörte er sie, ’es gibt noch zu tun.’
’Gut’, antwortete er, ’ich werde es für Sie tun.’
’Ab jetzt solltest du mich duzen. Ich tue es dann auch.’
’Okay, dann küss mich’, forderte er, ’damit ich weiß, dass du da bist - und es ehrlich mit mir meinst.’
Darauf trank er zwei Flaschen Sekt, dann endlos Rum - und blieb mit ihr zwei Tage im Bett.

Die Körperverletzung an den an ihrem Tod schuldigen Ärzten, sein Verhalten auf dem Polizeirevier, er schlug bei seiner Festnahme drei Beamte zusammen, brachte genug Druckmittel der Staatsanwaltschaft gegen ihn. Fazit: Er sollte seine Kumpane der Motorradgang ’UnderCover’ ausspionieren. „Aber nur wenn ihr gegen die Mörderärzte ermittelt -, ich will die Schweine bestraft sehen!“
„Sie haben mein Wort“, sagte der von der Kripo (’Im Auftrag der Staatsanwaltschaft! Schob der nach’). „Wenn nicht“, sagte er dem, „bist du tot, und der Staatsanwalt gleich mit!“ „Haben Sie nicht ein so großes Maul“, tobte der, „sonst sperren wir Sie gleich in den Knast!“

’Ein scheiß Anfang’, sagte er ihr.
’Ein Anfang ist auch eine Chance, - also mach schon!’ sagte sie.

Es ist mir zu eng, zu heiß und zu laut. Genervt stehe ich auf, gehe vor die Tür. Draußen schüttet es wie aus Eimern, Autos hupen, trotzdem kann ich Marianne Faithfuls ’Who will take my dreams away?’ ziemlich deutlich hören. Ein Mann, den ich nicht kenne, geht vorbei und grüßt mich mit einem Nicken. Ich antworte ’Hi’ und trotte zurück in die Kneipe, auf die Toilette, um mein Gesicht im Spiegel zu beglotzen. Heule, ohne Tränen zu vergießen, vielleicht die drei Minuten die eine Boxrunde dauert, kehre dann an den Tresen zurück. Dort, im Halbdunkel, sieht niemand mein aufgequollenes Gesicht, die gebrochene Nase, meine roten Augen, den Cut auf der Stirn und auch nicht deinen Abschiedsbrief. Nur das betrunkene Mädchen, das sich eben noch mit Gus unterhielt, dreht sich zu mir, lächelt mich strahlend an, nimmt Gus bei der Hand und beide gehen.

Mein Name ist Jimmi. Ich bin der von Copy&Paste. Dass heißt, ich nenne mich ab und an Jimmi. Ich bin also genau wie Sie und Sie und Sie da -, die ihr euch hinter Avataren versteckt und unter allen Umständen irgendwelche Leute fertig machen wollt, und dazu völlig oberblöde, total ungeile Trollkommentare verfasst. Manche sogar Kinderpornos einstellen, um sich über die Klickzahlen so lange einen runterzuholen, bis sie von den Bullen gecancelt werdet. Ey, Leute, ich hasse solche Scheißaction und reagiere voll aggressiv darauf ... Was? Gut, ich erzähle trotzdem, warum ich mir den Namen Jimmi ausgesucht habe; doch richtig verstehen werden Sie mich erst, wenn Sie ins Retrokino gehen, oder sich im TV einen Hollywoodschinken sehen, denn dann kommt es Ihnen: Von wegen Elia Kazan und mein Foto - und so. Okay, wenn Sie jetzt flitzen, um zu googlen, weil Sie Kazan nicht kennen, ist das nicht weiter schlimm, denn die meisten Typen heutzutage sind schon mal zum Wasserkochen zu blöd. Aber egal... Doch bleiben Sie bei Kazan nicht gleich bei ’Ein Baum wächst in Brooklyn’ hängen, oder bei ’Endlos ist die Prärie’. Nein, nehmen Sie sich ein Pfund Herz und scrollen weiter runter ... Mann ... weiter runter ... runter ... runter, runter ... Na bitte, geht doch, der alte Stockfisch ist gefangen, nun haben Sie mein Bild. Ja, mich im Cut- Up- Stil von Jimmi! Und nun seht ihr, Leute, ich trage wie Kazans Helden Stiefel aus Kalbsleder, hochgekrempelte Levis- Blue- Jeans, die ich genau auf Stiefelkante abschließen lasse, ’ne schwarze Lederjacke aus Sackrattenleder, die edel ist und trotzdem was wiegt, - denn aufs Gewicht kommt es bei guten Jacken an. Hab ’ne Goldkette um den Hals, die auch nicht ohne ist, ein samtenes Rider- T-Shirt drunter, dass meinen Body echt geil verpackt und von Brust und Armen was sehen lässt, weil ich drei Mal die Woche im Studio Eisen biege und beinahe doppelt so oft in der Kunstsonne liege. Ja, und das Schönste, ich fahr bei Bedarf ’ne Harley, denn diese Dinger sind in Sekunden zu knacken, wenn man Ahnung hat - und die Mädels fliegen darauf auf so einem Bock gebumst zu werden.
Was allerdings für manche extrem störend kommt ist, dass ich nicht auf solche Mädels fliege, oder nur in extremen Notsituationen und, dass irgendwelche Leutchen, die mich sehen ohne mich zu kennen eher für einen Rock’n Roller, einen Zuhälter, DJ, oder was ähnlich bescheuertes halten; mich - Jimmi! Unglaublich! Und ehrlich, Jesus starb zumindest für mich mit. Für meinen Traum von Ruhm, Reichtum und Glück. Und noch was, Leutchen, - ich bin echt anders als ihr mich seht, dass ist ja wohl klar, denn mein Aussehen ist lediglich ’ne Art Kostüm, ’ne Tarnung, - und ich habe auch nicht das Ziel Leute totzuschlagen, nur weil ich so gewalttätig aussehe - mit den paar Tätowierungen und dem Piercing an der Augenbraue. Nein, ich will Filmschauspieler werden! Oder Schriftsteller. Deswegen. Oder, wenn es dazu nicht reicht Sänger, Pornodarsteller, ein bekannter Onanist im Fernsehen, oder so was. Ein Star - jedenfalls - der fett Kohle abgreift und überall mächtig auffällt. Dessen Name mit Foto täglich satt in der Presse steht und die Meute, wenn die mich ’face to face’ sieht wie irre Jimmi! - Jimmi! - Jimmi! rufen lässt. Und dann Girls satt, die ein Kind von mir wollen. Schlüpfer werfen. BHs. Sich die Schamhaare rasieren, um mir Schals daraus zu stricken. Eierwärmer. Alles. Und weil ich es will!
Mein Kumpel Hansi meint, bei meinem Talent hätte ich (auf alle Fälle - der benutzt im Zusammenhang mit meinem zu erwartendem Werdegang immer die Floskel ’auf alle Fälle’ ...) ein erfolgreicher Fußballer, Basketballspieler, Boxer, K1 Fighter oder Trickbetrüger werden können. Doch mal ehrlich, wer quält sich schon gerne den Arsch ab, macht seine Klamotten dreckig, oder liegt, wenn’s blöde läuft, Tage im Spital um Titan in seine Knochen implantiert zu bekommen? Ey, bin ich etwa pervers? Nein! Na siehste -, es geht auch ohne ... und ich bin der lebende Beweis. Ich, Jimmi! Übrigens: Elvis lebt! Ich traf ihn neulich bei Hansi. Hansi ist mein bester Freund und auch voll OK., fast so OK. wie ich, - sonst wäre er ja nicht mein bester Freund. Hansi und ich kennen uns schon seit dem Kindergarten, dann Grundschule, Oberschule, wo wir beide sitzen blieben. „Was gut werden will - muss reifen“, ist sein Spruch dazu. Er blieb wohl deshalb auch zwei Mal sitzen. Dann die Mechanikerlehre. Hansi ein Jahr nach mir. Danach trennten sich unsere Wege. Doch nie so ganz, denn einmal am Tag telefonieren wir. Mindestens!
Wenn ich an ihn denke, mit ihm spreche, führe ich unsere Jungend spazieren. Den Rock’n Roll, Bill Haley und Elvis, - diese gefährlich geile Menage à trois, mit der wir groß geworden - und die uns zu ersten Klauereien von Zigaretten und Schnaps beim Kaufmann nebenan ermutigte ’every night before I go to sleep’. Darüber muss ich immer grinsen wenn der Song läuft - wirklich immer.
Hansi malt. Ist Kunstmaler als Autodidakt. Und lacht gutmütig, wenn ich ihm vorschwärme Schauspieler oder Schriftsteller zu werden. „Das erzählst du schon seit hundert Jahren! Nun mach doch mal endlich -, mach, werde ein Künstler!“
Hansi malt Bilder, wie von Jackson Pollock inspiriert, denke ich. Für mich voll unverständliche Teile, und doch emotional mitreißend, denn durch seine Bilder lässt er wie mit der Gießkanne gegossene Farben und Musik in meinen Alltag einfließen. Manchmal träume ich von seinen höllischen Bildern. Phantasiere in einem nervösen Lebens- Farb- Ton- Traum, - und beginne zu schwitzen. Und ich glaube schon lange, es sind mehr die Plätze, als die Farben und Töne, vor denen ich Panik bekomme. Von den Menschen dort, deren Nacktheit -, wie die sich im Bild selber beschreiben. Ihre monströsen, spiegelgleichen Körper. Titten, die Ähnlichkeit mit Garagen oder Krankenhäuser haben, je nachdem von wo aus ich hinsehe. Körper, die aufeinander und übereinander liegen, ineinander verschachtelt sind, als ob sie kopulieren, sich rektal penetrieren, oder so. Dann wieder verstören mich andere seiner Werke: weiße Penisse, die wie lebende Leichen von Bruegel aussehen. Monströs lang gezogene Pimmel von Bälgern, die sich überall prostituieren, Drogen verkaufen, die Graffitis auf fahrende U-Bahnwagen sprayen, die nach dem Surfen auf den Bahnen tot an der Erde liegen, ins Leere blicken und dadurch scheinbar endlos in sich ausgerichtet sind, egal wohin; sind so nackte kleine Tiere in Blau, die auf den Bildern platt, wie von Lastwagen überfahrene Riesenschlangen im Amazonas aussehen. Und davon gibt es auch welche in Grün und Braun, - die genauso beschissen scheinen. Hansi sagt ’meine blaue Periode Amazien’ dazu. Eigentlich zu den Allen. Auch zu den grünen, braunen, toten, den beschissenen - und kippt Enzian direkt aus der Flasche in sich rein. Escorial, Hennessy, je nach Gusto. Aber den Leuten, also seinen Käufern, scheint es egal ob platt, tot, blau oder grün, braun, beschissen, die kaufen echt die kompletten U-Bahnwagen mit den abgetrennten Gliedmaßen daran ... Diese grauenvollen Bilder in den Bildern, die Lümmelpimmel, und das was er darüber sagt, oder nicht - und wäre es noch so blödes Sagen oder Schweigen über Gott- Vater- Tod persönlich.
„So ist das Leben, Jimmi, mal oben, mal unten“, orakelt Hansi in sein erfolgreiches Dasein irre Absturzgedanken. Schmatzt sich dabei selig in Drinks hinein, als ginge ihn das andererseits nicht wirklich was an, sprudelt Blasen, und lässt sich innerhalb von Sekunden einen Bart stehen ..., erstaunlich, oder? Doch keine Frage - das Alles, der Erfolg und so, ist nach den vielen Jahren eines fast ereignislosen Lebens zu viel auf einmal. Er beginnt mehr und mehr zu trinken, wie ich an den Zucker- Enzian- Escorial- Hennessy- Flecken in seinem Bart bemerke, auf den versauten T-Shirts, den vollgebrunzten Unterhosen, die in seinem Bad herumliegen. Und manchmal pisst er einen davon absichtlich nass und wickelt sich den um den Kopf: „ ...wegen der Hitze“, sagt er; dabei friert er ständig. Egal, denn anders als üblich, und von mir erwartet, sind die Sauf- und Kackflecken noch mehr eine Chance und stören seine Fans nicht. Im Gegenteil, die bescheuerten T-Shirts und Unterhosen verkaufen sich rasant, und Hansi ackert ’mit Dope im Blut’ wie eine irre gewordene Hafennutte um die ranzuschaffen. Der sagt mir in eine Pause - nach einem Herzinfarkt - hinein: „Jimmi, auch du hast Eier - und bald wirst du Erfolg haben. Ich werde nämlich meine Beziehungen zu Enzian, Escorial und Hennessy spielen lassen, damit aus dir ein wirklich richtiger Jimmi wird. Also, Prost, auf deinen Erfolg, Junge!’“

Ich wusste immer, meine Zeit würde kommen, - man muss nur warten können, - und ich habe lange genug gewartet. Dass die Zeit allerdings durch Hansi für mich gebogen wird, und nun alles schwer von meinen Eiern abhängt, dass wäre mir im Schlaf nicht eingefallen. Doch egal - komm schon - komm schon - Ruhm und Erfolg, tobe ich in Vorfreude, denn ich bin bereit, siele meine Zunge viele hundert Mal durch die Enzian, Escorial und Hennessys Hansis. Doch eines der größten Rätsel aller Zeiten bleibt - und ist die Frage, was einen Star überhaupt ausmacht? Selbst von den besten Filmschauspielern, Musikern, Schreibern oder Malern werden nur wenige unsterblich. Gut, manche dieser Gaukler können Hand- Fuß- Bauch- oder sonstige Abdrücke in den berühmt berüchtigten Asphalt Hollywood/Santa Monica pressen.
Und doch werden nur wenige das, was man eine Ikone nennt -, ist der schnelle Ruhm auch noch so heftig aufgepusht, die Nase bis auf die Knochen voll mit Koks ... Denn meist latschen irgendwelche idiotischen Gaffer mit Supermarkttüten in der Pfote völlig respektlos über die mehr als tausendundeinen Abdruck rüber ... Als ich dagegen neulich in Hollywood über den Sunset lief, war ich bemüht, nicht auf die Teile dieser Berühmtheiten zu treten. Erstens tut denen das weh, und zweitens wollte ich ja dort selber mal mein auszementiertes Teil ablegen. Und dann fände ich es auch nicht unbedingt geil, wenn einer der Pinscher mit Kacke am Schuh über mein Ding geht. Ehrlich, für mich misst sich die menschliche Gesellschaft an der Art und Häufigkeit ihrer Selbst/Befriedigung - und dies nach dem Motto: Nur ich besitze das Maß für das, was richtig und was falsch ist im Leben, ob bei Mann, Kind, Haustier, Frau, Arbeit, Sport, Politik, Gesundheit, Kultur, usw. Und noch was: Onanie verhindert Leben, meine ich. Das finden Sie ein bisschen konfus, was? Und Sie glauben, ich spinne, fragen sich, wer ist das, der so was behaupten darf? Ganz einfach: Ich bin es, Jimmi, oder Patrick, oder auch Sie - ganz wie Sie wollen.

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Mit Webcam, Mausklick und Videomails castet Patrick eine junge, blonde Schauspielerin mit blauen Augen und mächtigen Logitech Pixeln für ein Date. Sie scheint zu allem bereit zu sein. Also sagt er ihr, was sie tun soll. Tut sie es zu seiner Zufriedenheit, schreibt er eine Zahl um die 8 aufwärts in seine Store Card. Doch zu 99,9 Prozent kommt er zum Schluss: „You are really dead inside out, Baby!“
Wenig später liegt ihr Torso dann in der Gerichtsmedizin auf einem der hochgefahrenen Blechtische des Pathologen. Und, während dort grell die elektrische Säge kreischt, wäscht sich Patrick klumpiges Blut aus dem kaum getragenen Brooks- Brothers- Hemd, um das Teil anschließend zu trocknen und in seinem Ellis- Watson- Marmorkamin zu verbrennen. Der Typ hat einen satten Schuss, oder?
Frauen und Männer der Upper Class von NY/USA, da kommt Patrick her, berichten von seinem monströsen Glied. Man kann diese Leute aber, sozusagen, an einer Hand abzählen, denn es sind nur wenige, die eine intime Begegnung mit ihm überlebt haben. Andererseits munkelt man, er habe die Meinungen derer gekauft, um fett Presse zu machen. Doch das ist Geschichte und egal, denn auf konventionelle Art und Weise will er sich dieser Tage in Deutschland unter dem Motto ’scheffle Geld - scheffle mehr Geld - scheffle so viel Kohle, bist du nicht mehr laufen kannst’ bekannt machen. Auch deshalb beginnt seine ’Saubermann’ - Lesereise heute mit einer Präsentation in der Berliner Fernsehtalkshow 3 vor 12. Und, ja, auch ich erwarte ihn. Aber nicht erst um 22:00 Uhr bei 3 vor 12, sondern jetzt, hier, am frühen Morgen - Airport Tegel, Ausgang für VIPs. Klar, man kennt Patrick längst überall als Protagonisten und Alter Ego eines berühmten Schriftstellers. Doch nicht nur, weil er von der internationalen Presse als Skandalschreiber gescholten wird. Nein, er ist (angeblich) auch ein begnadeter Entertainer mit eigener TV-Show auf irgendeinem idiotischen Privatprogramm, wo sich Leute über ihr lebenslänglich erlittenes Unrecht auskotzen. Wo alle Nase lang mit Werbung für Präservative und Hundefutter ’unplugged’ das Schaudern der Masse unterbrochen wird. Und genau unter denen ist er, ’the Good old Fellow’, ein ganz anderes Kaliber von Charakterschwein, als all die lebenden Leichen um ihn herum. Indem er seine betagte Mutter betrog, raffte er sein Anfangsvermögen raffte er zusammen. Die, eine rüstige Alte mit fast 80 und trotz Alzheimer mit ihrem 600er Daimler täglich durch die Gegend rauschte, Verwandte, Freunde, Bekannte besuchte, Partnerinstitute abklapperte, auf der Suche nach einer Frau für ihn. Der Grund: sie wollte Enkelkinder. Einen Erben! Damit nicht er, Patrick, bei ihrem Ableben die Kontrolle über das Familienvermögen erhielt. Und so hatte sie ihn nach einer durchfeierten Nacht mit der wegen ihrer Hässlichkeit allgemein verachteten Pfarrerstochter Charlene, Charlie genannt, verkuppelt. Doch ehe es zur Hochzeit kam (Charlie war schon nach er ersten Nacht schwanger), genügten zwei Autounfälle ... Beim zweiten Crash (weil - unglaublicher Weise - an dem Oldtimer die Bremsen versagten) ging der Karren mit seiner Mutter darin vollends in Flammen auf. Nur deshalb gelang es ihm (weil die Alte danach weder sprechen, hören, sehen konnte) sich mit einer gefälschten Vollmacht selber als Vormund und Verwalter des Familienvermögens einzusetzen. Pfarrerstochter Charlene „ ...sofern Sie denken, sich noch in der Anstellung meiner Mutter zu befinden“, wurde samt ungeborenem Kind gefeuert. Den späteren Vaterschaftstest, mit positivem Ergebnis und die darauf unvermeidlich folgenden monatlichen Zahlungen lies er über seinen Anwalt abwickeln. Anschließend verkaufte er an Hab und Gut, was die Mutter lieb gewonnen. Sogar die Psycho- Stiftung- Alzheimer verscherbelte er weit unter Wert. Ebenso das von der Mutter mit Herzblut geliebte Gemälde ’Fifth Avenue’ von Children Raam, nicht ohne sich nebenbei eine happige Provision dafür auszubezahlen.

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Unauffällig sitze ich Nähe Ausgang ’International Flights’ an der Bar, direkt vor dem Tableau ’Pablo Picasso’ mit den flippig zuckenden Ankunftszeiten, geklont aus Stierkampfszenen und anderen Schweinereien des Meisters, trinke Kaffee. Den zweiten schon. Denn der erste war eine richtig salzige Brühe und bestand aus den Resten der Nacht. Aus Fußmehl - also. Was auch der Barmann, nach meiner Drohung ihm nach alter Matador-Manier Schwanz und ein Ohr abzuschneiden, eingesehen hat, und mir daraufhin einen mit der Krupps Pro Aroma aus dem Nachlass des Scheichs von Oman (eigentlich eine Bürokaffeemaschine aus weißem Plastik) aufs Haus gebrüht hat, wie er strahlend sagt. - Schon seit Jahren bin ich voll davon überzeugt, das man sich richtigen Kaffee aus nichts anderem als aus einem mit Gold und Diamanten besetztem Exemplar der Krupps Pro Aroma aus dem Hause Scheich Omans brauen lassen sollte (mal nebenbei: das ist die teuerste Kaffeemaschine der Welt ... die vom Scheich). Jedenfalls, wenn man an Kaffeegenuss aus einer Krupps Pro Aroma gewöhnt ist. Ich tue mir so was Gutes gerne an. Und trinke das Gebräu nun genüsslich. Während sich die Maschine mit Patrick darin im Landeanflug auf Berlin-Tegel befindet - und ihm hoffentlich kotzübel ist, denn es stürmt über der Stadt der Engel nicht von schlechten Eltern. So um die Windstärke 12, 13, 14 oder was weiß ich, schließlich bin ich kein verfickter Wettermoderator. Klar, ich habe natürlich, als Leid geprüfter (ich will das jetzt hier nicht näher erläutern, das mit dem Leid - ((denn wenn man Kohle hat, dann klingt das Wort LEID voll grufti)) also lasse ich das Leid im Raum stehen um später eventuell ...) vorsichtshalber Erkundigungen eingezogen, ob der Kretin überhaupt mitfliegt. Der Mann hat nämlich die Marotte, Termine zu bestätigen, um dann doch nicht zu erscheinen, und darüber amüsiert er sich dann zu Tode. Doch die Auskunft von heute früh sechs Uhr, und die von vor cirka einer Minute und zehn Sekunden war und ist positiv. Er kommt also.
Persönlich bin ich den Typen wenig begegnet. Habe aber von ihm fast alles gelesen (Bücher in Hardcover. Goldlamé eingeschlagen. Ausschließlich was für Kenner - und sonst nichts!) Weiß also, wie er tickt und einiges andere über ihn. Und habe auch jede Menge Fotos gesehen. Eines dieser Fotos, ein ’Brustbild’ - muss ich lachen - habe ich mir eingeprägt. Und was ich mir einpräge, vergesse ich nie wieder. Vor allem nicht die Hauptfigur in seinem Schweineroman -, diesen Patrick ’Psycho’, einen irrsinnigen Psychopathen ... und genau an dieser Figur wird er als Schriftsteller gemessen; an der literarischen Markierung, den monströsen Grausamkeiten. Und daran messe auch ich mich. Doch was und wie ich an mir und ihm messe, wird ihm nicht gefallen. Denn der Preis dafür ist hoch: es geht um ein Leben. Nämlich UM DEIN LEBEN, BOY!
Er würde gut aussehen, wäre wohl erzogen, und säße tagsüber schreibend in seinem Haus -, erzählt er auf harmlos tuend über sich. Ich finde diese Beschreibung über sich und sein Tun als sehr lässig. Im Übrigen treffen diese fast kümmerlichen Attribute auch auf mich zu -, und sicher auch auf andere. Auf Sie vielleicht auch? Spaß beiseite, denn es gibt TATSÄCHLICH Gemeinsamkeiten. Denn genau wie er verbringe ich auf eigene Art und Weise meine Nächte - um meine Träume zu leben. Nur, im Unterschied zu ihm empfinde ich meine Wut mehr, als er seine. Doch - doch, das konnte ich durchaus schon feststellen. Denn die Wut bei ihm hielt nur EINEN Roman lang. Doch meine, MEINE WUT, dieser arschgeile verflixte Zorn auf ihn, und auf mich, je nach Wollen auf alles - in dieser SCHEIßWELT, die bleibt, und wird immer heftiger. Und in all denen von euch Lesern und ihm, dem Schreiber, ausgelösten Katastrophen steigert die sich von Mal zu Mal. Horror, sage ich. HORROR! Und damit kann ich, wenn ich will, ganze Bibliotheken füllen! Nicht nur deshalb gibt es davon auch hier, jetzt hier - am Flughafen, eine Kostprobe. Die ist zwar nur eine Winzigkeit, von dem was ich wirklich zu leisten in der Lage bin, aber immerhin; und meine Show beginnt in zehn Minuten. Heute. Jetzt gleich ...! Sie können also life dabei sein. Denn die Maschine befindet sich nun schon im direkten Landeanflug. Ich kann deren Lichter seitwärts meiner schwarzen Seele flackern sehen. Und glauben Sie mir, wenn er von mir wüsste, würde er ’seinen Jesus’ um Beistand ansuchen oder zu Gott beten, denn er ist ein gläubiger Mensch - dieser idiotische Arsch in seinem verfickten Kammgarnanzug. Aber so gibt es ab nun auch kein rausreden mehr. Nie mehr! Denn du wirst nicht davonkommen, Patrick, weil ich nämlich von deiner Sucht weiß. Der nach Schnee. Was ich damit sagen will ist, dass er, um eine Linie zu ziehen, nach der Landung sofort ein Klo aufsuchen wird. Und genau DA - werde auch ich sein! Ja was glauben Sie denn - es ist doch alles längst arrangiert ... Und nun mal im Vertrauen: eigentlich werde ich ab heute überall sein, wo Patrick ist. Ich will und werde - bis zum Ende hin - mit ihm die Nacht durchschreiten. Wirklich! Ich freue mich jetzt schon ganz irrsinnig, in meinem zweireihigen Seide-Leinen-Anzug neben ihm zu stehen und einen frisch gepressten OrangenS.t zu trinken ... Und ich bin dabei alles Mögliche, nur nicht blöd - blond. Oder ein Shar ... pei. „Sie wissen schon“, wird er lispeln, „Shar ... peis sind meine Lieblingshunde. Ich selber habe Dutzende davon!“ Dieser Wichser. Der lügt, wenn er auch nur einen Millimeter sein blödes Maul aufmacht. Wahr ist, bei solchen Kötern interessieren ihn nur die Unmengen von Falten, aus denen er sich Lampenschirme bastelt. Auf einem Foto in ’Weib und Haus’ konnte ich es mit eigenen Augen sehen. Und wenn ich nicht irre, war seine handgemachte Marc- Kostabi- Weste aus ähnlichen Häuten gefertigt. Ich werde das ändern. Mit meinem Blasrohr. Dem aus Bambus. Das besitze ich seit Kindertagen. Und ich kann damit umgehen. Die Knochen von zig Vögeln, die ich sämtlich im Flug getroffen habe, (aufbewahrt habe ich die in einem Weidenkorb auf dem Hängeboden) und das sage ich voller Stolz, sind der Beweis. Und wenn Patrick gleich fliegen will, seine Halssehnen prall angespannt über dem Waschbecken (ich kenne den Anblick vom Spiegel meiner Wellness-Oase mit dem blumigen italienischen Dekor, die ich nur mit ledernen Flip Flops von Moszkito betrete), damit er eine satte Linie sniffen kann, werde ich ihn direkt in die Schlagader treffen. Nicht tödlich. Mann - nein, um Gottes Willen! Ich werde ihn lediglich betäuben, um ihm eine Nachricht zukommen lassen, damit er weiß, das Spiel beginnt JETZT! Und glauben Sie mir, es war eine Kleinigkeit, herauszufinden welcher der Dealer Patrick beliefert. Zum Glück gibt es nur wenige Top-Leute für Promis in dieser Stadt, die überhaupt in Frage kommen. Edgar ist einer von denen. Edgar hat Klasse. Mit super Ausstrahlung. Schlank und hoch gewachsen. Und verfügt über Manieren für jede Gelegenheit. Selbstverständlich! Trägt Armani und Emporio besser noch als Patrick es kann. Denn Edgar ist von ADEL ...! Ein von SO und SO! Der wäre sogar beinahe König von Deutschland geworden, sagt er. Doch leider hat er die Chance versaut, das Familiensilber verramscht und saß deswegen im Knast. Und sein Alter, der vorherige Kronprinz, ist neulich in einem blonden Schmollmund in einem Puff in Paris zu Tode gekommen. Ich sage nur: Koks und Viagra! Mich dagegen wollten sie damals gegen Bares adoptieren. Edgars Stimme klang dabei so wunderbar. So träumerisch, sanft und versprechend. Echt, ich muss jetzt noch über seine Geldgeilheit lachen. „No way“, beschied also ich, der Kaffeegenuss aus einer Krupps Pro Aroma gewöhnt ist, damals gleichermaßen Vater und Sohn, „ich habe nämlich Größeres vor.“ Und darüber mussten beide lachen. Und das ist Edgars (Familienerbe) Manko: Der lacht, wie ein Pferd wiehert. Trotzdem lernten wir uns näher kennen und schätzen. Ich bin nämlich tolerant. Jedenfalls manchmal.

Jetzt chillt Edgar am Airport Nähe Klo, lacht nicht, sieht aber zum Niederknien elegant aus. Der trägt seine Haare heute mit einem Schmiss blond. Lehnt mit breitem Rücken und Sonnenbrille in der gebräunten Hand am Chromgestänge der Mokkabar ’Paris - Moskau’ und wartet auf Patrick. Während ich schon im hellen Spiegel-Kabuff inmitten ständigem Wasserrauschens (verdammter Saftladen, ich werde Anzeige wegen Körperverletzung erstatten denn mein Tinnitus ...) das Blasrohr und den Pfeil mit Gift präpariere. Ich bin fast sicher, als intelligenter Mensch werden Sie vom Gift, das ich gemeinhin verwende, zumindest in Professor Grzimeks legendärer Natursendung gehört haben. Denn mit dem milchigen Zeug aus der afrikanischen Maulbeere kickt man mit ein paar Milligramm riesige Nashörner in einen Stundenschlaf. Doch ich verwende bei meinen Einsätzen natürlich wesentlich weniger von dem Zeug, weil ja, logischer Weise, sonst kein Mensch überleben würde; auch du nicht, Patrick: kleiner Scherz ...! Also, keine Angst, Pat, ich bin Konvulsionsprofi und arbeite schon seit Jahren mit Antiarin. Und mir ist noch keiner ungewollt verreckt. Was ja auch schlecht fürs Geschäft wäre, denn ich treibe ansonsten Wertgegenstände und Geld ab einer Million aufwärts ein (zur Zeit auch noch die sich rasant im Absturz befindlichen USD. Dafür kommt Gold um so stärker. Leider hat nicht jeder ne Million an Gold im Maul). Und Tote tragen bekanntlich nicht nur keine Karos, die zahlen auch nicht. So wäre also auch ich bald pleite - und ein Kunde für mich selber. ... ich kann mich über meine Witze bisweilen richtig kaputt lachen ...; manchmal aber auch nicht. So wie jetzt, als ich das verabredete Zeichen von Gerald erhalte. Wenig später die Kloeingangstür ... ich habe die durch Manipulation des Luftmengeventils im Presslufttürhalter (zusätzlich zu Geralds Warnanruf) auf ’ganz hohes’ Quietschen ’a la Lady Gagga’ gestellt, um Pat auf gar keinen Fall zu überhören, und jemand, der aussieht wie ein alter Patrick (also nicht wie der auf dem Foto), das Klo betritt.
Meine Güte, sieht der Typ übellaunig aus. Richtig scheiße. Ein echter Crossi. Vor allem durch seine scharfen Falten um Mund und Nase. Die Liftmarken hinter den Ohren. Wie ich in Natur und im Spiegel sehen kann, vor dem er steht und nervig in den Taschen seines Anzugs kramt, anscheinend ohne was zu finden...? Dann schnuppert er, den Kopf erhoben, wie ein Esel vor einem Karren, an der ne Möhre hängt, in der Luft, um als nächstes auf dem Porzellanbord über dem Villeroy & Boch Handwaschbecken sein Heiligtum auszupacken (und ich meine mit Heiligtum nicht sein gammeliges Ding, dass er in seinen Roman zur Genüge als solches beschreibt), um dann mit einem goldenen Schweizermesser unter zur Hilfenahme der Klinge zwei/zwei/achtel den Schnee aufzuschütten, - den in Portionen zu teilen. Oh Boy, bei der Menge hättest du, um es einiges leichter zu haben, lieber einen Motor getriebenen Schneeschieber nehmen sollen, amüsiere ich mich. Sehe dazu soviel Rote Sonnenuntergänge wie irgend möglich (ich muss unterzuckert sein, Honey ...). Während er seinen dusseligen Schädel beugt, um sich geräuschvoll in das Zeug zu schniefen ... Ich lautlos Luft ansauge, die Backen blähe (Sie wissen schon, welche ich meine, oder? - also lachen Sie bitte ob der Formulierung nicht hämisch - Sie gefährden damit unnötig mein Vorhaben ein Schwein zu eliminieren!) und über die Schamwand hinweg abschieße. Da! Volltreffer! Genau wohin ich wollte. Früher, also bis vor zwei Jahren, konnte man dann mit dem Mauspfeil darauf klicken und bekam ein weiteres Dokument angezeigt. Oder es kam eine tanzende Zahnbürste ins Bild. Doch das war, glaube ich, nur bei Apple möglich.
„Ups“, macht Patrick, das alte Rübenschwein, eine Zehntelsekunde nach dem Treffer. Oder „Üps“, nach zwei Zehntelsekunden, was weiß ich ... Jedenfalls springe ich nach ’Ups - Üps’ vom Klobecken, reiße die Tür auf und sprinte zu ihm. Erreiche den, keinen Moment zu spät (zu früh, wer weiß?) bevor der auf die Erde sackt und sich dort den Schädel aufschlägt. Echt, der Typ fällt wie ein antiker chinesischer Reissack in Zeitlupe, notiert mein Kurzzeitgedächtnis, das ein genetisches Erbe meiner Mutter ist.
(Für mein Gedächtnis bin ich meiner Mutter heute noch dankbar für. Aber nicht nur deswegen. Denn sie war eine sehr- sehr durchsetzungsstarke Frau, weit vor Alice Schwarzer, hieß auch Emma. Dafür kann sie aber nichts. Und Emma hieß sie auch nur mit dem zweiten Vornamen. Hätte aber Alice Schwarzer allemal zum Vorbild für ihren heiligen Krieg an Frauenpower gereichen können, wenn die da schon geboren wäre).
Doch weiter mit Patrick - denn das würde gerade noch gefehlt haben, wenn der sich den Schädel aufgeschlagen hätte. Eitel wie der ist, die Versicherungsleistung bei Unfall zusätzlich im Rücken, wäre der doch gleich wieder abgereist! Denn so ein Finanzbock wartet doch nur darauf, dass ihm irgendeine blöde Versicherung eine Entschädigung für irgendwas zahlt. Und wären es Peanuts. Allerdings habe ich mit allem gerechnet, auch damit - und deshalb mein monatelanges, mich quälendes Marathontraining zeitig auf Sprint umgestellt. Und, siehe da, mein Planen hat sich gelohnt. Denn er lebt, wie ich, als ich ihn wie beim Home Run fange, mit einem Griff zum Kopfpuls feststelle. Und sichtbar unverletzt ist er auch. Na bitte.
Wie er dann da so liegt, beinahe als würde er pennen, sieht er fast aus wie meine Bekannte, die Moni -, wenn sie die Plastiktüte nicht weg bekommt oder nicht wegbekommen will, weil ihr Orgasmus sie gerade auf den Mond schießt. Was für eine supergeile Tussi, denke ich dann jedes Mal. Und mache es ihr erneut. Dann aber richtig! Meinetwegen können Sie mich deswegen pervers nennen. Doch mich törnt es an, wenn eine Frau schon einen Flitz hatte - und richtig feucht ist, denn dann muss man nicht so viel vor- und nacharbeiten, schließlich wird bei mir pünktlich gegessen. Sie merken es schon - was? Die Gags sausen mir in extremen Situationen - wie der jetzt hier - nur so im Hirn rum. Meine beiden besten Freunde, von denen ich der Erstbeste bin, nennen mich deshalb auch ’the laughing brain’. Kurzum, die Gedanken an Moni schüttele ich erstmal ab, denn ich bin ein Profi. Verbinde mich mit Patrick durch den Rautek/Rettungsgriff. Greife dazu unter seiner glitschigen linken Achselhöhlen hindurch (die andere wird nicht anders durch seinen stinkigen Schweiß versaut sein - ich tippe deswegen auf ein Essen mit satt Knoblauch, gestern Abend. Eventuell Monarch Lamm an grünen Tutu-Böhnchen? Mit hinterher Mousse au Chocolat? Und er in Begleitung dieser bescheuerten Tunte im Seidensatinrock mit abgespeckter Krinoline. Dieser immer und überall präsenten Schauspielerin die damals in ... Doch Shit, von Film und Tusse habe ich im Moment den Namen nicht parat. Leider. Jedenfalls spielt das in dem Laden, in dem seinerzeit Robert Redfort wegen der Bestellung eines Nichtrauchertisches so zynisch geworden ist ...), winkele seinen Unterarm an, umfasse den mit beiden Händen, halte dabei die Finger nach vorne, verlagere mein Körpergewicht nach hinten, richte mich aus den Knien heraus auf und ziehe ihn mir ruckweise (Mann, was ist das für ein kompakter Sack - das hätte ich nie für möglich gehalten, bei seiner eher lapidaren Körpergröße) auf die Oberschenkel. Rückwärts - und mit gebeugten Knien - (klar, wie denn auch sonst?) zerre ich ihn dann in die Kabine, wo ich zuvor schon einen Smiley aus Plastik mit der Aufschrift ’Ich sitze hier - ich kann nicht anders!’ an die Wand pappte, den ich ihm mit Sekundenkleber an die Stirn nagele, als er dann endlich mit heruntergezogen Hosen und seinem eklig pickligen Hintern auf dem Klo sitzt. Klar, mit Sekundenkleber habe ich natürlich auch die Toilettenbrille bearbeitet. Ich will den vollen Spaß, Mann!

Bevor ich Pat voll entkleide wische ich mir den Schweiß von der Stirn, damit der mir nicht in die Augen läuft und zu brennen anfängt. Denn eine Person auf einem engen Klo zu enthäuten - womit ich jetzt und hier aber seine Hose und so weiter und nicht seine richtige Pelle meine - ist wahrhaftig ein körperlicher Kraftakt. Und man sollte dabei auch gut was sehen können.
Als ich wieder gut was sehen kann, ärgere ich mich darüber, die allgemeine Anstrengung ’Patrick’ unterschätzt zu haben, weil ich nun dabei bin, mir mit eigenem Schweiß und Blutstropfen von Patrick den Designeranzug aus dem Hause Henry Stuart zu ruinieren. Und was ich effektiv zu Blut und Schweiß weiß, und das ist nicht wenig, das dagegen nicht mal das Draufschütten einer ganzen Flasche Aramis hilft. Nicht mal, wenn man die in einem Zug leer trinkt ... Nein, das Zeug saufen verursacht lediglich Chaos im Bereich Hals- Magen- Leber- Milz- Darmtrakt, von der Psyche nicht zu reden! Obwohl, vom Milztrakt hörte ich bislang nichts. Mein lieber Freund, alter Jungspund, ermahne ich mich deswegen ernsthaft: Du lernst immer noch dazu, - also bitte ich dich ... Patricks Hose und auch seine Unterhose nehme ich mit. Die Plastiktüte, Namens www.hugendubel.de, in die ich seine Wäsche einkoffere, trägt sinnigerweise den Aufkleber seines umstrittenen Romans. (’Patrick Psycho’). Und auch noch eine Zunge - ähnlich der von Mick Jagger, Sie erinnern sich? Jagger, Michael Philip. Britischer Musiker. Frontmann der Rolling Stones. Sexmonster. Ja, so was lesen die Leute gerne! Und mir gerät beim Lachen darüber Speichel in die Luftröhre, so dass ich entsetzlich husten muss. Und ich kann entsetzlich husten - wenn ich muss oder mir danach ist. Darauf ist Verlass. Wie auf Gottes Arbeit. Aber auch dazu flucht man ja landläufig ’Um Gottes Willen’, oder ’Um Himmels Willen’. Was ich persönlich noch schlimmer finde, als Gott direkt anzurufen, obwohl er ein Versager ist, finde ich. Tut mir leid für euch, Leute, die er täglich in die Kirche schleicht und beschissener im Gemüt rausgeht, wie ihr rein gegangen seid. Dazu noch eins: betet dort um Himmels Willen nicht für Patrick, das perverse Monster. Der hat alles, was ihm durch mich zustößt, tausend Mal verdient. Da braucht es keinen himmlischen Beistand. Oder Gott. Das schaffe ich. ICH - ganz ALLEIN! Erst zähle ich die Barhocker. Dann die Tische. Dann zähle ich die Männer, die an den Tischen und auf den Hockern sitzen. Die Summe ist erklecklich. Und meine Hoffnung, deshalb bald bedient zu werden, wächst. Und richtig, zwei Minuten später geht einer von denen Richtung Klo. Männer sind eben wie Hunde. Und so was wie Wind kam auf, als der wie irre aus dem Klo gerann kam und um Hilfe rief, „ ...da sitzt ein nackter Toter!“ So laut schrie der, das die Bar wackelte, die Deckenscheibe splitterte, das ganze Gebäude einstürzte und gelber Rauch aufstieg. Als die Hitze darauf meinen Körper verlassen hat, meine Haarwurzeln sich beruhigt und aufrichten, kommt die Polizei, die Feuerwehr, hören die Hunde auf zu kläffen, erlischt die Sonne, stirbt auf den Fliesen des Airports der Schatten eines startenden Airbus, vergeht grollend in der Ferne das eben noch dumpfe Brummen seiner Triebwerke. Zähle ich eine paar Münzen für den Kaffee ab. Grüße höflich den Barmann und laufe schweigend neben dem nach Notdurft stinkenden Notarzt, der einen Tropf mit hoch gerecktem Arm hält, dessen anderer beim Reden die Luft durchschneidet wie ein Beil, der beruhigend aufregend auf den in Alufolie eingewickelten Patrick einredet und dem dann auch noch Hand auflegt. „Es wird schon wieder!“ Höre ich. Und das freut mich. Denn ich habe gelernt zu lieben. Und das erst nicht seit heute, nicht seit eben, ab jetzt, - wie ich auch lernte zu hassen. Nämlich ihn, Patrick Psycho, diesen SAUHAUFEN Mensch. Um dessen Trage sich in Windeseile und wie bestellt die Presse sammelt und es surrt und summt wie auf einem Haufen Scheiße Fressfeinde der Fliegen.

Als sie Pat in den Krankenwagen schieben, verrutscht die Alufolie und ich bin heilfroh, seinen schäbigen Hintern noch mit dem beschissenen Klodeckel verbunden zu sehen. Ja, Nähe kann so was von beglückend sein, dass ich mir Ohren und Augen zuhalte, als Signalhorn und Blaulicht am Krankenwagen wie von selber losgehen und der Karren auf locker 180 Sachen in acht Sekunden beschleunigt. Beim nebenher Rennen geht mir schnell die Puste aus und alles woran ich denke, ist dieses Plakat von Patrick in der U-Bahn, mit seinem schwarz geschminkten Gesicht und Colts - die beidseitig an fett ausgeleierten Hüften hängen. Auch wie er - eine U-Bahnstation weiter - Monster- Affengleich eine als Claudia Schiffer verkleidete nackte Heidi Klum in den Armen hält. Halloween, juchzt dazu jedermanns Herz auf dem Bahnhof. Halloween, blutet es saftig aus schwangeren Kürbissen. Nichts als fades Fruchtfleisch, weiß dagegen ich, -segle davon, mit dem Versprechen gleich wiederzukehren.

2
Im Click- und Rembercom, einer Art Face Book für lebende Leichen, bin auch ich ab und an zu Hause. Ich suche dort Material, mehr kann ich jetzt nicht verraten. Doch seien sie gewiss, digitale Friedhöfe haben nicht nur als Gedenkforen Konjunktur. Man trifft dort auf die größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Patrick, zum Beispiel, lässt darin seine Opfer auferstehen. Nun, nicht das er die Verstorbenen dort würdigt oder so, nein, er beschreibt dort erklärend seine Untaten - und hat die sogar mit Fotos garniert, wenn man das so sagen darf. Auf der Strecke bleibt natürlich, und da sind wir uns sicher einig, die menschliche Würde und jede Art von Respekt den Toten gegenüber. Von deren Angehörigen nicht zu schweigen. ’Doch ihr alle habt ja ab nun mich’, rufe ich der Onlinekommune zu. Und das ich die Sache PERSÖNLICH in die Hand nehmen werde, verspreche ich. Ja, versprochen -, der Kerl bekommt sein Fett weg, wenn ich ihn erstmal an seinem Armani- Trenchcoat aus reiner Wildseide am Arsch habe. „Steh auf!“
„Nein - lass mich!“ wird er jaulen.
„Steh auf und sieh dir an, was du angerichtet hast!“
„Ne-e-e-ein!“ wird er sabbern.
„Steh auf, sieh hin -, und stirb wie ein Mann!“
(...)
Okay, ich mach’s so wie er ... Denn ich habe es schon mal gemacht. Reiße ihm mit Schwung die Bauchdecke auf und grabe mit den Händen in seinen Eingeweiden. Ja, ich werde und will ihm den Scheiß-Bauch aufreißen und seinen Scheiß-Schwulenhals und ... Oder anders herum. Und sei mir dankbar, Patrick, dass ich dich schon jetzt vorwarne, sage ich ihm. Deine Opfer hatten leider nicht so viel Glück. Also nehme ich mir genau so sein aufgedunsenes Whiskey-Gedicht vor meins - und flüstere ihm zu was ist, was kommt, was sein wird. Und überhöre sein ewig winselndes Gejammer ’mir blieb doch keine andere Wahl’! - Mir auch nicht, Pat, werde ich entgegnen, mein weißes Pferd aufsteigen lassen und in den blutigen Morgen seiner Därme reiten, darin gewiss, dass die meisten Menschen selber bereit sind zu foltern und anderen Menschen Leid antun, wenn sie denn nur könnten. Motto: Verändere die Einflussnahme auf dein Opfer langsam und graduell. Springe im Sekundentakt von rational und rechtmäßig zu verbohrt und erbarmungslos ...

Ja, auch ich finde das voll krass legitim. Also lass uns fürs Erste damit beginnen, Pat. Und so fange ich klein an. Mit fast unwesentlichen Schmerzen schneide ich dem Hai die Flossen ab, werfe den Rest ins Meer der Lüge, züchte artgerecht Hähnchen auf 2 Zentimetern Raum, lasse Mast-Schweine ihre eigene Scheiße fressen, Ziegen ihrer Böcke Eier. Versaue das Meer mit Millionen Tonnen Öl, die Luft mit Pest und Schwefel, und schwängere die Erde mit Milliarden über Milliarden bescheuerter Menschen.
Ey, ihr ALLE kotzt mich so was von an, ihr voll blöden Pfeifen! Kaufe mir deswegen im Zoogeschäft ein Dutzend mit Pocken infizierte Ratten, die ich im Supermarkt ums Eck aussetze. Stecke ohne zu bezahlen 2 scharfe Messer, einen Liter Salzsäure ein. Denke mit Schaum vor dem Maul an Patrick. Schwitze, stöhne, hacke auf der Rolltreppe der U-Bahnstation Zoo einer alten Schachtel mit einem Hieb 2 Finger von der Handlaufleiste und als die aufschreit, von der anderen Hand auch zwei. Dabei wollte ich vorhin lediglich eine Teekanne erwerben. Egal. Von den 4 Fingern finde ich dann ohne zu suchen 3 in den Ritzen der Treppe. Stecke die mir in die Seitentasche meines seidenen black velvet Matsuda Blazer, um die später für den Hund zu grillen. Die alte Frau scheint leider ohnmächtig zu sein. Jedenfalls rührt die sich nicht. Dabei hätte ich sie gerne über den Verlust hinweggetröstet und wollte ihr auch sagen, dass es noch viel - viel schlimmer hätte kommen können, - denken Sie doch nur an den Krieg, oder so. Doch nichts, die liegt wie tot. Erst als ein idiotischer Biker die Rolltreppe down up fährt kommt Leben in die Bude. Doch da bin ich schon dabei die beim Einstieg in die Fahrradrikscha zerbrochene altchinesischen Ming-Teekanne aus der II Dekade, die ich ausschließlich für den von mir so gerne getrunkenen Nero d´Avola benutze, zu beklagen. Und natürlich mache ich den voll verblödeten Fahrrad-Kuli für das Unglück verantwortlich, - das wäre ja noch schöner. Doch der sagt zum Thema (mir die kostbare Vase zu ersetzen), er sei illegal in Deutschland und hätte nicht mal eine Krankenversicherung. Prost Mahlzeit, wünsche ich ihm trotzdem, als er zur Strafe einen Schluck aus der Salzsäureflasche trinkt - und dann auch prompt röchelnd zusammenbricht.
Was für ein Schwächling, denke ich, - so was haben wir hier schon zur Genüge. Während ich mir beim Übersteigen der quittegelben Leiche fast den Fuß verstauche, und schon überhaupt nicht in der Lage bin meine Füße in die Pedale der Rikscha zu stecken, ohne mir die Diet- Coke Schuhe auszuziehen. So lasse ich alles wie es ist, und freue mich auf das Gesicht vom Hund, wenn er auf Hutschenreuther Biskuit Porzellan mit Goldrand die gegrillten Finger sieht. Ich habe denen natürlich vor dem Anrichten die Ringe abgezogen. Denn auch bei mir ist der Kunde König. Und Steine frigide. Vor allem Diamanten. „Bitte zahlen!“ rufe ich deswegen, denn jeden Tag einen Einkaräter stehlen, fällt auf Dauer sogar Woolworths Erben auf. Aber könnte ich es mir wünschen, ich würde es mir wünschen. Und die Spielregeln einhalten. Doch so ...

Treffe Edgar Nähe Cafe Möhring. Bezahle den. Und lobe. „Guter Job, Baby!“
Gehe mit ihm dann einen Runde Schlittschuhlaufen. Und Edgarboy läuft so schnell, dass das Eis unter seinen flitzenden Kufen zu Wasser wird, dann heiß aufquillt und Nebel die Luft angraut. Bald darauf die ersten ’hunderttausender’ Scheinwerferbirnen in der Feuchte knallen wie Kanonenschüsse, sich die Palästinenser neben uns aufs geschmolzene Eis werfen, und zu ihrem Gott beten. „Komm, wir versaufen unsere Getränkebons!“ beschließe ich.
Während wir auf den Barhockern sitzen, an einem Bier lutschen, schneidet sich Edgar die Fingernägel, und ich denke an Patrick, der mit einer Nagelschere einem seiner Opfer, Torri hieß die, glaube ich, versucht hat die Finger abzuschneiden, um ihr, als das nicht gelang, mit einem Steakmesser in den Kopf ... und in diesen Bächen von Blut, beschreibt er die Szene in seinem Buch ..., wird mir übel. Halb am Kotzen schwöre ich den Sauhund zu stellen, um ihn zu vernichten. Gehe sogar gleich so weit, mich dazu als lebende Bombe zu verkleiden (ich habe den immer noch betenden Palästinensern unbemerkt die Sprengstoffgürtel abgenommen), um damit in Patricks irren Hirn grell schimmernd zu explodieren.
Verkleidet als Außerirdischer, Autist der ich bin, schlage ich in heller Aufregung meine Zähne in Edgars Schulterfleisch. Beiße, knacke, krache, lutsche, schlürfe freudig und kann nicht aufhören ... und kann nicht aufhören ... und kann...
„Fast wie Mike Thyssen bei Holyfield!“ lacht Edgar.
„Ich habe genug vom Eis!“ sage ich nach einer kleinen Weile Rumble in the Jungel spielen böse, „lass uns gehen!“
„OK, wenn du mich nicht mehr brauchst.“
„Heute nicht mehr. Mal sehen, was morgen wird. Oder heute Abend?“
„Schon gut, Boss.“
„Also ab ...“
„Fitness-Center?“
„Ja, mach!“
„Ich wusste es. Ich wusste es! Du böser, böser Junge!“
Meine Seele erbarmt sich, als ich im Abgang auf seinen weibisch wackelnden Hintern sehe, ihn (wie im Vorübergehen) anal penetriere. Dann wieder Angst einkehrt, die alte rote Alarmanlage mit mir zu Tisch sitzt und ich fürchte, ich sei ernsthaft schwul. Doch nichts ist unwichtiger in dieser bedrohlichen Situation als die Besorgnis und unlustbetonte Erregung über ein Ereignis, das nie eintreten wird. Denn ich liebe meine körperliche Unversehrtheit, brauche Selbstachtung. Bin ein ich (im Ich), wie (du) Du bist, wie Edgar (Edgar), Patrick (Patrick), und Sie (sie) sind. Irre wie wir alle eben. Wovon ich Patrick allerdings ausnehme.
Die Haustür schließt sich hinter mir wie eine eiserne Maske. Drei Riegel schieben sich mit in die Wand. Im Schloss dreht sich von Geisterhand der Schlüssel. Die Welt bleibt außen vor. Doch was soll das? Mit zwei schnellen Schritten okkupiere ich den (Silber) blinkenden Aufzug. Lehne im Maul des schuppigen Wals gegen die Wand. Kontrollverlust und Lähmung gelten wieder Mal als bezwungen. Wie auch die Furcht vor Enge, der Alpdruck, die Bedrängnis und (angor) - das Würgen. So geht es in den Himmel. (Penthaus - mit 1A Ausblick auf Reichstag und Spree von der es in heißen Sommern leider entsetzlich nach dem allerletzten Fisch stinkt, von unaufrichtigen Politikern. Den Rotaugen, die gegen Blei, Öl und Kadmium widerstandsfähigsten Fische, die von Laien auch Plötzen genannt werden). Wo ich mir mit Goldwell Lagoom die Haare gele. Atrice-Rouge auflege. Ein wenig vom Davidoff Augenbrauenstift auftrage, um dann zu Mittag zu speisen.

Erna bringt Würstchen mit Kartoffelsalat. Wie immer an Heilig Abend. Majoran. Eine saure Gurke. Dill. Grünen Salat. Ein rostfarbenes Bier, das wie Blut im Urin aussieht. Das ich, in die Luft spritzend, an die ums Haus kreischenden Möwen verfüttere. Erna, die ich halb verhungert, dehydriert wie die Gattin des Tutenchamun, Arme und Beine komplett abgerissen, und mit insgesamt 67 Knochenbrüchen (die meisten davon im Gesicht) wie man später feststellte, in den südafrikanischen Diamantenfeldern von Brett Jolly fand. Jeder kann sich also lebhaft vorstellen, wie Erna aussah.
1,4 Kilogramm wog der Diamant, um den es ging. Geschätzter Wert 20 Millionen Euro. Dazu kommen die Menschenleben, die er bisher gekostet hat. Und das Spiel geht weiter. Doch nicht für mich. Denn ich habe den Bucker bei meinem Auftraggeber in Moskau abgeliefert und mir die Prämie dafür auf mein Inhaberkonto in Genf (Bankhaus Osama sin Laden) überweisen lassen; ICH muss also nicht mehr arbeiten, oder so scheiß Lesungen machen, PATRICK. ICH - NICHT!
Erna packte ich damals eigenhändig in den Hubschrauber und flog die one way über die Koordinaten Marrakesch 31° 38′ 7″ N, 8° 0′ 1″ W, 31.635278° -8.000278° in das Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. In über sechzig Operationen, teilweise im MRT an Herz, Lunge, Galle, Magen, Bauchspeicheldrüse, Darm und was der Mensch noch so hat, wie eine Blase, zum Beispiel, erfolgte durch Professor Sauerbach ihre Rekonstruktion (Sauerbach, eine Persönlichkeit wie Gewitter auf der Sonne, - der absolute Fach-Spezialist. Sogar der Papst hat sich nach dem fürchterlichen Bombenattentat von ihm klonen lassen. Sie erinnern?). Vierzehn Monate später konnte ich Erna abholen. Gut, sie war zwar nicht mehr die ’alte’ Erna, die ehemalige Baden Badener Weinkönigin, die als Vorkoster und Sommelier des Despoten ’King of Africa’ degustiert hat. Doch sie war am Leben. Ein Robot zwar ... Machine Human, und Sklave ihrer computergestützten Regelkreise. Aber auch mit Vorteilen beim Walk Act, durch die aufwendig implantierten künstlichen Muskulaturen.
Zu Hause trägt sie ihre weiße Schutzmaske selbstverständlich nicht, denn ich habe mich längst an ihren Anblick gewöhnt. Halte ihre Aussehen und die chromblitzenden Extremitäten sogar für schön; ds flirrende Sinnbild, wenn ihre Laseraugen abstrahlen, wie den sie harmonisch umstrahlenden Elektrosmog. Und natürlich hasst Erna (gerade wegen ihrer Behinderung) Menschen wie den Lobbyisten Patrick. Und den besonders für seine Taten Frauen zu vergewaltigen, zu schlachten, auszuweiden - um die letztlich zu essen. Mit seiner Idee Menschen zu essen hat er sogar den britischen Delicates Food Dosenhersteller Sir Henry Gambell gewonnen. - Man stelle sich das mal vor ... in geheimen inneren Zirkeln werden unter Gambells Leitung Promi Testessen veranstaltet -, und für das beste Menschenmenü sind Preise ausgelobt. Gestern war der erste Preis eine winzige Insel südlich neben Antiqua. Und das ist erst der Anfang ... denn das Zukunftsziel ist die Börse. Auch deswegen steigt der Goldpreise wie blöd. Die Lobbyisten um Patrick kaufen alles auf, um später Dosen aus purem Gold zu fertigen. Denn das Menschenfleisch hat natürlich seinen Preis, und muss edel verpackt daher kommen.
„MACH IHN FERTIG!“ korrespondiert Erna deshalb stündlich meine Synapsen. „SCHAFFE IHN UND DIE ANDEREN SCHWEINEPRIESTER AUS DER WELT!“
Das Telefon; Edgar. Der schreit förmlich, ob ich eben die Show Patrick im TV gesehen habe. „Schalt schnell ein“, brüllt er, „dann kannst du noch den Rest ...“
„Ich bekomm den Pisssender gar nicht rein,“ unterbreche ich ihn. Bin sauer.
„Ey, du versäumst was, der verschenkte eben sein iPhone, - und jetzt lässt er sich auch von allen möglichen Idioten ausgiebig filmen!“
„Und was sagt er sonst so?“
„Das er dem Wichser, der ihn im Airport an den Klodeckel gefesselt hat, die Dinger abschneiden wird!“
„Und was ist mit seinem Hintern?“
„Die haben seinem fetten Manager Haut abgenommen und ihm das Transplantat dann aufgeschweißt.“
„Geht das denn einfach so?“
„Darüber hat er nichts gesagt ...“
„Schade! Und sonst noch?“
„Er lutscht Hustenpastillen.“
„Willst du mich verarschen?“
„Nein, echt. Der liegt im Bett, hat nen dunklen Mantel an, Basecap auf, karierte Turnschuhe, blättert provo in seinem scheiß Buch und erzählt ohne Punkt und Komma über Liebe, Freundschaft und Exorzismus.“
„Mad Men; das nervt. Dann war das Put on ja fast umsonst!“
„Ach was, der hat ne fette Dröhnung gegen Schmerzen int - und macht auf dicke Hose, Mann. Sicher!“
Die Lüge ist der Bruder Schmerz, denke ich, - Provokateur bin ich selber, and thats all... Auch weiß ich, warum es bei einer Arschbombe spritzt. Es liegt am Arsch!
„Schalt den Loser einfach ab“, rate ich deswegen. Einen Moment spüre ich so was wie Eifersucht. Beuge den Kopf, um in mich hineinzuhören. Doch der Türsteher macht mir die Absperrung vor der Nase zu. Ich kann es kaum glauben. Kein aber, unterbreche ich mich deswegen beruhigend, - gehe an die Bar und trinke aus der Flasche mit dem Sauerkraut.
„Du sollst doch nicht immer aus der Flasche. Haben wir keine Gläser im Haus?“ So hat Mutter früher mit mir geschimpft. Jetzt Erna.
„Hast ja Recht!“

Wünsche mich Millionen Kilometer weit weg. Weiß aber nicht warum. Stecke die Hand mit den Flecken darauf (so kreisrunde Dinger, die Eierschalenfarben aussehen. Können Sie mir eventuell sagen, was das zu bedeuten hat?) in die Hosentasche und verlasse den Raum. Doch möglicherweise liegt es am Licht, überlege ich. Oder ich habe es an den Augen. Mache zur Sicherheit einen Herz-Kreislaufscheck an der Butterflymaschine. Alles ’Grün’, blinkt die. Doch ich möchte wissen, wie es zwischen uns beiden steht, denn seit Tagen fällt mir ihre fehlende Sinnlichkeit auf. Doch dann unterdrücke ich meine Gier, sie deswegen anzufragen. Zum Ausgleich (wohl weil sie ahnt was in mir vorgeht wenn der ICE durchrauscht) singt sie Fats Dominos Schmachtfetzen ’Whole Lotta Lovin’ - und lässt dabei die ersten beiden Saite der E-Gitarre grässlich wimmern. Mir gehen dadurch einige Zahnnerven zu Grunde. Oberkiefer 13,16,17 und 26,27. Unterkiefer 36,37 und 44,46. Vom 48er weiß ich nichts. Ich kann auf jeden Fall schon den Dentisten riechen. Oder soll ich die lieber selber resektieren? - Mein Gott, wann ist endlich wieder Sonntag, frage ich beim Wetteramt nach. Schlage den Kragen hoch, und mache mich auf den Weg aus dem Staub. And that’s why the world go round ... and round ...

Nach dem Act mit Patrick geht es 100 %ig in den Urlaub. Re-Union. Werde dort ehrenamtlich denkmalgeschützte Immobilien für den europäischen Markt aufbereiten helfen. Ist aber keine freiwillige Entscheidung. Ich habe die Reise neulich in der FAZ gewonnen. Und einen handgearbeiteten englischen Dufflecoat dazu. Nun rätsele ich, was das an Gemeinsamkeiten hat. Könnte ein schäbiger Trick von Pattricks Management sein ... Doch dazu müsste meine Absicht jemand verpfiffen haben. Doch wer?
Erna meldet erneut einen Anruf. Tom. „Ja -, den kannst du ausnahmsweise durchstellen!“
„Good Boy!“ Schnarrt Tom.
„Wieso?”
„Ich habe auf der Überwachungskamera Nummer 356 vom Airport deinen Edgar gesehen.“
„Und?“
„Und du warst der Latex Joker!“ Höre ich ’The Dark Knight’ in seiner Stimme -, Triumph?
„Bist du sicher?“
„So sicher, wie ich sicher bin, das wir uns seit 4 Jahren und 42er Tage kennen.“
„Und die Stunden weißt du auch?“
„Yes!“
„Das war auch keine Frage von mir ...“
„Lassen wir das“, sagt er, „mein Anruf gilt sowieso Ellis.“
„DEM Ellis?“
„Korrekt; ich habe meine Rezension über seinen neuen Roman fertig und will die dir zuleiten.“
„Passt“, sage ich, „ ...hat der nicht was mit Imperial Bedrooms zu tun?“
„Ja, und er knüpft darin an 'Less Than Zero' an.“
„Meinetwegen -, Clay und die anderen Stricher hängen mir längst zum Hals raus.“
„Ich weiß... Doch du scheiterst ja auch immer wieder neu an der Realität.“
„An meiner nicht!“
„OK - lassen wir das! Jedenfalls wünsche ich dir für Patrick Erfolg. Und du weißt, wie ich das meine.“
„Ich werde meine Momente haben.“

Danach schwirrt mir der Kopf. Ich habe den Drang zurückzuschlagen. Balle meine rechte Hand und prügele drei, vier Schwinger mit anschließenden Haken in Serie gegen die Türfüllung. Erwarte meinerseits zertrümmert, zerschmettert zu werden. Höre aber lediglich meine Gedanken knacken. Ein beinahe unmerkliches Achselzucken meiner Seele. Das mir den Mantel auszieht, um mir dann bei einem Drink unbekannter Beschaffenheit Gesellschaft zu leisten, während mir die Fingerknöchel anschwellen. Ich dennoch weiter trinke, bis ich das Glas nicht mehr halten kann. Mir die Silikonstecker vom Nano- Niveau iPod abziehe, James Brown - von Pavarotti überlagert - 'It’s a mans world' gurgelt. Und ich, an den Fensterrahmen gelehnt, was für Männer denke. Der Frau im Loft gegenüber beim Ausziehen auf Hintern und Titten glotze. Bis deren Macker, dem Hintergrund entwachsen, Gestalt annimmt. Nackt und wie bestellt ihren Slip zur Seite schiebt, um sie ohne weiteres Vorspiel von hinten zu nehmen. Höhlenmalerei oder Zeitgenössische Kunst? Leinwand auf Keilrahmen. Wahr gewordene Schleimigkeit. Verbogen. Getrocknet. Wellig abgelegen. In greller Sonne Risse abbekommen. Die platzwunde Spalte monochromatisch mit Bindfaden vernäht. Ich sehe weiter fasziniert zu, wie die Frau zuckt, lautlos schreiend sein Glied aufreitet. Zerstückelt und zusammengeflickt wird. Finde aber die Utopie von Kerl reichlich unattraktiv, farblos, glatt, kahl und leer in seinen Orgasmusbemühungen.

Bekomme Kaffeedurst. Verspüre einen ungeheuren Jieper auf Mohnkuchen, - und Ellis lesen. Merke, das es mir, der Situation angemessen, klein, leicht und zart wie von selber kommt (also mit zwei Mal den Schaft vom Schwanz pressen - bis zum absoluten Endschmerz, dann kurz die Eichel drücken. Ein altbewährtes Hausmittel, um Zeit zu sparen. Hilft mir immer zum Erfolg, egal wo ich bin). Beinhaltet einen Abgang, wie nach dem Lutschen von in Vollmilch schwimmender Nussschokolade. Setze mich vor den PC und logge die Überweisung für die Nutte gegenüber ein. Schreibe in den Betreff: ’für Mayday’, - die mir ab und an einen oft gebrauchten Frühling in die Hose zaubert. So what! Denn lange genug schon läuft der Film Liebe und Hass zwischen Mayday und mir. Ich werde deshalb den Recorder wechseln. Mein Haftschalen erneuern. In eine andere Ecke der Stadt ziehen. Um nicht bewacht zu werden - wie ein Hund vom Herrchen, ein Herrchen den Hund. Knochen von Knochen ... Einer unsichtbaren Wolke, vor der ich den Atem anhalte, wenn ich in sie eintauche. Und kalt wird mir auch. Ich friere richtiggehend vom Gedanken an billigen Alkohol. Spuren ihrer violetten Lippen an meinem Ding. Meiner Suche nach Erfüllung im Dunst ihrer Exkremente. Dem Fischgeruch ihrer Möse. Sehe ihr Namensschild auf dem Revers. Dabei will ich, dass wir beide im warmen Wasser der Wanne planschen, und sie sich vor meinen Augen und Ohren die Muschi wäscht. Sie, das Zimmermädchen. Ich, der Gast im fünf Sterne Hotel Mayday - am Arsch der Welt, nach einem Suizidversuch. Und sie keine siebzehn. Damals. Und ziemlich mittelblond unten rum (in ihrem Adolfo Loren Hotel Froteebademantel). Mit totalem Hard- Body an Tütentitten: mit 17, Leute! Und spreizte die Beine, damit ich hineinsehen konnte. Doch ich konnte nicht. Kann nicht. Nur mit dem Finger. Dem Daumen. In den Hintern. Hand unter der Arschbacke. Hüfte. Wiegeschritt. Um ihr endlos Chardonnay aus der Spalte zu schlürfen. Herrgott, habe ich mich zum Idioten gemacht mit dem Wunsch: knie nieder, ich will es von hinten! Würde es aber wieder tun. Und wieder. Doch augenblicklich ist mir ’Psycho’ Patrick dazwischen gekommen. Und so bin ich zum Sammler bröckeliger Hintergrundtapeten mutiert. Einer benutzten, ramponierten, überhitzten, ausgeblichenen Geste von Dasein im eigenen Ich. Mehr als ständiger Wandel im Stillstand ist da also nicht. Trotz aller guten Wünsche. Es bleibt nur die Suche nach dem Monströsen in einem Haufen Irrer. Von denen ich selber einer bin. Ich! Der das Leben im Tod plant. Kontrolliert vom Alltag. Mechanik der Enteignung des Selbst. Geboren im Blutland als Fallobst. Haar im Firnis. Scheiße am Stock. Der Rest wird durch Werbeanzeigen oder in bar bezahlt. Doch wer gibt schon was auf Gerüchte. Ich nicht!

3
Zeit für den Hund. Easton. Eine Weiterzüchtung des kanadischen Tibetbullmastiff. Ausgebildet zum Personenschützer im Hells Angels Chapter San Bernardino County, California - USA. 50.000 USD Cash musste ich dafür legen.
Easton ausführen und füttern macht sonst Erna. Doch die hängt voll ihre Inputzeit am Ladegerät ab. So öffne ich das Hubdach der Terrasse. Wandele mit dem Blue Fon das Schwimmbecken im Rotationsprinzip in knapp einer Minute 30 in Wiese und Wald. Gleich nach meiner Schöpfung fangen dutzende Vögel zu kreischen an. Plätschert eine Quelle. Springen zig Lachse flussaufwärts. Scheint die Sonne. Allerdings wird sich auf dem Sekundärboden heute Rotwild statt Schwein tummeln. Wildschweine sind aus. Der Transportflieger, eine kaukasische Tupolew T-154, ist in Sibirien tödlich verunglückt. Das Teil heißt also nicht umsonst fliegender Sarg - und sein Tod ist kein Verlust. Mein Schaden dadurch beläuft sich auf zwei Dutzend sibirische Monache Wildschweine, einen Amurtiger, einen Endmoränenbieber. Deshalb heute Rotwild. Dafür aber a go go. Dauert auch keine fünf Minuten, präsentiert Easton eins der Stücke. Hat es selber enthäutet, ausgenommen, filettiert. A la carte besabbert und mit Beilage versehen. Genau, wie es jedermann will.

„Wir können!“, rufe ich Erna zum Essen. Und verliere den Glauben an sie und meine Seele, als ich es metallisch knirsche höre.
„Fuß, Easton!“, befehle ich.
„Fuß!“
Und dann ist es (wieder) Clay, weit ’unter Null’, dieses Abziehbild, der mir in den Sinn kommt. Den ich als Selbstmordkandidaten auf der Intensivstation kennen lernte. Ein Missmut hoch drei, der Typ. Unfähig, Freude oder irgendein gleichartiges Gefühl zu empfinden. In einer Spirale Leben gefangen, die sich nach unten dreht. Pappkarton, der nach eigenen Spielregeln auf einem wilden Fluss treibt.
An der Bar irgendeines des Homoclubs gelehnt, mit ähnlich traurigen Typen wie er einer ist. Einseitig sprachlos gefangen im ungeschütztem Sex auf dem Herrenklo. Als Endorphinkitzel. Um endlich dann das erwartete Urteil zu hören: Aids! So sehe ich ihn auf dem Bett sitzen - und Fotos betrachten. Welche, als er jung und wild, animalisch, viril und provokant, stolz und arrogant, voller Energie im Hunger auf Leben, Zukunft und so weiter war. Um erst noch zu lernen, was Stagnation, Lebensüberdruss und Existenzkrise bedeutet. Schwer krank nun seine späten Worte an mich: wie recht du doch hattest! Sein: scher dich zum Teufel, als ich ihm den Sinn von Leben und Sterben erklären will. Seine Müdigkeit, wo eben noch rauschende Party ... Unzählige Telefonate, Briefe, Einladungen. Vorbei. Alles over, baby. Deine Villa voll mit Kostbarkeiten. In der jetzt der Tod residiert. Zu hören allein das Ticken der Stundenuhr. Der des Kuckucks ablaufende Zeit zählt. Ängste und Erinnerungen. Deprimierende Tage. Todesfurcht in Nächten. Aber immer noch Diva, hinter schützender Maske. Doch unaufhaltsam schreitet Kraftbündels Metamorphose voran. Der sich in ein lichtes Wesen verwandelt. Eingefallen, zerbrechlich - im Rollstuhl. Doch mit Make-up. Knallrotem Mund. Schwarzer Kreide um die Augen. Die mich matt, müde und ohne Regung anblicken. Aura eines Toten. Sein Sterben - mein Leben. Schicksale, miteinander verknüpft. Ich im Rampenlicht, er nicht Mal mehr irgendwo im Zuschauerraum. Auch das werde ich Patrick sagen -, dass ich in der Küche des Teufels seinen Protagonisten getötet habe. Auch wenn ich dem keinen Sinn abgewinnen kann, außer Rache. Und dann frage ich mich, ob Patrick das nicht völlig egal ist. Schaue zum bewölkten Himmel hoch, aus dem es in diesem Moment zu nieseln anfängt. Steige ins Auto, und lasse eine CD laufen, Duran-Duran, der Erinnerung wegen. Die ich nach der Hälfte von Song Nummer 3 aus dem Recorder ziehe und aus dem Fenster werfe. Obwohl ich das Teil verbrennen wollte, weil ich mich an den Erinnerungen schon satt überhört habe.
Aus irgendeinem Grund kurbele ich das Fenster runter ... Fahre zum Interview in das ’Schloss Hotel Grunewald’. Wo Patrick tatsächlich wie angeklebt und mit fettem Hintern auf einem Jugendstilsofa sitzt, und mit hoch gezogener Oberlippe über Privilegien und schöne Gegenden in Deutschland schwadroniert. Während ihn um das scheiß Sofa herum in Dreierreihen die Idioten der Presse hofieren. Von denen manche ihm, in einer Art cholerischen Anfalls, glaube ich, schmatzend den Geifer von den Lefzen lutschen. Ich dagegen Lust verspüre, einen Arzt oder die Ambulanz zu rufen. Zumindest Feuer - Feuer - rette sich wer kann, zu schreien! Ihm mit einem 3 Kilogramm Löscher Zementschaum auf sein bescheuertes Maul zu sprühen. Doch ich lasse mir Zeit, denn ich weiß: sein Misserfolg wird mein Erfolg sein; den ich andererseits kaum mehr erwarten kann. Doch noch beschämt er mich durch seine ungebrochene Stärke und Disziplin, wie er locker und leicht (vor der brünstigen Meute Spinner) Schaum schlägt. Alle Achtung, Kretin!

4
Als sie mich fragten, antwortete ich 'Zapata'. Gut sagten die, mehr müssen wir nicht wissen. Das war in Belgien, weil ich weg musste. Und zwar möglichst schnell und weit. Und es ging weit: Nicaragua, Bolivien, - wer weiß schon, die Nigger sehen hier wie da alle gleich aus. Egal. Es war jedenfalls da, wo deren Mafia sagt was wegen Rauschgift und Hilfsgütern aus aller Welt Sache ist, wir den aber zeigen sollten, wo es in echt lang ginge ... wie das Söldner eben so machen. Gegen gute Bezahlung Leute killen. Und ich war dabei. Über sieben Ecken vom CIA bezahlt. Diesen linken Schweinen. Wie ich später wusste.

Es war der Typ auf dem Plakat, den wir suchten. Mütze, Stern an der Jacke, Bart. Kurz - ein Arschloch mit Idealen. Vermeintlich.
Wir griffen ihn uns auf dem Flughafen. Genau am Tor des Friedens. Eine satte Salve aus dem Heli, - dann cash. Den neben mir traf es im Steigflug Nähe Kreuzbeinbasis. Er machte auf gelähmt, schrie. Er störte auf Dauer. Bei 1.200 Fuß warfen wir ihn raus. Sein Cash wurde geteilt. Noch jemand ohne Fahrschein, grinste Roman sein nervendes Grinsen dazu. Denn er war unser Boss. Nicht nur deshalb grinsten alle retour.
Ich nicht. Ich wusste warum, - vom großen X, wenn wir landen würden. Sie uns die Kohle wieder abnehmen wollten. Frontal an die Mauer gespickt, Arme auseinander. Hände gegen die Wand. Beine gespreizt. Und einer ihrer Bluthunde einem versuchen würde die Eier abzubeißen. Nur so aus Spaß, du Idiot ... und die Brüder um Roman wetten darauf ... mit deiner Kohle!
Dann dieser ungeile Ton. Ein hohes Sirren. Quälend, wie wenn einem ein irre gewordener Moskito im Ohr sitzen würde. Voll, platt, fett im Sound – und unrealistisch. Lediglich getoppt vom abrupten Ausfall der Motoren des Heli. Dieser geisterhaften Stille für einen Atemzug. Bilder in alptraumhaften Sekunden. In diesem schweigenden Meer vor dem Chaos. Gewitter ohne Donner, Blitz und Regen. Vom Sturm abgestürzter Wind in das Nichts im Zentrum eines Hurrikan. Mitten in die Leere eines zerbrochnen Spiegel hinein. Dann das höllische Gekreische im doppelten Überschlag der Kabine vom Heli. Zerbrechende Bäume. Dieser abrupte Aufschlag, wenn einem das Blut in der Lunge kopfüber steht. Berstendes Blech. Der Gestank von Tod und Mensch. Hölle und Teufel. Mit dem ich umherwirbelte, getränkt vom umherspritzenden Bananenschnaps, klebrigem Schweiß. Karussell in die Höhe. Und wieder runter. Rauf. Oben ich. Roman unten. Und umgekehrt. Roman, der schon beim ersten Drunter und Drüber nicht mehr grinste, sondern sich einpisste, kackte, stank, Blut kotzte - und mir seine Seeche bei der nächsten Drehung voll in die Fresse kleisterte. Der mit seiner sichtbaren Angst, einem heimlichen Kommando gleich, das Geschrei der anderen Typen auslöste, die darauf hinter den umher fliegenden Dollars herjagten. Während ich im Getümmel von Ausrüstungsgegenständen und den sich selbstständig in die Luft entladenden Waffen bedroht wurde.
Die Zukunft Vergangenheit wurde, in mir die Durchdringung von Oberfläche geschah. Innen ein Innen im Außen war -, als eine Handgranate explodierte. Rauch durch die Kabine zog. Vom Rotor aufgewirbeltes Öl. Dessen eingeatmet Dämpfe ausgehustet, erbrochen in die kreischenden Schreie von Metall. Auf Blätter von uralten Palmen. Sich ein blutiger Armstumpf an mein Gesicht pappte. Ein zahnloses Maul dahinter -, darin ein stummer Schrei um Hilfe. Darüber tote Augen. Brennende Haare. Benzingeruch. Benzin!, ... ach du meine Scheiße! Diese flammende Erinnerung authentischer Erfahrung ungefragter Auskünfte aus der Zeitentiefe in mir. Der plötzliche Aufbruch von Narben. Hautfetzen. Vertrauten Wunden. Der Gedanke sterben zu müssen. Direkt aber fahl dagegen die frühere Sprache baldigen Todes. Im Jahr 1974. Der Anschiss auf einem Flughafen in Tansania, mit einem Gewehrlauf im Rücken. In einem Schuss, der auf der Suche nach einer Herberge in mir durch mich hindurch rotierte. Der auf Synapsen traf. Ein unendliches Loch riss. Mich mitten durch ... inmitten hindurch. Mich! Und mein Gedächtnis dazu immer wieder die einzig wichtige Frage brannte, auch heute noch: was ist wirklich geschehen? Doch keine konkrete Antwort. Und wenn -, alle die gipfelten in: ich weiß es nicht! Immer wieder! So lange, bis die Fragen an ihren Antworten schneller starben als ich ... und lediglich neue Narben vom Gestern hinterließen. Diesen geilen Duft von Revolution. Jugend. Sex ohne Ende. Mit Kribbeln am Druckpunkt. Später Filzläusen. Freiheit in einem Blut, das sich aus allen möglichen Adern strömend mir ins Auge drückte. Bäume näher kamen. Rostroter Boden. Satt grüne Bananen. Bunte Schmetterlinge in Massen ... Roman, der wie müde halb auf mir lag, als sich die Maschine stabilisierte. Deren Rotoren sich im Fallwind drehten -, als ob sie wieder Schwung aufnehmen würden, dachte ich. Aber es geschah nicht. Nichts geschah. Wir stürzten ... nein, wir waren doch längst unten ...! So sicher wie ich sicher war den Monache Tiger brüllen zu hören ... und alles in mir nach Liebe suchte. Wirklich alles. Ich bürge dafür mit meinem jetzigen Namen: 'Zapata'. Das Tigergebrüll kam aber von Arschloch Roman, der seinen letzten Aufstand anführte. Und statt leise vor sich hinzu sterben, wohl in der Hoffnung Mitgefühl zu ernten, sein Herz von Stein ausdrückte.
Ich hätte das Schwein einfach so erschießen sollen. Er hat das schon durch die Vergewaltigung des Knaben neulich locker verdient - und auch wieder nicht, denn langsam leidend stirbt sich auch gut. Und richtig, fünfzehn Minuten später war von seiner Seite her Ruhe. Genau diese Stille übertrug sich auf mich, der ich war zwar nicht ganz weg, aber auch nicht ganz da war. Schließlich aber in der Lage, die Millionen Fliegen zu merken, die im Kampf mit den Ameisen an mir um mein Leben rangelten.
’Hoch, du musst hoch ... weg von hier ...’ Also hebelte ich mich mit Händen, Füßen und dem Lauf der Uzi aus den Trümmern des Helikopters. Hockte auf dessen Motorblock, der noch warm. Während am Himmel Geier im Überschalldonner rauften. Metallener Strahlenglanz der Aura Bürgerkrieg. Diese unheimliche Mission, die mich hergeführt hat. Kapital gegen Sozialismus. Marx mit Motz. CIA an Coca Cola. Ich dazwischen, ein flüchtiger Straftäter, - nun Söldner wegen der Kohle, der Sache, dem Recht auf Anonymität. Dem Wunsch in der Scheiße zu sitzen, um zu sühnen. Und ich saß - und sühnte. Dann stand ich. Mit nur ein paar Schrammen. Blickte mich um, sah Rauch in einer Lichtung, die der explodierende Helikopter gerissen hatte. Sah Liter Blut, das den Boden dunkel färbte, Kilo verbrannten Fleisches - und im halb Dutzend weiße Knochen, die wie vom Salz getrockneter Tränen gepökelt schimmerten ... Und wusste Dollars. Tausende Dollars in den Taschen der Toten. Zehn Minuten später waren eine Menge davon meine, schallte ich mir die Uzi um, mehrere Gurte Munition, einige Handgranaten, Kompass und das Überlebensset vom Helipiloten, dem ich hinters Ohr schoss, als er wegen der Ameisen und Fliegen stöhnte, zuckte, mich um Erlösung bat, weil die Viecher ihm die Augen leer fraßen. Das werde ich nie vergessen. Niemals!

... wenn der Krieg vorüber
lass mich sterben
Mutter,
denn ich will da niemals wieder
hin

„Woher willst du das wissen? Du bist nicht mal dabei gewesen!“
„Doch, ich war. Ich war von Anfang an mit dabei. Habe alle Schlachten geschlagen, bin alle Tode gestorben - um jetzt in Ruhe zu sterben; aber erst nach dir, Patrick! Und weit nach Mitternacht.“ Dann schleiche ich mich auf Zehenspitzen davon - wie ein Dieb, während drinnen die Party um Pat weitergeht. Und ich schäme mich fast für all diese Leute. Diese billigen Klatschreporter, die die Wahrheit nicht kennen. Und die, die sie kennen, denen ist sie egal. Unwichtig, wie das silberne Kreuz. Erbstück von Großmutter, nach deren Krebstod. Doch auch meins liegt schon lange im Müll, beim Grunde. Und so hohl wie ich bin, ist deshalb zumindest auch jeder Zweite von denen. Vollkommen isoliert und einsam. Stellvertreter einer gottlosen Gemeinschaft. Alles Leben. Alles Liebe. Und wenn man tötet, geht es einem wieder gut. Sagt dazu der Psychiater. Für mich kommt das nur bedingt in Frage. Denn bei mir hängt das eigene Wohlbefinden vom Opfer ab. Und Wohlsein fühle ich nur, wenn ich daran denke, Patrick zu töten. Denke ... Bisher. Weil ich auf die innere Stimme nicht per Befehl höre. Schließlich spielt eine Katze auch erst mit der Maus die Nummer Lohnarbeit versus Liebesleid. Oder anders: Ich habe mir Patrick ausgesucht, nachdem ich mir Patrick nicht mehr habe aussuchen können. Will sagen, der Wunsch ihn zu töten war ab Null einfach da. In mir! Ich höre Sie schon sagen, dass mich zumindest eine paranoide Persönlichkeitsstörung kennzeichnet. Das stimmt auch. Ich streite es gar nicht ab. Doch meine Krankheit bezieht sich nur auf Patrick. Und die Stimmen, die ich höre, zielen in ihren unzweifelhaft zynischen Kommentaren nur auf ihn. Ich meine, ich habe die mir nicht ausgesucht. Wie die schwarzen Gedanken, wenn ich mal in meine Kinderwelt eintauchen darf ... und die setzen mir ganz schön zu, in ihrer absurden Aufforderung wie Patrick wann zu töten sei. Und erfolgreich muss ich auch noch sein -, sonst werde ich bestraft.
Nun, nicht jeder hört ja einfach so Stimmen. Bei mir sind es flüchtige Momente der Begegnung, mit flüchtigen Typen. Einige Opfer von Pat sind da drunter. Die reisen von weit her extra an. Da drunter auch Selbstmörder, die seinen ’Psycho’ Roman nicht aushielten. Fünf Stück davon sprangen nachts gemeinsam von einem Dach in New York. 56ster Stock. Da bleibt nichts über. Nicht mal der Taxifahrer, ein stabiler Mann mit Kutte der Angel an, auf den zwei von den Springern rauf sind. Lediglich dessen Hund hat überlebt. Und den kennen Sie ja, denn den habe jetzt ich. Easton, - ein ganz lieber ... Der mir hilft mein verkorkstes Leben in den Griff zu bekommen. Die verschrobenen Ecken meiner unebenen Seele zusammen zu schieben. Um mir zu vergegenwärtigen, wie Patrick seine Opfer aussucht. Woher der Auftrag kommt, den die Stimmen vermitteln, damit Leute sich umbringen, oder töten. Warum man überhaupt an Depressionen leidet. Wie sich eine eher harmlose Neurose in Hysterie verwandelt. Vom Schutzengel in den Anti-Schutzengel. Und ob das alles (noch) Sinn macht, in dieser oberflächlichen Scheiße. Gegen die nicht mal (mehr) Pfundweise mein Antidepressivum hilft. Immerhin lernte ich meine Entscheidungen zu akzeptieren, und nicht nur irgendein Gefühl über warum, wieso, weshalb zu empfinden. Wie zum Beispiel über Clay, das Megaarschloch.
Sie kennen Clay? Den von ’Unter Null?
Reicher Eltern Upperclass- Yuppie- Kind. Aus einem geplatzten Kondom ins Leben geschleudert, frei von jeglichen sozialen und anderen Verpflichtungen. Sex, Drogen, Gewalt, irre auf Kicks. Und sonst nichts. Unfähig, Befriedigung - oder nur irgendein Gefühl zu empfinden ... Nur Langeweile und Leere im Kreislauf.
Ja, ich kann die Wellen derer täglichen Gewalt an das Ufer meines Verstandes donnern hören. Das ängstliche Japsen eines jungen Hundes.

5
Jeder weiß, dass weltweit und aufs Neue Jesus gesucht wird. Dieser irre Typ. Der träumt, vom College in Neuengland ins sonnige Dasein zurückzukehren. Meint, dass er stellvertretend für eine rundum versaute Gesellschaft steht. Und der später, wegen der Erlösung der Welt (’Urbi et Orbi’ wünscht der Papst) sterben soll. Also genau jener, der später bei Partys und in Parks ungeschützten Sex mit männlichen und weiblichen Facebook Freunden hat. Drogen- und Alkoholexzessen frönt. Der bei Stock Car Rennen mit dem Porsche Cabriolet seines Alten den Tod sucht. Der seinen Meister somit nicht in Rom findet (vielleicht noch an einem Ölbaum der Via Appia, was?), sondern auf löcherigen Asphaltstrassen im versauten Berlin, um der Langeweile und der Leere (wenigstens für eine Zeit) zu entfliehen. Um nach einiger Zeit voll im Weizen als Teil des Kreislaufs wiedergeboren zu werden. Und das in Reinkarnation von Blair (natürlich!), die seines Freund farbige Freundin ist - und mit der auch schon ... Die aber sowieso rumvögelt wie Sau. Mit jedem! Und dann könnte er ihre Röcke tragen, sich schminken bis zum Abwinken, im Sitzen pinkeln, ohne das sein Ding in der Sülze hängt, und fast jeden Kerl der Welt haben. Jedes Girl. So wie auch sich selber. Seine ehemaligen Eltern. Seine toten Brüder und Schwestern. Und Igor. Capitain Arschloch. Diesen integrationsunwilligen lettischen Russen mit deutschen Pass, der spätestens nach zwei Flaschen Wodka tanzt wie ein Derwisch. Und noch nackt dazu. Damit hat es sich dann aber auch für (den) Jesus (aus USA). Denn die Zukunft beißt sich Happenweise Stücke aus der Vergangenheit. Trinkt ratze putz seine Kinderseele leer. Fühlt er sich von seiner Sippe und Freunden verlassen. Erwacht im bepissten Berlin. Und kurz darauf fängt es auch noch in echt an zu nieseln - und seine Großeltern sterben. Beide auf einmal, wie im Märchen.

Im Kinderheim muss er sich hinten anstellen. Im Stockbett der Kinderpsychiatrie, jede Nacht von oben voll gepinkelt, im unteren Bett schlafen. Und hört sich dort erstmals fragen, ob das nicht alles egal sei, ob er hier oder da ... Und ob seine Horrorträume von den Medikamenten kämen. Bis endlich der Wagen vorfährt. So ein großer, langer mit zig Türen und silbernem Stern auf der Haube. Ledersitzen. Gemaserter Holzarmatur. Ein fetter Chauffeur in Uniform mit Mütze sich rausquält. Dann seine neuen Adoptiveltern aussteigen (was er da noch nicht weiß). Alle einsteigen, der Chauffeur jedes Mal die Mütze abnimmt. Und später alle zusammen (aber ohne Chauffeur) mit Schnee an Tannenbaum, Truthahn, Koch und Dienstmädchen, einem Sack voller Geschenke in einer Villa mit 37 riesigen Zimmern ein herrliches Weihnachten feiern. Und er, den sie ab nun Max nennen, nicht nur deshalb den Namen Jesus ablegt, sondern auch die Strandmusik in Malibu vergisst. Das Surfen auf Riesenwellen. Braun gebrannte Mädchen. Albern mit Freunden. Und er nach und nach auch an Rip, seinen Bruder, - der mit den abstehenden Ohren, nicht mehr oft denkt. An Kro, seine Schwester. Adlernase genannt. Wie den Rest der Familie, die allesamt bei dem Unfall mit dem Monster Truck auf der Route 66 verbrannt sind. Während ihn wellige Hautfetzen jucken. Egal wie das Wetter ist. Was er sich auch ein paar Jahre später nicht erklären kann. Nicht das Wort Koma. Liebe. Herzschmerz. Freundschaft. Großeltern. Dafür Trunkenheit am Steuer. Ratzeputz. Und ähnlicher Scheiß. Er dazu die Worte ’fuck you’ benutzt. Deren Einsatz immer öfter, immer schneller mit blauen Augen prämiert werden. Bis dann die Nase gebrochen ..., und er im Dreck der Straße liegt, zum monströs blutigen Himmel hoch schaut. Und dann Teddy (der ein Freund von Patrick ist, sagt der) mit diesem Suggar- Daddy- Mädchen- Typ am Arm (die auch eine Freundin von Patrick sei, behauptet die) in sein Sichtfeld gelangen - ein neues Leben beginnt. Er mit denen täglich in den Tango Club mit dem sauguten Namen ’After Hors’ fährt, um bis zur Bewusstlosigkeit cheeck to cheeck mit dem Mädchen zu tanzen. Sich peau a peau zu betrinken. Irgendeiner Trude beim Rausgehen die Perücke vom Kopf reißt, um reinzukotzen - sich das voll gekotzte Ding dann aufzusetzen. Jedes Mal, ey. Und das Mädchen von Teddy (die angebliche Freundin von Patrick) sich darüber scheckig lacht. Kein Wunder, betrunken wie die ist, um ihm dann überraschend an den ... zu greifen, zu fragen, ob er mal mit ihr will? Die Antwort nur ’klar - Mann’, lauten kann, ’die ganze verfickte Zeit schon ...’ Dann beide im Stehen, im Haustor neben der Bar, vögeln, bis ihm die Beine wegknicken. Irgendwann der Mond vom Himmel fällt.
’Mensch du! Ich dachte, du würdest im Koma liegen’
’Supi, Alte. Volltreffer!’
Dabei fahren sie nur im Kreislauf. Und irgendwann kommt mit Blaulicht und Horn die Polizei. Doch da ist der Sportwagen nur noch ein Haufen Blech. Das Mädchen und Teddy verschwunden. Und ihm hat man bisher 34 Mal oder so vergeblich den Magen ausgepumpt.

6
Ich bilde mir ein, Patrick gesehen zu haben. Der im ’Trent’ sitzt, und wohl was essen will. Jedenfalls macht er einen irrsinnig hungrigen Eindruck, schwenkt seine Arme hin und her, redet, lacht und betatscht zwischendurch eine superblonde Blondine, die ich schon mal irgendwo gesehen habe. Doch wo? Jedenfalls meine ich, die zu kennen.
Sitze dann hinten am Ausgang, und habe nun ganz genau Pat im Auge. Kann, als die Blonde an mir vorbei zur Toilette geht, deren Parfüm riechen. Konservieren. Einiges später, die Blonde ist vom Klo zurück, fällt mir ein, dass die zu Madame Mimis Begleitservice gehört, Cher heißt. Ich habe die auch schon mal gebucht. Nicht nur weil Cher glanzvoll Piano spielt, am Liebsten ’Somewhere in Time & Rachmaninov Concerto No. 2 mov 4’. Und wegen dem und jenem auch Patrick genau ins Beuteschema passt.
Erinnerungen kommen hoch. Seelisches Elend. Die Vergangenheit, - zäh wie Sirup. Kopf im Asphalt. Doch verschwinden die im Schein des Gefühls, unvermutet intensiv berührt worden zu sein. Andererseits handlungsunfähig, gefangen in Passivität einsam zu frieren. Im Wissen des Sehen, Stehen und Bleiben, ohne sich rühren zu können. Und das bis zu dem Zeitpunkt hin, als der voll geile Patrick mit der nun schon mächtig angeschickerten Blonden am Arm laut lachend das ’Trent’ verlässt.
Wenn man beide so sieht, kommt man nicht auf die Idee, dass Patrick ein Serienmörder ist. Und die Blonde sein nächstes Opfer. Nein, wenn man beide so sieht, hält man sie für ein Ehepaar, das bei einem guten Essen und einigen Drinks den weiteren Verlauf des Tages besprochen hat. Nur wenn man weiß, wie ich weiß, kann man sich das Ende vorstellen. Denn im Grunde ist der Massenmörder ein Spießer und die Blonde eine Hure. Zwar eine der besseren Sorte. Doch eine Hure. Wie Patrick ein Mörder ist - und bleibt. Ein Serienmörder. Dazu mit grauenhaftem Musikgeschmack. Denn Patrick gefällt zum Beispiel ’Somewhere in Time & Rachmaninov Concerto No. 2 mov 4’ nicht. Der hört lieber Rammstein. Eventuell, weil auch deren Musikgewalt ein ’stummer’ Schrei nach Liebe ist. Und es deren Fans nicht anders geht. Denn warum erhalten Killer im Knast die meiste Post. Vergewaltiger Päckchen mit blutigen Slips. Kinderschänder Körbe von Puppen ohne Kopf. Lieben Frauen Frauchen mit Hund?
... doch wenn ich erst neben dir gehe, meine Fiktion lebe, Patrick, dann sieh dich vor. Denn auf Sonntag folgt immer wieder Montag. Und auf Montag ... mein Mischungsverhältnis aus Realität in Erfindung für den Rest der Woche. Ja, wenn ich neben dir gehe - Schritt an Schritt, Fuß bei Fuß, Schulter an Schulter, Arm in Arm, Hand in Hand - ist es zu spät, Patrick, dann küsst dich der Tod. Aber den kümmert das (vorerst) nicht. Der geht weiter, schleppt die unentwegt plappernde Blondine ins Hotel Dispens, um mit ihr chinesisch Schlitten zu fahren, wie weiland schon der alte Simmel.
Und ich bin auch dabei. Beethovens Sinfonie Nr. 5 in der Originalbesetzung - mit einer Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Fagotts, einem Kontrafagott, zwei Hörnern.

Ich nehme die Schlafmaske ab, klappe den Monitor ein und bereite mich auf das Verlassen der Bordtoilette vor. Gleichwohl, ich bleibe dabei: Brüssel ist das schlampigste Teil Stadt meiner Erinnerung. Scheußliche Klos überall. Über die die Exkremente in die See geleitet werden. Fürchterlich. Erst weit hinter Brüssel kommt Paris. Und noch was: landen in Paris ist nichts für Klo-Machos. Fragen Sie bitte nicht warum oder wollen Sie sich als Tunte outen? Ich, jedenfalls, freue mich auf ein frisch geduschtes Ding im Klo mit Mona. Und auf die Bausünden der Nachkriegszeit. Dann Bier trinken im Freien. Denn nicht nur in Kreta ist es warm. Nein, das Leben ist überall eine einzige Baustelle. Gut, nicht immer zeigt sich auf den ersten Blick was Blumentapete und Granitgestein so verbergen, - aber...

Mona lernte ich übrigens auf dem Damenklo in Orly ’richtig’ kennen, - und auf meine Art lieben. Und Mona erwartet mich auch gleich. Raten Sie wo. Doch raten muss letztlich auch ich, denn Orly ist groß - und hat eine erkleckliche Anzahl Damenklos. Sie ahnen es schon, was? Ja, stimmt, Mona und ich sind nicht fest verabredet. Jedenfalls nicht örtlich. Wir suchen und finden uns nach Lust und Laune. Ganz wie beim allerersten Mal. Und genau deshalb verlasse ich den Flieger auch als Erster. Mona zuletzt. Denn Mona ist der Flugkapitän und muss sich erst noch umziehen. Ich bin ihr Co. Und fast nackt. Nun, kommt Ihnen was ich meine, oder? Wenn nicht, macht nichts, kommen wir eben nachher zusammen. Dazu können Sie sich schon mal frei machen, Lady. Zumindest den Schlüpfer ausziehen - um Zeit zu sparen. Den Rest der Klamotten später, - wenn ich JETZT rufe! Denn Geilheit hat mehr als nur ein Gesicht. So wie surreale Gemälde. Wobei ich dagegen mit der Kamera agiere. (Euch) Tiere beim Akt zeichne. An die Wand platziere, und so lange experimentiere, bis nur noch die Wand zu sehen ist. Das Blut. Die Quelle zur Psyche. Eure Seelen, - Freunde. Stilisierter, grotesker und abstrakter als alles. Dazu Amor und Psyche, diese unheiligen Zwillinge. Die bei mir nur noch Körperteile sind. Ein Fuß oder eine Hand -, wie aus dem Nichts. Denn Gesichter wie Blicke sollen in meinen Fotos nicht dominant daher kommen -, schließlich sollen Träume entstehen, Gestalt annehmen. Und je mehr, je älter ich werde, jage ich diesen genetischen Defekten nach. Gottes Fehlern. Diesem absurden Theaterstück Leben genannt. In dessen Adern Höhlenmalerei, Kritzelei, Pfeile durch Herzen, Strichmännchen, Tätowierungen von Skateboardfahrer wie Rauch im Nichts zerfließen. Auch Hass und Intrige. Unverschämtheiten ohne jeglichen Respekt. Die von euch mir im täglichen Leben hingeworfen, als wäre ich geistig behindert. Oder abstrakte Kunst. Kunst, die in mein Hirn durch eine unsichtbare Mittelohrkamera eindringt. In Bildern, deren Anblick man nie vergessen wird. Diese irren Blicke in den Irrenanstalten. Die im rechten Winkel abstehenden Arme, Beine, Zehen, Ohren, Brüste. Wulstige Lippen über offenen Maulhöhlen, aus denen Hirnmasse rinnt. Geräusche, als wenn die Titanic untergeht. Haut, die wie Wurstpelle irgendwo liegt. Verformte Torsos aus Brot. Gestopfte Hälse. Ausgelutschte Augen. Klaffende Schädel. Offene Bäuche. Provokationen, die breiter sind als Hemden in der Mangel - und voluminöse Speichelflecken haben. Die (eklig grau) vollgesamt sind. So was von schmutzig, dass die nie mehr weiß werden. Die den Endtag der Welt verkünden. Als ob jemand durch die Luft laufen könnte, über Wasser, um uns zu vergeben. Doch es bleibt dabei, dass das Leben ein gigantisches perverses Theaterstück ist. Inzucht, Inzucht, Inzucht, - a la Dresie and Casie. Was ich aber am Fick mit Mona besonders interessant finde, ist die zwanglose Gestaltung des Spiels mit (unmittelbarer) Einflussnahme. Das Wählen und Entscheiden was, wo, wann und wie das Umfeld aussehen soll. Nein - nein, es muss nicht immer die große Nummer sein. Es muss die Größte sein! Jedes Mal! Immer mehr! Denn wir folgen unserer Inspiration, lassen uns treiben, gehen einen unsichtbaren Pfad - der andererseits alle möglichen Ausflüge und Abschweifungen gestattet. Deswegen ...
Und wenn Sie Glück haben, begegnen wir uns mal irgendwo in (einem Klo) der Welt. Schon die Vorstellung daran erregt Mona und mich kolossal. Es wird also ein grandioser Fick heute. Ich bin mir 100 Pro sicher! Und morgen dann Dubai. Fliegen Sie doch einfach mal mit uns, sehr geehrte Damen und Herren. Dann sieht man sich in Natur. Wo immer Sie wollen - wird der Albtraum real. Versprochen. Und dazu ein großes Ehrenbussi!

7
Um von der Buchhandlung Harder die Tickets zur Lesung von Patrick abzuholen, schicke ich Max.
„Nimm einen von den Rolls!“
„Ja, Master!“
Eine Stunde später frage ich Erna ...
„Hast du was von Max gehört?“
„Kein Wort“, schnarrt sie.
„Wo der Kerl nur wieder bleibt ..., Erna?“
Zehn Minuten später fährt Max im Taxi vor.
„Max! Was ist passiert?“
„Die Karten habe ich, Master, aber der Rolls ist weg!“
„Was heißt ’weg’?“
„Gestohlen!“
„Gestohlen? Mein Rolls?“
„Ja, Master ...“
„Welcher ist es denn?“
„Der Brombeerfarbene.“
„Ausgerechnet - bist du wahnsinnig ...! Den habe ich für heute Abend doch schon schmücken lassen.“
„Tut mir Leid, Master!“
„Tut mir Leid - tut mir Leid ... Sag mir lieber, wo wir bis heute Abend einen neuen herbekommen.“
„Wir haben doch noch drei im Stall, Master.“
„Aber keinen in Brombeer!, verdammt!“
„Tut mir Leid, Master!“
„Hör auf mit dem tut mir Leid - tut mir Leid ... Ruf lieber den Rosstäuscher an und frage nach, ob wir einen kaufen können!“
„Natürlich, Master, - kaufen. Das ist die Idee des Tages.“
„Max, keine unnötigen Späßchen, du weißt doch, dass ich in gemieteten Karren nicht fahre. Und Gräfin Cira kann ich das schon überhaupt nicht zumuten.“
„Ich weiß, Master!“
„Dann kümmere dich darum. Aber pronto!“
„Habe ich schon - doch leider ...“
„Wieso leider ...“
„In ganz Deutschland steht kein Rolls in Brombeer zum Verkauf.“
„Und im Mutterland der Rolls?“
„Nur ein Vorführwagen ...“
„Max! Ich bitte dich!“
„Ich weiß, Master.“
„Mein Güte, ist das peinlich, nun muss ich Gräfin Cira bitten, ein anderes Kleid zu tragen.“
„Welchen wollen Sie denn nun nehmen, Master?“
„Da muss ich erst die Gräfin fragen!“
„Gut, Master, dann lasse ich vorsichtshalber alle drei schmücken.“
„Gute Idee, Max. Vorher sage aber Erna Bescheid, sie möge mich mit der Gräfin verbinden!“
„Mache ich.“
„Und wenn du meinen Smoking checkst, achte drauf, das Easton dem nicht zu nahe kommt.“
„ ... immer noch die alte Sache, Master?“
„Ja, immer noch das leidige Thema!“
Das leidige Thema begann mit einem Spaziergang meinerseits (mit Hund Easton) im Park von Sanssouci, den ich, um Easton auf Kaninchen zu hetzen, deshalb extra habe absperren lassen; allerdings die Gräfin von Sanssouci unterschätzte, die mit ihrem haarfreien, chinesischen Nackthund im Gefolge die gleiche Idee hatte. ... obwohl ich mich immer noch frage, wie zwei bis fünf Zentimeter hohe Nackthunde Kaninchen jagen ... Mein Irrtum des Tages aber darin bestand, das Easton, als er den Mininackthund filettiert anreichte, mir nicht zu verstehen gab - weil ich ihn nicht fragte -, dass es sich bei dem Köter der Gräfin um einen Nackthund handelte. Und ich deshalb verzweifelt den Balg des Tieres suchte, um den mit Vorzugsaktien Gold, Öl und Edelsteinen zu schmücken, als sich mir die Gräfin ’Chu Chu’ lockend näherte.
„Sie da!“ sprach mich die Gräfin an, wie man Dienstbolzen anspricht, „haben Sie meine Chu Chu gesehen?“
„Leider nicht, Gräfin.“

... die Gräfin Sanssouci, liebe Freunde, ist mir von einer der legendären ’Black in Black Mitternachtsmodenshow’ von Joop bekannt (der, inzwischen von seiner Tochter obdachlos gemacht, im Kellergelass des Schlosses der Gräfin wohnt, wie man munkelt), während die Modenshow ihren weltweiten Ruf darin begründet, in vollständiger Dunkelheit stattzufinden ... erzählt ein Herr Lagerfeld.
„Ist Chu Chu ihr Hund, Gnädigste, wenn ich fragen darf?“ Während ich hinter dem Rücken Max auf heftigste winkte, zu verschwinden, da der im Weidenkorb Marke ’Dessert In’ zwischen Cleveland Wedding Cakes aus Ohio und 1928er Krug Champagner das filetierte Teil von Chu Chu verwahrte und Mühe hatte Easton zu regulieren, der davor saß und herzzerreißend weinte.
... und da sagen Leute, dass Hunde keine Seele haben, - ein Kuckuck Ave Maria singen kann ... Nein, auch der Fuchs wechselt lediglich den Balg, nicht aber den Charakter. Auch deshalb ist das Waidloch komplett. Dazu benötigt werden: Mundschutz, Handschuhe, Holzfleischklopfer. Tacker, Messer, kleiner Seitenschneider, Luntenschiene, Wäscheklammer und Luntenholz. Doch das wissen Sie ja bereits.

8
Patricks Lesung ist gestrichen, tickert hektisch mein iPod; er säße in Haft wegen des Verdachts auf Vergewaltigung ... als ich nachfrage. Sitzt, säße? Verdammt, was hat das eine mit dem anderen zu tun? In USA wohl nichts, obwohl die dortige Justiz den Haftbefehl ausgestellt hat; Patrick soll angeblich in Schweden ... und die Schweden haben dieses fragwürdige Verfahren konstruiert. Doch den Erfolg einer solchen Klage darf man als zweifelhaft bezeichnen. Und die vorbestimmte Niederlage des öffentlichen Anklägers ist im Echo jetzt schon verheerend. Denn nicht nur ich sehe Patricks Millionen Fans im PC vor dem Kammergericht in Moabit demonstrieren. Ja, jetzt schon stehen tausend rote Nasen dort, und es soll überwältigender sein als am Feiertag gleichen Namens ...
Erst wollten sie Patrick mit einem Spionagegesetz aus dem Ersten Weltkrieg verfolgen, sickert auf Wikileags durch. Doch diese Überlegung wurde rasch gecancelt. Denn da kamen sich die Herren Mächtigen wohl doch zu angreifbar vor. Und ich muss Ihnen dazu gestehen, liebe Freunde, ich weiß überhaupt nicht um was es eigentlich geht ... Denn nachweislich war Patrick nie in Schweden, da ist es ihm viel zu kalt, wie ich weiß. Also kann es der US Regierung doch nur um seine vergleichsweise harmlosen Pornomörderbücher gehen. Obwohl, die Gewalt steigert sich im Verlauf des Buches so, dass ich es zeitweise weglegen musste. Und ich bin bestimmt kein ... und kann abartige Sachen durchaus ab. Und so fesselt mich sein Roman auch weiter, der ist, als hätte ich all den total kranken Gräuel selbst geschrieben. Ach was, diese blutigen Beschreibungen, die so einfach erscheinen, sogar selber ERLEBT. Ja, ich, der eine geniale Seriosität mit viel Aussagekraft und ein Herz für Gesellschaftskritik mein Eigen nennen kann. Der ich (dann irgendwann) ein verzweifelter, am Abgrund stehender Mann bin. Und im Showdown ein schuldiger Mörder sogar, von der Polizei gejagt, der in seiner Verzweifelung seinen Anwalt anruft, weil er sich der Justiz stellen will, - weil seine Mordlust überhand nimmt... Er deswegen seinem Anwalt (meinetwegen soll der Anwalt Meyer heißen, doch was habe ich hier schon zu sagen ...) den Anrufbeantworter voll quatscht und, weil der Meyer sich nicht zurückmeldet, zu dessen Haus fährt um ihn ... und danach den blutigen Anrufbeantworter einem Obdachlosen am Hauptbahnhof mit den Worten „ ...das Teil ist eines Tages Gold wert, du musst nur warten können, Bruder!“ schenkt. Ganz am Ende ist es dann seine Sekretärin Brian, ein Typ mit Bergen von Muskeln, der Sonnenschein in seine verkrustete Seele bringt. Der in ihm drin etwas zum Guten bewegen kann, indem er ihm einfach nur zuhört. Und plötzlich erscheint er auch mir völlig menschlich, der Patrick, seufze (ich) aus einer Anwandlung von Mitleid: PATRICK ... du Opfer der Gesellschaft, und der Zeit in der du lebst -, ich sehe nie wieder abfällig auf dich hinunter, versprochen ... doch zuvor musst du dich der Polizei stellen ...!
Aber da hatte er sich, was ich wegen einer Signalstörung im Orbit nicht wusste, längst in den Tagesablauf hinter Gittern eingebunden -, suchte gar schon Opfer. Hat mehr als ein Auge auf Harry, zum Beispiel, einen Betriebselektriker und vorbestraften Handtaschenräuber, der ausgebrannt, drogenkrank, am Tiefpunkt der biographischen Kurve angelangt auf seine Hinrichtung wartet. Zu dem Patrick tröstend „ .. dir kann geholfen werden, du unbekannte Schöne“ sagt.
Meine Güte, da sieht man mal wieder, das so Dinge wie Facebook nicht für jeden gut sind, denn Geheimnisse sollte man schon hüten, als wären es welche. Ich stelle deswegen erstmal mein iPhon ab und mache ein Nickerchen.
„Easton - komm ... Na komm schon ...!“

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Ein Krieg wird vererbt. Eine Handlung. Ein Mord. Ein Dasein. All das künstliche, anerzogene ist eine Anomalie. Verwandelt den Menschen in ein anderes Wesen. Zerstört die Persönlichkeit.

... es ist egal
wo der Soldat stirbt
wer ihn frisst
wenigstens man hat was
zum Knacken
zwischen den Backen ...

Ich bin leidensfähig. Ich bin so erzogen. Ich bin einer derer, die in den späten 68ger Kinderläden vegetierte. Dazu folgendes: Ich habe den Laden angesteckt, meiner Mutter ... das sage ich lieber nicht, meinem Vater in die Schnauze gehauen, Abitur gemacht - oder war’s andersherum? Vier Semester Medizinstudium eingeschoben, - und dann meine Bestimmung und Profession als Söldner gefunden. Ja, ich habe Menschen getötet. Für Geld! Für viel Geld! So wie alle es tun. ... ich habe. Und ich bin. Und schäme mich nicht dafür!
Ich kam aus einer Hütte in Medellin und warf im Gehen eine Handgranate. Das Mädchen muss sofort tot gewesen sein. Und irgendwie tat sie mir leid, wie mir die ganze Welt ab und an leid tut. Das Chaos. Doch es lag am Umstand. Es liegt daran. Es war Krieg. Es ist Krieg. Wir gegen die. Die gegen uns. Ich für alle.
Gegen Nachmittag rückten wir gegen das Dorf vor. Es war irre, war heller Tag, und doch stand ein voller Mond am Himmel. Blass zwar. Aber er war. So wie wir.
Mit dem Gesicht im Schatten von Palmenblättern, sah ich das Mädchen vor der Hütte; stupste Georg an.
„Sie wird 14 sein.“
„15!“ Meinte er.
„Du gibst mir Deckung, ich gehe hin!“ Nach 20 Minuten war ich mit ihr durch. Die Handgranate zündet ich ihrer Augen wegen. Ich konnte diese Verzweiflung in ihrem Blick nicht ertragen. Die Erinnerungen an den Kinderladen. Meine Mutter. Den Professor, der mal mein Vater war - und nie was auf die Reihe bekommen hatte. Nicht mich. Egal, ich bin damit durch. Ich schreibe darüber ... Und wenn man schreibt, trifft man die Idioten von gestern - die die Idioten von heute sind - die von morgen. Wenn man dann noch mit zwei Fingern schreibt, wie ich, kann man über die Kretins und die Umstände länger nachdenken. So habe ich auch mich kennen gelernt. Unsäglich blieb allerdings dieser Dingsda, ähnlich Patrick, dieses Genie im Verschnitt mit Wahnsinn. Und niemand wusste, was der eigentlich bei uns wollte.
Er weiß alles, sagte er über sich in der dritten Person. Schon das - krank. Oder? Und er schreibe alles auf. Vor allem das Überflüssige, wie ich später lesen konnte. Nach eigenen Angaben hat er Firmen beraten, - die legal betrügen wollten oder es schon taten. Passt zu ihm, würde ich meinem Kampfgenossen Georg sagen - wenn der noch lebte.
...nach meinen Menschenkenntnissen ist der Kerl Psychopath, impotent und pisst ins Bett. Ist Jude, Neger, hat ein Auge und tanzt in der Travestie vom Alcazar den Buckligen. Wenn überhaupt. Dazu lag er auch noch im Stockbett über mir. Doch das war’s nicht. Ich hasste Etagenbetten schon davor. ... der Typ muss einen halben Liter gepisst haben ... Als mich die ersten Tropfen trafen, war ich raus, riss ihn an den Haaren aus der Koje und trat ihn ins Gesicht. Danach rauchte ich eine. Dann kam Alarm. Meine Stiefel blieben blutig, bis der Einsatz gegen die Heroindealer beendet war. Das ausgelaufene Ei des Typen hatte unterdessen die Katze gefressen.
„Ich hab’s selber gesehen“, sagte Georg.
„Wirklich! Danach hat sie sich geputzt. Erst dann habe ich sie erschossen...“
„Mir machen solche Viecher Angst“, sagte ich. „Ich kann nicht ruhig schlafen, wenn was um mich herum kriecht.“
„Hast recht“, sagte Georg. „Weg damit!“
Es sind immer diese Typen, die sich auskennen. Immer. Ich meine, ein Satzeichen kann genauso gut Fliegenscheiße sein. Ein Bindestrich ein Hundefurz. Schokolade Scheiße. Doch diese Typen lassen nicht locker. Sie sagen dir, dass du ein Arsch bist, wenn du ihre Regeln nicht befolgst. Als ob ich das nicht wüsste. Das Gute daran, viele sind selber typische Ärsche ... Und ich will auch gar nicht wissen wo die hausen. Besser so. Für die. Für mich.
„Ein prima Versteck“, sagte Georg -, zog einen jämmerlich winselnden Köter aus einem herumstehenden Benzinfass.
„Kann ein Fila Brasileiro sein“, sagte ich.
„Stinkt nach Diesel.“
„Und sieht auch so aus.“
„Beißt aber nicht“, grinste Georg.
„Der ist auch noch jung.“ War ich der Meinung.
„Nimmst du ihn?“
„Klar. Fleisch zum Füttern gibt es hier ja genug.“ Und die schmutzigen Gedanken von Georg lachten dazu. Auch deshalb.
„Wie soll er heißen?“
„Tom, wie der aus der Niggerdisco?“
„Nee!“
„Tim?“
„Tim... Ja, Tim klingt gut, ist wie Struppi!“ konnte Georg sich bepissen.

Wir hatten die Ernte eines halben Jahres zu verbrennen. Ein halbes Dutzend Cocabauern stand dabei und fluchte. Und Georg hing ein Bündel der Blätterscheiße aus der Tasche. Er kaute so was. Ich nicht. Einer der Indios packte ihn deswegen am Hals.
„Gib mir mein Gras zurück, - Ziegenfick.“
„Dein Gras?“ höhnte Georg - und Blut spritzte ihm aus der Schlagader am Arm. Eine Zehntel darauf gab es einen trockenen Ton, wie beim Tennisspiel, wenn man den Aufschlag Sweetspot trifft, der die Situation finischte. Tim lag an der Erde. Tot. Keine Sekunde später lag neben dem Hund der Kopf des Indios.
Seine Machete steckte ich in den Gürtel.
„Wer weiß, wozu man die mal brauchen kann.“
„Ja.“ Sagte Georg. „Hast du mal ein Verbandspäcken?“
Ich begrub Georg einen Tag später zusammen mit dem Hund.
Ihre Namen ritzte ich in eine Holzlatte. Georg! Tim! Freundschaft! Feindschaft! Blutvergiftung! Vergangene Lieben - und so Scheiß...
„Der Körper ist die kontingente Form der Notwendigkeit meiner Kontingenz“, sagte in etwa Sartre. Patrick meint dazu: „Alles, was mich gemein macht mit den Unkontrollierten und Wahnsinnigen, den Grausamen und Bösen, all die Blutbäder, die ich verursacht habe, und meine völlige Gleichgültigkeit darüber, habe ich jetzt selbst übertroffen.“ Und darüber schreibe ich. Über Ziegen ... ficken mit 2 Fingern ... jenseits aller Regeln.

10
Patrick war schon der ’reinste Wahnsinn’, als er sechzehnjährig unter dem Namen seines Vaters an einem Prominentenschreibwettbewerb über sexuelle Vorlieben teilgenommen - und gewonnen hat. Und das, obwohl sich die Creme de la Creme der US-Pornostars am Wettbewerb beteiligt hat. Mit ein Grund für die Profis war das Preisgeld von 100.000 US-Dollar. Und ein Sexpartner frei nach Wahl. Nun ja.
Golddollar, nannte man Patrick wegen des Gewinns daraufhin. Eine Zeit lang. Dann Schnee Kakerlake. Warum Schnee Kakerlake, weiß ich nicht. Es muss sich dabei wohl um einen Insiderbegriff für Prostituierte handeln. Aber da ich zu der Zeit schon nicht mehr in USA lebte ... Ich werde Pat dazu befragen: versprochen!
Begonnen hat es mit dem verlorenen Schlaf, erzählt er. Dass er die selbst gemalten Bilder von den Wänden riss. Mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis zeigte. Arschloch. Drei Basecaps übereinander trug. Übergroße schwarze Kapuzenjacken. Muskel T- shirts mit Eastcoast- Skyline drauf. Flagship- Hosen mit Hängehintern. Bei denen es durch die Überlänge bedingt zu merkwürdigen Stauchungen auf den Schuhen kommt. Er sich seine DNA umpolen lassen wollte. Eine Turmfrisur züchtete. Alle Körperhaare entschwefelte. Hysterisch lachen musste, als hätte er auch schon einen dieser Gen-Defekte, die einen von außen nach innen umkrempeln. Amphetaminschluckern, ähnlich Ravern, die mit dem Rätsel ’wohin mit sich’, der existentiellen Frage ’ich fühle nichts außer Irrsinn’ experimentieren. Im Glauben sind ’ach, zwei Seelen wohnen in meiner Brust’ und in deiner sogar drei ... dieser Schizophrenie ... so gewaltig, tief und schroff. Die geil macht auf den inneren Hunger nach mehr. Wie Mengen von Gel auf den Handinnenflächen verreiben um es rechts und links vom Kopf in kreisender Bewegung übers Haar zu rubbeln. Im final Finish den Kopf nach vorne zu schütteln wie blöde. Von wegen Black- Eys- Herkunft. Ja, Leute, knapp zwanzig.000 User haben sich diese ergreifende Begegnung schon auf Your- Stube angesehen. Und die Suchtbeziehung wird extrem gesteigert. Mehr Stoff, hört man allenthalben, muss her.
Zurückblickend sind es aber nur Fetzen vom Schoß seiner älteren Schwester. Dazwischen sein Ich, als hätte er etwas krass Traumatisches erlebt. Und das er Jahre später noch geweint habe, wenn er sich den Videoclip dazu rein zog. Dann die pure Verstörung, als sein Es den Bezug zur Realität verlor. Die Mutter ihn über Monate mit: „Okay, hör auf, dich zu foltern! Stopp!“ quälte. So wie auch den armen Art Charter, den kleinen Bruder eines der Sänger der Back Street Boys. Von dem neulich dann auf Twitter Two ein erschreckendes Foto gepostet wurde, das ihn extrem abgemagert zeigte - und er Pat gegenüber zugibt, für die Jonny- Krimmel- Show zu hungern. Doch tatsächlich ist eine Vorentscheidung dazu längst gefallen: Halloween! Mit dem Preis der Wahl von Markenklamotten, High-Tech-Spielzeug und Medikamenten-Cocktails in Yuppie-Anzügen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Denn so kaputt wird man nicht über Nacht. Man muss daran arbeiten. Tausend Klimmzüge. Zehn Kilometer rennen. Hunderttausend Situps. Täglich! Und wenn das Spiel um Sein und Schein bei Pat losgeht, ist es fünf Uhr morgens. Auch Zeit für euch, Freunde, das Koordinatensystem zu wechseln.

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Ich filme. Sie und ihn. Mit Android-Apps. Stelle ins Netz, was ich bekommen kann. Denn nicht nur Smartphone kennt ihn wie er sich selber. Nein, auch ich! Wie er in diesem Moment aus der Badwanne steigt (ich bei ihm - wegen seines Riesen, Sie wissen schon - untenherum voll drauf halte). Er die Seidenjacke anzieht, drunter aber nackt bleibt, ihre Nippel zur Erektion küsst. Die roten Lederpumps mit Schampus Heidsieck füllt, das es spritzt und schäumt. Niemand meinen Seelenschmerz wahrnimmt, dass mein Herz mehrmals aussetzt. Ich dann richtig sauer werde - weil -, ich kenne Patricks Gespielin. Die ist eine meiner Creative- writing- Studentin. Und meine (fast) Eroberung von neulich; die ich aber nicht ins Bett bekam. Nicht mal mit Drogen (LSD). Das sture Weib ... und ich einen scheiß Abend allein verbrachte. Deshalb nun meine Depression. Die mir zwei Valium abverlangt (Blau). Fünf Liter Perrier. Zwanzig Einheiten Evian - womöglich - Viagra. Magnesium. Sonnenstudio. Eisbeutel, meinem Teint zuliebe. Denn ich kann Absagen auf den Teufel nicht ertragen. Fühle mich danach wie der letzte Dreck. Habe schweißnasse Stunden Schlaf in Horrorträumen zu erleiden (erlitten!). Ringe unter den Augen. Muss nun zusehen, wie er seinen Schwanz in sie steckt, der immer schneller rein und raus geht. Sie seine Stöße mit Juchzen und Stöhnen erwidert. Ihre Muskeln anspannt und dagegen drückt, dass es im Stirnbrett kracht. Während ich am Android-Apps fast schlapp mache. An antike Käsebrettchen und marmorierte Holzreiben denke, um mich abzulenken. An eine tausendjährige Keksdose aus (Sterling) Silber, die ich mir selber zu Weihnachten schenken will. Während ich die Queraufnahmen Penis, Hintern, Mund für Fakebock synchronisiere. Er als Fister, dieses Schwein, sie mit der vollen Faust von hinten nimmt und sich dabei mit dem Rüssel auf die tätowierten Unterarme stützt. Es weiter und tiefer geht - bis zu ihrem markerschütternden Schrei, um dann ihre Oberschenkel zu beknabbert als wäre nichts gewesen, während sie liegt und leise weint. Hallo - ist das sein wahres Ich? Oder ist das so was wie meine Traumwelt? Die Puppeninszenierung eines entarteten Künstlers? Ich weiß es nicht ... Weiß nur, dass ich die Spinne auf seinem Grab sein werde. Doch statt Angst zu erzeugen, wird sie von Patrick nur behauptet ... als er zum Beispiel schreibt: „Als ich ihren Namen wiederholte, wurde mir klar, wer sie war.“ Absatz. „Eine Warnung!“ Oder: „Grauen überlief mich, jetzt konnte alles passieren.“ Oder: „Ich sah nicht, was hinter mir war.“ Ich sage, dass das alles elender Käse ist. So schreibt ein zwölfjähriger Schulabbrecher mit Migrationshintergrund. So was druckt doch keine Sau von Verlag in hellbraunes Leinen auf Hochglanzpapier in einen schweinsledernen Katalog. Oder?
Ich höre sie gehen. Fange sie am Lift ab.
„Herr Professor!“ ist sie erstaunt.
„Milena“, fällt mir ihr Name ein.
„Was tun Sie denn hier“, fragt sie mich.
„Ich muss manchmal Abstand haben“, antworte ich, „vom täglichern Einerlei.“ Und das ist ja nicht mal gelogen.
„Und Sie - was tun Sie hier?“
„Ich? Ich habe eine Freundin besucht“, lügt sie. Während ich Patricks Samengeruch aufnehme. Ihre Scheidendünste. Davidoff und Nina Ricci. Ein Brilliantensplitter in ihrer Nase blitzt. Ihr goldenes Fußkettchen ’Verrat - Verrat’ klingelt.
„Eine Freundin -, eine hübsche Idee“, bin ich enttäuscht über ihre primitive Lüge, „und - was tun Sie nun?“
„Wir könnten an die Bar“, funkeln kokett ihre perlweißen Jacketts, „auf einen Drink?“
„Aber gerne“, wittere ich meine Chance, „ein wenig über alte Zeiten plaudern ...“ und ihr auf den Hintern glotze, als sie vor mir den Lift betritt. Meine Güte, was für ein Arsch, denke, und Patrick verstehen kann, dass er sie vorerst leben lässt.
„Sie haben es schon gemerkt, Professor?“ fragt sie, kaum das wir sitzen.
„Was denn?“
„Von meiner Krankheit!“
„Keine Spur“, muss ich zugeben. Und bedaure sofort, mich mit ihr in die dunkelste Ecke der Bar zurückgezogen zu haben, man weiß ja nie ...
„Wollen Sie wissen, was ich habe?“
„Wenn es Sie erleichtert, darüber zu reden ...“
„Das tut es. Vor allem wenn ich was getrunken habe.“
„Wir haben doch gerade mal den ersten!“
„Ich hatte schon vorher“, gesteht sie, „ ...bei meiner Freundin.“
Ja, ich weiß, du kleine Schlampe möchte ich ihr am liebsten sagen. Und dass ich auch weiß, dass ihr Pat den Hintern mit Heidsick ausgespült hat, ihr die Schampusperlen aus der Ritze lutschte ...
„Nun sagen Sie schon“, ermuntere ich sie, „so schlimm kann es nicht sein.“ Ziehe mir rechts Schuh und Socke aus und schiebe ihr unter dem Tisch meinen nackten Fuß zwischen die Beine -, den großen Zeh abgespreizt.
„Genau das ist es, Professor“, sagt sie, „ich stehe auf lange, dicke Zehen ...“
„Ich habe gleich gemerkt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt!“
„Ach, deswegen haben Sie mich neulich auch wie ein rohes Ei behandelt?“ flirtet Sie mit mir.
„Ja - ja“, gebe ich zu.
„Und was ist mit Ihnen“, fragt sie.
„Abgeschwächte Alice im Wunderland Symptomatik !“ lache ich, „von der Jimminösischen Linie meiner Familie übertragen.“
„Damit haben Sie es bestimmt auch nicht leicht, was?“
„Nun ja, es bestimmt vor allem wesentlich meine Sexualität ...“
„Wesentlich?“
„Ja!“
„Wie äußert sich das, wenn ich fragen darf.“
„Bei Schüben nach links - links werde ich furchtbar geil.“
„Und - sind Sie jetzt links - links?“
„Bin ich ...“
„Und was passiert rechts - rechts?“
„Dann bilde ich mir ein, wer zu sein, der ich nicht bin - und vergewaltige und ermorde Frauen.“
„Das klingt aufregend!“
„Das ist es auch ...“
„Aber wie können Sie links - links von nur links und oder rechts - rechts von rechts links trennen -, schließlich ist ein sexueller Akt immer auch ein wenig eine Vergewaltigung ...“
„Das stimmt. Doch leider gibt es dafür bisher keine befriedigende Antwort in mir.“
„Wollen wir die Antwort gemeinsam suchen?“
„Aber klar, fangen wir mit meinem Zeh an!“
„Gut ich schiebe ihn mir rein - und wir werden gemeinsam sehen, was passiert ...“
Während sie sich die Pussi reibt, um den Druck meines Zehs den ich zuvor mit einem zehn Zentimeter langen Butch-Harvey Verlängerungskondom überzog komplett zu machen, drücke ich mir durch die Hosentasche mit zwei Fingern so fest ich kann meinen Schwanz an der Kuppe, als wenn eine Giftschlange zur Entladung in ein Reagenzglas gebracht wird. Sie kennen solche Szenen bestimmt aus einschlägigen Tierfilmen der Neuzeit. Und mal ehrlich, welchem Mann haben nicht schon beim Zusehen wahnsinnig die Eier geschmerzt? Mir immer! Und genau so ist dieses Schwanzquetschen bei mir zur Obsession geworden - die ich ausübe, wo ich gerade bin, wenn mir danach ist. Und das Milena jetzt dabei ist, ist nachgerade ein Zufall.
Nach der Erleichterung, die mir keinen überwältigenden Höhepunkt bescherte, und um sie vor Patrick zu schützen, mich andererseits auf ihr - nach meinem Gusto - so richtig auszutoben, schließlich ist sie ein mehr als ansehnliches Mädchen, nehme ich Milena mit nach Hause. Easton freut sich schließlich auch über Frischfleisch. Doch zuvor muss ich noch einige Videofilme zurückbringen (Max hat mich darum gebeten). Und ich weiß natürlich das, wenn Patrick den Satz ’’Doch zuvor muss ich einige Videofilme zurückbringen’’ sagt, er einen Mord begangen hat, zumindest einen plant, oder schreibend damit beschäftigt ist.
Ein renommierter amerikanische Psychologe ist davon überzeugt, dass in bestimmten Situationen alle zu Gewalttätern und Mördern werden können. Bei mir gehört die Rückgabe von Videos definitiv nicht dazu. Denn danach bin ich zum Schänden zu müde ...

12
„Ich kann bei dir einziehen“ schlägt sie nach der Dusche vor, „wenn du willst.“
Eigentlich reicht mir Erna“, grinse ich, „und Easton. Auch Max ist nicht zu vergessen ...“
„Die können mir doch nicht das Wasser reichen“, ist sie überzeugt, „das hast du doch eben erlebt!“
„Ja, es war großartig“, muss ich zugeben, „aber Patrick hat dich ja auch darauf vorbereitet!“
„Was weißt du von mir und Patrick?“ Ist sie mittelmäßig erschüttert.
„Fast soviel wie über mich“, muss ich lachen, „aber jedenfalls mehr wie über dich ...“
Und dann bin ich wieder jung. Sehr jung. Und groß. Um die 100.000 cm aufwärts. Trage ein ultra weißes Hemd, einen kokonbleichen Seidenbinder, Jackett aus Taubenfedern, eine elegante, ölblaue Hose und spitze, blau weiß gestrickte Budapester Schuhe. All das schon vom Geldwert her mehr, als ich im Monat Unterstützung habe (Ich nenne jetzt bewusst nicht das Jahr als ich so arm war. Es ist aber mit Sicherheit die Zeit vor meinem großen Erfolg gemeint, - der sich ja problemlos erraten lässt). Kurz und knapp, ich sage ja zum Leben, will einen Job mit Karriereaussicht, später eine Familie. Einen großen Fernseher, Waschmaschine, 2-3 Autos mit CD-Playern, einen elektrischen Dosenöffner fürs Hundefutter. Einen Cholesterinspiegel in Maßen. Eine auf alle Zähne der Familie bezogene Zahnzusatzversicherung. Will den Scheck einer Bausparkasse. Haus. Boot. Geliebte. Zukunft. Life satt ... Doch was habe ich tatsächlich bekommen? Albträume! Nichts als die... Und immer ist mein Name dabei dann Patrick. Patrick! Ich werde noch irre an dem Kerl. Und das mir damals wie heute problemlos sein Klamotten mit dem eingestickten Familienwappen passen - und Melinas Möse nun auch noch. Echt, irgendwie scheint da genetisch was schief gelaufen zu sein. Eventuell haben wir in der Jugend den gleichen biologisch verseuchten Genmais essen müssen (oder den selben - sogar? Igitt ...).

13
Wieder erscheint mir das ominöse Licht. Sprengt meine seelischen Ketten. Und so sehe ich mir (jetzt bekleidet mit schwarzen Jeans, schwarzem Hemd, ebensolcher Jacke) in der Lobby des Hotel Esplanade beim montieren eines Videofilms zu. Scheint, ich muss mich sputen, denn es sind nur noch knapp zwei Stunden Zeit bis zu Patricks Computerpressekonferenz zu der ich eine kleine Überraschung vorbereite. Will nämlich der versammelten Meute von den erschütternden E-Mail Tsunamis auf Pats Laptop berichten. Über sein iPod, iPhone und iPad referieren. Von Mord, Lust und Gewalt. Und das ich sein größter Großaktionär - und dazu sein heimlicher Fan - bin. Dass er leider aber Freunde wie mich ablehnt. Keine Regeln zwischenmenschlicher Beziehung einhält. Nie Klischees bedienen wird, wie er sagt. Sondern knallharte Kalkulator im Management seiner Taten ist. Und der Rest bleibt sein Geheimnis.
Genau diese geheimen ’Notizen’ schreibt er wie die täglichen Börsendaten in der Programmiersprache Basic. Und alles in ein eher unscheinbares Büchlein das ich nun, dank Milena, in Besitz habe. Auf dessen Umschlag Patricks feine Handschrift (in Bookman Old Style) im Wort NOTIZEN in Gold hervorsticht. Und trotz aller täglicher Mühseligkeit hält er darin sogar die Leichtigkeit der Buchstaben, wenn er in der Schrift zu Fortran wechselt. Das tut er, um nicht von jedwedem Arsch kopiert werden zu können.
Doch oftmals stellt sich das Kodieren als Fehler heraus, wie er sich später eingestehen musste, da es ihm Mühe machte, das Geschriebene wieder zu entschlüsseln. Was das also betrifft, hätte er auch Dezimalzahlen eintippen können - wie weiland Bill Gates, und dadurch womöglich Monate Zeit gewonnen. Was ich dagegen nun mein Eigen nenne, ist sein Notizbuch mit eingestecktem Bleistift und Radiergummi als Hardware. Immerhin. Und Zeit zum Lesen und Entschlüsseln habe ich zur Genüge. Sogar hier ... im Esplanade. Doch als ich beginnen will, kommt wie aus dem Nichts Bewegung in die eben noch fast leere Hotelhalle. Der Portier, seine Mütze in der Hand, reißt eine Tür nach der anderen auf. Kleinwüchsige Pagen schleppen wie irre Koffer in Schrankgröße. Männer und Frauen rufen sich so was wie Lottotipps zu. Hüte werden in die Luft geschleudert. Blumen erblühen. Motoren dröhnen. Tiger brüllen. Fotoblitze flackern. Damen malen sich die Lippen nach, prüfen die Nähte ihrer Nylons. Kameras surren wie startende Maikäfer, bis grinsend Patrick erscheint, der sich mir gegenüber in den Clubsessel setzt, die Augen schließt, in alle Richtungen nickend schweigt, an einem Kaffee nippt, um behände ein paar unsichtbare Figuren auf die Schlieren vom Tisch zu zeichnen. Frauenkörper, erahne ich, denen er lautlos Namen zuordnet, wie ich seinen zuckenden Lippen entnehme während dazu, wie bei einer übermenschlichen Anstrengung, sein Gesicht vibriert, als würde er in diesem Moment eine mathematisch knifflige Springertour beim Schach ausarbeiten. Und das Alles ohne jegliche Tastatur und Bildschirm. Ja, wie ein Künstler sticht er sich den Input auf die handinnere Lochkarte. Dreht und rundet das O wie ein weich gesprochenes U, während er beim hart geformten Ä das Outputlämpchen in Grün zutraulich blinken lässt - bis unter der enormen Belastung hörbar sein Zeigefingerknochen bricht. Aber Hallo - das ist doch echt großes Kino von Patrick! Auch Auffällig, dass die Akustikcodes Black in Black über Telefonkabel laufen. Das ist zwar altmodisch, hat aber was.
Spontan beschließe ich deshalb, auch um mich in seinen Kabeltuner einzuloggen, mir am Hotelempfang Widerstände, Kondensatoren, usw. zu bestellen, die mir dazu dienen sollen über den Minni- Beast- Raster der hoteleigenen Off-Box Anlage seine Hirnleitung anzuzapfen. Und es funktioniert! Fiktion wird Realität. Realität hat Urlaub. Fast wie im College für Erstklässler in Berkeley, als Pat und ich aus Campbell Blechbüchsen Taschenrechner bastelten. Nicht ahnend, dass man - als Andy Warhol verkleidet - damit auch anderswie ein Millionengeschäft machen kann. Denn was sind schon Taschenrechner aus Blech gegen Warhols Dose Marilyn Monroes, oder nackte Micky Mouse Spaltenhefte in bunt?
Der liebe Patrick erlitt wegen der verpassten Chance 'Campbell Dose' einen Nervenzusammenbruch. Doch auch das hatte sein Gutes, denn über Monate bettlägerig entwickelte er rasch eine enorme Leidenschaft für Splatter- Comic- Existenzen - und perverse TV-Kinofilme. Begann schließlich selber Pornos zu zeichnen - und Papierpenisse zuzuschneiden. Warum auch nicht? Einen jungen Menschen muss man einfach mal machen lassen können. Denn nur so wird, was sowieso werden soll.
Und auch erst dadurch wurde nämlich in rasanter Echtzeit der für die Gesellschaft der USA nötige Serienkiller Patrick geboren; wozu aber in seinen Biografien leider die unterschiedlichsten Angaben zu finden sind. Doch um das herauszufindend haben sie ja nun mich ... Es soll/te also spannend bleiben.

14
Ich war dabei. Man nannte uns ’die Schrecklichen’. Einen Trupp von Weißen - knapp ein Dutzend. Dazu ein paar Hundert schwarze Söldner.
Wir hatten an Waffen, was man sich nur vorstellen kann. Die Blacks oft nur Speere und Buschmesser. Und wie alle Kriege wurden die Beutezüge ohne jedes Erbarmen geführt. Frauen vergewaltigt, Kinder getötet, Dörfer niedergebrannt, Vieh abgeschlachtet. Machten wir Gefangene, wurden die verstümmelt, gefoltert, bevor sie auf irgendeine Weise den Tod fanden. Dafür waren die Schwarzen zuständig, die durften sich so richtig austoben - um keinen Lagerkoller zu bekommen. Durch unsere mit hoher Feuerkraft ausgerüsteten Stoßtrupps verbreiteten wir Angst und Schrecken in Afrika. Und wer sich nicht unterwarf, bevor er massakriert wurde, floh nach Norden, - Ziel Europa. Und bald war unser schlechter Ruf die beste Waffe. Oft genügte schon unser Auftauchen, um zu bekommen was wir wollten. Gold, Edelsteine, Frauen und Kinder. Und selten gab es eine Panne wie die, als wir einen ranghohen einheimischen Politiker als persönliche Leibgarde von A nach B begleiten mussten. Nähe der Höhe 778 wurden wir unverhofft von Aufständischen angegriffen, - einige unserer Kämpfer durch Granatbeschuss getötet. Tote und Verletzte mussten wir auf der Flucht zurücklassen. Und wie wir später erfuhren, hatte man denen die Augen ausgestochen, den Schwanz kupiert, deren Torso kopfüber an einer Brücke aufgehängt, einen Videofilm davon gedreht und alles in illegalen Medien verbreitet, um die diktatorischen Machthaber zu diskreditieren. Und man wollte uns lächerlich machen, die Ehre nehmen, den Respekt. Nun, es war jedenfalls das erste Mal, dass wir eine komplette Niederlage hinnehmen mussten und, noch schlimmer, der Öffentlichkeit als Privatarmee, gesponsert von der internationalen Industrie, bekannt wurden.
Uns, der Führungsgruppe, wurde von unserem Auftraggeber - und die seit im weitesten Sinn ihr, die Steuerzahler in eurem Land - Unprofessionalität und Verschwendungssucht nachgesagt, weil wir das Leben unserer Leute aufs Spiel gesetzt hätten. Was unserer Kritiker vergessen haben, - wir befanden uns im Krieg, und sie bekamen den Hals nicht voll genug.
Als die oberste Riege, schließlich ist das Unternehmen an der US-Börse notiert, auf die Idee kam uns vor Ort zu maßregeln um den Börsenkurs zu puschen, starben sechs von denen als ihr Hubschrauber im Aufständischengebiet von einer Rakete abgeschossen wurde. Von den überlebenden Dreien hatte sich einer bei dem Absturz eine Kopfverletzung zugezogen, die beiden anderen waren an den Beinen verwundet. Die Rebellen stellten sie in einer Reihe auf, gaben ihnen den Befehl zum weglaufen und sagten denen das, wenn es mit dem Weglaufen glücken würde, sie frei seien. Stattdessen schossen sie ihnen nach den ersten Schritten in den Rücken, schnitten ihre Köpfe ab und warfen die den Krokodilen vor. Das alles wurde - ’zwecks Abschreckung’, so hieß es - gefilmt und weltweit über das Internet verbreitet. Am selben Tag wurden zwei Führer der Aufständischen durch ein intimes Dreierkommando, zu dem ich die Ehre hatte dazu zu gehören, noch in der Nähe der Absturzstelle getötet. Von den Getöteten nahmen wir die Augen mit, ihre Hoden die, in Eguli eingelegt, als Spezialität gelten. Die Nachfrage nach afrikanischen Augen und Hoden wurde in Europa daraufhin so groß, dass wir die in unser Programm aufnahmen. Wir nannten die (spezifiziert nach klein und groß) 'Kaviar von Afrika'.

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Ich liege wie im Koma -, sehe mich von einer Urkraft auf den Rücken geworfen, den Jeep schräg über mir. Und ob man es glaubt oder nicht, eines der Räder vom Willi dreht sich wie irre noch mindestens eine halbe Stunde lang. Mir läuft derweilen Öl und Blut vermischt über die Nase in den Mund, während Müller brüllt ’wir holen euch da raus!’ und ich denke, dass ich bis dahin tot bin. Denn das Öl mit Blut gemischt riecht nach so was wie faule Eier, und löscht sicher überhaupt nicht meinen Durst. Während neben mir eine unstetige Flamme an einem Dichtungsgummi der Tür züngelt. Sprit aus dem Tank vom Jeep tropft, zum Rinnsal anschwillt, um sich langsam aber stetig in meine Richtung zu bewegen. Doch nicht wegen eines technischen Defekts am Jeep lieg ich hier, dem brennenden Dichtungsgummi, sondern weil mich eine Kugel in die linke Schulter getroffen hat, eine andere am Kopf vorbei geschrammt ist und dabei eine alte Wunde aufriss. Ich, sekundenlang ohnmächtig geworden, das Steuer vom Jeep verriss und voll in ein Wasserloch bretterte.
’Habt ihr gehört?’, brüllt Müller erneut und nun schon heiser, ’wir holen euch - wenn es dunkel ist!’ Ich taste mich zur Maschinenpistole, stelle mit dem Daumen auf Einzelfeuer, um Munition zu sparen - man weiß ja nie, und schieße zur Bestätigung zwei Mal in die Luft. Meinen Partner und Beifahrer Lucille, der seitlich neben mir liegt, geht das alles nichts mehr an, - er ist tot. Kopfschuss, wie ich im Winkel vom Rückspiegel des Jeep sehen kann. Das Blöde dabei, dass er halb in das Wasserloch gefallen ist und ich bald daraus trinken muss, denn mein Durst ist mörderisch - und auch sein Blut (dass auf dem Wasser oben schwimmt - muss vom Alkohol kommen, oder?) wird mich letztlich nicht vom Trinken abhalten. Mein Entschluss zur Tat wird -, ich mich vom Rücken auf den Bauch wälze, um mit der einen Hand Wasser zu schöpfen, dass ich zuvor mit der anderen mühsam und unter Schmerzen von Ölschlieren und Lucilles blutiger Hirnmasse befreit habe, so weit es geht. Doch was erklärt das schon? Dass der Mensch in der Not ein Tier ist? Dass ich Söldner bin - und mit dem Töten von Menschen mein Geld verdiene? Nein, nichts erklärt das! Irgendwann (später) werde ich mit dem Spruch antworten, dass ich jung war... und dass Müller mich mit einem Batzen Geld überredet hat. Jener Müller, der den Kongo aufräumte. Und ich mit ihm. Und das es, als ich verwundet dalag, Weihnachten sonst wann war. Oder kurz davor, oder danach, - wenn überhaupt. Und dass es um Öl geht - und ging. Um Gold, Diamanten. Um die Macht - die Welt zu beherrschen. Getarnt als Wirtschaft und Politik, die mit dem Tod bezahlt wird, und mit nichts weiter. Genau wie heute, als ich mit einem Eisbeutel im Nacken auf dem Sofa sitze, während anderswo Öl ausläuft und wegen der Macht gestorben wird. Und Patrick behauptet, dass jedweder Glaube nicht bestimmt werden kann, sondern der Glaube (ausschließlich) seinem Besitzer glaubt. ... soweit sind wir nun schon.

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In dieser Zeit entstand die intensiv transzendentale Bindung zur Mutter. Ein Glaube, der nicht bestimmt werden kann, gekreuzt mit einer seltenen Pigmentstörung, so dass man ihn lange für einen Albino hielt. Doch der unselige Arsch war nicht mal älter als ich - und schon Bestsellerschreiber. Bei Berlins Promis ging der ein und aus, als wäre er dort zu Hause. Und den Kuli, mit dem er schrieb, diesen Kuli mit dem eingravierten Familienwappen, mit dem er mir immer vor dem Gesicht rumfummelte, hätte ich mir nicht mit Geld kaufen können. Auch das Lilienwappen nicht. Er lässt es als Tuchzipfel aus der Tasche gucken, der Angeber. Und alle beneiden ihn. Ich auch ...
Mir war ziemlich rasch klar, dass er spitz wie Nachbars Lumpi war; denn wie er sie anschaute, eher zufällig berührte, die weiche Stimme mit der er zu ihr sprach. - Doch eigentlich war er überqualifiziert für den Job. Gab den Claqueur ihrer Eitelkeit. Deshalb solch Theater. Und ich sollte dem Loser wieder Mal helfen. Wollte er. Ja, über mich sollte sein Weg dicht am Hirn vorbei in ihre Innereien führen. Treffsicher das Herz aus Samt erlegen, um dann direkt in ihr flauschiges Genital zu stoßen. Deshalb lächelte er mich an, startete sein iPhone, tippte auf seiner Armbanduhr (so hastig) rum, als wolle er zum Islam konvertieren. Alles wegen dieser Braut? Nein, dafür waren ihm ihre Schuhe viel zu weiß. Da muss mehr dahinter stecken. Kurz und knapp: Wer ihm kennt, kennt ihn eben; so wie ich mich kenne.
„Nehmen Sie doch bitte Platz …“ Meinte er mich.
„Quatsch, die Situation ist albern und aussichtslos“, sagte ich, „und du, Patrick, gib mir meinen Willen zurück. Und zwar jetzt!“ Damit riss ich meine beiden Hände von ihm los und legte die mir unter die Oberschenkel. Schlug ratschend die Fingernägel ins Holz - und wippte auf meinem Stuhl vor und zurück wie damals in der Nervenklinik.
„Auf keinen Fall“, entgegnete er, blickte mich kurz an, „keine Chance -, ich schwöre.“
„OK! Alles okay...“
Irgendwie schade, es wäre ein großer Spaß geworden. Doch nach seiner Absage fühlte ich mich wie im freien Fall. Ich musste weg, es hinter mich bringen, - ehe ich in den Boden versinke.
„Kaffee?“
„Nein - danke!“ Ich war auch so schon völlig abgefahren. Wodka, Bier bis zum Abwinken, ein bisschen Gras, ein paar Nasen Koks, Tabletten, alles durcheinander ... Und auch deswegen der Versuch im Neuanfang. Aber das Grauen steht schon bereit. Ist herz/infarkt BLOND, SCHLANK, LANGBEINIG, mit schönen TITTEN und prallen LIPPEN. Klar, ich bin mir sicher, das einer der genannten Attribute stirbt -, bevor die ins Krankenhaus kommen. ... das Jahr fängt beschissen an ... Freunde.

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Schon Monate beobachte ich Frauen. Auch die hier.
Du Sau, hast du geschrieen - und um Hilfe...
Hier.
Die!
Frau.
Wir joggen die gleichen zehn Kilometer Rundstrecke am See.
Täglich. Um zehn.
Zehn.
Romantisch.
Ob Herbst, Winter, Frühling, Sommer.
Sommer.
Jetzt ist Frühling. Ich laufe mit Hund an der Leine. Du alleine.
Alleine.
Das tun wir schon seit Winter.
Ja!
Bis Herbst lief sie noch mit einem Typen: Vollbart, lange Haare.
Ich mit Hund. Wie immer.
Hund.
Kurzhaar.
Du.
Ich.
Als ich dich gestern ansprach -, ich habe inzwischen auch n Vollbart und lange Haare ... warst du - so - so - abweisend; dabei habe ich nur nett nach ner Runde poppen gefragt.
Poppen?
Nett.
„Lassen Sie mich in Frieden“, hast du gesagt -, lassen Sie mich -, als wärst du ne kaputte Langspielplatte. Dabei wollte ich gar nicht in Frieden poppen.
Blasen solltest du.
Blasen.
Mann.
Doch ehe ich es sagen konnte, hast du Gas gegeben - und mein Hund hob in dem Augenblick das Bein. Und wenn der pisst, Mann, man - das dauert. Und du warst weg.
Weg.
Pissen?
Heute.
Heute ist alles anders, - der Hund läuft frei und kann seine Geschäfte machen wie er will. Ich auch.
Ich auch.
Und du erst.
Du.
Erst.
„Sorry - wegen gestern!“
„Gestern“, sage ich, als ich dich einhole, neben dir, „war nicht mein Tag!“
„Lassen Sie mich in Ruhe“, sagt mir die Langspielplatte Du.
„Du wiederholst dich“, sage ich, „wie ne Langspielplatte. Und echt, es gibt bessere Ausreden um sich vor etwas zu drücken; in Ruhe lassen ist die beschissenste von Allen.“
„Lassen Sie mich in Ruhe“, sagst du.
In Ruhe.
Du!
Du...
„Weißt du, dass sich bereits wenige Minuten poppen am Tag lohnen? Das rentiert sich auf Dauer so, wie wenn man täglich einen Euro in eine Sparbüchse wirft...“
„Lassen Sie mich mit dem Quatsch in Ruhe“, sagst du.
Quatsch.
Echt.
Nee.
„Nee, echt, - nach ein bisschen poppen fühlt man sich vitaler, belastbarer und kann sich vom täglichen Scheiß erholen.“
„Ich will aber nicht“, sagst du.
Sagst du.
Scheiß. Du.
Du...
Anstrengung.
„Ich onaniere jeden Tag mindesten ein Mal“, sag ich, „drei Minuten brauche ich dazu. Ich tu es, bevor ich dusche, also nach dem Laufen und den Liegestützen. Egal ob es regnet.“
„Wieso regnet“, fragst du.
Regnet?
Deswegen...
„Na wegen dem Schweinehund“, sag ich, „der in jedem von uns steckt. Ich vermute mal, du hast dir deine Bikini-Figur auch nicht beim Zähneputzen antrainiert.“
„War das eine Frage?“, fragst du.
Nee.
Frage?
Du?
Wegen Zähneputzen?
„Nee. Und eigentlich wollte ich gestern mit dir auch überhaupt nicht poppen - warn Spaß...“
Spaß.
Du!
„Was wollten Sie denn?“
„Du sollst mir einen blasen“, sage ich.
Blasen. Geil.
Du...
Was?
Geil!
„Lassen Sie mich endlich mit Ihren Sauereien in Ruhe“, sagst du.
„Bleib mal stehen“, sag ich, „ich will dir das mal erklären...“
„Ich will aber nicht“, sagst du.
Voll geil.
Voll.
Echt!
„Hör mal -, du laberst immer den gleichen Scheiß, du bist eine ziemliche eintönige Fotze; ...ey, soll ich da unten mal nachsehen?“
Fotze!
Du!
Unten.
„Lassen Sie mich...“
„Ich hab’s echt richtig gut drauf“, sag ich, - „hatte schon Tage keine Frau mehr.“
Poppen!
Blasen.
Wichsen.
„Lassen Sie...“
„Wird jetzt n bisschen kalt am Arsch, Süße“, sag ich, „aber du wolltest ja nicht blasen.“
In den Arsch.
Blasen?
...du Sau, hast du..., und um Hilfe geschrieen.
Ja.
„Hilfe!“
Oder so n Scheiß.
Scheiße ...
Du!
Arsch.
Mann, ist mir kalt.

18
Ich gehe mit der Gräfin Sanssouci essen. Einfach nur so, es gibt keinen besonderen Anlass. Und ihr Hund, Chu Chu, Sie wissen schon, ist auch dabei. Im Vertrauen: Chu Chu ist der von ihren sechs Hunden, der sie leckt, wie ich von ihrem Chauffeur weiß. Und der wiederum weiß es von ihrem Gatten, dem Herrn Grafen Hubert, - der leider letztes Frühjahr schwer krank verstarb. Der trotzdem treu sein Pflicht getan. Preuße bis zum letzten Tag (allerseits unbemerkt, wie er glaubte) den Chauffeur beschlief. Diesen wunderbaren Menschen mit großen Augen, samtenen Wimpern, der so herrlich eng im Anal. Ein typischer Inder eben. Und Auto fahren kann er auch noch ...
Zur Vorspeise geht es im Gespräch mit der Gräfin um nichts. Nicht mal um Chu Chus Künste. Denn der Hund kann singen. Neulich sang er die kleine Nachtmusik, erzählte die Gräfin bei der Fuchsjagd in der Wuhlheide der Bundeskanzlerin. Die Presse berichtet in fetten Zweispaltern darüber. Doch heute hustet Chu Chu (unter dem Tisch) vernehmbar, um sich dann in eine rasch vom Personal gereichte Serviette zu erbrechen. Ich höre das Würgen und Kotzen ganz deutlich, während die Gräfin über das Wetter redend darüber schweigt. Selbst als es sauer unter dem Damasttischtuch hervor weht. Das mit Chu Chus Übelkeit muss am Kaviar liegen, fällt mir dazu gerade ein. Ein Desietra Beluga Kaviar - vom Hausen - Malossol. Störkaviar aus Deutschland a la Borax. Mal ganz ehrlich: Ich empfand den auch als einen Stich zu warm. Doch die Gräfin geht auch darüber hinweg, noblesse oblige, meint, was sie trägt und in den letzten Tagen bei eBay ersteigert hat, sei einzig erwähnenswert. Kommt über Chanel zu Diesel. Schwärmt von Prada bis Gucci, von Armani bis Versace und Cavalli, Dior, Balenciaga, Valentino, Fendi, Emilio Pucci, Jimmy Choo, Zanotti, Richmond, Dolce & Gabbana, Miu Miu, Tod’s, Tom Ford und vielen anderen. Derweilen ihr Chihuahuaköter Chu Chu in Krämpfen liegt - und ich mir zwei 80er Verapamil auf meine Herz-Rhythmusstörungen einpfeife.
Zum Hauptgang mit Lamm an Princessbohnen, gedünstetem Fenchel und Rosinenrösti, den wir mit Mouton Rothschild 1945 ablöschen, erzählt die Gräfin ausschließlich von sich. Dass sie in New York geboren sei. Und von ihrer langen Reise in Herz und Gehirn - und raus aus der Finsternis. Von einem echt irren Trip, wie auch ich ihn als Junkie kennen lernte. Dann von ihrer Flucht als letzte Ausfahrt aus den Slums von Brooklyn, rüber nach Deutschland. Respektabel auch ihr Anprangern vom Unwichtigmachen eines normalen, einzelnen, unspektakulären Menschenlebens durch die kapitalistische Konsumgesellschaft und den Popstarkult um Mediensternchen und Scheinprominenz. Und wie ein männliches Fotomodell zu ihrem lebenslänglichen Sexkiller in Bezug auf Männer wurde. Mal ehrlich, erwartet habe ich das nicht unbedingt von ihr. Noch dazu ihr ständiges Gequatsche, während herbeigeeilte Sanitäter unter dem Tisch versuchen, Chu Chu mit Elektroschocks wieder zu beleben. Bis dann der Pastor mit Gefolge und Klingelglöckchen kommt, um dem armen Hund die Beichte abzunehmen. Echt, in dessen Haut möchte ich nicht stecken. Dann lieber im Chauffeur -, während die Gräfin von einem reizenden Abend mit mir in ihr iPhone schwärmt „ ... und so diskret und hilfsbereit für einen berühmten Schriftsteller ... trotzdem wir auf das Dessert verzichten mussten ... eben ein vollendeter Gentleman ... „ Und ich mich wieder einmal mit Patrick verwechselt sehe. Es ist zum Hals- Durch- Schneiden peinlich. Ich bin deshalb echt zufrieden, als ich die Gräfin am Schloss absetzen kann und mir der gräfliche Chauffeur zur Entspannung ein gemütliches Herrenbordell empfiehlt.
„Eventuell komme ich ja noch nach!“ lockt er.
„Das würde mich nach dem verkorksten Abend ganz besonders freuen, mein Lieber ... in dir so richtig einen wegstecken ...“ versuche ich ihn unter vorgehaltener Hand geil zu machen.
„Au revoir, liebste Gräfin,“ verabschiede ich mich endgültig.
„Es war mir ein Vergnügen, liebster Patrick. Übrigens: mit Ihnen möchte ich einmal nackt im Meer baden.“
„Ganz meinerseits.“
„Sie können ihn mir aber auch gleich hier zeigen ...“
Gibt es irgend etwas Jämmerlicheres als jemanden der immer nur sagt jetzt nicht? Nun, ich weiß natürlich aber auch nicht was einsamer macht, der Tod oder das Leben? Call me urgent under!

19
Ich kann schweigen. Ich kann so was von schnell, empört und resigniert schweigen, so rasch können andere nicht mit den Augen blinzeln. Ich schweige zum Beispiel, wenn der tägliche Horror mich überkommt. Immer öfter über Politik. Über Allianzen der kapitalistischen Diktaturen die das Wort Nigger gegen Sklave tauschen. Als ob das den heutigen Himmel über der Hölle besser oder schlechter machen würde. Nein, in Wahrheit erinnern diese Lügen an einen im Dornenbusch zerfetzten Luftballon mit Kinderhandschrift als Absender darauf. Das der Traum von Glück über den Wolken zu fliegen längst ausgeträumt ist. Eine Antwort unmöglich. Umsonst gehofft wurde. Vergeblich gebangt, gesegnet, gebetet, verflucht, getötet und gestorben. Nutzlos all die Gebote, Gesetze, Verordnungen, Strafen und Kriege. Verfehlt die Zeit in Krippe, Kindergarten, Schule, Universität, Kaserne, Knast und Psychiatrie. Es lebe die Vernichtung! Der Kampf mit sich selbst. Mann gegen Mann. Frau gegen Mann. Mann gegen Frau und Kind. Alle Kinder gegen jedermann über achtzehn. Und doch zusammen auf den Barrikaden gegen das Kapital. Man braucht nur genug Drogen. Fußball. Opium. Glauben. Spiritus. Grüne Kernkraft. Gelbes Öl. Dunkles Brot und gedopte Spiele. Jede Menge Kohle. Täter. Opfer. Menschen, die ihre Nachbarn erschlagen. Männer, die Frauen vergewaltigen. Kinder missbrauchen. Henker, die als Soldaten verkleidet sonst wo in der Welt Terror verbreiten. Und irgendwo auf der Erde verkündete dann eine Regierung Andersdenkende seien nicht mehr wert als Küchenschaben - und hätten den Tod verdient. Geheimpolizisten misshandeln die, der nationalen Sicherheit wegen ... Und so weiter und so fort.
Nun, ich stelle mir die Frage nach Gut und Böse im Menschen längst nicht mehr. Ich handele schweigend. Man nennt mich einen entarteten Menschen. Dabei bin ich ein Künstler. Ein schreibender Lautmaler mit schriller Fantasie. Man vergleicht die mit der von Jack Unterweger, der für die ihm zur Last gelegten Morde außer ein paar schmutzigen Damenslips in der Gosse seines Gewissens keine positive Tat vorweisen konnte. Doch ich habe nicht mal Motiv und Alibi dafür. Nicht, dass heutzutage Vögel tot vom Himmel fallen. Und es werden immer mehr. Aber ich kann darüber schweigen. Ich kann schnell, empört und resigniert schweigen. Aber nicht schnell genug mit den Augen blinzeln, um als blind zu gelten.

20
An einem Sonntag Nachmittag hatte ich Gott so weit. Er weinte. Und lehnte seinen Kopf an meine Schulter.
„Warum nur, Jesus?“
„Ich bin wie ich bin, Vater. Du hast mich geschaffen!“
Am Montag Mittag hatte ich Gott so weit. Er weinte. Und lehnte seinen Kopf an meine Schulter.
„Warum nur, Jesus?“
„Ich bin so. Du hast mich geschaffen!“
Dienstag früh hatte ich Gott so weit. Er weinte.
„Warum nur, Jesus?“
„Du hast mich so geschaffen!“
Auch am Mittwoch weinte er -, lehnte seinen Kopf an meine Schulter.
„Warum?“
„Du hast ...!“
Am frühen Donnerstag Nachmittag hatte mich Gott so weit.
„Warum, Jesus?“
„Ich bin, Vater!“ weinte ich.
Freitag: „Jesus?“
„...!“
Am Samstag hatte ich Gott geschaffen.
Warum nur?

21
Wieso Selbstzerstörung? Da stimmt kein Wort. Überhaupt nicht. Ich bin - eigentlich - gegen Drogen. Stolpere über meine eigenen Füße und werde prompt von deren Geruch krank. Aus der Besinnungslosigkeit erwacht, überrollt die Schnecke die Trompete, die Ukulele die Bassgeige - und ich bin auf der Stelle blind für Rot, um mir gleich danach Mut anzusaufen, Tabletten zu schlucken und ... habe Glück: bin als altes Kind in einen neuen Schoß zurückgekehrt. Und genau damit beginnt die Gehirnoperation. Dazu habe ich ein eigenes Trinkglas und einen Teller mitgebracht, Schieberchen und Unterlegtuch. Darauf portioniere ich Schönheit (in einer Skala von Tiefe/ganz unten ich, ICH), Unschuld, Erotik, enigmatische Hingabe - und was man Sehnsucht nennt. Über das Ganze drüber einen Spritzer Kosakenzipfel. Also ’on Top on’ einen Mix aus Drogen und Alkohohl, von mir gegen dich. Wut und Elend. Deins. Meins. Wo ja aber eigentlich kein Unterschied festzustellen ist. Nun, Glaubwürdigkeit und Urvertrauen positioniere ich des Weiteren. Blutsfreundschaft und Wahrheit. All diese differenten Sachen. Und nun sage mir einer, ich hätte nicht Glück gehabt - in dem was ich tue und was wird. Punkt und Ausrufezeichen, - in denen ich verschwinden will, sollte es mit mir so weitergehen wie bisher. Denn das Leben muss einzig für mich da sein, nicht ich für das Leben. Und es sollte so ruhig sein wie man sich in einen Diskurs einführt, und der beginnt so: null Kohle, es mit allen verschissen, zurück auf Anfang. 90. Breitengrad. Leck Arsch, was für ein Sonnenuntergang!

22
Der Schauprozess ist die Landschaft. Schauprozess = Landschaft. Schauprozess = Leben. Und das Patrick sich bei seinem ersten Zug Koks in die Hose schiss. Furzen habe er wollen, erklärt er dazu, doch der Schuss sei in die ... war eben schlechter Stoff und ist ewig her. Jetzt nehme er so gut nichts mehr. Obwohl ihm ohne Stoff alles zu eng wird. Wie ein Spieler, der ohne Kohle nervös rauchend vor einer Zockerbude rumhängt, dem überall alles zu eng ist. Der Lebensmüde wird, oder blöde geworden im Kaffeehaus sitzt und alte Weiber beobachtet. Die er dann zum Pinkeln aufs Klo verfolgt, um deren Handtasche zu mausen. ’I want satisfaction!’
Darauf trinke ich zwei fette Coca- Cola light hintereinander, von wegen aufputschen, beobachte Patrick. Und trotzdem, was die Zukunft betrifft, bin ich pessimistisch. Pat dagegen weiß gar nicht, was Pessimismus ist. Ich wiederum glaube, dass wir alle, schneller als ein Flugzeug fliegen kann, dem absoluten Untergang entgegenstürzen. Manche fliehen jetzt schon davor. Vor ihren Depressionen. Doch Patrick glaubt an gar nichts. Nicht an Depressionen. Flieht deshalb auch nicht. Sitzt einfach nur rum. Lässt sich von den besagten alten Weibern umringen -, signiert seine letzten Schmöker. ... haben Sie die Oscar-Verleihung neulich gesehen? Einfach entsetzlich! So ist es auch hier ... und der Schmerz der Schweine hört nie auf. Doch dann stößt Betty Blue dazu. Die irgendwie mein Typ ist. Ich behalte sie im Auge. Wie sie lacht, wie sie spricht, was ihr Körper tut. All das ist mir angenehm. Auf dem Weg zum Klo fange ich sie ab, überrede sie an die Bar, auf einen Kurzen, dabei mag sie lieber Champagner, wie all die verwöhnten Gören. Verwöhnt wäre sie nicht, meint sie, sondern vom Leben gebeutelt.
„Das passt“, meine ich, und bestelle ihr und mir noch einen.
Als sie singt, ihre Bluesstimme reibt wie Sandpapier, kommt auch der
Bar-Pianist in Schwung und wir drei werfen uns beim Rock’ n Roll gegenseitig über die Schultern. Irgendwann, der Pianist legt längst Platten auf und kühlt zwischendurch seine Finger in einem White Label Eiskübel, Patrick ist weg, will ich sie in einem irren Gitarrenfinale von Bill Haley aufreißen und anschließend in meiner Suite windelweich ficken.
„Betty Blue Supply“, heißt sie, sagt das Biest über sich, als ich ihr auf der Tanzfläche den Slip runterreiße.
„Patrick, Serienmörder“, stelle ich mich vor. Darüber lachen wir uns schlapp wie Schlagsahne von gestern, und am nächsten Morgen klingeln zwei von der Kripo bei mir an, - fragen nach ihr.
„Frau Supply? Keine Ahnung“, muss ich wahrheitsgemäß sagen, „ ...das letzte war die Überwurfnummer zu Bill Haley, woran ich mich erinnere.“
„Aber Frau Supplys Wagen steht noch in der Garage!“
„Dann wird sie wohl den Aufzug genommen haben. Oder was meinen Sie?“
Ab dem 1. April erhalten Ferkel in Deutschland ein Schmerzmittel, bevor man sie kastriert. Ich möchte nie ein Ferkel sein. Oder April. Auch nicht Betty Blue Supply heißen. Doch die Hühnerei große Beule am Kopf vom Überschlag, die möchte ich weg haben. Und zwar sofort! Die verursacht Schmerzen wie Sau.

23
In mir ist November. Trüb und kalt. Trotzdem rieche ich nach Schweiß. Nach Kippe. Sprit. Bin hungrig. Durstig.
„Lass uns was trinken“, sage ich. Während mein Leben einen unruhigen Takt schlägt. Die Wahrheit mein Echo ist. Die Erde flach. Zu fünft, zehnt oder mehr geht es los. Irgendwohin. Während ich letztlich doch bleibe, wo ich bin. OK, der Regen hat aufgehört, nur einige - letzte - Tropfen gleiten über das Fensterglas. Ich stehe unweit davon, eher mitten im Raum, nein, mehr seitlich, nahe beim Spiegel. Am Gitter, - mein Glied in der Hand. Diese weißblaue Made, die wachsen soll. Deshalb drücke ich die kräftig, um die Ader zu ticken. Eine pralle Ader. Eine fette Ader. Muss sein. Um der einen satten Schuss hineinzudonnern. Ja, die Waffe dazu ist schon warm. Kocht bald. Und ich bin geil - von wegen Flash. Allein durch den Geruch von Zitronensäure. Das anpumpen. Ich habe keine Wahl. Will die auch nicht. Es ist mein Körper, mein Leben. Auch wenn die Speiseröhre Schrott ist. Meine Adern im Wind schaukeln. Die Nasenscheidewand eine U-Bahnröhre. Von Blut geronnen. Schwarz. Verkrustet. Plastik des Denkens. Erinnerung gestern sein wird. Die alle Tage neu beginnt. Die spitzen Töne, wenn sie schreit. Ein bebender Rhythmus, in dem sie manchmal stockt. Dann Stille, wie aus dem Bermudadreieck. In die hinein ich eine Überdosis auf die Kerze kotze.
„Die Nächte sind ein einziger Fluch“, flüstere ich Richtung Seelenschatten.
„ ... in time you pay for next days ...”
„Fucking Loser!”

24
Mir ist egal wo das Ende der Welt liegt. Kopf oder Arsch. Traum oder Wirklichkeit. Ich bin -, das zählt!
Die Erde duftet noch frisch die vergangene Nacht, der Morgen ist so eben den Wassern am Horizont entstiegen. Um mich herum stehen Bäume, zusammengerollte schlafende Tiere - die wie mit Bleistift gezeichnet sind. Blätter, Blumen, Blütenstaub atmet. Am Wegende sehe ich Rispen im ewigen Schnee, so eben der Hölle entronnen, die mit den verschossenen Grasnaben zu reden scheinen. Vom Tal her winken tropische Blütenfäden, die im struppigen Dickicht Leben trinken. Tropfen von Tau.
Ich ahne all derer Träume, Sehnsüchte, die am Platz, wo die Hengste in Liebesglut wiehernd rasten. Ja, ich beneide all diese frei geborenen Geschöpfe, die keine Namen haben, die wie Rauch sind, die so etwas wie Glocken tragen, um sich, vom Dunst entquollen, zu finden, die auf und abschwellen, sich schlingen, aneinander drängen, um dann außer sich zu geraten, ausdehnen, schwebend scheinen, die sich ineinander verströmen, um sich dann in die Höhe zu strecken, zu wachsen, dahin wo Bäume Schutz bieten, wo in den Zweigen Tausende Ströme Duft fließen. Nur dort oben können sie sich in die auserkorenen Diamanten der Zeit reihen, mehr als das Salz der Erde sein, um in der Blätter Widerschein mit allen Schönheiten unter der Sonne um die Wette zu funkeln.
... es ist das Paradies, woher ich stamme - und ich bin gemacht aus diesen blauen Materialien vom Mars, aus Mondlicht, gemischt mit Kreide. Bin Kalkstein. Granit. Materie, die sich in sphärischer Höhlung aneinander reibt, die in Strömungen fließt, wie Schlaf in einsamer Nacht, wenn das Herz im Traum weint, sich krampft, wie wild schlägt, um irgend etwas unentwegt zu durchmessen, zu durchbrechen, um in schwimmender Nacht voran zu treiben, sich in den Stunden des gedämpften Lichtes geheimnisvollen Bildern entgegen zu stemmen, wie um mir die Schwermut zu vertreiben, die mich hin zu den Stromschnellen führt, die zwar gebändigt scheinen, doch wild sind wie immer. Dort, auf dem Lauf aller Wasser, berühre ich die frühe Rose, die noch nie erblüht, wandere zu einer Kathedrale aus Segmenten von Lava, Gestein, das von der Seele der Welt aus Tiefen aufgestiegen, das verbunden mit ewiglich ineinander gehäuften Muscheln, die mit blassen Rändern bedeutet, von schweren Augenlidern gekränzt, in einem Sturm von Würze getragen. Nun ruhen die im Panorama der finalen Farben des Herbstes. Doch mir ist echt egal wo das Ende der Welt liegt. Kopf oder Arsch. Traum oder Wirklichkeit. Ich bin -, das zählt!

25
Das also ist der Ort des Geschehens. Aufgeplatzte Müllsäcke, zerbrochene Holzkisten, verrostete Eisenteile, ein stinkendes Dickicht aus Gestrüpp von Großstadt. Reste eines Zauns, umgeknickte Bäume. Direkt nebenan die Schnellstraße. Doch ich blieb unbeeindruckt von all dem Dreck, war die Kaltblütigkeit und Gelassenheit in Person, durchdrungen von einem Geist, der genau wusste, was er tat. Ich schoss - und sah ihn fallen. „Das hast du nun davon, - du alte Drecksau“, sagte ich dem im Sterben liegenden Typen. ... und ich erzähle hier mal, wie es dazu kam; denn kurz zuvor lehnte der Macker noch rücklings und irgendwie lässig in Art eines James Dean in ’Jenseits von Eden’ an einem rostigen alten Fahrrad, dass ohne Lenkstange und mit platten Reifen am Geländer vom U-Bahneinstieg Leopoldplatz stand. Echt, schon über die Präsentation und seinen tief in die Stirn gezogenen Hut ärgerte ich mich maßlos.
Kann keiner von hier sein, dachte ich noch, wegen seines dunklen Teint und der mächtig gekrümmten Nase, - hab den vielleicht in der Zeitung gesehen ... Egal, denn vor allem bemerkte ich den Typen wegen des Regenmantels, der Stiefel, - hatte einen ungeheuren Verdacht, trat näher - und sah am Mantel in Höhe seines Geschlechtsteiles tatsächlich eine im Rhythmus einer Bewegung hervortretende Beule. Kein Zweifel, der Kerl onanierte.
„Lass das sofort sein, du alte Pottsau“, forderte ich ihn deswegen auf.
Doch der Typ machte weiter.
„Ich kenne dich“, sagte ich, und schlug ihm den Hut vom Kopf, „hör ja auf damit, du Mistbock!“
Den Macker störte das anscheinend überhaupt nicht.
„Du hast hier gestanden und meine Tochter mit deinem perversen Tun belästigt“, sagte ich.
Doch er äußerte sich nicht.
„Die Polizei hat dich laufen lassen“, sagte ich, „obwohl du einschlägig bekannt bist“, sagte ich - und schlug ihm voll meine Faust ins Gesicht.
Der Typ blieb stumm und ohne Reaktion.
„Gut, dann soll es wohl so sein ...!“ Ich trat zwei Schritte zurück, zog die Kanone - und schoss ihm in den Bauch. Er wimmerte wie ein Hund jault, hielt seine Hand über die Stelle wo Blut den Mantel färbte und versuchte auf die andere Straßenseite zu flüchten. Ich rotzte - nur so - zwei Schüsse hinter ihm her. Lief zu ihm, als er stehen geblieben war, sich krümmte, warf ihn zu Boden, zog das von meinem Ur- Opa ererbte Kampfmesser der Waffen- SS (auf das ich echt stolz bin) hervor, riss seinen Kopf zurück - und schnitt ihm in einer einzigen Aktion die Kehle durch. Und genau diese Handlung erinnerte mich an vor zehn Jahren vor meinem Haus, als ich dort meinem verblödeten Nachbarn, der mit seiner Schrottkarre die Einfahrt in meine Garage zugeparkt hatte, alle vier Reifen aufschlitzte, - der darauf weinend aus seiner Hütte gestürzt kam, um nach mir zu treten. Und glaube mir - es war sein letztes Mal!
Übrigens, die Karre war nach einem bisschen putzen wie neu, und fuhr sich dank Automatikgetriebe echt spitze. Seine Alte freute sich immer wieder, wenn ich nach der Nummer mit ihr mit qualmenden Reifen vom Hof hetzte.
Nun, der Typ lag auf dem Rücken - wie ein Opfertier, die Hände über den Kopf gestreckt. Und ehrlich, das wunderte mich - und ich grübele heute noch über das Warum ... Ich stiefelte ihn dann noch ein paar Mal locker, zog einen vollen Elfer auf seinen Schädel ab -, verspürte wegen meiner Verachtung auf ihn unbändigen Durst und ging in die Destille gegenüber. Mal ehrlich, warum sollte ich auch flüchten, wie mir einige eben noch enthusiastisch Beifall klatschende Leute rieten, - nur weil die Bullen nach mir zu suchen begannen, wie ich durch die Kneipenscheibe beobachten konnte? Ach was ... Und ich sehe noch wie heute den Kerl im blauen Regenmantel und den dazu passenden Stiefeln in seinen Litern Körpersaft liegen, als mich die Polizisten wegführten.
„Hören Sie“, sagten die beim Verhör im Revier, „haben Sie es nicht bemerkt? Der Mann war sprach- hör- und sehbehindert und hatte lediglich ein Meerschweinchen unter seinem Mantel, - nichts weiter!“
„Meine Güte“, war ich betroffen, „hoffentlich ist dem Tierchen bei dem ganzen Gedöns nichts passiert, ich habe nämlich wirklich ein ganz besonderes Faible für so Viecher!“
„Na gut, wenn Sie mögen, können Sie das Teil gleich mitnehmen.“
Ich habe den Bock dann nach einem peruanischen Rezept zubereitet. Gut, das Fleisch war zwar fettarm, roch aber süßlich penetrant; der Bock war nicht kastriert, wie ich zu spät sah. Egal wie, - ich esse so was nie wieder -, wirklich nicht, - nicht mal der Hund wollte die Reste vom Hoden. Und genau diese Verweigerung meines Befehls führte zur Erfüllung seines Schicksals. Nun suche ich nach einem passenden Rezept für ihn; werde dazu mal den Chinesen am Eck fragen.

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Bin schattenseitig bemoost wie die Welt. Neben mir, in der Gasse ohne Zeit, bist du, von Leben und Leid umgeben, vom Tod, der im gelben Laub einer Eiche schläft. Und wenn ich mich verkleide, kann ich ihn streicheln ohne bemerkt zu werden. Um später auf einer der goldenen Wellen zu schlafen, mit dem schönsten Holz der Erde gewandet und keine Bitterkeit mehr spüren. Nein -, diese unendliche Trauer um vergangenes ist längst verflossen, auch die, die mir nicht viel gesagt haben wird, die verschwiegen als Märtyrer starb, die begegnete mir in sanfter Zärtlichkeit, versteckt wie einer Rose Dornen. All diese launischen Wechsler, die sich am Ende der Zeit mit duftendem Hauch ins Dunkel graben.
Ich bin, bis der Tag vorüber. Und bleibe. Will mit dir fliegen, Leben. Hoch aufsteigen. Frei sein. Träume stattdessen schwarz. Dazwischen, in den endlos leeren Stunden, blättert Farbe von der Wand mir gegenüber. Lautlose Fetzen Lichtschein blitzen. Und Winseln eingeriegelter Zeit blockiert mir mehr und mehr die Ohren. Staub rieselt, wach, wie meine Gefühle. Indes, egal, ich um mein Leben kämpfe - bin ich ganz heiß an eine Schuld gelehnt. Leben - Tod. Bin halb erstickt am Bissen Sein. Dann, Arm in Arm mit meiner Begierde, laufe ich das Trottoir der unbekannten Stadt. Bewusst meinen Penis eingeringelt, wie einen Herrenschirm bei Sonnenschein. So unschuldig. Und schön. Doch seid auf der Hut, ihr Bürgerinnen der Einöde, deren Männer die Ganshaut vom Hoden zum Damm beklagen. Diesen einsamen Zug ins Nichts der unverstandenen... Die dann, wenn sie über mich wissen, hinter ihren Kaldaunen verborgen zum Klo schleichen. Impotent, vor Angst. Ja, wie auf Befehl zeigen die mir ihre aufgerichteten Rosetten, damit ich sie besteigen soll. Die und Ich. Das Alphatier. Hoch aufgerichtet. Das euch die Furcht vor bösen Wünschen nehmen wird, wie immer schon. Die rosa, riesig, wie weiß ich sind. Mit Händen daran. Mund und Augen. Die mich vergessen machen was einst war, und euch erinnern was noch kommt. Die Zukunft geben. Millionen Meter zwischen Gestern und Morgen mir auf einen Wimpernschlag verkürzen. Da -, die Daten all meines Wütens liegen auf dem Boden verstreut. Sind schuldig im Beton. Wieder andere hängen an den Gittern, wie zum Trocknen. Oder der Wind fegt die wie Nietenlose vor sich her. Denn nur die Wichtigen habe ich mir fest in die Wand gekratzt. Die elegischen Gesänge. Die raren Minuten. Stunden, Tage, Wochen. Jeden einzelnen gut gelungenen Fick nummeriert. Und halte mich daran fest. Während ein Jahr wie das andere geht. Ein Tod wie der nächste ist. Und ich dazwischen, wie im Laufrad - der Vergänglichkeit - ausgesetzt liege. ... ich kann nicht anders. Siehst du, schon wieder steckt mein Schädel zwischen irgendwelchen Beinen. Habe ich einen Kitzler auf der Zunge. Und lecke ... Meinen Schwanz in einem Mund. Und spitze ... Klirrt mein Geist auf Eis.
Klar, dieses ewige Kommen und Gehen ist das meine. Das Wesentliche. Wunsch und Befehl. Immer wieder. Ob die anderen wollen, - oder nicht. Ich will! Ist so, als wäre meine Lust das letzte Öl, auf diesem faulenden Planeten. Vorbei dann. Den eigenen Hintern am Faden nachschleifend bin ich zu Hause. Endlich. Schließe die Tür, bete: ’Oh du, mein Gott, vergiss mich nicht, nicht nach dieser Nacht in Stahl. Amen!’ Und träume. Schwarz. Vom Ende jeden Lebens. Durchtrenne mir nach Art des Hauses den Samenstrang. Entferne mir den Penis, die Hoden. Hin oder her, der Eingriff dauert keine fünf Minuten. Ich hab’s eben im Blut. Süß sauer. Gut.

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Schlimmer als Gift sind Blondinen und Hoffnung. Doch ich brauche weder Blondinen, Hoffnung oder Gift. Jedenfalls nicht täglich. Doch meine Vorhaut erinnert sich, egal wie lange es her ist, an jede Blondine, jedes Gift, all die Hoffnungen auf mehr als nur auf einen Fick. An das und die Kanten, Brüche und Akzente einer Beziehung. Den körperlichen Klang. Die seelische Befreiung. Der intensiven Nähe zu einer Frau. Auch an das Abschied nehmen, irrlichtern, wegtreiben. Dann wieder an die raue Unruhe, um Neues zu erforschen. Den Kampf zwischen ruhendem Puls und plötzlicher Beschleunigung. Der Unmöglichkeit einer Leidenschaft einen erdigen Klang abzugewinnen. Die hohe Kunst los zu lassen - und die Illusion nach Liebe zu vergessen, die einen letztlich nur ins Gefängnis bringt und sonst nirgendwohin.

Tief unten liege ich im Tal. Nackt zwischen Steinen. Auf dem Rücken. Arme und Beine nach oben. Ein vertrockneter Käfer, den Vögel ausgeweidet haben. Blut verkrustet, verrostet, und aus meiner Bauchdecke wächst ein Strauch. Blumen. Die Eiche am Kopf nicht mitgezählt.
Ich sehe mich noch kurz vor der letzten Kurve. Wie ich das Lenkrad herumwirbele. Der Wagen die schlecht asphaltierte Straße entlang schliddert, als läge Schnee in den Schlaglöchern. Dabei war es nur eine Bananenschale. Und vier schwarze Ziegen. Klein und dick, nimmer satt. Die sonst woher kamen. Die schielen und Grimassen schneiden. Mir die Zunge herausstrecken. Ich, mit halb geschlossenen Augen, auf die zu rase, schon Stücke von Fleisch im Mund spüre. Warmes Blut von meiner Zunge. Auf die ich vor Anspannung und Konzentration beiße, um den Wagen in Spur zu halten. Keine Zeit für Narreteien, als ich was sagen will ... nämlich, dass mir das Schlingern vom Karren auf den Magen schlägt. Ich deswegen vorsichtig gegenlenke, leichtfüßig bremse - als würde ich das Pedal eines Klaviers bedienen. Doch der Spaß ist längst vorbei. Wegen der Zeitumstellung. Ich habe anderthalb Stunden Verspätung und schlafe immer noch tief drunten im steinigen Tal. In Blut. Nackt. Auf dem Rücken. Um neun Uhr morgens. Doch der Hund muss dringend raus.
„Max! Max! Max ....“, höre ich mich.
„Easton! Komm schon; mach hin ...!“, raunzt Max. Und geht. Den Hund am Haken. Richtung Kiosk. Ich weiß das, denn ich bezahle seine Rechnungen. Immer. Jede.

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Sie ist eine, na Sie wissen schon, bei der man das Alter nicht sagt, weil es wehtut -, weil eine Frau in dem Alter an sich selber zweifelt weil ... Und sie dann ihn kennen lernt (also mich), der ihr Sohn sein könnte -, doch ganz anderes Begehren auslöst als ein solcher Junge es könnte.
Der ihr hilft, den Absatz ihres im Gitterrost vor dem Edellokal ’Hamas’ festgeklemmten Schuh zu befreien. Einem Paar High Heels, dass die Beine um 20 cm länger macht und das Alter der Trägerin um mindestens 10 Jahre nach unten pusht.
Man sieht mich, wie ich selbstlos ihren geschwollenen Knöchel versorge. Mich leider aber überhaupt nicht wie zu Hause fühle - in dieser für meinen Geschmack spärlich eingerichteten Wohnung mit Eingang direkt neben dem Restaurant (was noch das Beste ist an dieser Bude), zu der ich sie auf meinen starken Armen die Treppe herauf trage.
„Mein Held“, sagt sie deswegen.
Ich mit einer Hand die Wohnungstür aufschließe, sie sanft in den überbreiten Sessel, „ein Erbstück großmutterlicherseits“, sagt sie, sinken lasse, um ein Glas Wasser und Eis für den demolierten Knöchel zu holen. Sie ahnen schon was kommt? Dass ein Schuss fällt ...
Nein, sie ahnen nichts von der Rhapsody in Blue, „ ...play it!“ sagt sie, und ich blase unter ihrem Rock die Backen auf.
Männerstimmen. Worte, die ich nicht verstehe. Ein blutiges Taschentuch im Wind verweht. Applaus ertönt. Der Kirchenglocke Ruf - und ihr, „ ...ich liebe dich!“ zum Abendbrot vermischen sich. Serviert wird ein Kapaun, in Seidentücher eingenäht. Danach die anderen Kadaver. Und ich dabei. Sitze, ohne einen Kratzer, irgendwo anders zu Tisch und trinke Wein, pieke einem getrockneten Tintenfisch die Augen aus. Während sie sagt - sie sei im 3. Monat - donnert vor dem Haus ein Zug vorbei. Den Rest von Wut schwitze ich mir in den Kragen. Dann steigt die Sonne aus dem Himmel. Im kalten Morgenlicht frisst schwarzer Staub die Zeit. Kein Strom. Die Telefone stehen still, nur aus dem Ventilator rauscht es laut. Wasser ist aus. Gar nichts ist mehr - oder geht, und ich, ich sehe in meinen Taschen nach, in meinem Gesicht, das plötzlich alt und dreckig ist, laut lacht. Genau das schüttelt über mich den Kopf bis sich das Klebeband vom Halse löst.
„Es ist zu spät“, beginne ich auszulaufen. Klebrig durchsichtige Flüssigkeit verrinnt in unbekannte Höllen. Und immer wieder Gershwin.
Ich bleibe aber nicht in diesen unbekannten Tiefen, gehe, denn in dir ist’s mir viel zu kalt für Liebe. Dieser Welt voll Nebel, trüber Dunkelheit, Einzelhaft unter schwarzen Himmeln, der nicht erträglicher als ein Loch aus Haut im Fels, darauf mein Herz so glatt im Mond, und du mir Sonne meiner ruhelosen Räume harter Tage. Des Nachts, wenn ich von Liebe träume, unstillbar Sehnsucht an mir reißt, statt über Schlamm im Sand zu laufen auf einem Weg nach nirgendwo. Ein Wasserfall aus meinem Blut zerfließt auf leerer Einsamkeit in Weiten. Doch nun, und Ja, jedoch, pulsiert des Teufels Zeit auch ohne dich in mir, mein Engel.
Der eigenen Niederlage voll bewusst, beginne ich zu zittern. Die Hand erst. Bald der ganze Körper. Der Kopf entleert sich. Speichel tropft mir aus dem Mund. Müde die Augen, als wären die aus tiefem Schlaf erwacht. Die Zunge eine Klinge dutzend Scharten tief, weiß gelber Schleim. Der Hals wund und weh von Würgespuren. Ein Rest von Pillen, die mir zur ewigen Dunkelheit nicht gereichten, lediglich zu fahler Dämmerung für Stunden. Zu einer Art von Halbbewusstsein, weiß ich nun, dass meinem toten Narren Leben schenkt, der unter weißem Leichentuch mit tausend abgefallenen Blättern im Delirium schwimmt. Die Uhr hat gerade hohle 12:00 geschlagen. Und ich würde zu gern wissen, was noch so in ihr steckt.
Was wäre ich ein glücklicher Mensch, könnte ich anders der Wirklichkeit entfliehen als. Doch mich drückt Langeweile ohne. Ein physischer Schmerz, bezogen auf meine Hoden. Diese dumpf unschuldig schlummerten Kreaturen, die ich ’Sackgesicht’ schimpfe und die durch den Zahnspiegel betrachtet auch so aus sehen wie ein, die trotz meiner Ausfälle gegen sie da bleiben, nicht weglaufen, anhängig sind - depressiv werden, um mir irgendwann mal und während voller Fahrt samt Anhang ins Lenkrad meines Rades zu greifen, um mich auf ein ’undurchsichtiges’ Gegenüber aufmerksam zu machen, „ ...ey, quatsch mal die blöde Tusse da an, Alter!“ Ja, wer kann das schon von sich sagen? In meiner näheren Umgebung jedenfalls keiner.
Nun bin ich mir im Zustand - bezogen auf Hoden und Lob - mein eigener Schrecken; ich vertrage einfach nichts mehr. Trotzdem setze ich nun auch noch das letzte Halbpfund täglicher Potenztabletten ab und sage schlicht ’Danke’, denn ich werde ab nun nicht mehr ausreichend schlafen können, grübeln wie alles gemeint, ob es mich ruiniert, ob meine Hoden sich ab nun mit mir allein geborgen fühlen, oder händeringend nach Testosteron verlangen, auf dass ich weiter kann wie bisher. Oder besser einfach Punkt und Schnauze halten?
Es quietscht wie Sau! Da, schon wieder! Und ich -, ich dachte echt erst, ich hätte es hinter mir. Ich meine den alten Sack der irgendwo tief unter mir wohnt, der ständig hin und her läuft, quietscht, eine Tür über den Boden schürft, quietscht, wohl in einer Art Selbstgespräch Töne von sich gibt, was weiß ich, quietscht, hin und her läuft, eine Tür über den Boden schürft, Selbstgespräche quietscht, eine Tür hin und her läuft die den alten Sack quietscht, Töne hin und her wie Sau, ich tief unter mir über den Boden im Selbstgespräch lasse es hinter mir quietschen wie Sau, ständig eine Art Töne, was weiß ich. Nur Glück, dass der alte Sausack nicht quietschend den Boden über mir beschürft. Kennt eigentlich jemand das Wort quietschender Schürfsausack? Nein? - es heißt aber ab heute so wenn jemand ... Meine Güte, was für ein irres Leben mit diesen tausend Maden im Hirn; von denen ich (zumindest) eine bin.

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Der Tod hat überhaupt kein Gesicht. Fazit: ich bin belogen worden! Denn es schlägt auch nicht die letzte Stunde, wenn der Geist den Körper verlässt. Noch fühlt es sich schrecklich an, wenn man das Bewusstsein verliert. Weil man eben nichts verliert, sondern etwas geschenkt bekommt: eine Erinnerung. Und die bis in den letzten Winkel des Lebens. Obwohl es im Leben auch keine Winkel gibt, sondern Sauerstoffmangel im Gehirn. Und den eventuell als Folge einer Herzinfarkts, oder durch Ertrinken, Ersticken. Egal. Am Ende stirbt der Mensch daran, das die Nervenzellen im Gehirn nicht ausreichend versorgt werden und keine elektrische Aktivität mehr messbar ist. Ende, Finito, Schluss, Aus. Hurra, Hurra der Tod ist da! Und das ist dann eine Überraschung wie Weihnachten, denn niemand weiß, was im Sack wirklich drin ist. Manchmal ist’s Panik, fehlt, aus welchem Grund auch immer, sauerstoffhaltiges Blut im Hirn. Und ist es das, sind’s noch etwa zehn Sekunden, bevor man das Bewusstsein verliert. Es kann aber auch wesentlich länger dauern. Doch das wiederum hängt von Ursachen und Umständen des Todes ab. Ertrinken, zum Beispiel. Du springst also rein, es hat in etwa 5 Grad Wassertemperatur, und denkst es ist völlig schmerzlos zu ersaufen. Irrtum! Denn wenn du schwimmen kannst, wird dich dein Reflex als Überlebenswille wie ein Kork schwimmen lassen. Besser ist es, ein Betonklotz an den Füßen zu haben, wie es die Mafia macht. Also leg dich mit der Mafia an - und es wird klappen, denn die schlagen die vor dem Einbetonieren schmerzlos den Schädel ein. Der Rest: Peanuts! Im Rauch zu ersticken ist auch ... Feuer zerstört einem durch giftige Brandgase Maul und Rachen, die Luftwege, - du bekommst Mühe zu atmen. Hast Schmerzen wie irre. Die Zunge ruckelt im Kehlkopf, als wolle die sich eine Leiter hoch hangeln. Dann hältst du idiotischer Weise den Atmen an, verschluckst dich und beginnst zu husten. Und aus irgendeinem blöden Reflex verschließt sich auch noch die Luftröhre komplett. Die Folgen: irre Kopfschmerzen, Schwindel Bewusstlosigkeit, Herzstillstand, Hirntod.
Verbluten ist nicht ganz so schlimm. Es überkommt einen ein Gefühl von Schwäche - wenn der Saft ausreichend läuft. Zusätzlich spürt man Durst, hat Angst, die Atmung beschleunigt sich.
Bei mir war’s eher der Durst als die Angst oder die Atmung. Hyperventiliert habe ich sowieso oft und Schwächeanfälle sind mir von jeher bekannt, - also auch kein Problem. Mein Thema, wie rasch es Richtung Kiste geht ist hier, wie groß die Wunde sich darstellt. Wenn es zum Beispiel die Aorta trifft, also die Hauptblutbahn, die vom Herz wegführt, - dann geht es in Sekunden. Andererseits dauert es Stunden, bis du verblutet bist. In solchen Fällen durchlebst du eklatant die verschiedenen Stadien eines Schocks durch den Volumenmangel an Blut. Das ist der rote Saft - der alles möglich macht. Und davon zirkulieren an die fünf Liter in deinem Body. Als mich erstmals der Schock gekrallt hatte, war ich echt entspannt. Für mich war es nämlich ein überaus geiles Gefühl endlich mal loslassen zu können. Andererseits, ich lebe gerne - und sehe deshalb noch lieber anderen beim Sterben zu.

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Ich gab ihr die Hand, und sie wusste, das es vorbei war. Dann brachte ich meine Sachen in Ordnung, Unterhose, Unterhemd, Hemd, Oberhose, schloss den Jackenknopf, und kehrte ins Zimmer zurück, trat an das Fenster. Sie stand auf der Straße, direkt unter mir, reglos und stumm, und hielt ihren Kopf gesenkt - wie nach einem Schlag ins Genick. Sie musste ihre Kleider im Hausflur gerichtet haben. Eigentlich war es mir egal, wo und wie sie was gerichtet hatte, denn die Ursache, die bei mir Wirkung erzielte, war nicht mehr. Klappe, gestorben, sagen wir am Set. Doch sie hörte meine Gedanken nicht, bemerkte nicht meinen Blick, wie auch.
Von unten erklang Musik. Ein Leierkastenmann spielte. Ein Fossil, der
bucklige Alte. Ich wusste nicht, dass es so etwas noch gab.
Früher, ja früher ... Der hier sang ein Lied von Hans Albers, einen Gassenhauer, sagte man ehemals. „Einmal muss er vorbei sein...“, tönte es treffsicher und wie auf meine Situation zugeschnitten. Der Text des Liedes lastete wohl auch auf ihren Schultern, erdrückte sie restlos, denn sie stand immer noch wie geschlagen, getreten, - gebückt. Doch eventuell waren lediglich ihre Schuhbänder offen. Oder sie trauerte um unser Sexleben, - nach meiner Stellungskunst jenseits von Verkrampfung, Turnübung und Viagra? Ach, hätte sie bloß nicht diesen albernen Haarschnitt ausprobieren wollen, denn ich liebte ihre Haare - so wie die vorher waren. Heute hatte sie mich damit angeekelt. Ein Glück, dass es danach geschah ...
Ich denke oft an schwarze Haare. An fantastische Mädchen mit langen
schwarzen Haaren. An die Wärme von Mädchen mit schwarzen langen Haaren. An Engel, die in Äonen Lichts blaudunkel glühen. Und wenn es soweit ist, flieht mein Geist dem bewussten Raum, der berechnenden Zeit, dann bin ich frei. So frei denkend träume ich in Möglichkeiten und Tatsächlichkeit, - und ich beneide Männer von Friseurinnen um ihre Frauen, die in ihrer Freizeit langes schwarzes Haar bürsten, die sich nach Nächten voller Leidenschaften den Samen ihrer Liebhaber aus den Haaren waschen, um wieder bereit zu sein. Ja, mein Gott, ich würde diese Flittchen nehmen, gebrauchen und am Boden liegen lassen wie Romanheftchen, manche an irgendeiner Stelle wie versehentlich aufgeschlagen, andere geknickt und in Richtungen gebogen, feucht am Rand von Schweiß und nass von meinem Sperma. Für sie, und schon hatte ich ihren Namen vergessen, hieß sie Petra, oder Bea?, na ja so ähnlich, hatte das seltsam geklungen, als ich sagte, was ich wollte. Sie sah mich an und versuchte zu verstehen, was gemeint war. Als sie begriff, sank ihr der Kopf auf die Brust, und ihre Miene wurde leer. Ich nahm die Schere und schnitt. Ich wollte nicht, dass sie sich den Samen aus den Haaren wusch. Meinen Samen! Ich rollte das Haar zusammen und legte es auf Samt gebettet in ein Mahagonikästchen. Die Kostbarkeit deponierte ich in der Vitrine auf den Platz mit der Nummer 31. Heute Abend wollte ich mich noch einmal daran machen, - denn ich liebe frisch abgeschnittene lange schwarze Haare über alles, und die Neuzugänge meiner Sammlung werden immer zweimal präpariert. Die Frau stand immer noch auf der Straße, reglos, stumm, kurzhaarig, und hielt ihren Kopf gesenkt. Es könnte ein Tag im Frühling sein. Ein Anfang.

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Gehirn/Tote Trakte. Besser und besser. Lauter und leiser. Schlichter und Schlechter. Liege ich am Spreebogen in der Sonne, hinter mir das Kanzleramt, vor mir die Kulturwüste Stadt. Reden und Schweigen eingesponnen in Dis/Harmonien zwischen Grabplatten und Melodien aus den Geräuschen da drunter. Dem Plappern aus alten Gräbern. Nicht schlecht, nicht direkt hübsch, diese Sprache wie Leukämie, die man nicht mehr stoppen kann. So rattert Nacht für Nacht das Dasein mit greisensanftem Händedruck in die Maschine. Herz, genannt. Kaputt die ehemals konstante Schaffenskraft, - schlaff - wie ein oft gebrauchter Penis. Patrick, der mehr gemordet, geliebt und geschrieben als Herz und Leber verdauen können. Ein Schreiber, Mörder, ein Idiot der unermüdlichen Sorte. Respekt! Bei dem die neueste Lieferung Tod gerade eingetroffen scheint. Weiber und Korken als Erinnerung/Tagebücher. Doch er braucht die nicht mehr, aber die wollen nicht gehen. Sitzen auf der Bettkante. Versprechen unverfälschten Genuss. Stehen zwischen Kneipe, Matratze, Blutdruckmessen und Dünnschiss. Ohnmacht und Sterben. Eine besondere Art von Zombienummer. Der Tanz im Siechtum. In Alter mit Tod. Die Unkunst im Verlieren. Missbraucht an Kindheit und Jugend. Abgehandelte Gewaltakte. In Folge mehr als einmal totale Zusammenbrüche. Aufgearbeitet in Gedicht für Gedicht. Prosa für Prosa. Zeile für Zeile. Gedacht wie gemacht. Getan und beschrieben. Erlebt. Haut um Haut. Knochen um Knochen. Leben um Leben. Nie vergessen. Früchte im Zorn. Der endet, wie Hemingway sagte, dass er sich die Beine um die Bettpfosten verknotete um selbst/zerstörerisch an seinem eigenen Schwanz zu lutschen ... Um mit Hirnblutungen auf der Intensivstation ... und dem Herzen im Staub ... der siechen Leber ins Blaue ... aufs Ende anzustoßen ... Salute: nature as ancient - Vulva. Ich, Serienmörder, Maneater - habe Patrick getötet. - Es lebe sein Ich in mir weiter. Und weiter. Weiter.

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„Wenn du meinst“, sage ich, „mach weiter.“
„Ich tue, was ich für richtig halte“, nuschelt sie und versucht, mit der linken Hand das Rinnsal Blut auf ihrer Lippe zu stoppen. Presst mit der anderen ein Black & Purple Bustier in ihren Versace Leather Shoulder Bag.
Ich gehe derweil in die Küche, stelle mich vors Küchenfenster - und trinke direkt aus der Flasche Perrier-Jouet. Noch während ich trinke, es in meiner Nase prickelt, rummst die Wohnungstür, quälen ihre Gianmarco Lorenzis die Fliesen. Klack - klack. Klack - klack. Und dazwischen dieses Zischen, Schaben - eher Schurren, als wenn sie den Fuß nachzieht. Vielleicht macht sie das extra, um mich zu demütigen, denke ich. Sekunden später surrt das Garagentor, - startet flüsternd der Maybach. Glück gehabt, - du bist für heute davongekommen, denke ich. Davon/ge/kommen ...

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Einiges über Jimmi.
- Onanie, Onanie - stärkt das Hemd und schwächt die Knie.
Spottvers um 19..., dem Geburtsjahr von Jimmi, der damals Karl-Heinz gerufen.
- Der Erfolg ist eine Hure, und ich springe rauf, sagte er im April 1989, als er mit Onanieren aufhören wollte, um sich nicht ständig selber zu belügen.
- Jeder tut, was er kann.
Jimmi zu einer Packung Papiertaschentücher, bei einem Rückfall mit drei Hits, wenige Tage später.
- Wenn du Kunst machen willst, dann pinkle einen Kreis und tunk deine blöde Fresse rein, dann hast du Kunst. Wir hier, wir machen Kino, merk dir das, Jimmi.
- Was hast du denn vom Leben erwartet?, Jimmi im Jahr 2001 auf der ’Sechserbrücke’ in Berlin Tegel zu einer Aldi-Plastiktüte in die er seine Träume gerotzt hatte, um die im See zu versenken.
- Wenn weiter nichts ist.
Seine Feststellung in einer Ausnüchterungszelle.
- Ein Mann ohne Knast ist wie ein Baum ohne Ast.
Spruch von Hansi, als Jimmi ihn in der U-Haftanstalt besuchte.
- Das Grab meiner Jugend.
Jimmi in der NDR-Talkshow bei der Präsentation seines Roman, zu Drogen und Alkohohl befragt.
- Dass ich das noch erleben darf.
Jimmi auf der Intensivstation nach einem Totalcrash mit seinem Porsche, als er bei 200 km/h, onanierend, den Schwanz im Reißverschluss der Hose einklemmte und deswegen das Steuer verriss.
- Ich prüfe jedes Angebot, Jimmi am Bahnhof Zoo, bei dem Versuch für 50 Euro eine Pistole zu kaufen.
- Es ist alles geklaut, was wirklich glücklich macht ... meint er.

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An einem Montag, ich erinnere mich noch genau, erregte eine Zeitungsanzeige in der TZ Berlin mein Interesse. Exekutive gesucht, stand da. Eine Telefonnummer, die man zu einer bestimmten Zeit anrufen sollte, mehr nicht. Ich stellte den Wecker, um die Uhrzeit nicht zu verpassen. Und, da ich mein zukünftiges Klientel meist gründlich recherchierte, nahm ich das Telefonbuch und checkte die Nummer, die mir verdammt nach einer anrufbaren Telefonzelle aussah. Klar, - es war auch so, wie ich schnell herausfand. Nur, um zur der Telefonzelle (nach Tempelhof, nähe Flughafen) zu kommen und nachzusehen, wer sich hinter dem Inserenten verbarg, blieb keine Zeit mehr. Ich rief also pünktlich die vorgegebene Nummer an. Es dauerte keine fünf Freizeichen, dann hörte ich es Rauschen, dann ein Knacken, Brummen in der Leitung, und mir war, als wenn das Gespräch irgendwie über eine Telefonzentrale weitergeleitet worden wäre. Doch das war nur so ein Gefühl, nicht greifbar, mehr eine Ahnung.

„Mit wem spreche ich?“, fragte eine Stimme, die ich weder einem Mann noch einer Frau zuordnen konnte.
„A... äh - Rubin!“, sagte ich, „ich habe ihre Annonce gelesen.“
„Und“, fragte die Stimme direkt, „wären Sie nach dem Job abreisebereit?“
„Abreisebereit? Wohin?“
„In ein Land Ihrer Wahl!“
„Sorry“, sagte ich, „darauf bin ich nicht vorbereitet.“
„Dachte ich mir,“ nörgelte die Stimme, „schreiben Sie sich die Nummer auf, die ich Ihnen gleich angebe, und rufen Sie dort in genau zehn Minuten an. - In genau zehn Minuten, hören Sie, und keine Minute später!“
„Okay. - Nennen Sie die Nummer.“
Ich muss wohl nicht sagen, dass es eine ähnliche Ziffernfolge war wie die zuvor. Und daraufhin war mir nach Whisky, wie oft wenn ich unzufrieden war. Zwei auf die schnelle schaffte ich, dann hatte ich meine Entscheidung - und rief auf die Sekunde genau an.

„Pünktlich sind Sie ja“, rauschte es nach Brummen und Knacken undeutlich wie zuvor. Und, als ich nichts sagte: „Haben Sie es sich überlegt?“
„Ja!“
„Und, Ihre Entscheidung?“
„Ich mach’s!“
„Gut so, dann kommen wir zu Schritt zwei, - haben Sie was zum Schreiben?“
„Ja.“
„Dann schreiben Sie sich eine Adresse auf, wir treffen uns genau dort in neunzig Minuten.“
Die Stimme diktierte, ich schrieb.
„Aha, das ist vor einer Telefonzelle?“
„Nein, ich rufe Sie dort an. Also gehen Sie ran, wenn es klingelt.“
„Verstanden, Sagen Sie, wie ist denn eigentlich Ihr Name?“
„Später!“ - Und die besagte Adresse war natürlich wieder eine in Tempelhof, und da ich in Reinickendorf wohnte, musste ich Gas geben, denn inzwischen war Rushhour. Auch hatte ich noch nie zuvor so heftig gebetet, dass meine Karre ansprang; den Köder also geschluckt wie ein verfressener Hai und dachte, auch wegen der inzwischen fünf Whiskys, wenn das mal gut geht ...

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Über eine Treppe im Blue Note, einer Jazzkneipe mit Striptease-Einlage, ging es durch eine geheime Tapetentür in die ‘Galopp-Diele’. Einer Kaschemme mit Tattersall, in der neu aufgebauten alten ‘Scala’, dem ehemals renommierten Variéte in der Berliner Martin-Luther-Straße. In die ‘Galopp-Diele’ gelangte man natürlich auch durch den Haupteingang. Doch um ungesehen in das von der Öffentlichkeit als Sündenbabel verschriene Etablissement zu kommen, benutzten nicht wenige Besucher die erwähnte Tür. Um die Eintrittszahlung kamen sie allerdings dort auch nicht herum. Der Tattersall war eine mit Sägespänen ausgelegte Reitbahn in Kreisform, in der Frauen gegen Bezahlung nackt auf Pferden ritten. Die vier/fünf Pferde rekrutierten sich aus vor dem Abdecker geretteten Rennbahnpferden, denen man die Stimmbänder durchtrennt hatte, damit sie nicht zur unrechten Zeit wieherten - und die erotische Atmosphäre gewahrt blieb. Die Huren der ‘Galopp-Diele’ stammten fast alle vom Lande und wiesen unisono extreme Oberweiten auf, die beim Reiten mächtig aufschaukelten. Die entsprechenden Damen der Stadt konnten angeblich nicht reiten, oder erschienen dem Betreiber des Etablissements zu flachbrüstig. An Tischen im Rund um die Reitbahn saßen Herren beim Champagner, manche bei einem Herrengedeck - und onanierten. Einige ließen sich als Wichshilfe ein Mädchen kommen. Und fast ohne Pause hörte man im Hintergrund dezente Musik eines Trios, bestehend aus Bass, Geige, Schlagzeug. ’Das Schlagzeug wird wegen der Atmosphäre lediglich mit dem Besen gerührt’, hatte der Chef des Ganzen, Musil, angeordnet.
Musil ist als ’großer’ Onanist und Selbstdarsteller in der Szene Berlins eine Berühmtheit. Doch wer wird sich schon später daran erinnern. Nur ich. Musil sah es gerne, wenn Geiger und Bassist auf Anforderung des Gastes an dessen Tisch trat, um auf Wunsch bestimmte Titel zu spielen. So was russisches, das den Leuten das Wasser in die Augen treibt, war des Geigers Spezialität. Ach, der lässt die Seele tanzen, rühmten ihn viele deswegen - und das Trinkgeld floss reichlich. Man erzählt, der Geiger habe, betrunken, einem Mann den Geigenbogen ins Auge gepiekt, weil er, statt aufzuspielen, auf dessen monströses Glied gestarrt habe. Seit dem war es ihm absolut verboten, direkt an den Tischen zu spielen.
’Ab nun mindestens drei Meter Abstand halten’, hatte Musil getobt, als er Monate später die Schadensrechnung des Onanisten von über tausend Mark bezahlen sollte. ’ ... und dazu noch ein Jahr freien Eintritt und frei Saufen’, tobte er, ’dieser Goj macht mich noch ganz meschugge ...!’ Übrigens, der Geiger war mein Vater. Der (nun einäugige) Onanist ein Intimfreund Musils. Als ich ein Jahrzehnt später den Club besuchte, der inzwischen zu einer Peepshow verkommen war, erzählte man sich den Klatsch über Geiger und Onanisten immer noch. Ehrlich, ich glaube solche Geschichten nicht so recht. Andererseits ist zwar öffentlich bekannt geworden, dass Musil schwul war, - denn er soll sich und den einäugigen Onanisten in einer Eifersuchtstat umgebracht haben.
’Beide waren liiert’, behauptete die Presse.
’Eine Beziehungstat, eindeutig!’, erkannte die Kripo. Doch keiner wusste es so richtig. Übrigens: Der abgeschnittene Penis des Onanisten soll in einem Marmeladenglas gefunden worden sein. Erdbeerkonfitüre, - der Musil nie widerstehen konnte, wusste mein Vater.
Musil war also längst tot, mein Vater lebte noch. Zwar in einem Altenheim und unter erschütternden Umständen, - er darf dort nicht Geige spielen, und man verabreicht ihm täglich ein Antipotenzmittel, das berüchtigte ‘Hängolin’, doch er lebt. Man sieht also, es geht auch ohne Onanie. Aus Neugier habe mal im Branchenbuch für Musiker nachgesehen und zählte 798 Geiger. Wie viele von den Geigern Onanisten sind, hätte ich gern gewusst. Mein Vater ist dort nicht mehr aufgeführt, sonst wären es 799 Geiger und zumindest ein Onanist. Ansonsten war es mir zu mühevoll, die alle anzurufen, um sie zum Thema zu befragen. Musils stehen Acht im Telefonbuch, obwohl der wahre Musil tot ist. Doch ein Musil, und der allein mit drei Telefonbucheinträgen, ist der Neffe vom Alten. Robert. Der leitet jetzt die Peepshow. Robert werde ich über Onanisten befragen.
Nun, wer in der ‘Galopp-Diele’ damals mehr wollte, konnte selbstverständlich auch selber auf einem Pferd reiten - und onanieren, auch mit einem Mädchen als Hilfe. Es war mit Mädchen nur teurer, als alleine zu reiten. Allerdings war in dem Bums, ob zu Pferd oder nicht, jeglicher ’richtige’ Geschlechtsverkehr mit den Mädchen verboten. ’Wegstecken’, sagte mein Vater dazu irgendwie ironisch. Es gab jedoch für solchen Zweck nebenan eine kleine Pension, ‘Zum Schlupfwinkel’, sehr plüschig, sehr gemütlich.
’Ach ja, Junge, es war immer lustig wenn wir in der ‘Galopp-Diele’ aufgetreten sind. Wir hatten viel Freude bei den ’Galoppsportlern’ - obwohl vom verdienten Geld fast nichts übrig blieb ...’ Vater träumte von vergangenen Zeiten - und strich sich wie selbstverständlich Kolofonium ins Haar. Er war Tags zuvor achtzig geworden.
’Dein Vater war nicht nur Geiger in der ‘Galopp-Diele’, sondern auch Trompeter der Jazzband ‘Spree- City- Five’! Trompeter, Sänger, Bandleader in Personalunion - und leidenschaftlicher Onanist, jawohl’, heulte meine Mutter Jahre später noch, ’der war eigentlich nur in diesem Puff - ich sah ihn lediglich, wenn er seine schmutzige Wäsche brachte.’ Ich schwieg dazu.
’Hoffentlich schlägst du ihm nicht nach’, betete sie, wenn sie die Flecken aus meinem Bettzeug wusch. Doch das war längst nicht alles. ’Denk daran, zu Hause brachte dein Vater nie was auf die Reihe, außer dich - das eine Mal - und dir wird es später ebenso ergehen, wenn du nicht damit ...’, und dabei machte sie diese Handbewegung, als würde sie eine Kuh melken. Da wusste ich, sie hatte vom Onanieren keinen blassen Schimmer. Irgendwann fragte ich sie, unschuldig wie ich war, mit welcher Hand Vater es denn getan hätte. Daraufhin gab sie mir schweigend eine Ohrfeige. Warum?, grübele ich noch heute, - denn ehrlich, mit welcher Hand man onaniert, dass macht doch später den Menschen aus. Und nicht nur wenn man jung ist und Geld sparen muss, oder? Ach, immer diese unbeantwortet gebliebenen Fragen. Noch später kommt als Wichtigkeit hinzu, wo man onaniert. Die Art und Weise. Mit welcher Häufigkeit. Mit wem, - und mit welchen Gedanken, Gegenständen und so. Ja, das mit den Gedanken, und mit wem man es tut, das wird mit zunehmenden Alter immer wichtiger, ich sehe es an mir. Denn im Schnitt, dass wusste ich aus meinen Studien, wird es mit achtzehn/neunzehn richtig wichtig; nur -, ich war zweiundzwanzig, und in dieser Hinsicht (also) ein Spätstarter, denn bis dahin griff ich gedankenlos einfach so in die Vollen, und ließ es kommen wann, wohin und wie es wollte.
’Mach dir nichts draus’, sagte mein Freund Hansi (der abstrakte Künstler, Sie erinnern sich?), dem ich deswegen mein Leid klagte, ’bei einem kommt’s früher, bei dem andere später; wichtig ist, dass überhaupt was kommt. Lass es uns mal zusammen machen, dann wirst du schon sehen’. Ein Spaßvogel, der Hansi, oder? Doch es klappte - und war wunderbar. Doch was ich erst später erkannte, diese rasanten Jungwichser, die Pseudoschwulen, die es überall und nach dem Motto tun: Nur ich weiß was richtig und falsch ist, - die sind immer die Arschlöcher der Zeit. Denn um sich cool selber zu befriedigen, damit man für ’ne Weile so richtig satt ist, und das Rohr einen zufrieden lässt, braucht man neben einer perfekten Wichsvorlagen Charakter, Selbstwertgefühl und Ehre, sonst kommt er einem gar nicht erst hoch. Sie können mir glauben, ich weiß, wovon ich rede.
Bei vielen ist das mit Ehre, Charakter und den Wichsvorlagen, usw. aber nebensächlich. Die brauchen gar keinen Steifen. Die wichsen im Kopf. Fragen Sie mich - jetzt, wo ich alt bin. Andererseits finde ich so was nur im Kopf zu tun total ungeil, eine Sauerei ..., denn so ’ne Art Onanie verhindert Leben und deren Spätfolge(n), leere Rentenkasse und so - hört man doch überall; - klar, das sollten diese tumben Typen auch mal überlegen. Andererseits: für manche von denen ist es von vorn herein besser ihren Samen ins Gras zu spritzen; hätte ihr Vater schon tun sollen, - wäre vielleicht ’nen prima Laubfrosch draus geworden. Ich sag’s Ihnen ehrlich, über diesen Spruch lacht Hansi jedes Mal mindestens ’ne halbe Stunde, oder so; der ist und bleibt eben ein Spaßvogel, wie gesagt. Andere wieder, ich kenne einen davon im Ansatz, - meinen früheren Nachbarn Ludger nämlich, haben durchaus das Zeug dazu, Kinder in die Welt zu setzen, glaube ich.

Es sind vor allem diese intelligent wirkenden Typen mit randlosen Brillen auf schmalen Nasen, die mit den fleischigen Ohren, die nie in der Nase bohren, nicht rauchen, trinken und anderswie rumhuren, die schon in der Schule Lehrers Liebling waren und in der ersten Reihe saßen - ja, die vielleicht schon ... Egal, so Weisheiten kann ich für mich knicken. Ich gehöre nicht dazu. Schon wegen meiner ’guten’ Augen, der lädierten Nase, und weil ich in der Schule als Raufbold verschrien in der letzten Reihe sitzen musste, wenn überhaupt, denn oft stand ich zur Strafe wegen irgendwelchem dummen Spaß auf dem Schulgang. Dort musste ich mich dann fragen lassen: ’Na, Jimmi, wieder wegen Blödheit rausgeflogen - wieder unterm Tisch gewichst - und erwischt worden?, - du Idiot!’ Mir blieb deswegen nur übrig ’verpiss dich’ zu sagen und ab und an mal einen Jab gegen so ein bescheuertes Hirn abzufeuern. Sie können sich also vorstellen, wie ich Schule, Lehrer und Schüler hassen lernte. Von den Eltern der Schüler ganz zu schweigen, weil die sich immer bei meiner Mutter beschwerten: ’Ihr Sohn hat meinem Bübchen ein blaues Auge geschlagen ...’, als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt geben würde, zum Beispiel ob Jackie Steward nochmals Formel eins Weltmeister werden würde - und dann wurde es doch Jochen Rindt. Mensch, was für ein Scheißjahr ... Abhaken! Andererseits, Blödheit oder Verschiedenheit in der Sache macht bei der Onanie eigentlich auch keinen allzu großen Unterschied, wie ich im Rahmen weiterer Studien feststellen konnte. Denn trotzdem alle zumindest über krumme Rücken, leere Rentenkassen und so weiter wissen mussten, wichsten die wie die Blöden - egal wo. Ich finde, die sind alle krank, asozial, kümmern sich einen Scheißdreck um nichts. Und warum? Na, weil Onanieren säuisch Spaß macht - und vom beschissenen Alltag ablenkt. Oder etwa nicht? Genau, denn nicht jeden Tag fährt die Formel eins. Und gerade deshalb tu ich es auch - vier Mal täglich. Und wenn ich Zeit habe öfter. Mindestens!
Mal ehrlich, finden Sie meine Theorien konfus? Glauben Sie ich spinne, gehöre in die Klapse? Fragen Sie sich vielleicht, wer ist denn der Wichser da, dass der so was behaupten darf? Na gut, ich sag’s Ihnen und es ist ganz einfach zu verstehen - ich habe keine persönliche Sendung an Sie, oder so, - nein, ich bin ganz einfach Jimmi, der Onanist aus Freude und Leidenschaft, dass heißt, ich nenne mich Jimmi, und das frei Wählen meines Namens und die Onanie ist die einzige Ähnlichkeit mit einem Papst, egal wie der nun heißt, aber das sagte ich Ihnen ja schon. Und auch ‘Jimmy’ Dean, mein Vorbild, geboren 1931 in einem Städtchen namens Marion im Staate Indiana, gestorben am 30. September vor vierzig Jahren in einem Porsches 550 Spider, hat nur drei Hauptrollen gespielt. Doch mir ist das nicht neu, denn ich war durch meine Beobachtungen der Szene schon immer sicher, talentierte Leute werden mit ein, zwei Dingen bekannt, die sie hervorragend tun können, - mit viel mehr nicht, und Sie sehen, Jimmy Dean ist mit drei Hauptrollen der Beweis. Im Grunde ist es erstaunlich, dass Leute überhaupt ein, zwei Dinge hervorragend tun können; die meisten vermögen nicht mal eine Sache ’vernünftig’ zu tun, zum Beispiel - Autofahren, denn wie Sie auch wissen warnen jeden Tag Nachrichtensender vor Geisterfahrern auf Autobahnen und anderen menschlichen Katastrophen in unserem Umfeld. Die durch solche Warnungen und andere Therapien gescheiterten Selbstmörder lassen aber nicht etwa von ihren Hoffnungen auf ein Selbstbestimmtes Sterben ab, die Spinner denken an eine Wiedergeburt, binden sich Tonnen von Sprengstoff um den Bauch, und los geht’s. Ich meine, es wäre fürchterlich, diesen Kretins noch einmal im Leben begegnen zu müssen. Und nicht nur deshalb lehne ich meine eigene Wiedergeburt rigoros ab, ich will jetzt da sein - und alles erreichen, was ich brauche. Es ist jedoch so, als ich im Jetzt loslegen will mit Karriere und Leben, mit dem was ich tun kann und will, dass ich eine abstrakte Fremdheit in meinem linken Fuß spüre. Eine Taubheit, direkt unter der Socke, ganz dicht unter der Haut, die mich zweifeln lässt, Eigentümer von diesem Fuß zu sein. Das ist doch irre! Als ich dazu grübelnd sitze, überlege, wie die Behinderung einzuschätzen und zu ändern sei, überfällt die Taubheit, die ich inzwischen als Angriff Außerirdischer diagnostiziert habe, meinen anderen Fuß. Wäre ich im Besitz einer Pistole, es wäre Zeit die Eindringlinge zu erschießen. Ein Glück, dass ich keine habe. Als ich resolut weiter in mich gehe, die Kraft meiner Gedanken Richtung Lendenwirbel lenke, habe ich auch gleich ein 3 D-Bild meines Unbehagens vom Fuß. Gut, das Bild, dass ich mir von den Fremdlingen mache und Ihnen jetzt weiter erzähle, wirkt eventuell wie inszeniert, doch ehrlich, es ist mir egal wie es rüberkommt, wenn ich es bloß wegbekommen - und habe bei der sogenannten ausländischen Begegnung plötzlich Spaß ...; Wahnsinn: Ich sehe, wie auf einem negativ Film, wie drei der befremdlichen Gefühle entspannt vor der Kulisse New Yorks posieren - und mir zuwinken, dann, auf einer Coca-Cola-Kiste sitzen. Ein anderes Mal in Wollmänteln neben einem halbnackten Bauarbeiter an einem Imbiss Hot Dog essen, so tun, als würden sie dem Bauluden, um ihren Fraß zu bezahlen, die Brieftasche stehlen; ... um den, als der sich gegen den Raub der Kohle wehrt, nieder zu schießen, - ich höre an die zwanzig Schuss, und sehe die dann mit der Imbissbude im Schlepp flüchten. Mein lieber Mann, reichlich brutal, fast wie im deutschen Kinderfernsehen. Und außerdem mache ich mir Sorgen wie die Leutchen dort in Zukunft ohne Fritten, Hot Dog und Donats auskommen. Dann sitzen die drei mit angezogenen Füßen und träumendem Blick auf meinem Sofa, vor dem Bücherregal mit dem einen Buch darin, - blicken mit hochgezogenen Brauen und Spottlächeln in meine Richtung. Doch ich lasse mich nicht provozieren, ich sage nichts, ich denke über ein zweites Buch nach. Da drin sehe ich mich, ein Foto: Ich fläzte im Warteraum der Filmproduktion in Babelsberg auf einem Ledersofa, träge, die Beine ausgestreckt, in den legendären Cowboystiefel mit Jeans, und einem Gesichtsausdruck wie mit der Axt hinein geschlagen. Mit Groll. Unbewusst, denn das mit dem Unwillen in der Visage missfällt mir - immer, - denn ich will glücklich sein, nur das, - unglücklich war ich lange genug – und wie aufs Stichwort kommt sie zur Tür rein.
’Jimmi?’, sagt sie, ’Sie sind dran’.
’Na dann mal los’, sag ich, und gebe ihr in Vorfreude auf die neue Rolle einen Kuss.
’Wenn ich die Rolle habe, gehen wir essen’, lade ich die Fee gut gelaunt ein.
’Okay, Jimmi’, lächelt die zurück, ’gerne; Ich drück dir die Daumen’.
Und dann quetscht sie meine wirklich ansehnlichen Daumen, bis ich vom Vorsprechen wieder rauskomme - und ihre süßen beiden Daumendinger und die vier Finger drum herum sind schon nahezu schwarz wie Negerpfoten. Nur die Fingernägel mit den Brillantsplittern darauf glänzen wie Perlmutt.
’Wie heißt du eigentlich?’
’Angie’, haucht sie, und strömt den Duft von ‘Explosion’ aus.
’Ein starkes Parfüm’, sage ich.
’Ich hab noch mehr davon, willste mal sehen?’
’Ja!’
’Heute Abend?’
’Ja, gerne!’
’Ich freue mich!’ Und würde es nach mir gehen, könnten wir immer da stehen und geistvoll Frage und Antwort spielen und ich an meinem Ding. Denn Angie hat Klasse, auch im Bett, wenn sie ihn mir lutscht, und nichts von ihren Posen wirkt einstudiert, - wie das sonst heute so üblich ist, wenn man zum Film kommt. Andere stehen hier ständig vor dem Spiegel im Klo, ziehen sich ’ne Nase, proben dies und das und wie man stöhnt oder schweigt, beim Sex, oder nicht, - wie ich selber sehen konnte, und die vergessen darüber sogar den Vorsprechauftritt und ihren Namen. Ich dagegen bin ungeschminkt und natürlich geblieben. Und mein Bild beim Vorsprechen, im Ledersessel vor dem Fernseher, hat den Regisseur und den Produzenten so überzeugt, dass ich die vorgegebene Rolle in ihrem Film spielen darf.
’Ist aber keine Sprechrolle, - erst Mal!’, sagt der Regisseur, und blinzelt mir vertraulich zu, ’am Sprechen musst du noch arbeiten, - aber sitzen, so wie eben, das kannst du echt spitze!’ und dabei hüpft er in die Höhe (Giga nennt er sich - ist das nicht süß?) wie der legendäre Hans Rosenthal bei ‘Dalli- Dalli’. Nur, Giga hält sich beim Sprung - aus mir unerfindlichen Gründen - am eigenen Sack fest. Und das sieht vielleicht bescheuert aus. Doch vielleicht hat er auch einen Grund dazu - was? Ein Ding wie ein Ofenrohr, oder dicke Eier wie Bukowski. Egal, den bescheuerten Sprung macht das auch nicht besser und besser als sich an meinem Sack festzuhalten ist’s allemal. Das mit meinem Sitzen, jedenfalls, dass hat Hansi auch mal gesagt, damals, in der Schule als wir ..., wollte ich antworten, als der Regisseur immer noch begeisterungstrunken endlich wieder auf festem Boden stand -, verkniff mir aber die Worte, war ja auch keine Sprechrolle das hier. ’Mhhm’, lies ich deswegen zustimmend hören. Und von meinem ’Mhhm’ war der Macker so hin und weg, dass er zu seiner Assistentin, der Angie, sagte: ’Lass uns das ’Mhhm’ in die Rolle einbauen, das ist obergeil, - ein schweigend onanierender Mann vor ’nem kaputten Fernseher auf ’nem versifften Sessel, der einzig ’Mhhm’ sagt. Spitze! Spitze ...!’ Und ich befürchtete schon wieder sein Hochspringen - mit dem Sackgriff. Echt, ich hasse solche primitiven Peinlichkeiten seit Michael Jackson bei den Jackson Five. Andererseits egal -, weg mit den Kleinigkeiten, es könnte schließlich heute der entscheidende Moment im Leben meines Schauspielerdaseins werden. Denn Elia Kazan, zum Beispiel, der ‘Jimmy’ Dean für die erste große Rolle (in der Steinbeck-Verfilmung ‘Jenseits von Eden’) nach Hollywood holte, hatte mit dem ‘Mhhm’ von ‘Jimmy’ die gleiche positive Erfahrung gemacht. Wenn auch der fast kaputte Fernseher, vor dem der Jimmi von damals onanierte, noch in schwarz/weiß sendete, und der Sessel ein Melkschemel war. Aber so sicher bin ich mir da nicht, - denn ich tu nun und jetzt mein ‘Mhhm’, dass schon durch Elia Kazan und James Dean in die Filmgeschichte eingegangen ist. Mein Gott!, ... darauf bin ich unbeschreiblich stolz. Ich - und ein Welterfolg!
’Wie soll denn der Film heißen’, erkundigt sich Hansi.
’Scheiße, habe ich vergessen zu fragen’.
Was soll’s, die Zeit geht drüber wie ein Pinselstriche. Und öffentlich onaniert wird (bis auf in TV-Talkshows, Partei-Wahlkreisen, im Senat von Berlin, bei Landtagsversammlungen, in Plenarsälen, dem Kanzleramt, diversen Vorstandsetagen und Aktionärsversammlungen, Gewerkschaften, Weihnachts- und Betriebsfeiern, im Karneval, Hochzeiten und Geburtstagen) auch nicht mehr richtig. Und den letzten Rossschlachter der Stadt findet man weitab in Spandau bei Berlin. Ich dagegen, arbeite mit einer Schauspiellehrerin weiter an meinem charakteristischen ‘Mhhm’. Für das ich, wenn es tutti completo ist, beabsichtige Markenschutz zu beantragen. Buongiorno gentile.

35
Einer promovierte über Steuereinkommen aus Kapitalverbrechen. Ein anderer hatte seine Freundin getötet. Und das gleich 2 Mal. Für das erste Mal bekam er zehn Jahre. Für das zweite Mal steckten die Richter ihn in den Maßregelvollzug. Klapse, also. Seine Freundin war blond. Gut, alle beide waren sie zwar blond, dafür Lana ein Jahr jünger als er. Und er war damals zweiundzwanzig. Sie kam aus gutem Hause, wie man so sagt. Ihr Vater Professor für irgendwas. Er hatte voll befriedigend auf Abitur studiert, und sonst nichts auf der Latte -, außer den zwei Semestern Medizin als Blutläufer. Lana volontierte als Modezeichnerin, wollte Design studieren. Und sie hatte Talent. War zielstrebig und bodenlos fleißig!
„Und glauben Sie mir, sie liebte mich“, sagte er vor Gericht aus, „egal weswegen und wofür! Und ich liebte sie. Dafür, dass sie mich liebte - und auf meine spezielle Art und Weise.“
Doch diese Art fanden nicht mal seine Richter raus, - und auch ich werde nichts darüber verlauten lassen, sonst sagt noch jemand, wir wären pervers, sagt er. Nur eins, ich liebe sie heute mehr als früher, weil sie nur noch mir gehört, - auf meine Art. Ja, nur mir -, denn ihr Vater ist auch tot, und Verwandte sind nicht. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.

Das habe ich gerade vor ein paar Tagen wieder bemerkt, als ich vor ihrem Grab stand, sagt er. Ein überwältigendes Gefühl, sagte ich meinem Betreuer auf seine Frage, nachdem er mir die Handschellen abgenommen, damit ich die mitgebrachten Stiefmütterchen einpflanzen konnte; sonst hättest du das nämlich machen müssen, Frank, hänselte ich ihn. Und der notierte den Fall. Oder wie Psychologen so was sonst nennen. Siehst du Frank, war keiner weiter hier, seit unserem letzten Besuch, sind immer noch meine Fuchsien von neulich drauf ...! Auf dem Rückweg schauten wir noch nach Rico, der zweiten ...
Für Rico hatte ich Rosen dabei. Rote. Langstielige. Kein Wunder, denn die Liebe und Trauer über seinen Verlust war ja auch noch frisch.
Auf dem Grabstein befindet sich ein Bild von ihm. Ein Foto.
Sieht immer noch toll aus, der Junge, was Frank? Und sein Grab -, so gepflegt. Da sieht man, wer sich kümmert. Sicher seine Mutter. Eine gute Frau. Sie hätte nur auf ihn besser aufpassen sollen, denn im Knast wird schnell gestorben. Auch diesen Fall notierte Frank, - wie man so sagt.
Lass uns noch einmal über den Kurfürstendamm fahren, Frank -, dafür reicht mein Geld noch, schlug ich vor.
Im Taxi roch es nach Veilchen - leider war es ein Nichtraucher. Und zu gerne hätte ich im Zoo ... oder im Kranzler noch ..., aber es ging nicht; nicht mit der Acht an den Handgelenken. Und Frank wollte die nicht abschließen. Nicht so schlimm, Frank. Vielleicht das nächste Mal, dann sind die Vollzugslockerungen eventuell schon durch; also pass auf, was du schreibst, riet ich ihm, als er wie wild wieder irgend etwas notierte.
Wieder in der Anstalt meinte Frank, es würde mir vor der Kommission gut anstehen, wenn ich meine Gedanken aufschreiben würde.
Als Geständnis? Nein, die eigenen Gedanken und Gefühle werden verlangt; die Gutachter wollen wissen, wer du wirklich bist, wie du warst, und was du werden willst, wenn du bist, wie die wollen. Menschenskind, wenn ich das mal wüsste ... Also - worüber schreiben? Klar, über das Leben, wie ich es verstand, denn ehrlich, dieser Einheitsbrei kotzt mich an. ...ich wollte eigentlich Scheiße dazu sagen, aber nicht jetzt darin stochern, was ich später mal sein sollte. Denn noch bin ich Ich. Und schreibe!

36
So richtig kann man sich die ehemalige Verkäuferin Monika (Patrick log sie schon beim ersten Treff an und behauptete, dass sie BWL studieren würde), als nichts anderes vorstellen als ’die Nutte Mona’. - Nicht als Verkäuferin, noch als Ehefrau, unmöglich als Mutter. Nein, als Mutter schon gar nicht. Und egal was man sich vorstellte, sicher ist, sie wird dies und das auch nie sein, weil sie nie Verkäuferin und schon gar nicht Mutter sein wollte, eine, die ihr Kleinkind zu oft allein lässt. Nie Ehefrau, weil sie ihren Mann betrügt, da sie so gerne ’fremd’ geht, und was anderes als Nutte erst recht nicht. Sie wollte Studentin von irgendwas wie BWL sein; einfach so. Doch jetzt, aus dem Niederknien, steht sie schwerfällig auf. Denn die Knie tun ihr weh.
Patrick hatte sie geschlagen, bis sie fast bewusstlos war. Ihre Beine gegriffen, als sie lag, - sie wie einen Sack geöffnet, schrubb - schrubb seinen Stab gewetzt - und ihr den tief eingestoßen. Erst von vorne, dann von der Seite. Hatte sie gezwungen sich zu bücken, um sie rektal zu nehmen. Schrubb - schrubb. Dann gewürgt“ ... nun komm schon, du Sau!“ An ihrem Hals gedrückt, bis sie unter zuckenden Krämpfen den Hinterleib hin und her warf und unter sich kotete. „Na bitte, es wird doch...!“ Schrubb - schrubb, sein Kommentar. Ihre Nerven sind wie zerquetscht, als er wie wahnsinnig in sie dringt, stößt. Doch ihr Blut kreist noch ruhig innen drin. Nur wenig erregt ist ihr Herz. Bis die Lungenflügel drücken, ihr Atem schwerer wird, als Patrick zum Finale ansetzt - gleichzeitig ihr Darm nach oben drängt. Nur noch eine Frage der Zeit, dann wird ihr das Blut aus dem Kopf weichen und sie ohnmächtig werden. Tintendick dann, schwarz-blau, als Patrick in sie einschneidet ( ...fettes Blut, wie auf dem Schlachthof der Schweine, denkt sie), um sie mit ihrem Saft zu beschmieren.
„Nun mach schon!“ befiehlt er. Also stellt sie das Becken hoch - und lässt die Gäste kommen. Patrick, das Tier dann erneut über ihr, atmet ungeheuer tief ein und aus -, bald als wenn die Sau ersticken würde. Als wenn ein Stein aus großer Höhe fällt, um unter Getöse aufzuschlagen. Sie wird dem Mann, dem Tier, ihren Kunden weiterhin gefällig sein. Wippt auf und ab, hin und her, hoch und runter, langsam und schnell bis er brüllt, sich schüttelt im Krampf seiner Hoden, kommt und spritzt - das Vieh. Auf unsicheren Beinen steht er danach über ihr (blickt in den gut ausgeleuchteten Fleischerladen der Nutte Mona) und sie muss zulassen und sehen wie er auf sie uriniert.
„Ich krieg dich schon klein, warte nur, - Fotze!“ stöhnt er dabei. Offensichtlich sind die Vollzüge und Verfahren dieser Randale in Patrick fest verankert an einem Platz, den nicht mal er richtig kennt, und niemand kann in dieser Brutalität mithalten; und Patrick schon überhaupt nicht, meint Patrick. Patrick, pah, der tut nur, was zu tun ist. Aber der kann nichts tun, wenn ich nun seine Lieblingshure quäle. Denn die trägt sogar vor Gericht ihre schwarzen Graceland Stiefel, ein dunkelblaues Seidenkleid mit Schalkragen von Dior, Make Up von Yves Rocher. Sie wirkt damit, als hätte sie Klasse. Nur neulich, als sie wegen Beischlafdiebstahl und versuchter Erpressung festgenommen wurde, schrie sie völlig außer Kontrolle ’Bullenschweine!’ - meinte damit aber Patrick. Sie habe, gibt sie vor Gericht weiter an, die Randale in der Bar aus äußerst erhöhtem Seelendruck begangen. Dazu käme ein extremer Alkoholpegel, - sagt ihr Rechtsanwalt. Sie trinkt sonst nicht, entlastet sie zudem Patrick. Der hatte an diesem Abend selber drei Flaschen Champagner intus und wusste von nichts mehr ... Bei Ihrer Festnahme - in später Nacht - wurden 2,2 Promille gemessen.
Nun, über Patrick sagt sie nichts schlechtes vor Gericht. Auch deshalb will sie Patrick wiederhaben. Es scheint, als liebe er diese Hure. Und deshalb ist sie wohl auch noch am Leben. Doch das kann sich (meinetwegen) im Nu ändern, - denn ich liebe Huren nicht. Keine von denen. Und 'den Patrick' in mir erst recht nicht.

37
Patrick ist aus der U- Haft entlassen. Die Vergewaltigungsanzeige der beiden Damen aus Schweden wurde zurückgezogen. Und ich sagte ihm, dass wir noch mal darauf zu sprechen kommen müssten.
„Wo drauf?“
„Du hast mich doch neulich gefragt, warum Männer wie ich verkehrt herum auf dem Klo sitzen?“
„Männer wie du?“
„Ja.“
„ ...und, warum also?“
„Mich, zum Beispiel, hat der Blitz getroffen!“
„Der Blitz?“
„Ja, hat er, - bei einem Fußballspiel. Er fuhr aus blauem Himmel mit Sonnenschein ..., ich schwöre es!, in meinen Kopf, ging in den Reißverschluss, verschweißte dessen Metall. Fuhr mir über Brust und Bauch direkt in den Schwanz, verbrannte meine Klöten zu Esskastanien und rauschte aus meinem rechten Fuß raus.“
„Ja, das kommt dabei raus, - weil du keine Krankenversicherung hast.“
„Du bist ...“
„Sorry.“
„Weißt du, meine Dinger sind jetzt winzig und sehen aus, dass du denkst, die haben eine Hefepilzinfektion, ehrlich.“
„Und dein Schwanz?“
„Der ist auch so. Doch immer auf der Suche nach Futter.“
„Ehrlich?“
„Ja, der scheint wie ein Mehlwurm ... Das käme von der Stickstoffbehandlung, hat mein Arzt erklärt.“
„Und deswegen sitzt du auf dem Klo verkehrt rum?“
„Ja ... es ist ... ein ... technisches Problem, compri?“
„Kannst du das noch weiter ausführen?“
„Nein, will ich nicht und kann ich nicht!“

38
Wegen Patrick bekam ich Kopfschmerzen. Er hat sich in letzter Zeit verändert. Aber nicht nur weil er ein Bekannter von Jugendtagen her war, eher ein Geschäftspartner, musste ich mich um ihn kümmern. Denn wenn die Geschäfte schlecht liefen, lief mein Leben beschissen.
Im Augenblick lief es zwar nicht ganz so beschissen - wie zuvor, denn ich hatte Jana kennen gelernt. Liebe und Leid. Licht und Schatten. Mit Stunden dabei, da habe ich sie mehr geliebt als mich. Und Tagen, da habe ich sie mehr gehasst als mich. Und das soll was heißen.
Nun, auch Jana war blond. Und trotz aller Vorurteile Blonden gegenüber, ihr Körper war Spitzenklasse. Halt, einen Eindruck erweckt man nicht, indem man spitze aussieht, meinte sie, sondern, dass man was im Kopf hat. Sie studiere nämlich Medizin. Sechstes Semester. Nebenbei, um sich das Studium zu verdienen, schaffe sie in einem Nobelpuff an. Und da sah ich sie zum ersten Mal, zehn Tagen nach ihrem Beginn dort.
„Sie sind eine besonders Hübsche!“ machte ich ihr ein Kompliment, dass sie sicher gewohnt war, „wo hatte ich die ganze Zeit bloß meine Gedanken...“ Und als ich sie dabei direkt anblickte, das ist so meine Art beim Ersten Mal, schaute sie zurück, und ihre blauen Augen blickten vertrauensbereit, groß und offen. Alles an ihr, wie auch ihre Lippen, die Höhe der Stirn, und die Farbe ihrer Wangen, darauf lege ich besonderen Wert, stimmte.
„Ich möchte mit ihnen einen Kaffee trinken, kommen sie...“ zog ich sie mit mir. So fing es an - eigentlich wie immer.

Als wir auf Sylt landeten, war es genau Zeit für einen Kaffee. Danach fuhren wir in mein Haus und vögelten. Ja, thx für die Nachfrage - auch der Sex mit ihr war göttlich, wie das Mousse zum Kaffee.
„Hast du mit Patrick auch?“ Und im Augenblick wusste ich, dass ich mir die Frage hätte ersparen können, hatte ich Patrick doch selber die Anweisung gegeben, jede neue Huren zu testen.
„Sei nicht böse, Patrick hat zwar einen riesigen Schwanz, doch wirklich, ich stehe nicht auf solche großen Dinger, und schon gar nicht auf die Art wie er es tut!“ Schon das eine einzige Lüge, denn jede Frau steht auf große Dinger. Und da zwackte es - irgendwo; nein, nicht irgendwo, sondern ganz tief in mir schäumte der Mageninhalt hoch, bog sich das Herz zum Fragezeichen, machte etwas, dass meine Stimme rau wurde, die Knie weich, meine Hände zitterten, die Lippen rissig und trocken wurden. Der harte Hund, der ich vermeintlich war, verspürte Eifersuchtsgefühle. Scheiße! Sie hätte sagen sollen, dass sie mich liebte, dann wäre alles halb so schlimm. Sie sagte es aber nicht - und das war schlimm ... Nach ein paar guten Tagen mit Baden und Sonnen, Essen, Trinken und Sex satt, - alles in Vernunft mit mäßiger Leidenschaft, standen wir in unserer Beziehung da, wie wir angekommen waren. Und ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Es war das erste Mal, dass ich nicht wusste wie es weitergehen sollte. Und Patrick konnte ich nicht fragen, der hätte geantwortet: schmeiß das Huhn raus, irgendein anderer Idiot wird sie dir schon abkaufen.
An jenem Tag, als wir uns von Sylt verabschiedeten, ging sie noch mal ins Haus zurück und ich, aus irgendeinem Instinkt heraus, hinter ihr her. Sie stellte ihre Handtasche auf den Tisch, öffnete sie, wohl um sicherzugehen, dass sie alles eingepackt hatte ..., und zeigte mir einen kleinen Revolver. Eine Walter PPK. Ich war ehrlich überrascht.

„Solltest du mich jemals enttäuschen, werde ich dich erschießen!“
„Und hier“, ging es weiter,“ zeige ich dir, dass ich finanziell unabhängig bin“, breitete sie vor mir diverse Papiere aus. Broschüren und Formulare, wie mir schien. Dabei war auch eine Kundenliste, wie ich sah, von den Freiern, die sie regelmäßig buchten.
„Von denen hier,“ und sie deutete auf die Liste, „kann ich dir jede Menge erzählen!“
„Erpresst du die?“
„Natürlich nicht.“
„Ich hätte dich auch sofort verabschiedet -, dass weißt du?“
„Na klar, weiß ich das; es ist ja auch nur als eine Art Lebensversicherung gedacht.“
„...“
Aus dem Innenfach ihrer Tasche holte sie während sie sprach einen goldenen Füller.
„ ... außerdem besitze ich noch andere Lebensversicherungen. Welche mit begrenzter Laufzeit, wie dich. Dazu ein Sparbuch bei der Bank, einige Kunstgegenstände und teuren Schmuck.“
„(...)“
„ ... und wenn du willst, überschreibe ich dir auf der Stelle alles was ich besitze; willst du?“ Aus einem anderen Fach ihrer Tasche zog sie ein vorbereitetes Formulare und sah es sich prüfend noch einmal an.
„Nun, willst du?“

... erst war er held dann auch der narr/er bot sich uns als alles da/
was er so konnte/genau wie die da in paris/hilton
nein ...
so tot/d berühmt möcht ich nie sein wie all die tunt/en und narzissen
bei allem geld
es ist und bleibt von mir darauf geschissen
ja /nein/ja/nein/ja
da liege ich lieber im spagat mit mir selber pudelnackt in der sonne
ersoffen in 47/11 meiner umgebung und warte
dass es teer regnet
woher ist mir völlig scheiß/egal

Ich wusste, dass ihr Angebot kein Spaß und schon gar keine Heuchelei war. Denn jede Geste war vorbereitet und durchdacht -, sie war eben eine gute Schauspielerin, die glaubte was sie spielte, wie jede Tophure, und die Ablehnung durch mich wäre für sie eine Katastrophe. Ich sagte mir, es wäre nur ein Geräusch statt eines Angebots; ein Schlag meines Herzens, ein Pochen in der Seele. Und so trennten wir uns - ohne Streit.
Ich nahm den Flieger. Sie blieb da. Wie meine Träume.

39
Als meine Tante starb, sah sie aus wie meine Mutter, als die starb.
Es starben mit Mutter aber nur Teile meiner Erinnerung, nicht das Wissen daran, wie sie uns Kinder durchgebracht hatte in dieser beschissenen Zeit; denn mein Vater tollte verantwortungslos irgendwo (’Tollte’ war Mutters Ausdruck dafür. Ich wusste, mein Vater hatte tausend Freundinnen - und dort blieb das Geld, dass er Mutter gestohlen hatte - und die Zeit); auch deshalb war meine Mutter gezwungen immer mehr Klos und Treppen putzen.
Nach Feierabend ging ich mit Mutter selten - aber immer gerne - ins Einkaufscenter, einfach so. Denn wir nicht das Geld, um uns irgend etwas zu kaufen, und sei es noch so preiswert. Trotzdem gingen wir ... Nun, direkt vor der Supermark lungerten immer die gleichen Typen. Penner, die dort saufen spielten (meinen Vater sah ich dort), und bettelnde Skins mit Hunden.
Oft machten die Skins sich einen Spaß andere Leute mit den Hunden zu erschrecken. Auch auf uns hetzten die ihre Hunde. Als es reichte, haben wir uns gewehrt, - ein Blick genügte.
„Na dann los...“, haben wir wie mit einer Stimme gebrüllt und dann ging’s knack - klatsch, wie bei Mickey Maus - und die Skins glotzten platt gemacht. Zum Schluss haben wir ihnen die Hunde vor die Füße geworfen; sind lachend nach Hause.

„Seht ihr,“ sagte Mutter, nach dem sie meinen Geschwistern die Geschichte erzählt hatte, „es lohnt sich alle Male zum Judo zu gehen; außerdem kostet es nix und ihr seit von der Straße weg!“ Ja, Judo macht richtig Spaß.
Wir wohnten im Märkischen Viertel. Reinickendorf. Das klingt zwar nett, ist aber böses Blendwerk. Der lange Jammer nennt sich die Platte. Von allen Fenstern und vom Balkon konnten wir die DDR-Mauer sehen. Manchmal wurde geschossen; nachts - und gegen Morgen vor allem. Einmal, ich verließ gerade das Haus um zur Schule zu gehen, kam mir blutüberströmt ein Mann entgegen und brach vor meinen Füßen tot zusammen. Sekunden später war Polizei da. Mich ließ das Bild von dem Mann den ganzen Tag nicht los. Ein Flüchtling, erzählte Mutter, als ich aus der Schule kam. Hast du es denn nachts nicht knallen gehört? Ne, habe ich nicht...
Das ’Märkische’ ist aus einer ehemaligen Laubenkolonie entstanden. In der Kolonie lebten die Menschen in winzigen Häuschen mit Garten - das ganze Jahr über. Im Winter war es sicher hart, deshalb wurden die ’Laubenpieper’ auch als erste in die schon fertigen Wohnungen eingewiesen. Manche mit Ziegen, Enten, Hühnern, Schafen. Und dementsprechend waren später sämtliche Mieter. Menschenähnliche Affen und Schweine; denn wer wollte sonst schon hier her ziehen? ’Pottsäue’ - allesamt, sagte Mutter über die 100.000 und sonst wie viel Einwohner, von denen 22 Prozent ohne Arbeit, 11.783 Sozialhilfeempfänger: ’alles Pottsäue’, - wie wir. Denn unsere Bude sah auch aus wie vom Sperrmüll, aber sauber geputzt. Braune Schrankwände, Schleiflackbetten, diverse abgeschabte Tische, ein Uraltfernseher, mit dem man nur das erste und zweite Programm bekam; - abgeblätterte Farbe an Fenster, Tür und Rahmen, gelb gerauchte Tapeten, schiefe Lampen an den Decken. Wie es im Bad aussah - will ich mich gar nicht erinnern. Wenn Vater doch mal da war, saß er am Küchentisch und rauchte. Rauchte er nicht, drehte er Zigaretten - und nie saß er woanders.

Mutter und Vater haben sich auf einer Tanzveranstaltung kennen gelernt. Melker und Besamer hat Vater gelernt. Geheiratet haben sie nie. Schon wegen der Stütze. Dann wurde er arbeitslos - und das erste Kind kam, das zweite, dann ich, dann noch eins. Wenn er weg war, das passierte jeden Monat pünktlich, wenn es für ihn vom Amt Geld gab und Mutters Lohn, sagte Mutter: „Macht euch nichts daraus, Kinder, es ist gut, dass er weg ist, denn jedes von euch kann nun seine Freiheit genießen!“ Und dann tobten wir wie die Blöden durch die Wohnung, stellten Fernseher und Musik voll laut und tanzten mit Mutter Rock’n Roll, bis die ganze Nachbarschaft zusammenlief. Eigentlich hatte Vater sowieso täglich gesoffen und uns verdroschen, - oft auch Mutter mit dem Messer bedroht, wenn kein Geld zum saufen da war. Doch zum Ultimo hin, dem ’Lohntütenball’, wurde es schlimmer als schlimm. Meine älteste Schwester ist oft dazwischen gegangen, - die holte auch die Polizei. Doch im ganzen Viertel war zur Zeit des ’Lohntütenballs’ die Polizei im Dauereinsatz. Auch Vater nahmen sie oft mit und sperrten ihn zusammen mit anderen Säufern in die Ausnüchterung. Mutter musste ihn jedes Mal abholen. Wehe sie vergaß dabei die Flasche Korn... Doch irgendwann war er weg. Mutter hatte ihn einfach nicht abgeholt. Wie wir später hörten, hat er sich in eine andere verguckt, eine Schlampe mit sechs Kindern, der er im Laufe der Zeit selber noch drei machte. Als Mutter krank wurde, sind wir ins Heim gekommen. Da saßen wir dann unsere Zeit ab und warteten, bis wir der Reihe nach volljährig wurden. Als meine älteste Schwester früh starb, sah sie aus wie Mutter, als die starb, - wie die Tante.

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Wir kannten uns aus der Legion. Und in einer Destille alten Stils, mit Soleiern im Hungerturm, Hackepeterbrötchen, sauren Gurken, selbst gemachten Bouletten, mit gelb gerauchten Zillebildern an den Wänden, Frommsautomaten auf dem Klo, in diesem altmodischen Flair, das einer Kneipe unverwechselbaren Charakter aufdrückt, trafen wir uns zufällig wieder.
„Mensch P.!“
„Ey, - der S.!“
„Schön, dich zu sehen!“
„Ich freue mich echt ...“
„Du bist immer noch so schlank.“
„Genau wie du!“
„Mein Kampfgewicht.“
P. und mich hielten die Ausbilder in Sidi Bel Abbes für Brüder.
Beide waren wir eins- acht- und- achtzig groß, hatten schwarz gelockte Haare, dunkle Augen, ausgeprägte Nasen - südländische Typen. Er allerdings mit ins negroide gehender Hautfarbe, schlank in den Hüften, breit im Kreuz, - als Boxer sattes Halbschwergewicht. Jetzt, im Kneipenlicht, sah ich blass aus. P. dagegen gebräunt, wie immer. So viel dazu.
„Komm, erzähl, wie ist es dir ergangen, - wann hast du Abschied genommen?“
„April!“
„Und du?“
„Januar ... Ich blieb dann aber noch einige Wochen in Dschibuti -, hatte ein Mädchen, - weißt du -, bin dann über Aubagne und Korsika zurück. Und nun erzähl du ...“
„Ich bin von Obock, über ein paar Wochen in Kourou und Aubagne, in den Libanon, - dann nach hier.“
„Und, wie findest du Berlin?“
„Hör mal, ich bin hier so was wie aufgewachsen. Zehn Jahre - zwischen Greifswalder und Danziger ...“
„Dachte ich mir, dein Französisch klingt so nach Berliner Schnauze ...“
„Stimmt! Und du?“
„Früher Charlottenburg - jetzt hier, wegen der Miete, - aber nicht mehr lange.“
„Du ziehst weg?“
„Ja, im Herbst, nach Westend. Ich hab’ da ’ne Freundin.“
„Ihr zieht zusammen?“
„Ja..“
„Tatsache ...?; ... hätte ich dir nicht zugtraut.“
„Wieso?“
„Na, was du alles so in der Legion verbockt hast ...“
„Weißt du - das ist vorbei, P.!“
„Wenn du es glaubst, S.!“
Es wurde dann sechs Uhr morgens, und wir saßen wie festgewachsen, redeten, schwiegen, erklärten Dinge, ließen andere weg, saßen neben Männern mit zerfurchten Gesichtern, die Bier mit Kompott frühstückten, und zum hundertsten mal tönte aus der Box: ’I believe, I can fly’.
„Wer drückt bloß immer diesen Scheiß ...?“
„Ich!“
„Du?“
„Ja. Mahmut drückt für mich ...“, und P. zeigte mit dem Finger auf einen Hünen an der Theke, der mir wegen seiner Statur schon aufgefallen war.
„Der drückt für dich -, warum?“
„Er gehört mir!“
„Ach so ...“
Und ehrlich, ich dachte ihn hat es am Kopf erwischt oder ein Moskito oder so was in der Art ...
Ich fragte stattdessen: „Sag mal, hast du Weltschmerz?“
„So ähnlich; ich heirate übermorgen!“
„Ach - deswegen ... Glückwunsch!“
Dann schien er in sich selber versunken, - fragte wie aus einer seelischen Untiefe: „Will nicht jeder fliegen?“
„Schon ...“, antwortete ich.
„Siehst du - und ich tu es, - spätestens ab übermorgen.“
Und in dem, wie gelassen seine Körperhaltungen und Blicke waren, glaubte ich es ihm, ohne wenn und aber.
Ja, es war echt friedlich und wie seit Zeiten nicht mehr, und wir, verwöhnt durch Schnaps, Kaffe, Bier, Tee und Zigaretten, durch Erinnerungen und Glauben an die Zukunft und das Fliegen, wurden aufgeschreckt, als ein Mann, cirka Mitte dreißig, eine Frau schlug. Einfach so; jedenfalls hatten wir zuvor von einem Streit nichts bemerkt.
P. stand auf.
„Lass“, sagte ich, „das geht uns nichts an.“
„Mich schon!“ sagte er, „ich habe hier nämlich das Sagen!“
Es ging dann rasend schnell. Ein zu dem Kerl gesprochener Satz von P., den ich nicht hören konnte, zwei, drei seiner Bewegungen, die man sonst in Kung Fu Filmen sieht - und aus die Maus. Der Kerl lag wie tot. P. hatte nichts verlernt. Wir nahmen ein letztes Bier.
„Weißt du, ich heirate übermorgen die Tochter des Paten von Neukölln“, fing er noch einmal an, „und ich werde dadurch bald eine große Familie führen, - denn mein Schwiegervater ist schwer krank.“
„Und dem gehört ganz Neukölln?“
„So ähnlich“, grinste er.
„Und dann dir?“
„Genau, - und bald auch Berlin!“, ließ er seiner lächerlichen Eitelkeit Lauf, ... than we take Berlin ..., dieser Größenwahn, wie mir an diesem Beispiel wieder einfiel ...
„Und, was machst du mit Berlin?“, fragte ich dennoch weiter.
„Geld. Viel Geld!“
„Ah, und ich glaube zu wissen womit ...“
„Ja, mit Träumen; ... wir erfüllen den Menschen Träume. Ein Beispiel, S.: viele Männer träumen von Tussen mit dicken Titten, Frauen von Kerlen mit einem Ding wie ein Ofenrohr -, und, mit ein bisschen Chemie, realisiere ich all deren Träume, - so einfach ist das ...“
Und dabei lachte er in diesem Intervall quietschender Töne direkt aus dem Kehlkopf, die ich erinnere, als er in der Kaserne von Dschibuti einem Jungen mit dem Gewehrkolben das Gesicht zertrümmerte, weil der ihm die Stiefel nicht sauber genug geputzt hatte.
„Na dann - viel Glück.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein. Wirklich nicht.

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’Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt im Moabiter Kriminalgericht der Prozess gegen einen der bekanntesten Kriminellen der Stadt’, las ich Jahre später in einer Zeitung, - daneben ein Foto von P., mit Handschellen, Arme auf dem Rücken.
So - so, dachte ich, kein Wunder, Legionäre zieht es immer wieder in die Brennpunkte, egal wo die waren, zum Beispiel der Knast Berlin/Tegel: 1571 Haftplätze. Einem Bau -, weit über einhundert Jahre alt, teils aus Klinker, teils Beton, in einer Farbe und Ordnung in die Landschaft gesetzt wie verstreute Hundescheiße, - eine Gegend mit Gewerbebetrieben, einer Wohnsiedlung, der Bushaltestelle vor der Anstaltstür, die hier Tor 1 heißt, nahe zweier U-Bahnstationen, dreier Kneipen, die gegenüber vom Knast hieß ’Zur goldenen Freiheit’, mit einer Wirtin in Stil und Aussehen von Dolly Buster - mit zwei Tankstellen, und das alles mehr oder weniger idyllisch am Rand des Tegeler Forstes, Bezirk Reinickendorf; ehemals ’Französischer Sektor’ Berlin -, logierte ich schon. Die hochoffizielle Anschrift der Auberge und der Hinweis: JVA Tegel, Seidelstraße 39 13507 Berlin; Besuchszeiten Montag bis Freitag nach Voranmeldung, pappte auf weißem Emaille neben dem Tor 1. Also dann: ’Bienvenu’ im Rattenloch.

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Im November ist es im Knast noch beschissener auszuhalten als die anderen Monaten. Im November werden nämlich die Stricke geknüpft, mit denen man sich - vom Himmel hoch - im Dezember aufhängt, du heilige Nacht.
Es war am Ende der Tage im November, als P. nach Tegel kam.
Demgemäß blieb nicht mehr viel Zeit sich einen Strick für Weihnachten herzustellen. Aber das wollte er auch nicht, lernte ich gleich.
„He, S. ..., du Arsch!“, brüllte der nämlich vom Anfang der Treppe ins 5 Obergeschoss rauf, wo ich stand, um ihn in Empfang zu nehmen, „he, S. -, du benachrichtigst sofort meinen Schwiegervater, der soll ruckzuck ...!“
„Mal sachte, P.!“, rief ich zurück, „ ...komm erst mal rauf!“
„Was heißt sachte?“, schnaufte der zwei Minuten später neben mir im Versuch mir sein Bündel Klamotten in die Arme zu drücken: „ ...ich will meinen Anwalt sehen, aber pronto!“
„Sag mal, P., bringst du irgendwas durcheinander? Du bist hier im Knast - und nicht im Hotel!“
„Wie du meinst, - aber wir sollten hier nicht lange drum her rum reden, Herr .... Sie sind dazu da meine Wünsche zu erfüllen, und das ein bisschen plötzlich ...!“
„Ich? Deine Wünsche? Ich will dir was sagen, P.: Ich bin hier der Leiter der Sicherheitsabteilung - und du bist für mich ein Knacki, wie jeder andere, und nichts weiter, - und da können wir uns noch so gut aus der Legion oder sonst wo her kennen -, verstanden?!“
„Ach, da lässt die Kuh das Wasser, S., - warte nur, du wirst mich kennen lernen.“
„Gut, ich warte.“
Und ich musste nicht lange warten ...

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Ich stand mit einer Plastiktüte auf der Straße und in meinem Blickwinkel, seitlich, im Spiegel meiner Tränen, glänzte in tief stehender Sonne das Dach des Virchowkrankenhauses golden. Und halb aus meiner Tüte, Aufdruck Karstadt, die mir vom Handgelenk baumelte, quoll die Garderobe meiner Frau Mara, meiner großen Liebe. Ein Unfall, sagten die Polizisten, wir bedauern: Fahrerflucht ... Und ich lebte - und wusste, es war kein Unfall, P. steckte dahinter -, es ist Mord, es war Mord. Und ich tat ein paar Schritte gegen eine Wand, bin gestern wie jetzt, war und bin blind - und nicht, trat irgendwohin, irgendwie, stolperte, war wie betäubt, hellwach, und in meiner Wahrheit gefangen. Ja, und es war dunkel. War Nacht. ... doch was denkst du, - die Vögel zwitscherten wie vorgestern, stiegen gen Himmel auf, an mir drängelten sich schwatzend Leute vorbei, die Durchsage in der U-Bahn ’Achtung, bei der Einfahrt des Zuges ...’ wie immer, eine Taube, die pickend den Boden absuchte, Zigarettenkippen, Cola- und Bierbüchsen, wieder draußen - dann. Kacke, in die ich trat. Schneereste - wie Asche, mein Atem, der grau in die Luft stieg, mein Herz, betäubt, wie Eis, die tote Seele, kalt, durstig, voller Hass auf die Welt. Und Ich. Ich. Und Punkt. Und das alles am fünfundzwanzigsten Dezember, als für den Bruchteil einer Sekunde der Irrsinn des Lebens und des Todes das Karussell meiner bisherigen Welt anhielt. Stopp! Ein Versprechen: ich werde den Mörder töten, - das bin ich unserer Tochter und Mara und mir schuldig. So schuldig wie du bist, P.! Ja, es wird sein ... Stopp!

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Nur müde. Selten wach. Nie Schlaf. Neujahr ist vorbei. Und ich musste wieder hin. Gesund wie ich bin, wie ich war - und auf meinen zwei Beinen. Trage einen Schal, blau, wegen dem Frost in mir - wegen des Frostes in mir; gegen die Kälte - wegen der Kälte, da mir kalt ist, blau, um nicht erkannt zu werden. Er bedeckt meinen Mund. Ich ziehe ihn weiter hoch ... Ich ziehe mir den Schal bis unter die Augen, die Mütze in die Stirn, blau, blau, blau. Ich bin unsichtbar, nicht sichtbar, - ich bin nicht da, nie, nie wo ihr seid. Ich bin blau. Und ich werde nie mehr da sein, wo ihr seid - seit dem, - ja, seitdem, - so blau.

Ich sollte mir ein Auto kaufe, die Leute sehen mich in der U- Bahn scheel an, obwohl ich unsichtbar bin. - Im Auto wird mich niemand erkennen, nicht meine Tränen, nicht meine Seele, meine Wut, diese mörderische Lust. Nicht dich, du mein Ich. Ich mich. Nein, nicht ... Nicht morgens, nie abends, wenn mich die Dunkelheit schützt. Wenn ich eingelullt in Trauer, schwarz, meine Tochter besuchen fahre, die acht Jahre alt ist und bei Pflegeeltern lebt, die meine Schwiegereltern sind ...; weil, meine Mutter ist tot und mein Vater war mir keiner und ist trotzdem tot. Und ich bin tot, obwohl ich lebe, mit Schal, blau, oder ohne, unsichtbar ..., schwarz unter der Mütze, meine Seele. Kaputt. So blauschwarz. Nicht ich. Ein Implantat. Denn ich funktioniere. Und auch nicht. Körperlose Remission.

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Es ist mir zu eng, zu heiß und zu laut. Genervt stehe ich auf, gehe vor die Tür. Draußen schüttet es wie aus Eimern, Autos hupen, trotzdem höre ich Marianne Faithfuls ’Who will take my dreams away?’ deutlich. Ein Mann, den ich nicht kenne, geht vorbei und grüßt mich mit einem Nicken. Ich antworte ’Hi’ und trotte zurück in die Kneipe, auf die Toilette, um mein Gesicht im Spiegel zu beglotzen. Heule dann, ohne Tränen zu vergießen ein bisschen, vielleicht die drei Minuten die eine Boxrunde dauert, kehre dann an den Tresen zurück, hocke mich hin. Dort, im Halbdunkel, sieht niemand mein aufgequollenes Gesicht, die gebrochene Nase, meine roten Augen, den Cut auf der Stirn auch nicht deinen Abschiedsbrief. Nur das schlanke, blonde Mädchen, das sich eben mit Gus unterhielt, dreht sich zu mir, lächelt mich strahlend an, nimmt Gus bei der Hand und beide gehen.

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Am Eingang ein totes Tier in einer Opferschale aus metallenem Lehm. Drumherum die Stadtmauer, Türme, Tore, Kirchen, Paläste, Natursteinhäuser, Kopfsteinpflaster. Erinnerungen an Einsamkeit. Keine Kneipe, Lebensmittelladen, Apotheke, Briefträger, Medikamente, essbares Essen, die tägliche Zeitung. Wald, Berge, öde Hügeln, nackte Felsen, oder Felder mit rätselhaft zögerlichem Grün. Dafür Tristesse von Haut und Seele unter der Stille eine Totenmaske. Ein verhungerter Bettnässer, Daumenlutscher, Suppenkaspar, Zappelphilipp, Hans- Guck- in- die- Luft. Soldatenleben. Geist, Körper, Gliedmaßen verbrennen. Herzen, Nieren, Leber, Magen die sich brüllend auf dem Boden wälzen. Härte, Strenge, Gehorsam, Disziplin, Konsequenz = Strafe. Autorität und Gehorsam. Menschen, die im Erproben des Ernstfalls als Waffe zur Flasche greifen. Klischeepaket - und Schluss mit Augenhöhe, zwischen Trinkmenge und Abhängigkeit. Craving nach dem Zufallsprinzip im neuen Jahr. Kontrollverlust in Papier.

... denke ich an den rücktritt der frau
der langweiligsten talkshow der erde
wo die sich die verzeifelt/en
mühselig/beladen/en hand in hand gaben
ihre ehre vergaßen
ihre erziehung
sich schwule bürgemeister umarmt/en
um auf der persönlichen damentoilette
für mehr kindertagesstätt/en zu plädierend
ihre klöten zu zeigen
während gerade jetzt eine schauspieler namens
willis
der aussieht wie
semmelrogge auf der flucht
angst hat dass bildreporter ein handy im klo versteckt halten
um seine blank rasierten dinger und die acht zentimeter mann
für yutub/en zu filmen
die dann taff im herbst sein/en ruf untergraben
der doch schon längst vom ex/baywatchstar
jede woche neu
im buch der peinlich/en rekorde selbst gelistet wird
... ja
da liege ich lieber weiterhin im spagat pudelnackt in der sonne
ersoffen im 47/11 meiner umgebung und warte
dass es teer regnet
woher ist mir völlig und scheiß/egal

Joss kommt mit müden Augen aus dem Kiosk geschlichen. Kippe im Mundwinkel. Schlurft in meine Richtung. Hält in den Händen zwei Bier, klemmt unter der rechten Achsel eine Stange Zigaretten, unter der linken ein schon durch geschwitztes Baguette.
Lustlos schiebt sich am Horizont der neue Tag eine Locke aus der Stirn.
„Prost!“ sage ich.
„Prost“, er. Weitere Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung ergeben sich aus seiner Visage. Der adlerartigen schmalen Nase, dem hageren Gesicht. Dem schlohweißen Haar mit Feder darin, wie es Sitting Bull trug, der sich heut als Sitzsack im Fashionbag präsentiert. Alle Farben sofort verfügbar sind. Das Teil frei Haus geliefert wird. Wenn man drauf sitzt besiegt man den Weltekel. Die Gleichgültigkeit. Das kann man auf Test und Preisvergleich nachlesen. Darauf eine Foto von ihm selbst, sein schwarzes, langes Haar in Locken, schiebt er eine Kassette ins Kassettendeck. Genesis. Seine Lieblingsband. Eine progressive Rock Gruppe, die auch Patrick liebt. Sind eben einer wie der andere, wie es bei Serienmördern der Fall ist. Ein Bier darauf. Auch weil die selten bis überhaupt nicht über Gefühle reden, von Liebe, sondern nur von sich. Über ihre Taten. Und auch das noch sachlich und kühl. Oder kaltblütig, wie schon von Capote berichtete. Und das Schreiben sowieso eine moralische Tragödie ist. Sogar wenn du, wie die meisten kritzelnden Krakeler, durch ein Familienfoto inspiriert über langweilige Kinderkacke in Neverland schreibst. Doch Neverland ist längst abgebrannt und sein Held an Drogen erstickt. Schon aus dieser Grundidee hätte sich ein interessanter Plot entwickeln lassen, doch dann krauchen Dämonen aus ihren Gräbern, hört man herzzerreißend den Wind heulen, bumst das Pudels Kern im schottischen Hochland eine Quasselstrippe aus dem Jenseits. Läuft der letzte Akt auf ein Mutter- Vater- Tochterdrama zu, statt endlich den das Mädchen grillenden Massenmörder zu zeigen. Ich glaube, ich bin schon nach einem Bier stoned, denn das schleimige Grauen verdrängter, verpasster Vergangenheit überläuft mich schon wieder. Und das ist nicht (nur) meinem geschmacklichen Problem geschuldet, sondern der Scheiße von heute, gestern und übermorgen. Oder der Ermordung von Kennedy, John Lennon. Und die Reihe ist fortzusetzen, wie mein Hass.

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Ich lebe allein. Keine Frau, keine Kinder, lediglich einen Hund. Sonst nichts. Außer Heute. Montag. Und dass ich zum Arzt muss. Der täglichen Spritze wegen. Samstag, Sonntag kommt er ins Haus. Sie wissen ja warum ... Ja, ich weiß. Und das es ein ärztlicher Kunstfehler wäre, mir alles auf einmal zu geben. Betont er. Okay okay. Ich kann damit umgehen. Und heute noch besser als sonst. Denn die Sonne scheint. Ich kann also das Rad nehmen. Sogar die Temperatur stimmt. Und der Wind. Nordnordost 1-3. Alles in allem also ein Tag zum Sterben schön.
Am Schützenhaus sehe ich gegenüber die Frau mit Stock. Ich begegne ihr fast täglich. Er liegt im Koma. Ruft sie quer über die Straße mit schriller Stimme. Wer. Frage ich. Der alte Mann, den Sie so mochten. Der? Bin ich erstaunt. Mit dem habe ich doch eben noch ... Wenn er gestorben ist, sage ich Bescheid, ruft sie. Und winkt fröhlich. Nicht nötig, will ich antworten, als ein Lastwagen mit Getöse um die Ecke rattert. Ein paar hundert Meter weiter, noch in Gedanken, bemerke ich einen seitlich im Gebüsch geparkten Range Rover mit laufendem Motor. Stimmt, gerochen habe ich den schon zuvor. Wenn ich ehrlich bin. Doch ich habe den Dieselgestank über frisch gemähter Wiese verdrängt, - bin allergisch auf Diesel. Und genau deswegen habe ich den Wagen auch abgeschafft. Beziehungsweise steht der unter einem Tarnnetz verborgen in der Remise auf meinem Hof. Als ich näher komme, höre ich Musik aus dem offen stehenden Seitenfenster. Unzweifelhaft handelt es sich dabei um den Hungarian Suicide Song interpretiert von Sarah McLachlan. Meine Lieblingsmusik seit langem, - denn es stirbt sich so schön dabei. Und wie du weißt, trug ich dich damit auf meinen eigenen Händen zu Grabe. Ja, es war ein schöner Tag damals. Und ein Fest wert. Fast wie heute.
Im Wagen bemerke ich einen Typen, wie ich früher war. Schlanke Figur, langes, dunkles Haar, - den Kopf auf der Brust. Leider bleibt mir deswegen ein Blick auf sein Gesicht verwehrt. In der Hand hält er einen Pappbecher. Halb gefüllt mit was weiß ich was. Es riecht jedenfalls irgendwie vertraut. Auf dem Sitz neben ihm ein Feldstecher und ein Jagdgewehr. Und auch das ... Wie meins. Ich erinnere mich.
Im Wartezimmer ist es leer und die Sache mit der Spritze in Minuten erledigt. Sind Sie mit dem Rad. Fragt der Doktor. Ich weiß nicht. Antworte ich. Dann sollten wir noch mal darüber ..., bevor ... schlägt er irgendwas vor. Doch ich antworte nicht darauf, denn allzu oft schon hat er mir was Unsinniges vorgeschlagen. Auch gilt es den Tag anders zu nutzen, als mit Gewäsch über meine Gesundheit.
Der Wind hat sich gedreht, und es fährt sich leichter. Fast wie von einer Maschine unterstützt. ...wenn nur der Gestank nicht wäre.
Ich komme an den Punkt, wo der Range Rover steht. Und sehe jetzt erst, das der keine Nummernschilder hat. Aber eine Delle im Kotflügel... Wie meiner, nach dem Rehunfall. Ich kam damals aus dem Wirtshaus. Und hatte getrunken. Danach warst dann du dran; du erinnerst dich? Ja. Denn bis auf die Nummernschilder ist die Szene von vorhin unverändert. Nur der Fahrer fehlt. Nein, auch das Gewehr! Und auf dem Beifahrersitz liegt ein Zettel. Daneben eine Karte mit Kompass. Eingenordet, wie ich sehe. Ich folge der Richtung. Drei Kilometer, lautete die Anweisung. Und richtig, ich bin nicht verkehrt. Sehe mich am Boden, das Gewehr umklammert. Den blanken Zeh am Abzug. Ein herrlicher Tag. Auch die Temperatur stimmt. Und der Wind. Nordnordost 1-3. Zum Sterben schön.

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Ich bin nicht der König der Welt. Meine Name lautet nur ähnlich. Das brachte mir schon früher Probleme. Aber nicht deswegen lernte ich schießen. Erst Pistole. Wenig später Gewehr. Mit dem Gewehr, das war in der Legion. Dann Blackwater. Dort lernte ich auch mit Sprengstoff umgehen. Und Nahkampf. Sprengstoff kann ich hier in Berlin, wo ich seit einigen Jahren wieder wohne, nicht so richtig gebrauchen. Kommt aber eventuell noch. Nahkampf half mir aber über die erste Zeit in der Stadt. Inzwischen bin ich zu alt dafür. Nein, HALT, stimmt SO nicht! Ich fühle mich eigentlich nur zu alt, um mich mit den jungen Burschen auf den Straßen Neuköllns zu prügeln. Die können nämlich alle Karate. Oder Abarten davon. Wie Rap. Wie alle Gangster in einer Gruppe. Und da muss man einstecken können. Ich will das aber nicht mehr. Keinen Rap. Gegen vier oder fünf Gegner antreten. Und eingesteckt habe ich auch genug. Deswegen schieße ich ab jetzt. Mit einer Heckler & Koch 9 mm Para. Die fand ich neulich auf dem Dachboden von e... Autsch, den Namen des Auktionshauses darf man ja nicht sagen. Schleichwerbung. Jedenfalls inserierte die jemand dort als Dachbodenfund. Und solche Leute lügen nicht! Als ich die Waffe auspackte, lag die mir auch gleich gut in der Hand. Gefreut habe ich mich auch die Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel. Auch dieses gefälschte Utensil habe ich für kleines Geld ersteigert; aber - pst, Freunde!
Wenn ich aus dem Haus gehe, steckt die Pistole in meinem Hosenbund. Hinten. Genau wie die Rächer in Amerika so was tragen. Die Karte baumelt mir harmlos um den Hals. Ich tu so, als wäre ich behindert. Geil, oder? Meine Meinung dazu: mehr Selbstvertrauen braucht man nicht. Außer - gewillt zu sein sich für Recht und Ordnung einzusetzen! Und da kenne ich überhaupt keine Beißhemmung.
Nun, wer will kann sich mir anschließen. Morgen geht es übrigens nach Stuttgart. Tage später nach Gorleben. Atom ist immer eine Reise wert. Die anderen Termine erfahren Sie auf meiner HP. Ansonsten Neukölln. Da täglich! Ab zehn am Kotti! Ist von da nur ein Katzensprung in die Randale. Ich freue mich ...

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Atmosphäre ist eine Sache. Lust eine andere. Exorzismus. Deswegen gibt es bei mir aktuelle Wichstage. Eventuell erwache ich deshalb ab und an ziemlich früh. 5:15 heute. Und dann jedes Mal aufs Neue: PC an. Sexkanal „Free Sex“ rein. Mit rechts das Gleitöl, mit links das Saugrohr. Klar, ich bin längst Fachmann, alles locker miteinander kommunizieren zu lassen. Suspense Rhetoriker. Und wenn ich mein Ding an das Plastikrohr andocke, gleichzeitig durch drei schnelle Pumpdrücke Vakuum herstelle, spanne ich meine Hinterbackenmuskeln zur Prostatamassage an. Dreißig Minuten verbringe ich in diesem Zustand. Jeden Morgen. Ab und an fällt mir dabei Philipp Roth ein. Ich weiß ja nicht wie der sein Problem in den Griff bekommt, doch durch seine Helden lässt er durchblicken: Gar nicht! Dabei denke ich an den Plot mit dem versauten Puppenspieler Sabbath. Dabei schüttelt es mich immer, und wenn ich nicht aufpasse, fällt mir fast das Saugrohr ab - doch ich muss lachen, denn sein letzter Protagonist zum Beispiel, dieser impotente Hochschulprofessor, komisch bei Roth waren all die unterleibskaputten Typen irgendwelche Intellektuellen mit mächtigem Dachschaden - wenn es ums Pimpern ging, also der impotente Professor war mir so unrealistisch wie mein längst entfernter Blinddarm. Aber der Roth, der mir unerklärliche Bestsellerman, schreibt ja sowieso im Stehen -, also hat er das Problem selber. Auch wenn er in Interviews bestreitet in seinen Texten autobiographisch zu wirken. Genau wie ich.
Eigentlich macht mich das nicht wirklich an; wesentlich mehr denke ich darüber nach, wie ich von Nahem gesehen werde, weil, eine mir nah-ferne Bekannte gab mir die Frage vor, ob ich über mich selber lachen würde. Ich habe auch darüber nachgedacht. Fazit: Nur noch! Ich lache nur noch über mich, werde ich ihr antworten. Den Grund, warum nur noch über mich, werde ich offen lassen. Es genügt wenn ich ihn weiß ... denn wenn ich morgens meine Saugrohrnummer durchziehe, lache ich zum ersten Mal. Nicht immer laut, aber ich lache. Dabei bleibt es aber nicht. Lachen hat schon immer mein Leben bestimmt.
Lachen macht schön, sagte einst meine Mutter, Gott habe sie selig. Seht her, sagte sie, ich habe mein ganzes Leben gelacht. Ich auch, werde ich der Bekannten sagen. Sieh mich doch unten rum an. Gehe ich nach der Morgennummer dann vom Fernseher weg, weil mich die Pflicht treibt, das Rohr mit vollem Unterdruck und dem Resultat darin lasse ich zwischen den Beinen pendeln, man weiß ja nie ob es noch mal ohne Zutun kommt, trete ich auf den Balkon und gieße die Blumen. Nackt natürlich, denn gegenüber wohnt Frau Meyer, die erwartet mich.

„Hat es geklappt?“, fragt sie dann jedes Mal gespannt.
„Ein guter Schuss ist drin!“, antworte ich.
„Dann bis nachher!“ Und ich sehe, wie sie heftig unter ihrem Morgenmantel hantiert. Wenn sie laut wird, gehe ich rein und schließe die Tür.
Eins noch: Ich hatte vor einiger Zeit die Berliner Blumen- Rasenmischung ’Gartenfreude’ gesät. Vor zwei Jahren sprossen aus den Samen tausend Blüten. Dies Jahr fast nichts. Auch darüber muss ich lachen. Meine Impotenz setzt sich schon in den Sämereien fort. Und ich pumpe schnell Vakuum, damit das Rohr nicht vom Stängel fällt beim Sitzen, und setze mich vor den PC. Doch dort nichts - außer anderer Leute Impotenz. Ehrlich, manchmal weiß ich nicht, wofür ich das Ding eigentlich habe. Doch der Kaffeedruck zeigt mir den Weg. Unter der Dusche, ich habe zum dreizehnten Mal über mich gelacht, weil mir die Seife herunterfiel und keiner da war, als ich mich danach bückte, stelle ich nach dem Abspülen den Strahl der Dusche auf Massage hart. Doch bevor ich beginne, löse ich die Pumpe vom Schwanz. Den heißen Massagestrahl führe ich auf Penis und Analzone, wo es mir besonders gut tut. Und wie ich über diese nie wo anders angesprochene Peinlichkeit befreit lache, fällt mir gestern Abend ein, weil ich im TV Kanal Kulturzeit einen Bericht über eine Kunstausstellung der Sonderklasse sah. Besonders faszinierte mich eine Künstlerin, die einen Kothaufen von sich selber ausstellte. Sie saß - lebendig - auf einem Stuhl, vor ihr das Exkrement, also die Kunst, hinter ihr, an weißer Wand, ein riesiges Foto mit ihrem noch riesigeren rosa Anus. Auch Kunst. Und ich schwöre, ich hätte ihr Arschloch nicht erkannt, wenn nicht daran gestanden hätte: Mein Anus! Womit ihrer gemeint war. Meinen habe ich noch nie so ins Bild gebracht. Warum auch? Das Gesamtkunstwerk der Dame war aber in der Dreifaltigkeit irgendwie reizvoll.
Während ich mir mit hartem Strahl den Rest gebe, muss ich schon wieder lachen; über mich und die merkwürdigen Umstände - mit denen ich lebe. Über meine Kunst mit dem Saugrohr. Oder sagt man hier besser: unter den Verhältnissen - unter denen ich lebe? Nun, darüber muss ich schon wieder ... : und mir fällt auch zum wiederholten Male die Seife aus der Hand. Schade, irgendwie. Oder nicht. Denn so beginnt für mich oft ein richtig angeeierter Tag, der hoffentlich aktuell so weiter geht.

50
Nicht auszuhalten
Was noch werde
Im Dreck der Erde
Glanz der Sonne
Vollem Mond
In einem Monat
Woche Tag oder
Jahr
Sind Emotionen
Da
Und Sternenhimmel
Wunderbar

51
„Ein Teufelszeug.“
„Ist auch doppelt Rum drin!“
„Ach - deswegen“
„Du kommst bald wieder auf die Beine.“
„Ja - ja, das hat der Arzt auch gemeint.“
„Wie kam es denn zu deinem plötzlichen Entschluss?“
„Plötzlich? Du bist gut. Ich hab' geblutet wie ein abgestochenes Ferkel. Hast du das Blut im Bad nicht bemerkt?“
„Nee, hab ich nicht.“
Scheiße, - ich dachte es wäre von mir, denn ich habe öfter mal 'ne Malaise .... manchmal ziehe ich Teile von einem Gesicht, ein Ohr von irgendwem aus der Hosentasche, dann steht die rote Suppe im Bad kniehoch.
„Ich rief dann den Notarzt, der brachte mich her. Telefonisch konnte ich dich nicht erreichen, ich musste ja das Bett hüten.“
Whouo -, da rast sie durch im Schweinsgalopp. Schuld - Schuld komm heraus, dann beiß ich dir die Augen aus - und schwöre der Tyrannei Widerstand zu leisten. Dann schlägt die zu! Und es blitzen die Augen, dass ihnen die Deckel verrutschen, mal nach links, wieder nach rechts, dann stehen sie mittig, seh- und sprachlos und wissen nicht - was soll man machen?
„Mann ist der stark!“
„Ist auch doppelt Rum drin ...“

Ein Bombenwetter, beinah achtzehn Grad; also, - es ist noch nicht so heiß, dass man am liebsten nur am Strand liegt, nein, dazu ist's im Jahr noch zu früh. Es ist Mai, und wir sitzen in der Friedrichstrasse.
Cafe Beimel. Rohrstühle, ebensolche Tische, die bunte Markise über unseren Köpfen knattert im Wind, eine Fahne fliegt vorüber.
„Es soll noch auffrischen!“ scherzt uns die Kellnerin an. Sie lacht wie über einen guten Witz, als sie weiterhin erklärt: „Aber auf Sylt gibt es kein schlechtes Wetter, nur unpassend angezogenen Leutchen, gell?“
Gell -, sie aus Schwabenland, was? Und wir grienen zurück, sagen ja - ja, wie aus einem Mund, schieben Sonnenbrillen über Augen, relaxen, schlürfen heißen Kakao mit Einlage.
„Du, ich hab wieder dieses Brennen da unten ...“, sagt sie.
„Was kann ich tun?“
„Nichts, - nichts kannst du tun!“ Und genau darauf habe ich gewartet. Jeder Schlag wird retourniert. Tennisspiel, die Vorhand auf die Rückhand, die Rückhand auf Vorhand. Ball halten, Fehler macht der Gegner.
„Warum kann ich nichts tun, ich will dir doch helfen.“
„Du kannst aber nicht!“
Haben Sie bemerkt, woher meine Affinität zum Nichts kommt? Ja? Da war es wieder! Und dieses Nichts, dieses 'Fucking Nichts', ist von allen fuck'n Nichts das schlimmste, weil man Nichts tun kann. 'Denn du kannst nicht!' Nichts. Gar nichts. Ey, irgendwie bin ich emotional total pleite, mein Freund. Impotent. Top und Flop.
Auf der uns gegenüberliegenden Straßenseite ein Juwelier.
Eine blonde Frau darin die ein Päckchen nimmt und nach draußen tritt.
„Du, sieh mal“, sage ich, stoße Mona dezent in die Seite, „da drüben.“
„Ja, die hab' ich auch schon gesehen“, ihr Kommentar.
„Mensch, - die sieht aus wie du!“
„Ja, find ich auch. Nur zehn Jahre jünger.“
„Stimmt!“
Und ich bin ein Schwein, denke mich in die zehn Jahre jüngere Muschi, wühle mich in ein sanftes Ruhekissen, ein neu bezogenes Bett, nackend lieg ich und erwarte meine Traumfrau die meine Wünsche befriedigt.
Diese Dublette soll es sein. Ich will ihr nachsteigen. Mein steifer Ast, mein Begehren wird sie fressen ... „Zahlen bitte“, und das war's. Ein Augenquicki. Aber Hallo. Und wenn Mona mir das nächste Mal an die Wäsche geht - was sie seit Jahren nicht tut - werde ich an ihren jüngeren Zwilling auf Sylt denken, und vielleicht steht sie auf
teure Anzüge, eine überteuerte Wohnung, und langweilt sich mit oberflächlichen Bekannten in Luxus-Clubs oder auf KOkays-Partys. Braucht mich, mein Sein unter der Oberfläche. Denn da verbirgt sich mehr als er, du, es und sie erahnen können. Nicht, weil ich versuche die Leere in euren Leben zu kompensieren. Euch misshandele, missbrauche, vergewaltige und töte. Nein, weil ich schon das bin, was ihr (auf die denkbar brutalste Weise) sein wollt. Ich weiß es!

52
„Du - Jimmi, ich muss dir was sagen ...“, begann sie ihre Beichte, eingehüllt in den von mir geliebten Maiglöckchenduft, der sie wie eine Haube aus Unschuld umgab. Und ich sah, während sie sprach, und ab und an weinte, ihr eigentlich liebes Gesicht im Kerzen- und Rotweinschimmer über die vor uns stehenden Gläser hinweg. Andererseits schien sie auf ihren Auftritt gut vorbereitet, denn sie hatte, wie oft bei ihr wichtig erscheinenden Anlässen, ihr sonst schon sensationelles Augenfunkeln durch ’wild eyes’ aus der Tube und farblich zur Bluse passende Kontaktlinsen verstärkt. Auch glänzten ihre geglossten Lippen seidig - und das Kerzenlicht zeichnete ein festlich aussehendes Abendessen weich auf Goldrandporzellan. Dazu noch die glutrote Baccararose mit dem Kärtchen: ’Willkommen zu Hause’. Meine Güte! Doch genau wegen ihrem Aufriss ahnte ich, dass gleich etwas Saublödes auf mich zukommen würde. Und schon regte sich Widerstand in mir, denn eigentlich wollte ich nichts negatives hören. Nicht, so lange mir die Sonne scheint; nein, ich wollte Sex pur, und zwar jetzt auf der Stelle. Also sofort! „Dreh dich um und schieb den Rock hoch ...!“ forderte ich sie deshalb auf, „und hör sofort auf so blöd daher zu quatschen“, denn sie von hinten zu bumsen, dass hatte ich mir die ganze Zeit vorgestellt ... Ich war nämlich erst vor Minuten zur Tür rein, hatte sechs Wochen Drogenentzug in den Knochen, und spürte nicht nur durch den Scheißdreck auf dem Tisch und dem abgequälten Ausdruck in ihrer Fresse die schmerzhafte Entfremdung zu ihr. Auch weil die mich nie in der Klinik besucht hat ..., was ich schon die ganzen Wochen absolut zum Kotzen fand, und die Kotze mich blockte wie ein Kork die Schampusflasche. „Nun mach hin, - dreh dich schon um ...!“ forderte ich sie auf. Doch es kam anders, denn Mona, meine süße, blonde, schlanke, langbeinige Freundin, mit dem einzigen Makel einer kolossalen Hakennase, die als Pfarramtssekretärin im Knast arbeitete, wo ich sie auch kennen gelernt hatte, die privat Korsage und Strapse trug, weil mich das jedes Mal aufs Neue tierisch geil machte, und ihre Fresse mit der Nase darin eben nicht, plärrte herum, dass sie einen anderen liebte und fremd gegangen war. Ja, fremd, mit Lanz, dem Schwein, wie sie mir Minuten nach ’... du, Jimmi, ich muss dir was sagen ...’, gestanden hatte. Mir wird heute noch bei dem Gedanken kotzübel: mit Lanz gefickt ...! Ehrlich, nüchtern gesehen war das kaum zu glauben. War absolute Scheiße. Warf meine Zukunftsplanung komplett über den Haufen. Machte Entzug und Therapie sinnlos. Begrub all die schön gemalten Stunden in der Psychiatrie. Und die heiß ersehnten Ficks eventuell auch. Und so war es fast, denn nach ihrer Beichte, und cirka einer Stunde fruchtloser Diskussion über dies und das und sowieso, über ihr Fremdgehen, Bedürfnisse, weibliche Logik, Treue, Charakter, gewürzt durch eine Leseprobe aus Uschi Obermeiers Buch, die in einer uns jetzt ähnlichen Szene im Dialog mit Reiner Langhans war, wurde mir kotz langweilig, dann plötzlich war alles weitere unwesentlich, egal, vorüber, - schließlich absolut vorbei und ich war wieder Single. Ja, es war wie Daumenkino, blätterte sich auf, schloss sich - und dann es gab keine Probleme mehr.
Mein Entschluss, mich von ihr zu trennen, und die Trennung selber geschah, als wenn jemand an einer Lampe das Licht ausknipste. Ich frage mich allerdings heute noch, ob mein damaliger plötzlicher und absoluter Trennungswunsch unseren niveaulosen Worten oder dem Wein zu danken sei. Ob es am Essen, oder am gequälten Ambiente lag. An Uschi Obermeier? Der Kommune Eins? Langhans? Doch wie gesagt: egal, und so nie wieder! Denn für sie und mich gibt es kein Später. Lediglich für die bewusste a tergo Nummer war Mona mir noch gut -, und ich kann sagen, sie hat immer noch die Art von Hintern, den man für einen guten Fick brauchte, - und das hatte sich durch den Pimmel von Lanz nicht verändert. Als ich das dachte, an sie und mich, an Lanz und sein Ding in ihr, an sie ..., mit beiden Händen ihre Hinterbacken im Griff, konnte ich gleich noch mal, - drehe sie auf den Rücken und vögelte sie so lange und intensiv, dass mir der Schweiß von der Stirn in die Augen lief und dort wie das Wort gewordene Höllenfeuer brannte. Dann, als sie ekstatisch laut gekommen war und ich mein angestrebtes zweites Mal noch vor mir hatte - und es auch unbedingt wollte, in ihrer Fut aber nicht konnte, hockte ich mich auf sie, und onanierte zwischen ihren Brüsten bis zum Erguss.
„Fast wie im Pornofilm“, sagte sie, wischte sich meinen Samen aus dem Gesicht. „Ja, es war wirklich geil, - aber trotzdem das letzte Mal“, sagte ich. „Ja, ich weiß, es tut mir Leid!“, antwortete sie, und weinte herzerweichend die mir bekannten diamantenen Tränen. Und ich wunderte mich wie immer, wo sie die bloß her hatte. Minuten später setzte ich sie vor die Tür. Behielt aber Korsage und Strapse. Wozu auch immer. Egal, im jetzigen Rückblick glichen sowieso die gesamten letzten Wochen davor in ihrer ekelhaften und verlogenen Direktheit einer abgelutschten Filmszene im Nouvelle Vague Stil; mein Versuch des Entzugs inbegriffen. Doch nicht deswegen gab ich mir mit den verbliebenen Flaschen Rotwein die absolute Kante. Nein, ich hatte einfach Lust darauf. Über 24 Stunden später, und immer noch mit Kopfschmerzen hinter dem Stirnbein, die Uhr im Armaturenbrett meiner Karre zeigt neun und ein paar zerdrückte, wie ich sehe, - letzte Sonnenstrahlen gleißen auf den verschmierten Scheiben, als käme ich direkt aus einer Silbermiene, pilotiert sich der Daimler wie von selber unter dem Stahlskelett der Hochbahn Warschauerbrücke Richtung Kottbusser Tor hindurch und höre, wie oft in letzter Zeit, volle Kanne ’I've gotta get a message to you’ der Bee Gees. Gut, kann sein, ich versuche durch die Musik meine in der Nähe des Magens sitzende Enttäuschung und die Rachegedanken an Lanz zu blocken, eventuell, um nicht ins Lenkrad zu beißen, auf den Beifahrersitz kotzen zu müssen. Auch möglich, dass ich mich vom Softbeat trösten lassen will, - was immer Musik tun kann, wenn man sauer ist, wie ich jetzt. Ja, und genau das alles an Leben passierte mir, während meine Zielperson sich etwa einen Kilometer von meinem jetzigen Standpunkt entfernt in einem Abteil der Linie 1 Richtung Zoo in Sicherheit wähnte, um auf der Bahnhofstoilette am Zoo Stoff zu kaufen.
... und natürlich kauft der in der Pissbude das Koks ..., ich muss dazu niemanden fragen, weil ich ihn kenne wie mich selber, schließlich handelt es sich bei dem Typen um meinen ehemaligen Kollegen und früheren Freund Lanz der, während ich zum Ausnüchtern in der Psychiatrie war, Mona gevögelt hat. Mann, - so ’ne Scheiße passiert aber auch immer wieder mir. Und es bleibt auch unverrückbar wahr, obwohl ich erst dachte es wäre Einbildung, ein Albtraum, Folgen des Entzugs oder so, - nein, Mona hat mir gestern unter Tränen ihren Verrat doch völlig freiwillig gestanden. Und die reitet mich mit der überwunden geglaubten Beichte immer noch gefühlsmäßig dermaßen was von in die Scheiße, dass ich flennen möchte, - auch weil es ist, als würde ich an eine Tote denken und nicht an Mona, - wie die mir mal war, - all das was mit Schönheit, Respekt und Güte in einer Beziehung zu tun hat. Das einzig Positive zur Zeit überhaupt, dass Lanz nicht weiß, dass ich es weiß, dass er mit Mona und so ... und, dass ich schon seit gestern Nacht hinter ihm her jage, meine Kreise immer enger ziehe, und ihn nun so gut wie an seinem morschen Hintern habe. Und genau aus dieser guten Gewissheit heraus gönne ich mir jede Menge Zeit bis zum finalen Schuss. Ja, ich will die verbleibenden Momente mit Nachdenken nutzen, zu mir kommen, innerlich reflektieren, wie man heute so sagt. Um bis dahin das Hirn von anderen, eventuell störenden Gedanken frei zu halten, singe ich lauthals die Songs der Bee Gees mit, wimmere, spiele Luftgitarre, gröle, zische, pfeife, ziehe Fratzen, benehme mich fast wie das halb verblödete achtjährige Kind meiner Nachbarin, dass Papa zu mir sagt, und im Keller Angst hat. Ach was, alles totaler Schwachsinn, - nur Einbildung, genau wie die Angst dieses Kindes, dass ganz sicher nicht mein Kind sein kann, obwohl ich die Nachbarin früher mal geknallt habe. Richtig ist vielmehr, dass ich seit mehr als einem halben Jahrhundert wegen einer Krampfader am Sack nicht mehr zeugungsfähig bin und, dass es zwar etwas wie Angst oder dergleichen in mir gab und gibt, die jedoch eigentlich nicht mehr als eine Ahnung davon ist, wozu ich in einem so besonderem Moment wie dem hier fähig wäre und bin. Aber genau das alles gebe ich nicht zu, nicht jetzt, eigentlich nie -, ich spiele die Nummer einfach nur weiter. Und all diese Überlegungen über das Kind und Angst und so weiter, ist auch nicht damit in Verbindung zu bringen, dass vor wenigen Minuten noch die Sonne schien und nun plötzlich gelb graues Einerlei getarnt als Auspuffdunst des stinkigen Diesels vor mir die abgewirtschafteten Häuserreihen Kreuzbergs optisch auf eng zusammengezogen hat.
Nein, verdammt noch Mal, es liegt auch nicht an meinem Tunnelblick, oder so, denn den habe ich bei vermeintlichen Aufregungen öfter, und der ist mir deshalb auch so was von völlig egal geworden, noch besser, ich habe ihn abgearbeitet, ausgeschaltet, weggesoffen, und dass ich im Dunkeln schlecht sehen kann, dass gleich mit. Doch wenn ich ganz ehrlich sein würde, müsste ich zugeben, dass es genau diese Unsicherheiten und eine extreme Sensibilität in mir gibt -, und dass die mein Leben im Eigentlichen ausmacht -, denn genau der und das ist mir nämlich immer wieder Grund wie ein Irrer auszurasten, denke ich, weiß ich, um volle Pulle überall hindurch und hoch darüber hinweg zu rasen ..., wie über Menschen und deren Seelen. Durch Schicksale. Denn es geht bei mir immer um Leben und Tod. Und das immer schneller - und je älter ich werde. Aber davon will ich weg. Von solchem Leben. Diesem elenden Tod der Leute, die mich nichts angehen, wie von meinem eigenen Schicksal auch. Und das alles soll möglichst viel schneller und extremer geschehen als mein andauerndes Denken an Droge, Suff und dem vollends in die Hose gegangenen Entzug, diesem idiotischen Therapieversuch. Nein, ich will endlich in mir selber wieder zu Hause sein. Frei von mich terrorisierenden Süchten und Zwängen. Ich will selber bestimmen können! Will leben und sterben, wie ich es verstehe. Und das werde und will ich schaffen.

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Wenn ich sie unter mir habe ... ihre Knochen brechen höre, rieche, wie die Gedärme hervorquellen, streng nach Drehbuch ihre Seelen befreie, Kilos von Fleisch verschlinge (über allem der Schatten des toten Vaters, warum auch immer), hilft es mir die Wildnis, in der ich mich bewege, leichter zu verkraften. Gott, und den Zynismus seines hiesigen Personals zu ertragen. Ja klar, ich spreche von Notwehr! Ausgebrannt, krank, am Tiefpunkt würde ich für eine zweite Chance sogar in die Regionalliga heiraten. Doch wer kann sich Jimmi da als glücklichen Menschen vorstellen? Ich nicht. Auch hat mir deswegen neulich Easton (auch der scheint an der biographischen Endkurve Geschmack angelangt) ans Bein gepisst; ... was für ein Hund, der kann Gedanken lesen. Allerdings nur für knapp drei Monate. Und damit wären wir beim nächsten Fall. Denn es sind nicht nur meine merkwürdigen Erlebnisse mit Frauen (im Besonderen) zur Zeit. Nicht nur die mysteriösen Geräusche und Kratzspuren in Ohr und auf meinem Arm. Denn es verschwinden einfach so Mails ins Nichts, Gedanken, Geld und Autos. Eines meiner Häuser kam gar unter Hammer, sagt Max. Wie kann das geschehen: ein Haus unter dem Hammer?
Gut, ich erinnere nicht welches - doch immerhin war es ein Haus, sagt Max. mitten bei der Halloween Party. Eventuell hat es ja jemand irrtümlich mitgenommen, - was Max? Und bringt es zurück, wie man einen versehentlich an sich genommenen Regenschirm entschuldigend zurückträgt; nicht wahr, Max? Ich glaube, ich sollte die Materie beherrschen lernen, was? Obwohl ich meine Drogen-, Sex- und Gewaltorgien nie für bare Münze nehme. Jedenfalls nicht so ernst, dass ich vor Angst nicht schlafen kann. Ach was, für mich ist das eher ein Rollenspiel: mal du oben, mal ich unten, denn das ist der Witz im Leben. Und so weiter. Denn schon letztes Silvester fielen in den USA tausende Vögel vom Himmel. Und auch der König der Tiere herrscht nicht mehr über sein Reich; in Kenia leben inzwischen nur noch einige hundert der Löwen in Freiheit. Schuld daran sind Markenklamotten, High-Tech-Spielzeug und Medikamenten-Cocktails am Rande des Nervenzusammenbruchs. So was killt alle. Genau wie das Tragen von Yuppie-Anzügen in Schulen und lesen von oberflächlich, hohlen Kinderbüchern im Horrorgenre Kontext vom Saulus zum Paulus ’Biss’ über Nacht. Eine Art von Gift, die unerbittlich die eigene Fantasie tötet. Und damit die Löwen und Vögel. Doch ich, ich fliege immer noch. Über die Stufen aufgeschichteter Berge, Felsen wie Backenzähne. Flüsse die still, wie die Fische darin. Flussaufwärts über Haut und Knochen meiner Freundinnen. Halte mein Maul offen. Die Stoßzähne bereit. Die Augenhöhlen wie vom Teufel besessen. Fliege über mein Bett - in der Psychiatrie, über das Dorf meiner Leiden hinweg. Sehe eine Ruine, die schweres Wasser heißen könnte. Getrocknetes Blut. Und, ja, ich sehne mich nach dir.
Mona blutete aus einer Platzwunde am Auge. Ich stand seitlich von diesem Scheißhaufen von Kerl, der die Hand erneut zum Schlag erhoben hatte.
„Lass stecken!“ befahl ich dem Rotzer.
„Alles im Lack, Alter?“ schlug der zu. Mona fiel ohne ein Wort zu sagen um.
„Du kannst nicht hören, was?“
„Schon“, sagte der, und ich spürte ein heißes Brennen am Bauch herum.
„Schau an, ein Messer“, sagte ich, „das hättest du dir besser verkneifen sollen.“
„Glaube ich nicht“, war der sicher.

„Schade“, sagte Mona als sie mich besuchte, „dass du nicht zur Beerdigung kommen konntest.“
„Ja, echt schade, doch der Arzt hat meiner Bitte kein Gehör geschenkt.“
„Ein toller Typ“, richtete sie ihren Blick gegen die Decke, „und seine blauen Augen ...“
„Und du bist immer noch eine grandiose Schauspielerin!“

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Aus dem Magazin Galaxi for Men kam Max mit einem Vorschlag - der zu einer Bitte wurde, der ich entsprach. Tage später kam mir der Typ entgegen, um den es ging. Die Inserentin aus dem Galaxi for Men saß im Kaffee vis a vis.
„Und?“, fragte ich sie durch den Voice-Verzerrer.
„Er ist es“, ihre Antwort.
„Sicher?“
„Sicher!“
Ich steckte das Handy in die Tasche, ging dem Typen einige Schritte entgegen, verharrte..., ließ ihn seinerseits die letzten Meter näher kommen, auch um meinen Pulsschlag zu beruhigen. Hob dann, als er nahe genug war, die rechte Hand mit der Zeitung, in der ich die Pistole versteckt hielt, brusthoch und feuerte ihm, als er sich cirka einen Meter von mir entfernt befand, zwei Schüsse in den Kopf. Der Schalldämpfer milderte das Geräusch der Schüsse wie erwartet; der Mann sank wie in Zeitlupe zu Boden. Ich ging im mäßigen Tempo weiter, drehte mich nicht um, tat, als hätte ich den Mann überhaupt nicht bemerkt.
An der nächsten Straßenkreuzung winkte ich einem Taxi, dass ich schließendlich an der U-Bahnstation Hallesche Straße stoppen ließ. Auf dem leeren U-Bahnsteig und ohne Zeugen befürchten zu müssen, zerbrach ich die Sonnenbrille in mehrere Teile und entsorgte deren Reste in verschiedene Abfalleimer. Meinen Hut tat ich mit der Pistole zusammen in einen Plastikbeutel, verknotet den fest und warf ihn, als die Hochbahn einige Minuten später die Spree überquerte, unbemerkt von den beiden älteren Frauen im Abteil aus dem Fenster. Auf dem Vorplatz vom Bahnhof, zwischen einem rostigen VW-Kombi und einem blitzenden Volvo auf dem eine tote Taube lag, zertrat ich die SIM-Karte vom Handy. Den ehemals grauen Mantel trug ich inzwischen auf Brombeer gewendet, die schweinsledernen Handschuhe in der Innentasche verborgen. Für mich war damit die Sache erledigt. Der ideelle Lohn verdient. Die Vergewaltigung der minderjährigen Tochter der Frau gerächt. Doch das war längst nicht alles, - denn die Stadt quoll über von Psychopathen wie ihm und mir.

55
Ein Mann im Anzug hat gestern vor meine Tür gekotzt.
„Hast du gehört, Jimmi, Astra ist zurück!“
„ ... ich weiß ...“
„Er macht ne Party und du sollst auch kommen.“
„Warum sagt er mir das nicht persönlich?“
„Ich nehme an, wegen gestern, vorgestern, usw.!“
„Weißt du“, sage ich, „wir sind als Schreiber alles kleine Scheißer, und einer klaut vom anderen ... Außerdem, egal was er macht, es wird sowieso ein Flop.“
„Ja“, sagt Gordo und grinst dieses hündische Grinsen, „genau, - trotzdem klaut man nicht so primitiv.“
„Ist ja OKAY“, sage ich, „ ... also, wann ist die Party - und wo wohnt er überhaupt?“
„Immer noch die alte Hütte -, also dir genau gegenüber.“
„Gegenüber ist gut“, sage ich, „um den See herum sind es immerhin achtzig Kilometer“; und ich überlegte, wie Astra es gelang zu Fuß eine solche Distanz zu überbrücken und das bloß, um mir vor die Tür zu reiern ...
„Ach die paar Meter, - das schaffst du schon. Übrigens, Plotti kommt auch!“
„Das ist ne Überraschung, sonst kann der sich von seiner Arbeit doch nicht losreißen.“
„Ach was -, seine Frau ist doch mit diesem Sänger abgehauen, du weißt schon, diesem Goslo, und seit dem geht er wieder verschärft unter die Leute.“
„Na, wenn das so ist ...“
„Bis dann also -, morgen um zwölf. Und steck Kohle ein.“
„ ... „

Der Abend war saumäßig. Mein Verleger hatte mich angerufen und an meinem neuen Roman kein gutes Haar gelassen.
„Umschreiben lohnt nicht“, war seine Meinung, „schreiben Sie neu!“
„Arschloch“, sagte ich beim Auflegen.
„Vergessen Sie nicht“, sagte der, als er gleich darauf noch mal anrief, „Sie leben vom Vorschuss eines Arschloches.“
„Sorry, sagte ich, „war nicht so gemeint, Arschloch.“
Danach gab ich mir die Kante satt - und so sah ich beim Aufstehen (gegen ein Uhr vormittags) auch aus. Hast ja noch ne Stunde, tröstete ich mich beim ersten Schluck; auch duschen wäre nicht schlecht, allein schon wegen dem Restalkohol und dem was kommt, denn es muss ja nicht jeder Bulle auf 100 Meilen riechen, - wie schon die zwei Male zuvor ... Zum Glück habe ich für solche Fälle eine Ersatzpappe, denn ohne Führerschein wäre ich in meiner Einöde stramm aufgeschmissen. Und immer den Grossisten an zu rufen, wenn man Durst hat, ist auch nicht gerade billig. Mist! Das heiße Duschwasser reichte gerade zum Einseifen, dann war damit Feierabend - und kalt ist bei mir nicht, denn da stich das Rheuma in den alten Knochen wie ne Forke in den Misthaufen von Schweinescheiße. OKAY, dann muss es so gehen, - rieb ich mir also den Schaum ins Handtuch. Leider merkte ich zu spät, dass es das Teil vom Hund war. Nun roch ich nicht nur nach Suff, sondern nach Hundekacke dazu. Fehlt nur noch der Duft der eben beschworenen Schweinescheiße. Gut, Aramis ist mir Ersatz. Bringt aber auch nicht viel, wie ich aus Erfahrung weiß. Zieh also ne Knoblauchzehe rein ...
„Prima“, sagt mein Auto und schüttelt sich wie ich neulich nach dem Entzug, „mach ja das Verdeck auf, du Arsch ...“
„Mach ich doch, Junge“, sag ich, „hast es als Cabriolet auch verdient.“
OKAY, es könnte ne Stück Persönlichkeitsstörung sein mit dem Teil zu reden; ich halte es allerdings für Schicksal. Immerhin gibt es auch wieder Wölfe in Deutschland. Doch auch das ist nur ein Gerücht, denn ich konnte von denen bisher nichts sehen ... seen nothin’ yet ... Und wenn, es wäre nicht wahr, denn ich halte meinen Rammstein mit Krawallrockpaste extrem sauber. Nichts mit Weichspülsound hinter rechter Tendenz ... Keine Fans mit Entrüstung über scheinbare Amoralität. Nirgendwo Aufregung über vermeintliche Gewalttätigkeit und vordergründige Sexualisierung unter ausgeprägter Humorlosigkeit, die mit deutschen Landen zu tun hat - oder nicht. Nein, ich habe (bei mir) mittels Ironie und Selbstironie den richtigen Nerv getroffen. Frontal, alter Schwede. Frontal! Denn die Lüge ist schließlich für alle da. Gut, das kommt zwar jetzt nicht überraschend, verinnerlicht aber eine gewisse Art Lyrics in mir, nämlich die über Liebe, Tod, Leid und Lust, Grausamkeit und Schmerz - in einem spielerisch hintergründig geschmeidigen Klangbild, so ich meine. Manchen mag das zu viel sein, zu wenig anderen, irritierend mehrdeutig wieder welchen - überraschungslos, doch es beschreibt, tief in die Abgründe der menschlichen Seele leuchtend und das Fürchten lehrend, mein Universum. Und das ist mir Grenze wie auch Grenzüberschreitung. Wie Genitalherpes, vom existenziell bedingten Arschlecken am Irrsinn dieser Welt in schriftstellerischer Phantasie. Ja, kommen Sie mit mir auf die Schaukel, wir werden Spaß haben, mal abgesehen vom Dreivierteltakt der Gesellschaftstänze.

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Nichts ist so wahr wie die Urängste. Die Angst vor dem Tod mit Schmerzen in Einsamkeit und Verrat. Vor dem was sich in einem Leben Bahn bricht zwischen Liebe, Sünde, Zweifel und Selbsthass.
„Dich soll der Blitz beim Scheißen treffen!“, lästerte man - als ich noch ein junges Herz war und mich vor nichts fürchtet. Nur, dass mich der Blitz wirklich dabei treffen könnte ... Eine Horror Vision. Auch heute noch. Und wie peinlich, wenn sie zutreffen würde. Fast genau so peinlich wie die Behauptung und deren eventuelle Tatsache: „Du hast wohl den Arsch offen?“ - Nein, mein Besitzer ist nicht mit offenem Arsch beim Scheißen abgekratzt, er ist anders gestorben, ein Unfall, den ich aber, reanimiert, überlebte - und nun zur Transplantation freigeben bin. Sie sollten also nun wissen, dass ich ein Muskel bin der spricht, der seine Neigung zum Leben nie verborgen hält. Ich habe mich sozusagen selber und freiwillig für die Transplantation zu Verfügung gestellt - und das kam so ...

In Handschellen wurde der Angeklagte, der mein Herr ist, ach - war, muss ich ja sagen, in den Gerichtssaal geführt. Dort wurden sie ihm dann auf Anweisung des Richters abgenommen, damit er der Verhandlung folgen kann und seine Aussagen machen konnte und so weiter, - als ob die Fesseln das Hör- und Sprachvermögen beeinträchtigen würden, dachte ich noch. Ich habe dem also deswegen und so weiter gleich gesagt, *Kerl, sei vorsichtig, denn wenn du hier stiften gehst, spiele ich nicht mit.
*Schnauze, hat der darauf gesagt, *ich bin der Boss!
*Na, das werden wir ja mal sehen, sagte ich.
„Setzen“, bestimmte der Richter, „und die Acht kommt wieder ran, wenn Sie den Saal verlassen!“
„Protest“, insistierte der Rechtsanwalt meines Menschen.
„Nichts da“, blieb der Richter hart. Und das war gut so, denn als der Mensch, Jimmi heißt übrigens der Idiot, den Saal verlassen wollte, *ich muss mal, Herr Richter, sagte der wörtlich - und es war natürlich ein Vorwand, klickten die Handgelenkschlösser auch gleich wieder.
„Muss denn das sein?“
„Ja!“ sagte der Richter, „es bleibt dabei - und machen Sie schnell, wir haben hier nicht ewig Zeit!“
Es sind zig Faktoren die ein Menschenleben bestimmen. Bei Jimmi war das nicht anders. *Du bist immer noch schön, hatte er zu ihr gesagt, und ich konnte sehen wie sie da lag, er mit dem Hammer in der Hand über ihr.
*Ich habe dich geliebt, versuchte er ihr zu erklären, doch sie hörte ihn nicht, denn sie war tot. - Allerdings bin ich Zeuge, dass er sie geliebt hatte, tat mir doch oft der linke Vorhof saumäßig weh. Herzschmerz aus Liebe sagen die Menschen. Und es stimmt! Doch dann hatte er sie im Kofferraum seines Wagens, einem Mercedes. Und da passte das lange Luder auch perfekt rein.
„Ein toller Wagen!“ hatte sie ihn wegen der Karre gelobt. Wenn du das mal zu mir sagen würdest, hatte er sich gewünscht. Und ich mir erst. Käme doch stark: ein tolles Herz hast du, oder so ... Doch nichts davon. Nur andere Dinge wurden von der blonden Schlampe liebevoll beachtet und überschwänglich vergöttert, ganz zu Anfang ihrer Beziehung sogar sein Schwanz: *Mein Güte, hast du einen geilen Schwanz, komm ins Bett, Hase, oder so ähnlich. Und das ist doch wohl nachvollziehbar, dass mich das sauer gemacht hatte ... Nun, heute bin ich nur noch traurig darüber, und dass ich keinen anderen Weg gefunden habe als meinen Hass auf sie. Dabei hatte ich den Fall Mona, so hieß die, immer und immer wieder auf eine Lösung hin durchdacht. An Totschlag dachte ich nie. Ich schwöre es!

57
in das innerste meiner selbst werde ich
mich zwingen
tief abtauchen in das schwarz fettige
da sein
um auf ihr zu liegen
in die ich mein ding stecke
um sie einmal mehr vor angst schreien zu hören
während ich ihr den siff besorge
damit die schlampe krepiert wie ich zwischen
ihren ranzigen haut falten krepiere
denn egal wohin ich beim abschießen treffe
es ist immer die gleiche scheiße
mit dem verblödeten tier

58
Angeblich fand man mich mitten auf der Strasse, in einer verlassenen Gegend, die man ’da draußen' nennt. Ich lag dort in der Öde zwischen Krieg, Leben und Tod. Als ich unter dem Sturm der Schlacht um die besten Plätze geborgen wurde, stellte man eine Gehirnprellung, Blutungen an der Hirnhaut, Magenverletzungen und mehrere Prellungen fest. Ich sei misshandelt worden, bestätigte man auf Nachfrage. Im Gegensatz dazu blieb es auf Seiten der Täter ruhig. Später reagierten sie nicht einmal mehr auf Anrufe, und bis heute wurde nicht geklärt, woran ich gestorben bin.
Es gab mit ihm Probleme, sagt man auf Fragen dazu lapidar. Doch es bleibt egal, denn es gibt keine deutlichen Differenzen zwischen dem was wirklich wahr - und was unwirklich ist. Zwischen dem, was wahr oder unwahr ist. Denn es ist etwas nicht unbedingt entweder nur wahr oder nur unwahr. Nein, es kann beides sein, so wie ich beides bin und war, und das ist alles, was ich an Informationen über mich besitze, der Rest bleibt dunkel.
Echt, es tut mir so leid, aber was anderes kann ich nicht sagen als:
Mach es gut da drüben, Kumpel, und bleib gesund.

59
Scheiße gelaufen, denkt er, hängt kopfüber an der Holzbrücke, Arme auf den Rücken gefesselt, sieht unter sich seine Kameraden vor dem blutbeschmierten Panzer, grüne Fliegen auf deren Gedärme, - und einen romantischen Sonnenaufgang, wenn er den Kopf heben könnte.
Sieht Männer in Schutzwesten vor verkohlten Leichnamen, durchlöcherten Stahlhelmen, die stolz Maschinenpistolen in die Höhe recken, die Augen hinter dunklen Brillengläsern verborgen.
Ja, Scheiße gelaufen, doch Realität, während ihm das Blut aus den Augen tropft, über seine Lippen läuft, und die Schmerzen in Rücken und Brust unerträglich werden.
Glatter Durchschuss, denkt er.
Beim Reifenwechsel hatten die Aufständischen sie erwischt.
Muss eine Falle gewesen sein, denkt er, sieht wie die Männer mit den Sonnenbrillen Geldpäckchen unter sich verteilen.
Unser Lohn, denkt er.
Kurz zuvor hatten sie ihren Einsatz hier für beendet erklärt und sich auszahlen lassen, - wollten für ein paar Tage nach Hause fahren.
Ja, sie sind Söldner, die ihr Geld verdienen, wo Kriege und Unruhen herrschen. Söldner, ein Wort dass er nicht gerne hört, weil er Furcht gepaart mit Hass der Leute spürt, wenn sie es aussprechen.
Ist doch ein ganz normaler Job für 500 Dollar pro Tag, meint er.
Manchmal seien sie auch Kopfgeldjäger privater oder militärischer Auftragnehmer, - auf der Suche nach Terroristen, Kriegesführern, Bestien, nach deren Blut, Vergeltung ... Doch meistens führen sie Kampfhandlungen aus. Fünfzehn feindliche Kämpfer starben gestern morgen im Kugelhagel. Und Abi del Masra hatten sie gefangen genommen, - daher das viele Geld. Scheiße, denkt er, wer uns kennt, weiß um die Realität, von wegen leicht verdiente Kohle. - Am Handgelenk ist seine Blutgruppe eintätowiert. Und hoffentlich sieht die jemand, wenn sie mich finden und ich noch lebe, denkt er, während er sich das Blut von den Lippen lutscht, um nicht auszubluten. Trugschluss ...

60
Befehle sind es. Schreie hört er.
Schüsse. Warnungen. Fragen.
Trinken Sie!?“
Er trinkt. Muldenwasser. Trüb wie der Fluss. Vom Leichengift durchsetzt.
Trinken Sie?“
Während er im Geruch von Verwesung den Karren mit den Toten hinter sich herzieht. Ein Fetzen Tuch um Nase und Mund. Und das er nicht vergisst, sich nach dem Trinken erneut vors Maul binden. Um ein paar Schritte zu laufen. Das Tuch zu lösen. Um erneut zu trinken.
Trinken!
In diesem Gestank, der ihm mit oder ohne Tuch die Sinne nimmt.
„Trinken Sie?“
Während um ihn herum Menschen nach Überlebenden suchen. Mit bloßen Händen graben. Plündern und morden. Gott nach seinem Sohn ruft.
„Trinken Sie!“
Während in fernen Ländern Ärzte, Spürhunde, Soldaten und Millionen Fliegen bereit sind.
Nein, HALT!, die Fliegen sind schon da ...
„Trinken Sie?“
„Ja, ich kann nicht anders!“
Man kann in Augen viel ablesen, meint Gott. Dankbarkeit, Zuneigung, aber auch Machtlosigkeit – im Versuch die Welt zu verstehen, ein Unglück zu überleben. Um zu trinken. Wegen der Angst vor neuen Erdstößen mit der Zerstörungskraft von Atombomben. Und - man kann sich nicht darauf einstellen. Nie. Man kann auch das Elend nicht wegwischen. Niemals. Nicht den Verwesungsgeruch. Das Leichengift. Blut und Tränen. Hunger. Durst. Tod. Nicht mit menschlicher Wärme ... Nein.
Man kann im Augenblick nur Feuer legen - und trinken.
Trinken! Trinken! An diesen endlosen Tagen.
„Trinken Sie!“

61
Am Abzweig muss ich anhalten. Arschkarte. Passiert nicht oft, passiert aber. Heute kommen da zwei Autos. Und beide haben Vorfahrt. Sssst, zischen die vorbei - und ich ticke aus, weil die wie Sau rasen. Einer mehr. Einer weniger. Ey, hier ist dreißig, Bruder!
Kurz drauf quietschen Reifen, machen beide Karren nen Schlenker.
Erst der, der wie irre rast, dann der andere - Idiot. Fahren beide eine Biege, als wollten die was überholen. Der eine überschlägt sich, brettert voll in den Wald. Ich höre noch die Bäume brechen. Eine Explosion. Der andere karrt weiter. Ich auch. Mit Überholen ist aber nicht. Denn als ich näher komme, sehe ich mitten auf der Straße was liegen. Mehr ist auf die Schnelle nicht zu erkennen. Wirkt aber wie ein Mensch. Kotz ...
Ich denke noch: Was denn das für ne Sauerei - von den beiden Piloten - den Typen nicht wegzuräumen; ich hätte mit dem Rad drüber stürzen können. Geht nämlich bergab - und mit ein bisschen zutreten fahre ich da locker fünfzig Sachen. Oder so. Hätte mir also was brechen können. Ins Krankenhaus müssen. 100 % gelähmt, womöglich. Richtig! Doch dann, gleich drauf - packt mich ne andere Art Wut. Nämlich, als ich weiter denke - mich Frage, warum sich derjenige Mensch - oder nicht - mitten auf eine viel befahrene Straße zum Pennen legt. Was? Als ich dann ein Stück daran vorbei bin, stoppe ich, drehe um. Will noch Mal zurück. Und das, obwohl es stramm bergauf geht - und meine Knochen... Ist aber Bürgerpflicht, ey! OKAY, könnte ja später jemand fragen (die Bullerei zum Beispiel) ob es ein Männchen oder Weibchen gewesen sei; sollte irgendwer wann drüber fahren. Wird nämlich bald dunkel. Ey, und dann: Pech gehabt!, Leiche!, muss ich lachen. Erst platt gefahren, oder in Stücke gerissen - und dann unbekannt anonym begraben, oder so. ...ich möchte nicht so enden... Nee, nie!
Nur mal fürs Protokoll: das Teil war ein Weibchen! Und die sah schon im Gesicht echt sch... aus. Also: Finger weg, Freunde, so Geschichten mit Weibern bringen nur Ärger! Siehste ja an mir. Übrigens: ein paar Tage lang musste ich einen Umweg fahren, denn es stank dort wie Sau. Obwohl nicht mal Knochen über waren, und somit nichts zu gebrauchen. Später sah ich das zerluderte Fell von einem fuchsähnlichen Vieh im nahen Gebüsch. Und ich überlegte, mir ein Auto zu kaufen. Einen Sportwagen: von wegen Fuchsschwanz.

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Patrick erzählte am Nachmittag in der Lobby vom Berliner Sodom und Gomorra House (er trug eine vollgeklunkerte In- Out- Dor- Sonnenbrille von Nike Brilliant), dass er überhaupt nichts, also rein gar nichts über Berlin wisse. Punkt! Und genau das schrieb er dann später wörtlich und stolz auf seine Platin-Autogrammkarten, oder direkt ins Buch: ’I am Patrick, du Arsch, and I don’t know about Berlin!’ Well, was für ein netter Idiot! Denn ansonsten bekommt man von Promis (eigentlich) zu hören, wie geil diese Stadt sei, wie lieb der schwule Bürgermeister, wie trinkfest die Millionen (Pseudo-) Künstler, fickbereit die längst schlachtreifen Blondinen, ihre Silikon- Botox- Baustellen und dann noch Brecht, Weill und, das es immer noch so aussieht wie kurz nach dem Weltkrieg. War es der zweite oder dritte ...? Und ob noch Russen in der Stadt seien - die auf offener Straße Frauen ''Massenvergewaltigen'' würden? Und ob er da wohl mal zusehen dürfte? Ich wollte mich ihm dazu gerade als Bärenführer andienen, wurde aber leider von irgendeinem halbseidenen Bezirksbürgermeister schon auf dem Tanzboden abkassiert ... Dennoch baten einige, ich nicht (ich war beleidigt), den Kult-Schlachter Patrick um cheek to cheek Fotos. Fragten den unverblümt, wann er aufs Klo müsse. Und ob sie da dann seinen legendären Schwanz mal halten dürften? Kloake trinken ...? Große Höhen, enge Räume - schon der Gedanke daran, echt ... Auch, dass das nicht Alltägliche ohnehin auf dem Weg liegen würde. Nein, keine Sehenswürdigkeiten, keine Monumente, keine Museen, keine Musentempel sondern Pinkel-Pisse! Oder zumindest ein (prominent urinierter) Toilettenstein als Souvenir, voll gesogen wie das Publikum bei Patricks Lesungen: immer mit Gedanken an die öffentliche Latrine. Hand im Schritt. Allesamt Autisten auf der Reise ins Rain- Man- Land der Trockenpinkler. Urinal-Reaktion als Flucht aus der grauenvollen Wirklichkeit in den wohltuenden Horror um Patrick. Gedankentransplantiert ins Einerlei künstlicher Paradiese von Drogen, Suff und Sex. Ja, alle sind gleich (haben neueste Hirnscans erwiesen). Und so (oder zu Hause) lässt es sich am schönsten mit Angststörungen leben, wie schon die Idee ’Panikattacke usw.’ sagt. Yes!
Ihren Höhepunkt erreicht Patricks Performance, als einer der Zuhörer (ein Klotz von Kerl vor mir) einen riesigen, grün leuchtenden Vinylpenis aufbläst - und zum Platzen bringt. Es darauf von der Saaldecke Konfetti regnet, die Sprinkleranlage losgeht. Patrick sich drei oder vier der schon nackten Blondinen aus der ersten Reihe schnappt, um mit denen hinter einer Tapetentür zu verschwinden. Das Licht im Saal erst flackert, um dann vollständig zu erlöschen - und die Hausfeuerwehr versucht mit Eimern voller 10 %iger Schlagsahne den Grasnabenbrand im Foyer abzulöschen. Nun, wie scheußlich sich Angstschreie im Gehirn auswirken - kann man - während man sich die Ohren zuhält, erst richtig an einer virtuelle Figur sehen, ohne dass die Figur am Bildschirm durch ihre Reaktion vor dem unangenehmen Ereignis warnt. Denn schon allein die erzeugte Spannungssituation (Aktivität) in der Amygdala reicht aus, um den eben noch ruhenden Mandelkern nachhaltig zu erschüttern.
Doch all das tangiert mich wenig, ich sprinte hinter Patrick her, öffne die geheime Tapetentür mit dem Korkenzieher meines 80er Gold ’Bruno Banana’ Schweizer Taschenmessers, und sehe eben noch wie Patrick das Bondmobil (einen Aston Martin - Modell Gardasee) startet um mit ausgeklappten Flügeln rasch an Höhe, Breite und Tiefe zu gewinnen.

„Offenbar sind bestimmte Menschen in der Lage solche Aktionen zu nutzen, um ihre Flugangst zu regulieren“, gibt dazu Dr. Q später der Presse Auskunft. Während ich grübele, warum (fast alle) Psychopathen die ich kenne männlicher Natur sind -, und meine Wiki- Spay- Watch- Uhr plötzlich völlig überflüssig unter Null schlägt.

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„Du hast Eier, Mann, - einfach hier lang zu gehen ...“
Da erst merkte er den Verlust seiner Selbst so richtig. Ist raus, aus der Behütung der Klinik. Befindet sich in der verfallenden Welt, die so kaputt ist wie er selbst. Läuft zwischen nackten Hauswänden, die herumstehen als Reste einer Zivilisation. Im Gestank. Haufenweise Müll. Zwischen Matratzen und alten Autoreifen, als eine Erinnerung an bessere Zeiten von Familie, Geborgenheit, Heimat und Fortschritt und so weiter. Und hofft, dass die Realität ihn in Ruhe lässt - mit ihrer explosiven Wucht weiterer Zerstörung.
Meter weiter uriniert ungeniert ein muskelbepackter schwarzhaariger Macker gegen eine Hauswand, dass es platscht und schwappt und weiß schäumend in den Gully der Strasse läuft.
„Was guckst du so?“, einer mit versoffener Bassstimme, und schleppt einen Bierkasten mit sich rum, gibt den Schwafelphilosophen.
„Das Leben ist wie ein Kinderhemd, kurz und beschissen!“
Doch das gelingt nicht. Jedenfalls nicht bei Jimmi; es ist nur ein Indiz, dass hier Menschen mit Stärken wie Schwächen leben, die einander reizen und piesacken. Mehr nicht. Und es wird auch nicht schlechter, als ein Fernseher dicht neben ihm auf das Pflaster kracht - und sich hinter dem nächstbesten Fenster offensichtlich ein Sexabenteuer abspielt.
„Ja, nimm mich!“, hör man eine Frau, „nimm mich fester, mach. Fick schon, du dumme Sau ...!“, und dann ein Blumentopf gesegelt kommt, als er schon weiter geht. Geranien.

„Das kommt sauber, was?“, sagt der mit dem Bierkasten, und weint, „das ist nämlich meine Alte ...“ Und fängt zu toben an.
„Ich sollte rauf gehen - und sie umlegen. Alle beide! - Meinst du nicht auch?“
Und das ist es, was ihn wegtreibt und gleichzeitig anzieht, diese voll latente Aggressivität. Diese prall lebensgierigen Leute. Diese Verpestung durch Kohl und alten Samen, die aus jeder Ritze der maroden Häuser strömt. Der Mief von Knoblauch und Fürzen im Geklapper von Dominosteinen und Gebetsketten in langen Heimkehrergeschichten. Die langen Bärte und kurzen Gedanken. Diese Scherenschnitte von betenden Männern mit Hintern in die Höhe - einer Art Todesengel ohne Hintergrund, aber mit Zukunft. Die Schwarzweißfotos unbekannten Daseins und detonierter Bomben. Und es fehlt ihm nicht die Angst, das Unmittelbare, der Schrecken über das Unerklärliche. Nein, es fehlt nichts, und er wundert sich auch nicht mehr, - er ist neugierig wie gleichgültig. Falls man so unentschieden entschieden an solch einem Ort überhaupt sein kann, denn nirgendwo sonst ist es so kalt, ernst und grausam wie hier. Und das will was heißen.
Nur wenige Schritte weiter ist es eine ältere Frau, so meint er, die mit dünner Stimme um Hilfe ruft - und er daraufhin den heruntergekommenen, stinkigen Hauseingang betritt, in dem die dann tatsächlich liegt, und er sie höflich fragt: „Kann ich Ihnen was helfen?“ Die zu ihm sagt: „Den Arsch wischen, Junge, das kannst du mir ...“ Und da ist es dann wieder, ergreift ihn diese elende Hoffnungslosigkeit, das unbeschreibbare Gefühl hilflos zu sein, machtlos und gleichzeitig demütig zu werden, zu sein - so etwas erfahren zu können, zu müssen, und nicht von irgendwem aus zweiter Hand mitgeteilt zu bekommen, dass es so etwas wie das hier wirklich gab. Dieses Leben, solch ein Sein. Denn es ist die Ohnmachten am eigenen Körper, die wächst wie Krebs mit Metastasen, diese Tode am lebendigen Körper, das ’wahnsinnig werden’ bei vollem Bewusstsein, wenn man liegt und stirbt - an einem warmen Tag im Sommer, da einem das warme Blut wie Urin den Oberschenkel herunter rinnt. Dieses Verrecken im Dreck - und er dann, nicht nur um der Lust willen, hinein in diese wirkliche Endgültigkeit gleitet. In die Frage: mein Gott, wo bist du? Hast du meine Trauer gesehen? Kannst du meine Schmerzen erahnen? Die Welle Leid fühlen? - Nein, kann der nicht, hat er nicht, und hat so auch keine andere Wahl als diese - nimmt den Knüppel, der mehr eine Latte ist - ein ausgedientes Stück Holz -, nimmt etwas, das in diesem abgewichsten Hausflur liegt und schlägt das Teil der alten Frau auf den Schädel. Schlägt einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Volle Pulle schlägt er. Schlägt, schlägt und schlägt. Volles Rohr. Er schlägt diese Frau stellvertretend für alle Götter und Menschen -, er schlägt sie tot ... Es sind Hallen, die sich ihm eröffnen. Kathedralen. Ein U-Bahneingang. Ein Dom. Konzertsäle, aus denen Musik erklingt. Mozart. Bach. Händel. Grieg. Gluck. Schubert. Chopin. Was er will. Es sind Ställe, Warteräume, blutige Dächer. Ein Schlachtraum. Schostakowitsch. Strawinsky. Dann Verdi. Es ist Winter, Sommer, wieder Winter. Frühling, Herbst. Nur Verdi. Dann nichts. Es ist ein schwingender Knüppel. Ein Stab. Musik. Ein sausender Hieb nach dem anderen. Stille. Ein Taktstock. Ein grunzen, blöken und schnüffeln. Es ist Blut. Liter von Blut. Tod. Schnarchen. Schlafen. Es ist, dass sich die Frau dreht, ihm die Zunge zeigt, ihn mit Augen wie Sonnen anblickt, während er schlägt. Ist ein offener Mund aus dem Note um Note entweicht. Ist Tag und Nacht. Halb wie voll der Mond. Sonne. Requiem. Regen. Und eben noch hört er sie röcheln. Dann nicht mehr. Dann ist es dunkel, tief schwarz, wie tausend Meter unter dem Ozean. Ist Wasser - und jemand lässt quietschende Rollläden herunter. Es ist aus - der Tag vorbei. Fakt. Er ist gefickt. Ein Fake - und am Ende der Verarschung.

Ja, es gibt schöne Häuser hier. Große Mietshäuser mit Wohnungen die einen Dienstbotenaufgang haben. Mit Hinterhöfen durch Toreinfahrten, auf denen Putten wachen, oder Adler, weiß er. So richtig großzügig geschnittene Bauwerke -, wenn die nur nicht so verfallen wären. Während seine Schuhe über den Beton knirschen, ihm alte und weniger alte Menschen begegnen, die er irgendwann wieder trifft. Alle. Und die leben, man kann es an deren warmen Ausdünstungen merken, an ihren Atemwolken, wie bei einem Wal an der Oberfläche eines Meeres der eine Fontäne ausbläst.

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tote fenster
wüste augen
in der staedte
bahnhofshallen
nicht geleerte
früh verweste
spritzen löffel würfelzucker
auf dem boden
an den wänden
blut geschmiere
an den händen
hausen du und ich beisammen
eine zukunft
gibt es nicht
lediglich gepantschtes licht
das uns tag und n8
besitzt
- wünschte du wärst hier

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Der Raum wird größer, als er aufsteht, nachdem Mona die Wohnung mit einem Abschiedswort verlassen hat. Auch riecht es nach Ausdünstung und Veränderung. Und er hat irre Schmerzen, als er sich wie auf Stelzen gehend bewegt. Er schreit deswegen, spuckt, flucht und verwünscht sich. Ahnt, dass es vom Stoff kommt, dass ihm die Adern der Arme fingerdick hervor treten, und er eigentlich die Notrufnummer anrufen müsste ... Auf den wenigen Metern zur Dusche ist es wie durch Feuer zu gehen. Sogar die Luft scheint brandheiß am Körper anzukleben. Und Ballett ist lange was anderes, denn er muss bei jedem Schritt an die Grenze zum Schmerz und darüber hinaus. Aber das alte Leben muss runter, weiß er. Jetzt und sofort. Egal wie! Also los.

’Banquo: Die Erd' hat Blasen, wie das Wasser hat, so waren diese - wohin schwanden Sie?
Macbeth: In Luft, und was uns Körper schien, zerschmolz wie Hauch im Wind. Oh, wären Sie noch da!’

Er ist geduscht, rasiert, und zwischen Macbeth und dem Tosen des Alltags ist Tango. Das ewige Lied der unsterblichen Liebe. Aber nicht deshalb weiß er, was zu tun ist. Er nimmt all seinen Mut - und verlässt die Wohnung. Über die blitzblank polierte Messingtafel seines Nachbarn gegenüber mit der Inschrift ’Routine und Improvisation sind Todfeinde’ kann er (schon wieder) lachen. Und genau das braucht er, denn es ist immer noch Unruhe in ihm. Reste von einem Rausch, als führe ein Bus durch ihn hindurch; als ein Radfahrer ihn streift.
„Pass doch auf, du dumme Sau!“
Er geht schneller, folgt dem Pfad, einer Schleifspur, torkelnd von Geschwindigkeit, dem Saft aufgequirlten Graffitis entgegen, dem miefigen Sog von U-Bahnen, die sich rund, prall, fett, gelb in ihn bohren, mit ihrem Scheinwerferlicht durchlöchern, Grenzen ziehen.
„Sie sollten meiner Verordnung schon Folge leisten ...“
„Danke, Herr Doktor“, sagt er, die Untersuchung beendend, „aber hier bleiben kann ich nicht!“
„Auf ihre Verantwortung!“, erwidert der Arzt und verlässt kopfschüttelnd den Untersuchungsraum. Rot, denkt er -, sterbende sehen diese Farbe zuletzt. Er selber schwebt zwischen Wachen und Schlafen. Dem unbestimmten Bereich zwischen Wollen und Können. Auch hört er dieses Brummen wieder, und ihm scheint, dass es ständig stärker wird, denn es erfüllt nun den Raum, die Wände, die Decke. Fenster und Tür. Und immer die gleiche Frage nach dem Wieso.

’... statt dessen also verlangte der Schaffner von Castorp, er solle ihm sagen, in welche Zone er zu fahren gedenke. Das war eine so unerwartete, eine so dumme und unverschämte Forderung, dass der junge Mann mit erhobener Stimme verkündete, er sei nicht von hier und es werde wohl genügen, den Namen der Haltestelle zu nennen, zu der er wolle ...’

Er steht zum Glück im ersten Wagen, Baureihe A3L71, der U-Bahnlinie 7, Fahrtrichtung Rudow, direkt hinter der Fahrertür - und klopft gegen die Tür. Der Fahrer öffnet - und er befiehlt ihm, schneller zu fahren.
„Fahr schneller!“
„Sind Sie sich da sicher?“, fragt der Kontrolleur und verkauft seine Frage nach den Fahrausweisen an die nächsten Passagiere, als sei nichts geschehen, gibt das Restgeld bei Strafe heraus und locht die kleinen rechteckigen Kärtchen den Wünschen entsprechend nach.
Die stinkig, sauerstoffarme Hitze erdrückt ihn fast. Alles glänzt und flirrt in einem plötzlichen Blitz, den er sich nicht erklären kann. Schweißperlen laufen die Fensterscheiben herab. Und die Blendung der Scheibe entzieht seinem Umfeld jegliche Farbe. Aus den Plastiksitzen mit den tätowierten Mustern züngeln Flammen. Rauch erfüllt den gesamten Wagon. Die Existenz eines Feuers macht womöglich auf eine Gefahr aufmerksam, denkt er, und bleibt in seiner Aufgeregtheit dennoch ruhig.
„Fahr schneller!“
„Mache ich doch ...!“ Dann ist jemand mit einem Feuerlöscher da, sprüht massenhaft Pulver in die Flammen und schreit: „Feuer, Feuer , - alles sofort raus!“ Vom anderen Ende des Wagens kommt ein Typ gelaufen und wirft seine Kippe in das halb erloschene Feuer. Danach sein Feuerzeug. Ein Päckchen Zigaretten. Dann pisst er drauf. „Wollte mir sowieso das Rauchen abgewöhnen!“
Der Zug steht. Das Feuer ist aus. Der Typ hat die durchweichte Zigarettenschachtel in der Hand, sucht im Schrott nach seinem Feuerzeug, blickt ihm beim Hinausgehen auf die Stirn, hinter der ein Friedhof statt Lebenssinn liegt. Er geht zur Treppe Richtung Ausgang. Zwei Schritte nur, dann beginnt sich sein Körper vom Boden zu lösen, als hätte er Hermesflügel. Und genau in diesem Zustand der Schwerelosigkeit fliegt er wie ein Blatt im Herbst davon. Befindet sich über Feldern, über Hügeln, hoch und weit weg von den Gefahren der Stadt. Im Hochgefühl ruft er etwas wie ’Freiheit für alle’. Doch es gibt keine Antwort, nicht mal von dem Raucher, der ihm heimlich gefolgt ist. „Leih mir mal einen Euro, Alter?“
„Verpiss dich!” ist seine Antwort.
„Mach mal entspannt, ey ...“ Danach stürzt der Typ mit einem Urknall ab, und das Universum verschwindet getarnt als schwarzes Loch im U-Bahnschacht. Und auch wenn sie ihn jetzt freilassen würden, mit einer Million zum Schweigen verpflichtet, dieses saukomische Bild wird er nie im Leben vergessen und nicht aufhören, davon zu erzählen. Läuft über den Hermannplatz, will dahin, wo er Leben vermutet. Sieht in einiger Entfernung Mona vor sich -, die mit einer Art von afghanischer Mütze auf dem Kopf, Perlen bestickt. Er sprintet ihr hinterher, erreicht sie, fasst sie bei der Schulter und dreht sie um -, blickt in ein Gesicht mit einem Vollbart, der bis zur Brust reicht. „Entschuldigung!“, kann er noch sagen, dann treibt es ihn weiter. Einem Stück Papier im Wind der Hoffnung folgt er, einer Erinnerung, wie er vor wenigen Tagen der Frage nach dem sinn des Lebens folgte, die immer ein paar Meter Vorsprung hatte. Und dabei blieb es. Nun geht er, hungrig, in Richtung eines Imbiss, der sich am Ende das Platzes befindet. Ögan, steht an dessen Front.
Wie neulich bleibt er unschlüssig vor dem Laden stehen. Direkt unter der Fahnenstange mit Tuch ’Heute frische Wurst’. Sein suchender Blick durch die Fensterscheibe bleibt an einem Fleischspieß hängen. Dem grässlichen Anblick eines Fetzen Braten, auf den die Würmer nicht schielen, sondern sich längst durchgekaut haben, um auf der Theke zu spazieren, sich zu recken und strecken, als wären sie Topmodels und würden Mode vorführen. Daneben schimmeln vergammeln Messer und Gabeln, Salatreste. Grüner als grün deren Dressing. Und im Laden ist niemand zu sehen, genau wie damals; als er grübelt, was zu tun ist.
„He, willst du zu mir?“
„Zu Mona - oder zu Patrick.”
„Zu wem nun, musst dich schon entscheiden ...!“
„Bist du Patrick?“
„Wer sonst?“
„Dann kannst du mir ja sicher sagen wo Mona ist?“
„Dir? Warum dir?“
„Ich bin ihr Freund!“
„Ach - du bist das ...“
„Nun sag schon - ist sie hier, oder wo?“
„Ey, nicht hier, komm erst mal rein, wird gleich regnen ...“
In sich fühlt er erneut dieses Brummen, - Bewegungen. Auch scheint ihm, dass die tiefen Töne rasant zunehmen, fett werden wie die Regenwolken über dem Platz eben noch. Es erzittert schon der ganze Raum. Die Wände, die Decke. Fenster und Türen. Musikalisch gesprochen: hier wäre ein unmittelbares Stopp angebracht! Ein kassieren des Wettbewerbs - und neues Nachdenken. Vielleicht etwas mehr Holz und die Erhärtung mancher schallschluckender Stoffe könnten längere Nachhallzeiten ergäben, würden eventuell das Brummen verhindern. Könnte aber auch sein, dass das Brummen von den Hunderten Würmern, scheinen Fliegenlarven zu sein, die auf einem Tierkadaver auf dem Fußboden übereinander krabbeln, kommt. Und dieser Gestank ...
Ey, worum geht es eigentlich im Leben?, überlegt er. Um fressen und gefressen werden? Um die ’da oben’ und uns ’da unten’? Um das, dass man Zeit darauf verwendet den eigenen Kadaver abzukochen? Geht es darum? Und was soll solch ein Gedanke überhaupt?
„Die Fotzen haben mir den Hund vergiftet!“, sagt Patrick, „die werden noch von mir hören!“
„Wer?“
„Die da draußen - alle!“ und Patrick beschreibt mit seiner Rechten einen Kreis, der die gesamte Welt einschließen kann, und eine Landkarte, die als Trash an einer verkohlten Wand hängt. Und genau das ist die Erklärung: Hören und Sehen. Partner sein für Auge und Ohr. Den Durchblick mit Löffel dran. Nicht diese verkackte Trashscheiße auf den Bergen des Wahnsinns der Stadt Pantheon. Denn am Anfang war der Urknall, aus dem die Götter entstanden. Das Chaos in der Nacht ist die Mutter des Tages. Des Schlafes Bruders der Tod. Ein ihm vorausgehendes Alter und hinüberleiten ist die Missgunst des Streites der Rache des Verhängnisses des Verderbens der Mühsal, - aber auch der Freundschaft und Zuneigung, die die Kinder der Nacht mit der Finsternis gezeugt haben ...
„Was willst du denn nun wirklich?“
„Hast du es an den Ohren? Ich will zu Mona!“
„Die ist aufm Bello.“
„Wo?“
„Auf’m Klo - Mann ..., da hinten.“ Und Patrick zeigt vage mit dem Daumen über den Rücken in die Luft.
Doch Mona ist nirgends zu finden.
Dann sieht er Polizisten, - Autos mit zuckendem Blaulicht vor der Tür - und hört die Frage, wer er sei und ob er die tote Frau kenne.
„Ich sehe nur Maden,“ beantwortet er die Frage, während sein Herz lautlos zu Boden fällt, seine Lunge in Anstrengung schweigend keucht, und er elende Mühe hat Atem zu holen, heißes Drängen in seinem Schädel summt, als hätte er einen aufgeheizten Wasserkocher da sitzen. Dann erschüttert eine Explosion seinen Körper und seine Augen verharren auf ewig in Kalk und Spinnweben.
„Nun sehen Sie schon endlich mal hin, Mann!“, forderte der Polizist ihn auf, „ ... kennen Sie diese Person?“
„Sieht aus wie ein Hund“, antwortet er in die verbrannte Wand hinein, in die Fresse des Bullen -, verlässt den Laden mit der klemmenden Holztür, von zwei Männern in schwarzen Anzügen getragen.

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Heiß war ihm geworden, wenn er ihre Hand an seine gedrückt spürte. Ihre Finger in seinen lagen, ihr Atem ihn streichelte. Lust auf sie hatte er dann empfunden. Liebe? Doch jetzt war nichts von dem. Jetzt war ihm kalt, sie nicht mehr da, und er spürte demzufolge auch ihre beruhigende Hand nicht. Überreste sah er. Sie und sich. Sein Leben. Was davon da war. Und das endlos neu auf dem Prüfstand. Jeden Abend. Oft die ganze Nacht. Schon morgens spürte er neu die Angst vor dem Abend. Kalte Angst, die er nur mit Alkohol herunter spülen konnte. Die Angst vor Geburtstagen und sowieso. Schon wenn er von irgendwelchen Feiern in der Zeitung las. Trotzdem feierte er die annoncierten Tage mit. Er feierte alles was es gab. Auch seine Misere. Oder gerade die. Und versumpfte tagtäglich. Was soll’s, dachte er. Damals lebte er im Hamburger Umland und hatte, als einzigen Luxus, das Kreisblatt abonniert. Warum und wozu auch immer. Später wusste er, es war Schicksal, - und dass er im Grunde nicht alleine sein wollte. Ein Jahr, nachdem sie nicht mehr da war, fing er damit an. Durchstöberte Bekanntschaftsanzeigen unter ’Suche’. Erst las er die Inserate lediglich. Malte sich aus, wer dahinter stecken könnte. Dann, nach zwei drei Monaten Lesens und Fantasierens wer, wie, was, schrieb er die Frauen an. In seinen Anschreiben erzählte er nichts Persönliches, schrieb nur so la la, eigentlich Quatsch - und gab seine Telefonnummer an. Einen Absender nie. Doch kaum waren die Briefe raus, begannen die Anrufe. Von morgens bis abends. Viele des Nachts. Die nervten besonders. Und, mein Gott, das waren Erfahrungen. Wer ihn da alles anrief. Die verrücktesten, merkwürdigsten und anrührensten Geschichten hatte er gehört. Und er war, wie man so sagt, eigentlich abgebrüht, was Leid betraf. Trotzdem, bei manchen der Geschichten, bei den Enttäuschungen die ihm anvertraut wurden, wurde er unsagbar traurig. Einfach so. Am nächsten Tag lag dann prompt sein eigenes Leben in Schutt und Asche. Sein Zuhause. Die Gespräche vom Abend lagen wirr auf dem Boden. Abgestürzte Gedanken pappten auf Zettel an den Wänden.
namenlos das Loch
tief drin ein Monolog den ich hinterfrage
und wieder nicht
da ich Angst vor Rückschlüssen habe
den Zwang in ein Loch wieder wieder wieder wieder und wieder etwas hineinzustecken
sei es die Hoffnung auf neues Leben
doch schon der Gedanke mich schwindelnd macht
aber trotzdem die Fortsetzung des Anfangs forciert
ich mein Begehren einkreise um es mit Blumen zu beschenken
einem Dinné mit Champagner satt wie man es aus schmalzigen Filmen kennt
später Tango mit Promenade im Wiegeschritt neben Bandoneon
mein forderndes Glied auf deinem Oberschenkel
das von der Geilheit unter deinem Rock weiß
der frivolen Tatsache deines Hinterns den Tausenden von Zungen
in unseren Mündern
diese langsame Kommen an dem wir uns stetig weiter bemühen
hin zu wahnsinniger Lust um in der Vorstellung von flacher Welt nicht Versager zu heißen
so dass es in der Fortsetzung noch ein zweites drittes viertes Mal gibt und nimmt
länger länger länger immer länger und höher die Wellen
dann sanfter
nicht so hart wie eben noch und das Mal davor
als das Kommen und Gehen wild von Stellung zu Stellung flog und
wie neu im alten Spiel bestimmt ist nun abstrakte Langsamkeit
gepaart mit meinem wahrhaft blinden Treiben meiner Seele in dir
diesem tausendfachen Ruf stoß zu
stoß so fest du kannst
als wiederkehrenden Befehl
diese Schreie von Lust und Qual die mein Glied nicht erreichen
nicht das Herz
während die Bezeichnung für die Dinge des Lebens Schwanz Sack Büchse Büchsenöffner
Loch Möse Fotze Ficken oder überhaupt keine Namen nennt
nicht mal eine Vorstellung davon wie es ist zu kommen zu spritzen ab- zu- samen
Saft zu verströmen bis es weh tut
wie diese Poesie im Pom Bim Krim Kram an Kant Schoppenhauer Hegel Dante mit Hummer
wenn Drama in Prosa über Lyrik zu fließen beginnt und ich in dir komme komme komme komme
in Mund und Anus und komme komme
als wäre es das letzte Mal dass ich die Welt erlöse
um mich zwischen deinen Achselhöhlen einzuwühlen bis dass mich der Wind weit fort trägt
um endlich am Ufer der Lust ins Graß zu beißen
schlapp zu liegen
auf Godot wartend
comment c'est

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Manche meinen es wäre Pech, zu der sich Blödheit gesellt, denn der Mann wohnt in einem Land, einer Stadt, einem Bezirk, einer Straße voller Dreck und Lärm, durch die von Ampel zu Ampel und in endloser Reihe Lastwagen poltern, in ein Industriegebiet hinein, einen lauten Teilbezirk der Stadt, nahe der Mauer zwischen West- und Ostberlin, vom Mann aus gesehen, über den Flugzeuge des nahen Airport Tegel Spritdunst verstreuen und zuweilen Hausdächer abdecken. Die Flieger tun das, wenn sie zu tief oder zu hoch, zu schnell oder langsam fliegen, zu laut oder leise. Wenn die Piloten darin schlafen, träumen, den Stewardessen an deren Hintern fassen; was und warum auch immer. Der Mann weiß das nicht, will es nicht wissen, er vermutet nur. In diesem Berlin, dass nie schläft, sagt man, - und keiner weiß genau warum, eventuell wegen des unerträglichen Krachs?, oder weil die Menschen nicht schlafen wollen ...?
Gemach, unser Mann schläft, - und dass trotz der Widrigkeiten. Also kennt er solch gemeintes Pech nicht und nimmt in Kauf, dass andere ihn für blöd halten, weil er sich diesen Bezirk der Stadt als Wohngegend aussucht; es gibt schlimmeres, weiß er, - er kann damit umgehen, egal wie schlimm manches ist. ’Im Gegenteil’, antwortet er in der aufmüpfigen Phase ab 1,26 bis 1,79 Promille, ’ich habe Glück. Glück, dass die Wohnung verkehrsgünstig liegt und wegen des Krachs und Gestanks die Miete bezahlbar ist’, - so bleibt mehr Geld für meine andere Bedürfnisse, denkt er. Und sowieso: die Lastwagen und die Menschen sind in anderen Gegenden auch nicht besser, die sehen bloß anders aus. Basta!
Ach, er weiß es, wenn er will, - und nicht nur das, denn er arbeitet da, wo sich früher oder später alle und alles bis aufs Mark offenbart. Wo die demolierten Seelen Spalier stehen und menschliches Leben im Dasein ratzekahl abgeerntet wird. Sei es, dass das zu Gunsten der Statistik geschieht, oder aus Rache der Gesellschaft am Einzelnen. Der Man weiß auch das - nicht, weil er es nicht wissen willen. Er kennt die Folgen. Das reicht. Ja, nicht nur beim Gedanken an eine vermeintlich scheiß Statistik schläft der Mann gut, - er schläft eigentlich ab 1,80 bis 2,60 Promille immer gut, und sieht im Leben wie im Schlaf vieles von einer anderen Warte her, aus einer anderen Zeit, weil er so herrlich zugesoffen ist, - deswegen ein bisschen irre scheint, eben anders. Manchmal so, als hätte Hopper das Sein gemalt, in dieser Art, so frisch lebendig, so steif tot - gleichzeitig - dies in der Betrachtung und in die innere Leere des Mannes hinein verpackte, das nicht nach außen dringt, sondern bleibt. Der Mann kann dabei schlafen, mal mehr, mal weniger - und es sieht nicht nur so aus als schliefe er ...
Herr, mein Gott, - man wünscht ihm das es so bleibt. Man wünscht dem Mann, einem deutschen Beamten, einem Trinker, einem am Leben schuldigen und anderes mehr, dass er schlafen kann, oder es lassen kann, auch wegen des tröstenden Gottes, den er pausenlos in sich hineinschüttet, - auch andere kennen den, den er kennt, der ihn hoffen lässt, wie der Tod alle hoffen lässt, meint der Mann, auch wenn sie es nicht zugeben, Angst haben, vor dem Ende. Wie der Blues, der durch seine Adern rauscht, den er oft hört, der davon erzählt. Ja, der Mann ist vielleicht deshalb so gelassen, weil er keinerlei Hilfe bedarf, wie wir bald wissen, wie man den Blues weiß - wenn man den ersten Ton gehört, den ersten Tropfen Alkohohl getrunken: ‘It ain’t no good life but it’s my life’, tönt es im Mann. Und es ist gut so. Denkt er. Also lassen wir ihm die nötige Zeit - und vergeben ihm, wenn möglich. Jawohl, der Mann ist dort nicht unglücklich wo Krach, Leben und Streben nach Tod unmittelbar stattfindet, - wo der Maler Hopper ein Auge drauf hat. Das gemeinte Bild hängt übrigens bei seinem Arzt im Wartezimmer, der ihn wegen eines Leberschadens und diversen anderem behandelt - auch an der Prostata drückt der Pfuscher ihm herum, und dieses Organ macht dem Mann wegen des tröpfelnden Pinkelns wirkliche! Sorgen, - obwohl er es nicht zugibt, nicht mal ab 1,26 bis unendlich Promille, die er in Eigenmedikation immer öfter versucht mit harntreibendem Biertrinken zu erreichen, damit der Born besser sprudelt. Da wo Hoppers Blick auf die Praxis fällt, wie auf den Mann, durch diese engen baufälligen Häuser der Gründerzeit hindurch, die hier sichtbar die Straße einengen, als wenn ein Biedermeiergürtel die Taille schnürt. So extrem wird die Einschnürung allerdings nur von oben sichtbar, zum Beispiel im Landeanflug auf Berlin-Tegel, oder vom Fernsehturm in Ostberlin, wenn dort das Wetter und der Fahrstuhl mitspielt - wenn man da überhaupt hin kann. Der Mann kann da nicht hin. Wegen der Mauer. Der Grenze. Dem Stacheldraht. Den Vopos. Und weil er in West-Berlin Beamter ist. Und weil er nicht weiß, was er da überhaupt soll. Und richtig: Das er da nicht hin kann, stört den Mann nicht, - er will die Schnürung der Straße durch die Häuser gar nicht sehen. Er fliegt auch nicht ab Tegel, oder landet da. Es gibt keinen Grund: trinken tut man am Besten im Westen. Über diesen Reim freut sich der Mann jedes Mal. Doch wie das so ist, Grund und Freude hin oder her, durch die Beengung und durch die Mauer presst sich vieles heraus wie aus einem kaputten Wurstdarm. Es quillt zum Beispiel Leben und Wurst wie Scheiße, - nur halb so schlimm im Ansehen wirbeln Federn aus einem kaputten Sofakissen, wenn man das irgendwie zum Platzen bringt. Der Mann hat das mit dem Kissen als Kind einmal getan. Es war ein Versehen im Spiel. Die Federn flogen in Freude, doch die Dresche dafür war total. Stammte das Kissen doch aus der Aussteuer der Großmutter, und so was zählt mehr als jedes Leben. Von der Seele des Kindes gar nicht zu reden. Egal ob Wurst wie Federn, die herausgepressten Inhalte werden lauter, wenn man hinhört, kommen näher, werden zum hörbaren Ton, zum knisternden Hall, dröhnen, wie wenn das Dasein neben einem auf dem Sofa sitzt und seine Tumulte ohne Umwege ins Ohr trompetet. Man muss lediglich in sein Tinnitus aurium hineinhören können dürfen, aber das bedarf Konzentration; und Mut. Und Kraft, - die nicht jeder aufbringt. Der Mann hat sie. Manchmal. Immer bei entsprechender Promillezahl.
Was er dann verstärkt hört, nicht sieht, doch aus eigenem Erleben weiß, sind die zig Löcher im Asphalt der Straße - wenn die LKWs dort mit Schwung reinfallen, kaputt gehen, liegen bleiben und im eigenen Ölsaft schmoren, dass schlierige Lachen auf ewig bildet - wie die Leute im Kiez Banden, die aus den Lebensumständen her aus den havarierten LKWs klauen was nicht niet- und nagelfest, - und die sich dabei vor Neid, Missgunst und Habgier den Schädel einschlagen. Und das nicht nur bei entsprechender Promillezahl, - auch ohne. Der Mann wundert sich, woher die solche Kraft nehmen. Was? Das ist Hunger, eindeutig, eine Art von moderner Piraterie, die der Lebensumstände, der saftlosen Kultur einer Zeit, die nichts weiter für diese Flitzpiepen zulässt. Und jeder weiß doch davon, - die Politiker, Wirtschaftsbosse, usw. - und alle zucken die Schultern. Und der Mann sowieso, der näherte sich den Banditen auf eigenem Weg, von hinten, irgendwie. Andererseits schaffen solche Lebens- und Daseinsumstände - wie die in der Straße und im Bezirk - Raum. Sei es, dass man aus Ermangelung verunglückter LKWs in Supermärkten klaut. Autos und Wohnungen aufbricht. Oder andere Leute wegen weniger als nichts tötet, wie neulich die Taxifahrerin wegen eines Heiermanns, oder die alte Frau aus dem Parterre, von Nummer 25, die ihre ersparten dreihundert unter der Matratze hortete. Egal, es gibt immer noch genug davon, sagen manche. Solche Blöden. Und wenn es Alte und Kranke trifft weitet das zumindest das Innerste von Außen auf. Nicht wahr? Bringt Luft ans Leben, an die Erde, die Wurzeln, in die Behausungen der Menschen und sonst wohin, damit Neues gezeugt und frisch, fromm, fröhlich, frei heranwachsen kann. Ein einig Volk von Brüdern; - doch zu diesem Zeitpunkt steht die Mauer noch. Und hier, seht her, sogar die schon rostigen Straßenbahnschienen arbeiten dem tag täglichen Verfall zu. Die schneiden durch ihr Eigengewicht immer tiefer den Asphalt der Straße entzwei. Schließlich dehnen diese Fugen auch die Fahrbahn in Höhe und Breite. Bearbeiten sie bei Hitze und Frost. Salzen die ein. Tief hinein. Brechen sie auf. ... und die Spalte werden jede Saison größer und mehr, ähnlich der Huren am 17 Juni, wo der Mann ab und an einen wegsteckt. Erst letztes Jahr wurden von den eisernen Kolossen - die nicht nur wieder auf der Strecke zwischen den beiden Haltestellen Osloer- Drontheimer Straße fahren dürfen, ein Kopf, zwei Beine, ein Arm, diverse Finger, Zehen, mehrer Plastiktüten mit Innereien, und ab und an andere Dinge wie zum Beispiel ein Penis, oder zwei Titten am Stück abgefahren.
Ja, seit dem Mauerfall fahren zahlreiche früherer Straßenbahnenlinien wieder, - und der immer billiger werdende Fusel macht die Leute noch irrer und verrückter als zuvor. Die feiern rund um die Uhr Partys, poppen da, wie man neudeutsch zum Ficken sagt, schlafen sogar auf den Gleisen, ob Bahnverkehr oder nicht. Doch Halt, Stopp, soweit sind wir noch nicht ... ’Die paar Schienen kann die Straße ab, die lassen wir liegen, wer weiß was kommt’, sagt dazu befragt der Sprecher vom Tiefbauamt, als blicke er in die Zukunft. ’Auch sind die Kassen leer und Rausreißen oder Reparatur ist nicht’! Und das alles kurz vor der Wahl von Willi Brandt, damals, der mehr Demokratie wagen wollte, - die er dann aber, kaum gewählt, nicht zuließ. Oder doch? Auf jeden Fall ist’s durch den Ostspitzel ’Guillaume’ schief gegangen, wie jeder weiß, und deswegen blieben vermutlich die Schienen auf immer liegen. Was soll’s, denn wir sehen weiter hin, und wie zum Trost täuschen die gepflasterten Radwege beidseitig der Straße Freiheit vor. Und falls das nicht klappt, mit der Freiheit, bilden die auf jeden Fall eine Abgrenzung zum Bürgersteig, und lenken vom menschlich/industriellen Schrott in den dahinter liegenden Häusern ab. Von deren Abfall. Besonders von den Hinterhöfen, wo im Parterre Gewerbebetriebe friemeln, wo das Klo auf halber Treppe die Scheiße von acht Wohnungen und deren Bewohnern schluckt. Wenn der Mann gut drauf ist, rechnet er die acht Wohnungen mit drei Personen, mal mit vier, fünf, weil die immer häufiger zuziehenden Ausländer mehr Kinder zeugen oder schon haben ..., und er kam bei drei unschwer auf die Zahl 24.
Kein Wunder, denkt der Mann, dass hier ewiger Scheißegeruch die Luft verpestet, die Klos laufend verstopft sind und der Hausmeister, zuständig für die Abtritte der halben Straße, neben Monatsbinden, Windeln, Präservativen, groß wie Luftballone, auch mal einen Fötus aus dem Abort fischt. Knapp ein Jahr ist der letzte Fund solcher Art her. Eine Frau aus dem Nachbarhaus wurde von der Kripo als tatverdächtig ermittelt. Diese, eine verschlampt wirkende Person, mit Pickel im Gesicht, versträhntem Haar, fett, an die 130 Kg, mit Kittelschürze, die häufig in der Kneipe an der Ecke sitzt, - die vier Kinder von vier verschiedenen Vätern hat, erzählt man dort, und dass die schon wieder schwanger sei, - wo der Vater des toten Babys im Knast sitzt - und der vom Ungeborenen in der Psychiatrie Luftgitarre spielt; ... ja, so einer traut man alles zu - und hat es sowieso geahnt, - so wie die aussieht ..., und doch wieder nicht, denn sonst hätte man sich ja selber bekümmern müssen ... Unser Mann kennt den Vater vom toten Kind: Harry, ein ’Langstrafer’, der noch drei Jahre hat. In allen Zeitungen stand, dass das nun tote Balg während einer Besuchstunde im Knast gezeugt worden sei, - und die Frau hat nicht gewusst dass sie es bekommt, und als es da war, nicht wohin damit. Nein, von der Existenz einer Babyklappe hat sie noch nie was gehört, weil es die zur der Zeit auch noch nicht gab.

Zwischen den Pflastersteinen von Bürgersteig und Radweg wächst Gras, gestern wie heute. Es dient der Beruhigung angegriffener Nerven. Aromatisch dünstet auch wildes Kraut, das man als Tee trinken könnte, wenn man wollte und es finden würde, - weil es so mickrig wächst. Winzige Lindenbäume sind auch da. Minidinger, wie die Eiche neben der Hausnummer 31, wie Ahorn bei 45, wie die Krümelscheiße kleiner Hunde, Taubendreck überall - wenn man die Flugratten nicht laufend vergiften würde. Auch Zeitungen, Plastiktüten, Müllreste jeder Art wirbeln bei Wind, tanzen im täglichen Strom rasender Autos. Klar, der Mann hat all das zwangsweise bemerkt. Vor Hausnummer 31, 45, 68, 113, und, und, und ... sein Blut färbt oft das Pflaster. Neben den toten Tauben, und nicht nur da.

Jetzt, am frühen Morgen, liegt alles still. Die Straße, Häuser, Wege. Grass und Kraut. Bäume. Die leeren Flaschen. Der Hundekot. Der Dunst über allem. Der Mann. Doch es ist eine heuchlerische Ruhe, geprägt aus der Erschöpfung vom Tag zuvor, der Qual einer Nacht im unruhigen Traum, der gleich vergessen sein wird.
An der Kreuzung zur Soldiner ein Imbiss. Frische Harnsegmente sieht man an der heruntergewirtschafteten Bude. Graffitis. Senf. Ketschup. Rot-weiß. Pommes. Wurstreste. Becher. Plastikgabeln. Verschmierte Pappteller neben einem Baum, einer Linde, die mit ihrem Blütensaft im Frühjahr die Autos einseift. Doch vielleicht ist die Linde eher ein Ahorn. Oder möchte einer sein. Wer kann sich schon in die Art und Seele von Bäumen eindenken. Der Mann nicht. Der denkt an sich. Unweit vom Baum eine Bank, deren Lehne komplett fehlt. Ein umgestürzter Papierkorb. Eine Laterne, Gusseisern, vor dem Imbiss, die missförmiger ist als all die anderen. Deren milchiges Lampenglas gesprungen scheint. Topp. Genau auf den Punkt erlischt ihr Licht. Täglich. In der Frühe.
Im Osten steht die Sonne fahl gelb in Position. Blass blau der Himmel im Westen. Die Rollladen vom Imbiss quälen sich geräuschvoll in die Höhe.
Flüche in Italienisch hört man aus dem Imbiss. Zweifelsohne von Mansur, dem Imbissbesitzer. Einem geborenen Sizilianer. Die Rollladen zu bewegen scheint ihm schwer zu fallen. Mit der Sonne hat all das nichts zu tun. Nicht mit den Farben am Himmel, die ins Türkis gehen. Sind die Rollladen oben, singt Mansur. Immer. Und in deutsch. ’Oh, Donna Klara’, sein Lieblingslied. Ein streunender Hund pinkelt gegen die Bude. Mansur sieht es. „Wirst du wohl ...!“, brüllt er. Und erregt sich, das die Spitzen seines Vollbartes wackeln. Unter dem Bart schnauft er kurzatmig aus zahnlosem Maul. Mansur ist wütend. Man sieht es. Man riecht es. Aus dem Rachen.
Aus ungezügelter Wut wirft er einen Stein, trotzdem er Tiere liebt.
Mansur trifft. Der Hund jault, läuft weg.
„Lass dich hier nie wieder sehen, Köter!“, brüllt Mansur. Sein Speichel sprüht hinter dem Tier her. Nicht nur das ist es, woran man erkennt, dass er seine Worte ernst meint. Andererseits tut ihm das Tier Leid, wie wenn er randalierende Betrunkene verjagt, die seine Kunden sind - und bleiben sollen. Ja, Mansur ist und bleibt in der Seele Sizilianer, auch wenn er schon Jahre in Deutschland lebt. Kinder hat, die nicht weit vom Imbiss zur Schule gehen. Zwei Mädchen, einen Sohn. Kurz vor dem Abitur. Studieren sollen sie in Heidelberg, Tübingen. Die Stadt hier ist nichts für Studenten.
Kriminalität. Schlechte Lehrer. Sex, Drogen, Verwahrlosung der Kultur - und so. Meint Mansur. Und lässt keine andere Meinung zum Thema zu.

Gegenüber vom Imbiss ein Haus. Grau. Ein Klotz. Wie alle Häuser hier.
Der Klotz geht über vier Stockwerke und zieht sich im Stück über einhundert Meter die Straße entlang. Einzig Eingänge und Balkone durchbrechen den Block. Am Hauseingang mit der Nummer neunundzwanzig sind zwei Balkone gelb. Zwei blau. Der Rest grau. Einer hat grüne Blätter. Ein Gemälde, wie von Picasso. Oder so ähnlich.
Die Balkone haben in der Mitte schmale Ziergitter. Mehr als ein Blumentopf hängt da nicht. Kein Platz für zwei. Der Mann hat oft nachgezählt, wenn er betrunken nach hause kam. Er wusste, wenn die Anzahl stimmt, ist er richtig. Die Anzahl der Blumentöpfe stimmte nie. Manchmal schlief er deswegen in ihm fremden Hausfluren. Bis er sie alle kannte.
Neben den Balkongittern brache Ziegel. Früher verputzt.
Nicht erst seit heute fehlt der Putz an diversen Stellen am Haus. Ist einfach nicht vorhanden. Wie geschmolzen. Die Ziegel leuchten an diesen Stellen karminrot. Vielleicht von der Sonne. An anderen Stellen haftet noch Putz. Dort ist die Wand grau. Wie sonst alles. Hinter schmutzigen Fensterscheiben neben dem blauen Balkon im ersten Stock liegt ein Mann in einem Doppelbett. Die andere Seite vom Bett ist leer. Schon Monate. Laken und Bettzeug seit dem nicht gewechselt. Der Mann schläft. Im Zimmer riecht es muffig. Ungelüftet. Nach Schweiß, Alkohohl. Kaltem Rauch. Zigarette. Urin. Es stinken Mann und Zimmer gleichermaßen. Die gesamte Wohnung. Das Leben des Mannes. Die Straße. Der Bezirk. Die Stadt. Das Land. Einfach alles. Ein Hahn kräht.
Der Hahn hockt einen Meter neben dem schlafenden Mann am Boden.
Der Mann wird vom Krähen wach. Er reckt sich schlaftrunken. Der Hahn kräht weiter. Der Mann wälzt sich zum Bettrand. Liegt auf dem Bauch. Beugt seinen rechten Arm und schlägt mit dem Handteller Richtung Weckerkopf. Treffer. Das Krähen verstummt. Der Mann dreht sich auf die linke Seite, Richtung Fenster. In der Drehung öffnet er vollends die Augen. Er blickt auf das Kopfkissen. Mehrere Haare fallen ihm dort auf. Es sind seine. Der Mann weiß, er leidet unter Haarausfall. Der Mann hat auch nicht mehr alle Zähne im Mund. Aber das mit den Zähnen weiß bis auf den Zahnarzt niemand. Halt, doch - der für den Mann zuständige Amtsarzt weiß davon seit vier Wochen. Und der Mann weiß, das der Amtsarzt das weiß.
Der Arzt weiß noch mehr über den Mann. Dass der Mann trinkt. Das weiß der Arzt sicher. Dass der Mann raucht. So gut wie geschieden ist.
Und wenn der Mann sinnlos betrunken ist, pinkelt der ins Bett.
Der Arzt weiß das alles über den Mann, weil gegen den ein Disziplinarverfahren wegen Trunkenheit im Dienst anhängig ist. Ein zweites Verfahren wegen eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht.
Der Arzt musste den Mann deshalb untersuchen. Auf Antrag. Zwei Tage lang. Er hat es getan. Die Befunde über den Mann sind auf endlos Papier festgehalten. Auf Röntgenbildern. Blutbildern. Im EEG. Auf Herzrhythmuskurven. Lungenfunktionsaufzeichnungen. Das alles sollte genug sein. Ist es aber nicht. Denn im Gericht, in Berlin- Moabit, arbeitet ein Staatsanwalt wegen der Unfallflucht an einer Klageerhebung gegen den Mann. Wegen Körperverletzung. Und es wird.
Doch dem Mann ist das am frühen Morgen egal. Auch sonst. Er denkt nicht daran. Weil er nicht will. Er hat im Traum eben auch nicht daran gedacht. Er denkt nie im Schlaf, weiß der Mann. Träumt eher selten.
Er ist so gut wie geschieden, das weiß er. Auch muss er an nichts denken, außer an sich. Das tröstet. Irgendwie. Und auch nicht. Jedenfalls nicht wirklich.

Der Mann blickt über das Kopfkissen, ignoriert die Haare, - blickt, als suche er. Doch der Mann sucht nicht wirklich. Der Mann spielt ein Spiel; lässt dazu seine Hand an der Bettkante herunter gleiten; lässt sie über dem Boden pendeln. Und, Überraschung, - die Hand des Mannes stößt an ein Glas. Oval, länglich, das Glas. Sofort stoppt die Hand den Schwung und schließt die Finger um das längliche Oval; eine Flasche.
Der Mann zieht die Flasche an die Lippen; seine Lippen sind rissig. Ausgetrocknet. Spucke klebt im Stück weiß an Mundrändern. Welke Bartstoppeln pappen im Gesicht - der Mann ist verdorrt. Insgesamt. Die Spucke wie Beton. Die Stoppeln hartes Stroh. Die Haut Pergament.
Der Mann weiß das: Leberschaden! Er weiß, was ihm fehlt. Vitamine, Wasser, gesundes Essen. Er kann es nicht ändern, sagt er. Er bekommt es nicht runter. Gesund oder nicht. Nur Bier, Korn. Oder so.
Der Mann trinkt aus der Flasche. Weizenkorn steht darauf. Als Zusatz: 2,99 DM, in Rot. Doch niemand will es lesen. Nicht Weizenkorn, nicht den Preis. Der Mann auch nicht. Er trinkt noch ein Mal. Danach riecht er stechend nach Sprit.
Der Mann schüttelt sich. Wie jeden Morgen. Immer. Sein ganzes Leben.
Er hält die Flasche gegen das Licht. Die Flasche ist leer. Der Mann sagt: Scheiße! - wirft die Flasche von sich. Die Flasche fliegt in eine Ecke des Zimmers, prallt gegen die Wand, trifft auf Tapete.
Gleich daneben ist keine Tapete. Da sind Ziegel. Rote Steine, die wie von der Straßenseite her durchgewachsen sind. So bleibt die Flasche unversehrt, prallt auf den Boden, springt von dort ab, landete in einem Plastikkorb. Ein Meerschwein grunzt im Korb.
Echt Sau gehabt, Rüdiger, denkt der Mann.

Das Meerschwein gehört seiner fast geschiedenen Frau. Frauen vergessen manche Dinge, wenn sie gehen, denkt der Mann. Und denkt an ihren Büstenhalter unter seinem Kopfkissen. Der Büstenhalter ist nur Stoff. Mürbes Gewebe. Nichts mehr. Der duftet nicht im entferntesten nach ihr.
Es ist enttäuschend; liegt an der Zeit, seufzt der Mann. Er scheut sich trotzdem, den Büstenhalter wegzuwerfen. Wie das Meerschweinchen. Noch nicht, denkt er. Gib mir mehr Zeit, fleht er. Warum nur Zeit, ist er über sich selber erstaunt. Der Hahn kräht neuerlich. Der Mann hört mit Denken auf.
Zehn Sekunden noch, weiß er. Zehn Sekunden später ersetzt Musik den krähenden Hahn. Ja, Musik. Udo Jürgens: siebzehn Jahr ... Der Mann denkt doch wieder. Er denkt an seine Frau: Mona. Sie war blond - und ist es wieder. Auch deswegen ... Sie war siebzehn. Deswegen. Jungfrau. Deswegen. Er war in sie verliebt. Deswegen. Sie war schlank. Eine Mannequinfigur; vielleicht auch deswegen. Sie ist immer noch so wie früher. Fast. Sie ist älter geworden. Doch nicht für ihn. Nur das Gesicht ist anders.
„Totalschaden“, schrie sie ihn nach dem Unfall an.
„Sieh dir mein Gesicht an! Diese Fratze. Du bist schuld. Du hast mein Leben verpfuscht. Du elender Säufer ...“ Dabei war noch der Verband um ihr Gesicht.
„Ich schwöre dir, ich höre mit Trinken auf!“
„Du hast mir schon zu oft was geschworen. Jetzt ist Schluss!“
„Gut, dann kann ich ja ...“
Der Mann muss damit leben. Oder sich umbringen. Er bringt sich um, sagt der Amtsarzt, - weiß der Mann, - warnt Mansur, -heilt die Zeit Wunden.
Ach, sie hatten viel gute Zeit. Wenig Wunden. Nur kleine, - die man nicht sieht. Wenn man will. Er belügt sich, wie sie sich belog. Die Wunden klafften. Seine. Ihre. Nur im Herbst nicht, wenn sie ihre körperlichen Problemzonen mit Klamotten verdecken konnte. Markengarderobe. Dann war sie über sich zufrieden. Mehr oder weniger. Über ihr altersloses Aussehen. So tröstlich. Mit ihm, der alles bezahlte. Ihre Zufriedenheit strahlte auf ihn ab. Dachte er. Der Mann mag deshalb den Herbst. Das Frühjahr. Sommer und Winter. Er mag alles. Auch sich. Wenn nur genug zu Trinken im Haus ist. „Betrunken sein ist Glück auf Zeit!“
Von solchen Weisheiten ist er angetan.

68
Dann kam der Tag, da lernte er sie kennen, die er glaubte bereits aus einem früheren Leben zu kennen. Die eine Stimme hatte und, als er sie dann traf, auch Mona ähnelte. Doch die ähnelte dieser lediglich äußerlich, das hatte er in den ersten Sätzen gemerkt. Sie war habgierig, denn sie wollte gleich wissen was er arbeitet und verdiente, ob er ein Haus hatte, Vermögen, ein luxuriöses Auto, usw. Doch all seine Bemühen über Bekanntschaftsanzeigen mit sich ins Reine zu kommen waren sowieso ein Fehler, wie sein Leben ein einziger Fehler war, - wie er wusste. Das mit Mona nicht, das war kein Irrtum, kein Fehler, das war Leidenschaft und Liebe. Und es begann und endete so.

Alter und Tod erschrecken den Mann nicht mehr. Nein, er weiß solche Einschüchterung weit hinter sich. Andererseits weiß er von einer restlichen Dummheit in sich, von der immer noch in ihm wohnenden Gewalt, die er unter Verschluss halten muss wie ein Raubtier, wie den Vulkan seines Verlangens, der ihn, wenn er wütend ist zwingt Dinge zu tun die er besser gelassen hätte. Früher, als sein exzessives Wesen ihn zu Handlungen wie Trinken und Raufen nötigte, als er jung und unverbraucht war, konnte er handeln, tun und lassen, um anschließend in sich sensible Befürchtungen auszuleben ob das, was passiert war oder er unterlassen hatte, richtig war oder falsch. Fünf Jahre, zum Beispiel, dachte er in der Fremdenlegion über Handlungen nach, bei der ein Mensch zu Tode gekommen war. Fünf Jahre suchte er selber den Tod. Gefunden hatte er einen neuen Namen, eine andere Identität, bekam eine Rente von der Legion, weil er sich nach den ersten fünf weitere zehn Jahre in der Gemeinschaft der Verlorenen aufbürdete. Danach waren endlich Angst, Schuld und Reue weg, wie der Zwang sich selber zu töten - und er wieder zurück wo er hergekommen. Und einmal im Jahr ging er zum Kirchhof und legte Blumen am Grab des Opfers nieder. Immer zur gleichen Stunde. Immer zehn Minuten Gedenken an alle seine Taten. Das war ihm Therapie. Sonst nichts mehr davon. Die Strafe war erteilt, verbüßt, fini. Und heute, hier, kennt er nur ein Ziel: Millionär werden, um mit dem Geld etwas gut zu machen. Was auch immer. Deswegen.

Er steht nackt vor dem Spiegel im Bad, rasiert sich. Ohne zu wollen liest er den Namen des Hotels auf den Utensilien um sich herum. Desiree. Ein Puffname. Egal, früher hätte er Badematte, Handtücher, den Bademantel vom Haken neben der Tür, oft den Klodeckel sogar, bei der Abreise mitgenommen und später verkauft. Heute tut er das nicht und muss das Hotellogo auch nicht lesen, er weiß, wo er sich befindet, und es wird das letzte Mal sein, dass er in solch einer Klitsche absteigt. Sicher? Ja, sicher!

Die Badtür ist offen, und während der Mann sich rasiert, blickt er mehr zufällig auf seinen dunklen Anzug, der hinter ihm im Flur auf dem Bügel hängt. ’Die Seidenkrawatte ..., hoffentlich habe ich die wirklich im Koffer. Wenn nicht, muss ich ohne Binder gehen, denn Zeit, um eine neue zu kaufen, bleibt nicht ..., ach, beruhige dich ..., falls du die Krawatte nicht findest, kannst du die Schnürsenkel aus den Schuhen ziehen ...; ja, das wäre doch was, ein Gag, - ein zukünftiger Millionär mit Schnürsenkeln als Binder in der berühmten Fernsehshow. Was denn, was denn?, hat es doch alles schon gegeben, ist alles schon da gewesen – von den Amis abgeguckt, den Cowboys. Vom Cowboy zum Millionär, stilgerecht ...’ Darüber grinst er in den Spiegel rein, - weil er heiter ist, fast glücklich, weil er weiß, was ihn in ca. einhundert Minuten erwartet: eine Million!, und das mit oder ohne Krawatte. Nackend könnte er die abholen; ja, abholen, denn mehr als das wird es nicht sein. Der Mann bückt sich zum Wasserhahn im Handwaschbecken, spült den Rasierschaum von Wange und Kinn, schüttet Schaum und Wasser über ein Schamhaar, das im Becken klebt, um es abzuspülen. Nicht von mir, denkt er über das Schamhaar, reibt sich mit dem Handrücken nachdenklich über die Nase, kommt zu keinem Ergebnis, was seine Sexualität oder ähnliches betrifft, sagt deshalb laut und trotzig: „Fertig mit rasieren!“ Dreht sich um, schiebt den Duschvorhang zur Seite. ’Plastik - dieser Scheiß, da kann man sauer werden, vor allem, wenn einem beim Duschen das nasse Zeug am Hintern klebt ...’ Wie er den noch nötigen Schritt zur Dusche tut, sieht er sich seitlich im Spiegel.
Doch dieser Blick - wirklich ein Versehen, wie er später eruierte, denn niemals hat er wissentlich, jedenfalls seit Jahren nicht, seinen Körper seitlich im Spiegel gesehen, nun, von vorn, ja - ja, das schon, doch auch das nur so la la; also, dieser Blick auf seinen Körper erschreckt ihn. ’Seitlich, mein Freund, ist jeder menschliche Figur die übers 25 Lebensjahr hinaus ist eine Zumutung für den Betrachter - und erst die eigene! Ja, vor anderen kannst du davon laufen, die Augen verschließen, dich scheiden lassen, kannst sie - bei nötiger Courage - umbringen. Klar, kann man machen - kann man alles machen!’ Nicht wahr, - du weiß, wovon du redet, denn getötet hast du schon reichlich, auf jeden Fall genug, und das wegen weitaus weniger als einem miserablen Konterfei im Bad eines drittklassigen Hotels, wo die Spiegel schon aus Qualitätsmangel lügen müssen ...; ja, das sowieso, sagt sein Ego. Herrgott, warum muss ’ihm’ das nur passieren, und heute wieder, und das neunzig Minuten vor dem Topereignis seines Lebens. Sch ..., flucht er.

„Legionäre,” wütete der Ausbilder, „ihr habt euch zur Legion gemeldet, um zu kämpfen und zu sterben. Ich werde euch zeigen, wo ihr das könnt! Verstanden?“
„Oui, mon Corporal!“
„Weggetreten!”

69
Er lernte als Existenzgrundlage das Handwerk des Tötens. Und perfektionierte es. Und lernen, an Schuldigen, ist nicht verkehrt, behauptete der Staat, dem er diente. Also tötete er im Rausch der Früchte des Erfolgs Kinder, Weiber und Männer. Und wenn ihm was zum Ficken unterkam, egal was, nahm er das auch mit. So ergatterte er in der Verdichtung von Schweiß, Tod und Diesel, im Pulverrauch der Geschütze das Képi blanc. Stand bei der Verleihung eines Ordens vor kalkweißen Wänden, mit selbst gemachten Blutspuren daran.
Erneuert hatte er den Kontrakt nach fünf Jahren trotz der Aussicht auf Beförderung nicht. Nein, er wollte nicht; konnte die Schreie der Hilflosen und Gequälten nicht mehr hören. War satt von Schweiß, Blut und Tränen, dem Abscheu. Und genau der blieb ihm. Wie auch der Hass, diese alles verzehrende Flamme. Dann, wieder in Berlin, führte ihn sein Weg zum Grab der Mutter. Ungepflegt sah es aus. Vater hatte sich nie gekümmert, wurde ihm klar. Und das machte es nicht besser, denn seine Mutter hatte sich wegen diesem Kretin umgebracht. Doch das nur so zu behaupten, wäre zu einfach. Er wusste es. War Zeuge. Und eins stand fest: er hasste seinen Vater mehr und mehr. Mehr noch als früher. Schon weil er zusätzlich diesen Scheißhaufen Schuld mit sich herumschleppen musste. Die überlauten Maschinengewehrfeuerstöße, seinen Tinnitus, die nächtlichen Albträume, die irren Schreie, die ihn weckten; ja, seine Zeugung hätte sich der Alte definitiv sparen können.

Bevor er nach dem Mann mit Namen Vater zu suchen begann, traf er ehemalige Freunde. Gespannt war er, wie es denen in den Jahren ergangen war. Doch viel Neues erfuhr er nicht. Deren Leben war öde abgelaufen - wie immer. So war er gewiss, die nie wieder zu sehen.

Die Erkundigung nach dem Verbleib des Alten war einfach. Name und Anschrift standen im Telefonbuch neben der Telefonnummer, auch die Anschrift eines Modegeschäfts. Und genau die war die Spur; dort fuhr er hin. Durch die Schaufensterscheibe sah er eine Frau in seinem Alters. Hinter ihr der Gesuchte - Vater konnte er nicht sagen ... Der hatte beide Arme um sie gelegt -, es sah beschützend aus. Mutter hatte er nie beschützt, die hatte er bestohlen, um mit seiner damaligen Geliebten ein Modegeschäft zu eröffnen. Und Mutter hatte den Mann ab da verabscheut. Ob wegen der Geliebten, oder weil sie ihrer Liebe wegen bestohlen worden war, blieb ihm unklar. Jedenfalls übertrug sie ihren Widerwillen, den späteren Hass auf ihn. Und die Bürde wurde schwer und schwerer. Dann unerträglich. Weil er glaubte, zu ersticken.

Mit seiner Mutter hatte er die ersten Jahre seines Lebens verbracht.
Später war das Internat sein Zuhause. Sein Vater befand sich zu dem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft. Erklärte ihm später: er wäre ’für die Zukunft’ freudig in den Krieg gezogen. Ich auch, wusste Jimmi - deinetwegen, in die Legion. Was sein Vater nicht wusste, dass Hass eine stärkere Triebfeder war als ein tausendjähriges Reich.

Vor dem Geschäft wartete er dann eine Weile. Nach gut einer Stunde verließ die Frau den Laden. Er folgte ihr. Sie bestieg den Bus. Er hinterher. Nach zwanzig Minuten Fahrt stieg sie aus. Er ihr nach, sah, wie sie ein Haus betrat. Zwei schnelle Schritte und er schob sich hinter ihr durch die Eingangstür - freundlich grüßend. Im ersten Stockwerk öffnete sie eine Wohnungstür. Als sie den Schlüssel aus dem Schloss zog, packte er zu.
„Ganz ruhig, meine Schöne. Und nicht schreien!” Dabei hielt er ihr den Mund zu.
„Nicht so fest, du tust mir weh”, nuschelte sie
„Haben wir schon mal zusammen Schweine gehütet?”
„Wieso fragst du so etwas. Du bist doch Alfred, Pauls Sohn. Ich kenne dich von Fotos, die dein Vater mir zeigte.”
„Ach, - dann du bist seine Hure...?”
„Sag nicht so was...” Keuchte sie.
Jimmi ersparte sich die Antwort und griff ihr zwischen die Beine.
„Lass uns ins Wohnzimmer gehen”, sagte sie, „ich habe so auf dich gewartet.”
Jimmi verblüffte diese Äußerung, aber er ging nicht darauf ein.
„Wie heißt du?” fragte er weiter.
„Mona!”
„Und ich Jimmi, nicht Alfred. Merk dir das!”
Im Wohnzimmer griff er ihr unter den Rock, zog ihr den Schlüpfer herunter, schob den Pulli hoch, - sah tadellose Titten... beugte den Kopf und saugte an ihren Nippeln, bis sie stöhnte.
„Hör auf, du tust mir weh.” Krampfte sie ihre Finger in seinen Arm.
„Halts Maul - ich werde den Alten fertig machen, so richtig fertig machen, und deswegen werde ich dich jetzt ...”
„Sag das Wort nicht”, bat sie, „das macht alles kaputt.”
„Gut, - zieh dich aus!”
Es dauerte keine Minute, und sie lag bäuchlings vor ihm auf dem Teppich. Sekunden später war er nackt - und hinter ihr. Mit seinen Knien spreizte er sie, speichelte seinen Mittelfinger ein, teilte ihre Schamlippen und rieb heftig ihren Kitzler.
„Tust du das wirklich um deinen Vater zu bestrafen, oder aus Lust auf mich?” fragte sie. Darauf fiel ihm nichts ein, und sprachlos rammte er seinen Schwanz in sie, - denn das war es, was er in dem Augenblick wollte. Als er merkte, dass sie unter ihm weich blieb, seine Stöße erwiderte, wähnte er sich auf einer Sommerwiese - sie beide Mohnblumen darin. Knallrot wurde er vor Aufregung. Später sagte sie, dass sie sich vom Foto her schon in ihn verliebt hätte. Wenn er gekonnt, - er hätte in diesem Moment geweint; doch seine Tränen waren in Kambodscha geblieben. Mit Blut und menschlichen Rückständen vermischt in Laos. Trieben mit Hunderten Leichen im Mekong. Jede Nacht. Immer!

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Ich bin jetzt auf Tilidin, nehme dazu noch ein Morphin, dessen Name mir entfallen ist; ich weiß nur, das es süchtig macht ... Doch was ist das schon: Sucht? Jeder ist schließlich süchtig, abhängig - irgendwie. Nach Essen, Trinken. Liebe machen. Nach Sauerstoff, der als Klebstoff das Leben zusammenhält, wie klein und unbedeutend es auch sei. So wie mich die Tropfenmischung Tilidin mit Morphin -, die Flasche Arberg Malt Whisky mein Innerstes hält und stützt. Ach, ich sollte dort mal hinfahren, wo der Arberg herkommt, um dort zu sterben. In Islay ... Wo der klassisch milde Torf die aromatische Note des Whiskys bewirkt. Dessen Duft über Kilometer reicht, der aber eigentlich ein Parfüm für intime Stunden ist.
Ja, ich mag Menschen die sich damit schmücken - und auch handeln, deren Überzeugungskraft ... Diese Spezies, die sich aus einer Geheimnis umwobenen Quelle nährt. Deren Blut torfiges Wasser. Ihr Samen exquisites Aroma verströmt. Und der Speichel Karamellschokolade ist. Kerle wie mich, die reichhaltig und süß küssen. Salzig weinen. Rauchig lachen. Freundschaften, die mir was von Rosinen und Kirschen erzählen können. Von Frauen, die sich lustvoll nehmen lassen. Die leiden, weinen und doch in jeder Position des Kamasutra schön bleiben. Die nicht gehen, wenn man sie verstößt. Die am Platz sind, wenn man sie braucht. Die wie Rosen ohne Dornen sind. Vaselineweich. Zarte Münder besitzen, schmale lange Finger, die einem den hart gewordenen Anus weich streicheln. Die sich im sahnigen Malt wie zu Hause fühlen - um darin einzutauchen - mir die Prostata damit zu massieren. Den Krebs zu beruhigen.
... nun, ich bin jetzt auf Tilidin, nehme dazu noch ein Morphin, dessen Name mir entfallen ist. Ich hörte nur, das es süchtig machen soll. Doch was bedeutet schon ... Sucht ... Leben?

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Sehr geehrte ...
Ich schreibe speziell authentisch - in Teilen autobiographisch.
Meine Bewerbungen gehen an Buchverlage und Literaturagenten.
Meine Vita erscheint mir, da selbst geschrieben, nicht unbedingt ’verkaufsfördernd’. Deshalb möchte ich die, wie auch das Exposee, professionell aufbereitet haben. Ich denke, ich sollte mich eindrucksvoll mit meinen Stärken vermarkten:
1. Ich schreibe interessant.
2. Ich schreibe im eigenen Stil.
3. Ich schreibe über ein eigenes Thema.
4. Ich schreibe authentisch und autobiographisch.
5. Ich bin bereit und habe das Bewusstsein mich - und meine beschriebenen Defizite, die noch spezifiziert werden, öffentlich darzustellen.
Der Punkt 5, übrigens, sollte besonders herausgehoben werden, denn ich hatte schon Verlagsanfragen, in denen die öffentliche Darstellung als wichtig genannt wurde.

Liebe Frau Dr. ...
das soll es gewesen sein; anbei meine Vita. Das Exposee wird nachgereicht, wenn Sie überhaupt eine Möglichkeit sehen. Im positiven Fall erbitte ich einen Vorschlag, und benennen Sie bitte dann auch Ihre Kosten für Vita und Expose.
Mit freundlichen Grüßen
Jimmi Patrick

Im surrealen September feiern die Leute in pinkfarbener Unterwäsche. Manche mit Schnurrbart, auch um anderen Wahnsinnigen ungestraft ’’Fuck away the pain’ entgegenzuschleudern. Und das in Deutschland, dem Land von Stau verursachenden Langsamfahrern, wo Masse in Massen ausrastet, dem Trieb zu sofortiger Vernichtung folgend, um anschließend braune Stiefel zu lecken. Zusammengenommen eine Welt, ein Volk von bemerkenswert Testosteron geschwängerten Jungmännern in Autos mit 600 PS und darüber. Kollektivierten Darwins, genährt durch technischen Fortschritt, der sich am Ende durchsetzt wie die neue Steinzeit. Dann lieber unter Friedrich dem Großen tot, und wieder gefunden bei den Ausgrabungen von Olympia. Oder mit dem Massenmörder ’Mengele’ erneut vor Gericht, das aber immer noch um die Aufzeichnungen der Opfer vom 11 September streitet (Handygespräche, SMS, Fotos - wie Sie sicherlich wissen). Das alles kein schöner Anblick, diese letzte Zuflucht, aber wie soll man auf der Biografie A5 Geschwindigkeitskontrollen verhindern. Dagegen Glückwünsche an die Humangenetiker - zum Achtzigsten, wo das wahre Problem liegt. Innen Hightech, außen nichts als Venedig, in den gestrigen Schächten der Natur. Ich weiß, dass Patrick aus solcher Erbitterung über den Stiefvater von zu Hause floh. Der Alte wollte ihn in ein Studium zwingen - er wollte nicht. In einer anderen Art von Flucht heiratete er gleich nach dem Abitur. Gut, auch die Ehe hielt nicht lange, doch die beiden blieben Freunde, und retteten Selbstachtung und Ehre vor dem endgültigen Aus.

Das kennen lernen zwischen Patrick und dem Mädchen begann mit einer Schlägerei. Doch er gewann das Mädchen nicht aufgrund der Auseinandersetzung um sie, sondern sie erfuhr seine Macht unmittelbar während des Gewaltaktes. Ein sie erhebendes, neues - und euphorisierendes Gefühl, das sich in der besagten Prügelszene durch schier endloses Schlagen und Treten in ihr orgastisch fortsetzte. Das ein mehrwöchiges gefühlsmäßiges Hoch zur Folge hatte. Sie hielt es für Liebe, und sagte es ihm. Er war stolz, dass sie ihn liebte, und sagte es ihr. ...alles meinetwegen..., dachte sie später.
Später war sie in ihrer Beziehung Täter an seinen Taten. Andererseits war sie aber immer auch in der gefühlsmäßigen Opferrolle festgeschrieben. Denn der Akt der Gewalt wiederholte frühe Familienbeziehungen. Kränkungen und Beleidigungen, die nun mit anderen Rollen besetzt waren, denen sie aber nicht aus dem Weg gehen konnte; zu der Zeit saß ihr Vater wegen Geldfälschung vier Jahre im Gefängnis. Die Sache mit den Blüten musste ja auffliegen, denn es waren schlecht gemachte Scheine. Gedruckt auf billigem Papier, ohne Wasserzeichen und Magnetstreifen. Bis dahin hatte sich der gelernt Maurer in der Szene hochgearbeitet. Kripo bekannt wurde er vor allem durch seine Zugehörigkeit zum Sparverein Süd-Ost. Er erzählte heute noch gerne, dass er kurz nach der Währungsreform eine Größe in Berlins Unterwelt war. Und als die Ära zu Ende ging musste er etwas Neues anzufangen: Blüten drucken. Das ist zwar lange passe. Und nach der Haft war er sowieso so gut wie tot. Nur gelegentlich jobbte er ’schwarz’ als Maler und Tapezierer. Den Rest Zeit saß er in seiner Stammkneipe, der ’goldenen Fünf’, wo ihm ab und an einer von früher einen ausgab. Gaby, Patricks spätere Frau, half in der Firma eines ihrer Brüder aus. Autohandel. Im- und Export. Der Bruder hatte für die Firma Schulden gemacht.
„Man muss die Autos vorher bezahlen, weißt du“, sagte er seiner Schwester, - und konnte nicht mal mehr die Miete bezahlen. Gaby sollte also nebenbei Geld verdienen und lernte Patrick kennen, als der seinen Porsche aus der Werkstatt abholte.
„Hallo meine Beste!“ Strahlte er sie an. „Das ist aber eine knackige Rechnung!“ Nicht das Patrick um eine Korrektur der wahrhaft horrenden Summe nachsuchte, sondern er verlangte, „dafür gehen Sie mit mir aber heute Abend essen!“
„Warum?“
„Ich möchte Sie heiraten!“

Bevor es zur Heirat kam hatte er sich um den Kauf einer wirklich exquisiten Villa bemüht. Daneben sollte ein Nachtklub entstehen, ’seriös’. ...und du, Gaby, übernimmst die Leitung. Doch der Grundstücksverkauf lief nicht reibungslos, und später saß der Bruder von Gaby wegen Bestechung in Haft. Patrick hatte den, wegen der Steuer und so, als Käufer vorgeschoben.
„So bleibt alles in der Familie. Und du kannst mit der Provision deinen Autohandel sanieren.“
Unisono berichteten die Zeitungen: „In Berlins größten Korruptionsskandal ist der Berliner Baustadtrat Wolf A. verwickelt. Festgenommen wurde A. und der Autohausbesitzer Otto S.
S. soll auch seit Jahren in großem Stil mit gefälschten Kfz-Zulassungen gehandelt haben. Die Polizei nahm den mittlerweile bankrotten S. fest, nachdem mehrere Wohnungen durchsucht worden waren. Inzwischen hat S. ein Teilgeständnis abgelegt. Er gab zu, die gefundenen Kfz-Zulassungen hergestellt zu haben. Ein Richter erließ Haftbefehl. Nach Ansicht des Untersuchungsrichters hat S. wegen einer Villa in Dahlem 50.000 Mark Schmiergeld an den Charlottenburger Baustadtrat Wolf A. bezahlt, auch, um die Genehmigung für ein lukratives Café nebenan zu erhalten.“

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In meinem Puff, zum Beispiel. In diesen Nächten und Tagen, in denen alle lagen und sich kreuz und quer liebten, die Politiker, Wirtschaftsbosse, Schauspieler - und meine Huren, diese Kommune, die sonst ewig freudlos war, die aber bei meinen Damen fand, was sie suchte. Und ich, ihr aller Boss, hinterließ bei den Frischlingen in meinem Laden immer ein Zeichen. Das individuelle Kennzeichen der Zugehörigkeit zu meiner Clique ... ja, auf Arm, Rücken, Steißbein, Schwanz oder Hintern, in die Wade, zwischen gespreizte Schenkel, in fette Bäuche und noch fettere Nacken habe ich denen meine Initialen eingebissen. Mitten hinein habe ich diese unsäglichen Tiere als mir zughörig gezeichnet damit, wenn sie entlaufen, zum Eigner zurück finden -, oder mir gebracht werden. Diese wertvollen Schafe. Die Goldscheißer. Rammler und Böcke. Immer zurück zu mir, zu Mut und Untugend, hinein in die freie satanische Liebe, mir dienend, der Erpressung, - aber vor allem dem Zuwachs meiner Macht.
Es ist doch so, Leute, wer es zu etwas bringen will, muss sich richtig vermarkten. Und ich als Lude sowieso. Und eine Führungskraft, ein Manager, ein Trainer der Lust bin ich wirklich, glauben sie mir: lieb ficken hat sich ausgefickt! Ja, bei mir muss trainiert werden, der Vaginalmuskel, der Ringmuskel des Afters, der Mund ... Zuckerbrot und Peitsche.
Herrgott: den Frauen muss es ja keinen Spaß machen und wenn doch, dann ist das eher ein Ausrutscher, was soll’s. Aber eigentlich ist nur für die Männer der Fick in meinem Puff pures Vergnügen und geile Lust. Und deswegen kommen die immer wieder - wie die Fliegen auf ..., na, Sie wissen schon. Manche von den Freiern behaupten frech vor den Huren, sie täten es zu hause zweimal pro Woche. Doch wie? Die hatten nämlich noch nie was von der chinesischen Schlittenfahrt gehört, der Nummer mit den Zwiebelringen, und so weiter und so fort. Doch bei mir hier, da können die Mädchen wesentlich mehr als nur blöd vor sich hin zu bumsen. Die zelebrieren zum Beispiel den Penis-Samba in Perfektion, den Rumba-Schieber, die anale Verlöt-Nummer. Ja, und um in solcher Weise virtuos auf einem Vorhautbändchen zu klimpern, die Pirouette am Schaft zu drehen, muss man üben, üben, üben.
„Ja, üben - ihr blöden Hühner!“ Weswegen reite ich denn meine Damen persönlich zu? Um den penetranten Lästerern und Nichtwisser der Branche zu zeigen wo Barthel den Most holt -, und mir alle zukünftigen Vorhautbändchenklimperer inklusive der dazugehörigen Männer danken können. Auch du, du Sackgesicht - so ist es doch!
Mona meint, sie hätte noch nie einen besseren Trainer als ich mich gehabt. Und Mona war schon Profi, lange bevor sie zu mir kam. Ihr O-Ton: nun erst, durch dich geliebter Mann, bin ich die perfekte Liebhaberin ... wen wundert's, - mich nicht, - ich bin eben der Beste.
Im Vertrauen, es ist doch so, normale Bordelltechnik erzeugt eigentlich keine Leidenschaft. Ich weiß es, denn ich habe inkognito Konkurrenzunternehmen besucht, wo es so lustlos und amateurhaft zuging, dass ich schleunigst meine Geschlechtsteile in Sicherheit brachte, vor Angst, dass die mir abgebissen würden, oder so ähnlich. Alles immer nur heiß und weniger sexy als wild - und so unnatürlich: alles perfekt!, stand dort reißerisch an der Tür. Doch nur da! Denn wie armselig waren die Frauen in diesem Puff bloß dran ... Womit sollten die ihr Geld verdienen - ohne jegliches Können? Und ich sage die Wahrheit, die haben wirklich noch nie etwas von der slawischen Stellung Nummer 1, und schon gar nicht von der slawischen Stellung Nummer 2 gehört. Nichts von Kopulationsfrequenz, Orgasmusfähigkeit, Leidenschaftswiederbelebungsmaßnahmen und nichts von den legendären Zwiebelringen. Nie etwas vom Harnröhrenorgasmus, man stelle sich das vor! Die hatten, - auch privat, noch nie einen Muttermundorgasmus, einen Brustorgasmus; verbrachten immer noch sinnlos ihre Zeit auf der Suche nach dem G-Punkt, und erfuhren erst von mir, ja, von mir!, dass es einen K-Punkt, einen U-Punkt und einen V-Punkt gibt. Oh Gott, das war vielleicht ein Haufen verlorener Hühner ... Nun, ich habe diese Ladys allesamt abgeworben und in meinem Bordell untergebracht.
„Hier, ihr Hühner, werdet ihr professionell lernen so zu vögeln, dass euren Freiern bei jedem Stoß und mit jeder Ejakulation auch was an Gehirnmasse abgeht, und die immer wieder kommen ..., versprochen. Und eure Kasse wird klingeln wie an Weihnachten -, legt also los, Mädels!“ Und das ließen die sich nicht zweimal sagen, denn sonst gab’s von Mona Ohrfeigen. Und auch die waren nicht von schlechter Qualität.

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Mein Ziehvater, der zweimalige Doktor. und einmalige Professor der Frauenmedizin, ein Lumpenhändler, Kinderschänder, Terrorist achtete nicht nur auf saubere Geburten und schmerzlose Abtreibungen, sondern auch darauf, dass ich nicht verwahrlost aussah.
Sah etwas an mir abgetragen aus, kaufte er sofort andere Klamotten. Die Monturen kaufte er selbstredend neu. Die sahen aber aus wie die, die er nach dem Kauf der neuen selbst in die Kleiderspende gegeben hatte.
Hätte ich also nicht selbst etwas hinzuverdient, wie bekannt vögelte ich einige Mütter von Mitschülerinnen, sähe ich von den Lumpen her immer noch aus, als wenn ich in die siebente Klasse ginge ...
Was meine Kundinnen betraf, steckten die mir das erfickte Geld beim Abschied in einem Umschlag zu: das sähe dann nicht so nuttig aus, als wenn sie schon vorher bezahlten, sagten die mit einem koketten Augenaufschlag, der je nachdem zu mehr oder weniger Liebe verlangte. Doch ich tat ihnen den Gefallen nicht, mein Mund blieb stumm, mein Herz verschlossen. In den Umschlägen befand sich nicht nur Geld, fünfzig, auch hundert Mark, sondern kleine Zettel mit Liebesschwüren, Gedichten, selbst gemalten Herzen und so Quatsch. Einfach ätzend!
Um beim Verlassen des Hauses die Umschlagreste in die herumstehenden Ascheimer zu stopfen, griff ich das Geld gleich im Treppenhaus ab - bloß weg damit, aus ..., fertig sein ...

Wie heute sehe ich den Ziehvater vor mir, wie der einen der Zettel liest; ich hatte unterlassen den fortzuwerfen, weil mir im Treppenhaus der Ehemann der Dame begegnet war, - sehe also den Alten mit Brief, Geldscheinen und was weiß ich in der Hand, während er an der Brille rückt, wohl um das im Bügel der Brille befindliche Hörgerät einzuschalten, - um mich zu rufen und eine Erklärung zu verlangen. Als ihm vor Ärger und Aufregung der Bügel zerbricht, und ich ihn das erste Mal, wirklich das aller erste Mal „Scheiße!“ rufen höre. Sekunden danach stürzt er zu Boden. Ich ließ einige Zeit vergehen, einfach so, weil ich unschlüssig war ... und rief dann die Feuerwehr. Und die kam sofort. Der Alte kam aber erst neun Monate später wieder. Von der Zeit her eine Wiedergeburt, die er sonst aus Bäuchen fremder Frauen schabte. Und über dieses Gedankenspiel musste ich lachen; man sieht: eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch. Egal, jedenfalls sprach er ab da kein Wort mehr mit mir. Er wollte wohl nach so einer Enttäuschung nicht mit mir sprechen, vermute ich heute noch. Und, mein lieber Schwan, denke ich, das alles hatte ich nicht wirklich beabsichtigt. Andererseits, was kramte das alte Rübenschwein auch in meinen Sachen rum?

74
sommer- time
und ich
liegen un-weit den roll- treppen der u- bahnschächte aller welt.
ich beobachte die nahtlose verzahnung der stufen. fasziniert vom mechanisch verursachten leisen geräusch. wie das anstreichen einer geige. wenn die haken ineinander greifen. kolophonium. dessen harz mir die finger verklebt. während das eiserne band im boden versinkt. rastlos. ewig. um endlos neu zu erscheinen.
g-dur.

ich denke so an dich. unsere liebe. immer.
als sich unsere münder trafen. die lippen. leidenschaftlich zunge mit zunge. hände. doppelgriff. unauflöslich ineinander verwoben. wir. fickten.

später die versuchung dir die zähne einzuschlagen. um nach dem aller-letzten abschied stumm im unter- grund zu verschwinden.

dem höllen- ritt auf metall. lebenslang metro. um die blutige erinnerung in den papier- korb zu versenken. meinen schädel. dessen gedanken. schuld. den platz für ab- arbeitung zu finden. unerkannt. zu musizieren. geld für den lebens- unterhalt. schnorren. den täglichen. suff. ...und was ich einmal war. mit dir. mein herz.
du zweigestrichen- es e.
hush little baby.

75
Der Mann verlässt das Haus.
Ein Blumentopf liegt zersplittert neben dem Eingang. Eine Primel.
Der Mann blickt am Haus hoch, sucht seinen Balkon.
Der Platz am Balkongitter ist leer.
Eine Sorge weniger, denkt der Mann.
Die vertrocknete Primel schiebt er mit der Schuhspitze Richtung Straße. Kickt sie über die Bordsteinkante.
Am Imbisstresen stehen drei Flachmänner bereit.
Der Mann packt sie in die Aktentasche, zwischen altes Zeitungspapier, damit sie nicht aneinander klappern.
„Bis nachher“, sagt er zu Mansur.
„Ja!“

Der Mann hat neunhundert Schritte bis zur U-Bahn.
Er setzt die gemessenen Schritte in diese Richtung - und in langer Reihe, und täglich genau auf den Punkt, als wären Markierungen vorgegeben, die nur seine Füße sehen. Genau neunhundert Eindrücke, ab Kiosk. Er zählt die. Immer. Und es sind immer genau neunhundert, wenn er die rechts zählt. Neunhundertundeins links, wenn er mit rechts anfängt ...
Der Mann zählt alles, was ihm wichtig erscheint. Manchmal auch Unwichtiges. Doch das eher selten.
Es ist eine professionelle Deformation, das Zählen, weiß er.
Der Mann nimmt den Zug der Linie 5 um 6:12. Der Zug kommt pünktlich. Samstag/ Sonntag nimmt er den der selben Linie, aber um 6:18.
Der um 6:18 ist selten pünktlich. Die Linie 5 bleibt sich gleich, es verkehrt keine andere. Egal an welchem Tag.
Auf dem U-Bahnhof stellt er sich hinter einen Pfeiler.
Es ist immer der fünfte Pfeiler von vorn.
Ein grünes Monstrum aus Beton.
Aus der Aktentasche nimmt er einen Flachmann.
Sein Blick fliegt nach links und rechts. Dann trinkt er, egal was links und rechts passiert - oder nicht.
Er trinkt die Flasche in einem Zug leer, schüttelt den letzten Tropfen gierig ab, auch wenn ihn jemand dabei anspricht. Das ist schon passiert.
Leute, die den Weg wissen wollten. Die Uhrzeit. Wegen des Trinkens.
Früher hat er sich das nicht getraut.
Da hatte er noch den Führerschein, trank im Auto. Während der Fahrt, wie auch an roten Ampeln oder grünen. Eigentlich überall. Doch geheim.
Jetzt öffentlich, mit dem Wissen: ist der Ruf erst ruiniert, trinkt es sich ganz ungeniert ...
Die U-Bahn passiert als Hochbahn pünktlich um 6:33 das Fenster hinter dem Mona wohnt. Hinter dem Fenster die Küche.
Der Mann weiß das. Er war da. Wenn auch nur für 5 Minuten, oder 2.
Dass er da war, ist Wochen her. Er wollte Mona bewegen, die Scheidung zurückzunehmen.
Der Mann, bei dem Mona wohnt, schlug ihm aufs Auge. „Verschwinde, du besoffenes Schwein!“
„Das sagst du mir nicht ...!“ Seit dem fehlt ihm ein wichtiger Zahn mehr. Ein Vorderzahn.
Alle anderen sind Backenzähne.
Immerhin, er hat ihr dabei ins Gesicht gesehen.
Er sah die kleine Narbe am Mundwinkel. Überrest vom Totalschaden.
Auch hat er die Küche gesehen. Den Flur. Wie sie lebt. Ihren Geruch geatmet. Ihre Wärme gespürt. Einbildung.
Wie schön.
Nun, die Faust vom Freund seiner Ex hat er kennen gelernt.
Dessen aufgebrachte Visage gehasst. Den Mann. Das will er nicht wiederholen.
Meier, Ingenieur, stand harmlos am Schild über der Klingel. In Goldbuchstaben. Die hatte er nie.
Beim Trinken fehlt der Zahn nicht. Auch das blaue Auge stört wenig.
Nicht seine Frau Mona. Nicht Meier in Gold.
Nüchtern sind die Gedanken dahingehend eher störend.
Die Bahn fährt an Mona Fenster vorüber.
An Meier, denkt der Mann. Er kann nicht anders.
Er blickt zum Fenster hin. Stiert. Sieht nichts.
Als er vorgestern auf dem Rückweg war, 15:32, stritten hinter dem Fenster Mona und Meier. Der Goldjunge. ...es sah jedenfalls so aus als ob die stritten.
Meier hatte den Arm erhoben. Wenn es Meier war. Er konnte nur dessen Rücken sehen. Mona dagegen frontal. Die hatte, wie im Schrei, den Mund aufgerissen. Dann war die Bahn vorbei.
Er war an der nächsten Station ausgestiegen.
Gegenüber vom Fenster zur Straße stand er in einem Hauseingang.
Zwei Stunden lang. Nichts passierte.
Drei Flachmänner soff er in der Zeit.
Er wird ab nun öfter dort stehen.
In der Nacht hatte er von Meier geträumt und wusste, wieder wach, dass es ein wahrer Traum war ...; er in der U-Bahn. Die Bahn hielt genau am Fenster vor Meiers Bude. Meier nackt, in gebückter Position. Durch die Beine war dessen Extrem zu sehen. Zwanzig Zentimeter - mindestens.
’Was für ein Schwanz!’ durchfuhr es den Mann panisch. Und er konnte nicht wegsehen, sein Herz krampfte, die Eier schrumpelten ihm in dieser uralten Angst. Und diese Schmerzen überall. Dann dachte er die Fensterscheibe hätte eine objektive Sicht verhindert, das Objekt verschmiert; seine Fantasie wäre mit ihm durchgegangen, Angst hätte seinen Blick beherrscht, usw. usw., und was man noch für Mist denkt, wenn man liebt, oder so ähnlich.
Die Bahn ruckte an ...
Zu Hause, vor dem Spiegel, nahm er Maß. Das Ergebnis war frustrierend; so kann man keinen Kampf gewinnen - also, auf zu Mansur.
Zwei Stunden später schlug sein Leben wieder im Takt: 98undneunziger Ruhepuls. Gutes starkes Herzschlagen. Doch früher - 68zig Puls. Früher! 68! Puls!, fiel ihm ein. Und das Herz schlug auch leichter. Viel leichter ..., wusste er, denn es war noch nicht lange her. Erst Monate.
In der U-Bahn muss er seinen Rhythmus nicht suchen. Er weiß, was er will. Auf der Hinfahrt sitzt er im zweiten Wagen von vorne. Dritte Sitzreihe. Fensterplatz. Sollte der Platz besetzt sein, nimmt er die erste, zweite, vierte oder fünfte Reihe. In dieser Reihenfolge. Doch immer Fensterplatz. Selten muss er also deshalb den Wagen wechseln.
Wenn doch, hat er schlechte Laune und braucht einen Flachmann mehr, den er nicht hat.
Ist der Zug cirka 5 Minuten von seinem Arbeitsplatz entfernt, kann er dass Gebäude sehen. Er hasst es. Er zieht genau in diesem Moment des 200 Prozent Hassgefühls einen Flachmann - und trinkt ihn leer. Schneller als all die anderen sonst. Füllt die Anstalt sein Sehen und Denken darauf komplett, steht der Mann auf und stellt sich an die Ausgangstür.
Es ist sein ideeller Luxus und körperlich geistige Übelkeit dazu, schon eine Station vorher als nötig auszusteigen.
Den Tipp dazu hat er vom Kollegen Schulze.
„Man muss vorher ordentlich durchpusten, Jimmi, weißt du ..., dann schmilzt die Nacht.“

Der Mann, man nennt ihn Jimmi, der weiß, es schmilzt nichts einfach so weg. Nicht hier, nicht in einem drin, nicht im Knast. Er weiß, die kalte Nacht, das Eis des Tages kommen daher, weil sich keiner wirklich um den anderen kümmert. Und Schulze pustet sowieso nicht durch.
Schulze hat offensichtlich ein Darmproblem. Schulze hockt jeden Morgen in dem kleinen Wäldchen nahe der Anstalt und löst das Problem.
Weht Wind, stieben weiße Tempotücher mit brauner Einfärbung, zeigen das Wäldchen wie rostig verschneit. Und egal ob Wind oder nicht, wenn Jimmi vorbeigeht, hört er Schulze in diesem beschissenen Wäldchen stöhnen. Egal: Jimmi grüßt Schulze.
Ruft: „Guten Morgen, Werner!“
Hört: „Morjen, Jimmi!“
Jimmi visiert wenige Meter weiter eine Buche an.
Er mag Buchen. Warum auch nicht. Die hier mag er besonders.
Er trinkt da - und wieder in einem Zug - den dritten Flachmann leer.
Er kann das ohne Angst tun, denn gegenüber der Anstalt hat ein Geschäft offen. In ’Alis Corner’ deckt Jimmi sich mit einer Flasche Korn zu 6,88 DM ein. Nimmt zwei Cola. Bezahlt mit einem Zehnmarkschein. Immer.
Und erhält von Ali eine Mark retour ...
Wenn er aus dem Laden tritt, zieht er die Packung Kaugummi aus der Hosentasche, nimmt einen davon, wickelt ihn aus, lässt das Einwickelpapier fallen und steckt den gepuderten Streifen in den Mund.
Jimmi kaut.
Zielgerichtet überquert er die Straße. Ob Autos kommen oder nicht.
Beim Gehen blickt er starr auf die Kirchturmspitze, die mitten aus dem Komplex der Strafanstalt ragt.
Jimmi betet.
Jimmi hat das Eingangstor zum Gefängnis erreicht. Seine Schritte werden kürzer. Kopfsteinpflaster.
Er will nicht fallen, um nicht aufzufallen.
An der Pforte wünscht er hinter das Panzerglas ’Morjen’. Egal, wer da sitzt.
Präsentiert die Schlüsselmarke. Ein Blech mit Berliner Bären. Erhaben.
Mit eingestanzter Nummer: 42.
Jimmi erhält dafür Schlüssel. Vier Stück. Die wie Silber blitzen.
Und manchmal ein ’Guten Morgen, Kollege’. Der Gruß wie aus Metall.
Um ’... darauf- ist- auch- geschissen’, zu nuscheln. Immer Gold. Er.
Eine Stahltür quietscht. Schiebt sich ruckweise zur Seite.
Gibt wie im Daumenkino den Anblick auf den inneren Zirkel frei.
Auf einen Hof.
Rasenoval darin. Pflastersteinwege an den Seiten.
Am Ende die Kirche.
Neben der Kirche und um den Hof herum Backsteinbauten.
Darin vergitterte Fenster. Dahinter Verwaltungsbüros. Pfarrer. Vollzugsdienstleiter. Klos. Sprechzellen der Rechtsanwälte. Umkleide der Beamten.
Ein Telefon läutet von weit.
Jimmi ist nun drin und dran. Der Knast hat ihn. Es gibt kein Entkommen. Und er kann auch nicht, wenn er erst ein mal hier ist.
Was für ein Loch, denkt er noch. Dann macht er dicht.
Er geht vorwärts, gleicht einem Blinden. Wirft blicklos den Kopf in den Nacken. Zieht die Schultern hoch. Spannt die Hinterbacken.
Reguliert Gedanken und Gefühle ab. Vergisst gewollt individuelle Schuld.
Diese Tat von vor zehn Jahren, die hinter der abgrenzenden Betonmauer zum Wald auf dem Anstaltsfriedhof begraben liegt.
Vergessen.
Darum geht es hier für alle. Vergessen - was sie taten, vergessen - wo sie sind. Reaktion. Gegenreaktion.
Ein Staat, der Teile seiner Gesellschaft wegsperrt.
Gesellschaft, die den Staat aussperrt.
Jimmi, der Mann, die Schuld, - die rucken an.

Jimmi geht über den Hof.
Er bewegt sich Richtung Haus. Blind. Und er wird bis Feierabend blind bleiben. Dem entgegen ist sein Schritt fest. Unsicherheiten gibt es keine.
Es führen ihn Auftrag und Dienstordnung. Die Vollzugsordnung. Seine Uniform, - die es gilt anzuziehen. Es leiten ihn die Schlüssel. An den Schlüsseln in der Faust kann er sich anklammern. Am Gedanken an Korn.
Durch Uniform mit Epauletten wird er kenntlich. Jeder weiß, wer er ist.
Äußerlich. Und durch den Blick blinder Augen in seine.
Die Garderobe. Umsteigeplatz. Erster Raum Unfreiheit von über tausend.
Dunkel, wie die anderen Lebensräume in Haft.
Jimmi trifft Bischoff.
Bischoff liegt an der Erde, vor seinem Spind, pumpt Liegestütze.
Seine Füße, in weißen Socken, hat er auf einer 60 cm hohen Bank placiert.
Jimmi hat die 60 cm gemessen.
’Bringt mehr, hat Bischoff Jimmi erklärt, wenn man die Füße 60 cm erhöht aufstellt.
Echt? Dann ist aber der Kopf teilweise unter dem Niveau der Füße.
Und der Arsch höchster Punkt, wenn man es richtig macht, meint Bischoff. Das passt doch gut hier her, oder?’
Jetzt.
„Guten Morgen, Jimmi!“
„Ist es ein guter?“
„Du nun wieder.“
„Wie viel hast du?“
„ Siebenundachtzig!“
„Du bist spät dran.“
„Stimmt.“
Bischoff pumpt: „99. 100. 101. 104. (...)“
„He. Du bescheißt!“
„Na wenn schon ...“
Jimmi zieht die Flasche Korn aus der Aktentasche.
Der Schraubverschluss quietscht.
„Das ist Musik, was?“
„Für dich schon, Jimmi ... 113 ...“
Jimmi trinkt.
„Übrigens, Jimmi, du musst heute zum Alten!“
„Ich weiß, hatte einen Wisch im Schlüsselfach; aber woher weißt du?“
„Meine Frau hatte deine Akte.“
„Siehst du“, sagt Jimmi, „wenn man in der Firma verheiratet ist, gibt es keine Überraschungen mehr!“
„Wenn du meinst.“
„Trotzdem. Danke!“
„Gerne.“
Jimmi trinkt nach.
„Willst du nicht wissen weswegen?“
„Nee, dann ist ja die letzte Hoffnung weg.“
„Na gut, bis dann; 129 ...“
„Ja, - tschau.“
„Ach, Jimmi, noch was: der Dienstplan ist geändert. Lanz macht den Chef.“
„Auch das noch ...“
„138 ...“
Als er vor Jahren hier anfing, stellte man ihm drei Häuser zur Auswahl.
Er entschied sich für Haus drei, damals noch Zuchthaus.
Die drei war seine Glückszahl. Was nicht für alle gilt, im Haus drei.
Jimmi steckt sich einen Kaugummi in den Mund.
Mit dem zuvor gebrauchten verklebt er das Schrankschloss von Lanz.
Er geht zurück auf den Hof.
Von da aus führt der Weg an der Mauer entlang direkt ins Haus drei. Zwei Durchschlüsse, und er ist da.
Zum vierten Obergeschoss muss er.
Lebenslängliche sitzen dort.
Einer von denen erwartet Jimmi seit Jahren jeden Morgen.
Vogtmann. Ehemaliger NVA - Oberst.

Vogtmann, Geheimnisträger der DDR, wurde durch eine Falle des BND in den Westen gelockt.
Durch Monika. Der Hure vom Dienst. Vogtmann verliebte sich in Monika. Flüchtete im Gedanken einer grandiosen Zukunft mit Monika in den Westen.
Hier sang er wie ein Kanarienvogel, und erhielt dafür Aufenthalt und zehntausend Mark.
Dann lies ihn der BND fallen.
Monika auch.
Vogtmann erwischte Monika im Bett mit einem anderen. Einem vom BND.
Vogtmann brachte in Rage beide um.
Vogtmann hat ’lebenslänglich’. Doppelmord.
Wäre er kein Spezialist im Töten von Menschen, wäre er mit Totschlag im Affekt mit cirka zehn Jahren davongekommen.
’Die DDR hat mich dazu gemacht, Menschen mit bloßen Händen zu töten’!
’Ja, alles hat seinen Preis’.
Vogtmann hat es nicht begriffen.
Aber wer begreift schon ’große’ Politik.
Die Sprache der Machthaber. Den kalten Krieg in seiner heißen Phase. Den Mauerbau. Schießbefehle. Die Toten im Draht.
Wer? Und wie auch.
Fast zehn Jahre sind abgesessen.
Jimmi war mit Vogtmann auf dem Friedhof.
Bewachte Ausführung. Vogtmann gefesselt.
Vogtmann besuchte das Grab von Monika.
Langstielige Rosen legte er ab.
Seine Schuld wurde dadurch nicht geringer. Sein Schmerz auch nicht.
Seine Schulden im Knast schon gar nicht. Denn Vogtmann zockt.
Für danach braucht er das Geld, sagt er, wenn er spielt. Doch er verliert.
Jimmi weiß, wie das endet.
Wie das enden wird, wenn Vogtmann wieder draußen sein sollte.
Vogtmann spricht perfekt russisch.
Und die Russen sind schon da. In Berlin.
Die Kantstraße gehört zwei Drittel ihnen, der halbe Kuhdamm.
Von Juden gekauft. Von Juden an Juden verkauft. Erbe jüdischer Verwandten.
Die Gemeinde ist stolz auf ihren Zuwachs.
Dahinein wird Vogtmann gebraucht.
Für die Drecksarbeit.
Und der kann die ... Aktenkundig!
Jimmi weiß das - und er weiß viel mehr, als er wissen will.
Er schloss Vogtmann vor dem Friedhof von der Acht, von wegen der Leute, trank mit ihm am Kiosk neben dem Friedhof danach ein Bier.
Nach fünf Bier und drei Kurzen hatte Jimmi in Vogtmann einen Freund fürs Leben - nicht nur in der Anstalt.
Lebenswichtig, so was.
Für beide.

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Ich werde entlassen. Wieder einmal. Aber nur auf Bewährung -, wie immer. Vor der Tür steht wartend mein Vater. Daneben ein Mädchen. Blond, schlank, leicht gebräuntes Gesicht, lange Arme und Beine - und lacht mich zahnpastaweiß an. Ich gehe an den beiden vorbei und höre noch wie mein Vater ’Hallo!’ sagt. Daran anschließend weint das Mädchen herzzerreißend, wie man so sagt. Als ich so an die fünfzig Meter an den beiden vorbei bin, steche ich mit einer Stecknadel in den Luftballon, in dem mein Kopf steckt. Es knallt mächtig - und ich ziehe Sauerstoff.
Nase, Zunge und Lippen sind ziemlich blau angelaufen, sehe ich mit einem Blick im Spiegel des Taxis. Dessen Fahrer, ein cooler Vollbarttyp a la Gott, mit einem Geruchs- Geschmacksbaum am Innenspiegel, mir frohes Fest wünscht als ich aussteige und ohne zu bezahlen davongehe, um über Weihnachten nachzudenken, - dabei habe ich Geburtstag.

Kaum sitze ich im Restaurant, kommt Vater rein.
„War das dein Auto?“ fragt er.
„Ja, meins - und auch mein Chauffeur!“
„Keine schlechte Wahl ...“
„Und wo ist Mutter?“
„Die hast du mit diesem abscheulichen Kondom über deinem Kopf verprellt, Junge“, sagt er, „mach so was bitte nie wieder ...“
„Versprochen!“ sage ich dem Alten in die Hand, „nun lass sie schon raus ...“
Vater öffnet das iPhon, Mutter springt raus und Vater, ganz Kavalier alter Schule, rückt ihr den Stuhl zurecht.
„Ah“, seufzt sie, „jetzt erstmal ein schönes Glas Champagner ...!“
„Auf dich, mein Junge!“ gratuliert mir auch Vater, „und ein friedliches Weihnachten auf Erden!“
„Ich werde mir Mühe geben“, antworte ich wie von ihm erwartet - wobei der Gedanke, besser in der Klapse geblieben zu sein, wieder die Oberhand gewinnt.

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Oft ist davon die Rede, dass man zu viele Häfen ansteuert, dass man zuviel will - oder so Scheiß. Doch klar, das trifft bei mir auch zu, denn ich will immer alles. Und oft will und wollte ich immer alles zur falschen Zeit ... und entschuldigte mich später auch noch mit den falschen Gründen. Im Nachhinein ist das eine einzige Enttäuschung für einen zielstrebigen Typen wie mich - und trifft mich vordringlich, wenn es sich um Frauen in meinem Leben dreht. Denn die sind und bleiben die immer offenen Wunden in allen Situationen. Mag es ein guter Fick gewesen sein, ein deliziöses Essen (und danach erst der Fick), oder einfach zu viel vom Wein, vom Gras usw., denn zur Ikone verklärte ich die alle -, was nicht mal ihre Abgänge änderte. In neuester Zeit höre ich deswegen stundenlang Herbert Grönemeyers Album ’Mensch’. Besonders die Stelle, wo er den Tod seiner Frau besingt ... und dann heule ich so was von überfrachtet, mein lieber, lieber Gott!
Ja, bei mir waren es nicht wenige Frauen - und es werden noch viele sein ... und mal ehrlich: ich weiß jetzt schon überhaupt nicht wie ich die täglichen Blumenmengen bezahlen soll, um die Damen zu würdigen. Und Blumen, meine ich, sind doch das mindeste was ich noch für die tun kann.
Aber um noch mal Gott ins Spiel zu bringen, auf eine Kerze in der Kirche war ich natürlich auch schon deswegen. Habe sogar gebeichtet, obwohl ich nicht katholisch bin. Doch wen schert das schon? Nicht mal das blödeste Schaf dort.
Bei Schaf denke ich gleich an Patrick, die Sau. Sie erinnern? Das ist der idiotische Schreiber, mit einem entsprungenen Protagonisten. Und der nun wieder ein irrer Vergewaltiger und Mörder, dem ich in der ganzen Welt nachreiste, um als Warnung seinen Arsch auf Airporttoiletten festzukleben.
Doch bald war das schon nicht mal mehr ein running gag, - denn die Presse berichtete wie krank darüber. Wichtigkeiten, mit denen die Geld verdienten, Sie verstehen? Deshalb wurden mir die Aktionen sehr beliebig. Auch konnte ich Patricks Hintern nicht mehr sehen, sein erigiertes Glied. Und also kehrte sich alles um. Und ich gerate an den Ausgangspunkt meines Denkens, nämlich, dass man zu viele Häfen ansteuert, dass man zuviel will ... Dabei wollte ich lediglich Patrick einen mitgeben ... Doch es wird, mein Tag kommt ( ... pathetisch mit einem azurblauen Himmel voller Geigen ...) mit Arschgeigen, Tafelwasser und Schmalzbroten im Picknickkorb. Und ich als fettes Salz dazu. Die Essenz reiner Natur - kurz vor Sylt. Versprochen! Denn genau dort fing alles mit dem Jugendschwimmerabzeichen in Silber an. Dem Sommer in Dreiecksbadehose. Den Mädchen in Bikinis. Mit einem Sprung vom niedrigsten Brett. Verbunden mit dem grellen Geräusch eingeworfener Fensterscheiben. Dem bald darauf ein richtiger Wumms vom Zehnmeterturm folgte. Meinem Schrei der Erleichterung danach, getrieben vom Schmerz des pavianroten Hintern, dem zur Fußballgröße geschwollenen Hodensackes.
Nun bin ich längst Profi. Habe einen Arsch aus Büffelleder und meterlanges Fell am Skrotum. Nur, das glaubt mir auf den ersten Blick keiner. Leider. Es stimmt aber, und man kann es bisweilen auch sehen. Zum Beispiel jeden Sommer Buhne 16 , - wenn die Luft flimmert, Mensch und Natur heiß und träge sind, ich mit mir synchron bin. Die absolute Dröhnung, sozusagen - stehe ich bereit zum Sprung. Und genau das bringt mir ein unbändiges Lebensgefühl: NACKT die Bombe zu machen! Eier in der einen, Schwanz in der anderen Hand. Voll geil wenn es abgeht, rauscht, aufklatscht und eintaucht -, himmelhoch Wasserorgeln aufsteigen, Fontänen sprühen, vom Beckenrand Musik ertönt, Mädchen johlen. Von denen ich mir dann eine pflücke, um mir in den Dünen einen blasen zu lassen. Oder zwei. Bis die Körperanspannung raus ist und die jugendliche Unbekümmertheit in ihren Gesichtern von meinem harzigen Samen verdeckt wird. Ich dann erschlaffe - und meine Aufmerksamkeit auf sie abtrockne wie die Lust auf weitere Partys und wildes Feiern über meinen zweiten Platz, was in einer Prügelei mit ihrem Macker endet. Diesem Loser, der mit Schraube und gehockter Kartoffel nur den dritten Platz belegt hat. Echt, so was ungeiles an Sprung ist mir noch nicht mal im Traum eingefallen. Dann lieber adrenalinfett gleich zwischen die umstehenden Topfkakteen gehechtet. Und so fing alles in Wirklich an ... Doch dazu noch eins: Sylt habe ich erfunden - der Rest ist voll die Wahrheit!

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freelancer wellcome
und ich bin was stolz
habe 2037,7 freunde bei facebook und es ist erst ende juni
mit brezel wetter wie facebooky braucht
damit die zombies über ticker auf rss voll mobil bleiben
speziell die schlipsträger auf ihrer pull- strategie

ich liebe in echt diese kleinhirnwichser
die ihre dates aus vogelperspektive gezoomt warten
'bin 3 wochen auf den malediven'
und ihre bude auf mickys panzerknacker side loaden
'mickky will dich als freundin hinzufügen'

also ab die rübenscheiße und bestätigen
denn social net freunde kann man nicht genug haben
und null ist sowieso nur 40 minus 50,zero%
also klick real dein i-phone zum traffic einlochen
'spart zeitaufwand'
um deinen todestag zu appen
oder bist du schon zu alt für sone scheiße?

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Ja, ein i/Phone, mein feuchter Traum seit Wochen ... aber mal ernsthaft: seit Jahren schon wundere ich mich, dass mein Pimmel immer kürzer wird. Erst hielt ich das für’n Altersleiden - und das keiner darüber spricht: nun ja ... Doch Gestern war ich im Unikrankenhaus Hamburg zur Untersuchung meiner Augen. Und siehe da: ich habe nicht nur ein grünen Star (Glaukom, für die Ärzte unter euch), sondern auch den grauen (Katarakt). Und als ich aus einer Idee den Professor auf mein kürzer gewordenes Ding angesprochen fragte, sagte der: nun, Sie werden schon sehen ... was immer das heißen mag.

Am kommenden Dienstag ist also der Op-Tag (neue Linse und Abflussreiniger - rofl). und am Donnerstag drauf kommt voraussichtlich der Verband ab. Ach, ich freue mich ja schon so den Lümmel in altem Erscheinungsbildung widerstehen zu zusehen. Und wenn nicht: ich kenne den Weg zu Kiez und ner Kanone noch aus alter Zeit auf St. Pauli (Pinzner - wem der Name was sagt) Übrigens: ich lasse mich nur örtlich betäuben, nicht dass der Doc mir was an der verkehrten Stelle abschneidet und alles Hoffen im Ar... , äh - für die Katz war. Also Horrido, meine Freunde ... Leidensgenossen, positiv denken - und back to the base!

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In einem knallheißen Juli, der auf einen Montag fiel, lernte ich sie im Strandbad Tegel kennen. Als naturblonde, schlanke ... lag sie unweit von mir auf einer geblümten Decke, in einem Bikini, der in mir Fantasien freisetzte, wann und wie ich ihren Körper besitzen könnte. Mit anderen Worten: ich war geil – und es wurde sichtbar immer mehr und ich musste dringend dagegen etwas tun. - Als ich aus dem Wasser kam, sprach ich sie direkt in ihre himmelblauen Augen hinein an.

„Nina ..“, sagte sie, sei ihr Name, als wir zum Eisessen Richtung Restaurant gingen. Und das wir den gleichen Heimweg haben würden, denn sie kenne mich über eine gemeinsame Freundin.
„Die hat hoffentlich nur Gutes erzählt, was?“
„Ja, sagte sie“, und hielt sich beim Küssen an meinen Schultern fest.

Zur Bushaltestelle hin führte uns der Weg durch den Tegeler Forst.
Durch Gestrüpp und Bäume war eine Lichtung zu sehen. Dorthin zog ich sie. Kaum auf der Decke, waren wir nackt und beide genau dort feucht, wo es hingehörte. Unter Küssen und meinen Fingern in ihr drin stöhnte sie auf. Ich unter ihren weichen Hand. Nach dem sie gekommen war, führte ich mein Glied ein. Nach ersten Stößen drehte ich sie auf den Bauch. Erregt vom Anblick ihres festen Hinterns, drang ich tief in sie ein, berührte mit dem Finger ihren Kitzler, hielt ihn zwischen Daumen und Zeigfinger fest. Es dauerte. Und erst als sie sich wie im Fieber schüttelte, hin und her ruckte, klagende Laute hören lies, erfüllte ich mich immer wieder in ihr. Endlos ... Ihr heißer Atem zitterte noch in der Luft, als es für mich erneut kein Halten gab. Ich drehte und wendete ihren Körper wie eine Puppe im Spiel. Meine Lust war bei ihr, hart in ihr, fordernd auf ihr. So durchmaß ich Raum und Zeit, bildverseucht, voller Begierde, in einem Gefühl, dass die Vergangenheit und irgendeine Zukunft einschloss, - die als Akt aber unnennbar blieb. Es war die Raserei im Wahnsinn. Ja, ich war in der Zukunft angekommen, in ihrem Schoß gefangen wie ein Blatt Papier in der Schreibmaschine, ein Testament, ein Urteil auf Bütten. Sie ein Heiligenbild auf Samt. Ein Umriss von Gestalt. Lust auf den Tod. Ein Alles, dass mich auch Jahre später noch berührte, als wäre es so eben geschehen.

Der Rückweg zog sich, und es war heiß. An der Bushaltestelle hielten wir uns umarmt, als wäre es tiefster Winter und Frost.
„Der Bus kommt in zehn Minuten“, sagte ich nach einem Blick auf den Fahrplan.
„Ich habe Durst, und so lange halte ich es nicht ohne zu trinken aus“, entgegnete sie mir.
„Ich kann uns aus dem Restaurant dort drüben was holen.“
„Das wäre lieb“, sagte sie.
Genau als sich die Tür vom Restaurant hinter mir schloss, hörte ich ein Auto hupen. Ich blickte durch die Scheibe nach draußen und sah Nina in ein Mercedes Cabrio steigen. Sie winkte ziellos in meine Richtung. Der Motor heulte auf und als der Fahrer Gas gab hatte sich der Wagen rasch meinen Blicken entzogen.
„Ein Bier und einen doppelten Klaren“, Herr Ober, bestellte ich, „aber schnell, mein Bus kommt gleich!“

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Tage später saß ich in der Astgabel einer Weide, in die Herzen geschnitten waren, deren monumentaler Stamm sich zum Himmel hin verjüngte, die ausladenden Zweige sich im Bogen neigten, um in einer Höhe von cirka drei Metern Schilf und Wasser zu überspannen, wie, um alles Leben unter seinem Dach zu haben, zu bewahren, zu beschützen. Ein Traum von einem Baum eben. Und, um für mich den Traum wahr werden zu lassen, waren da noch die frischen Triebe, die Zweige, Äste, mit den zu Tausenden im Saft stehenden Blättern daran, die sich an biegsamen Zweigen bis tief zum Wasserspiegel neigten, dort spreizten, wucherten, um mir Sichtschutz zu bieten. - Natürlich nicht nur mir. Denn damals und oft, direkt unter meinem Sitzplatz, im meterhohen Schilf, zwischen den hängenden Zweigen, halb vom Blattwerk verdeckt, in einem Kanu aus Holz und auf quietschender Luftmatratze, lag ein nacktes Pärchen und liebte sich. Sie oben, er unten. Und ich, der ihnen von der Baumhöhe aus zusah, mit einer Dreiecksbadehose bekleidet und einzig meiner Geilheit im Sinn, hatte blank gezogen und onanierte, - denn deswegen war ich da. Wie immer. Und heute noch, mit fast fünfzig. ... es war also alles ganz unschuldig und hatte seine Richtigkeit, wie schon in den Jahren zuvor und seit dem Anfang meiner Pubertät, bloß, dass ich das niemandem sagen konnte -, obwohl ich all den Fragern banaler Dinge liebend gerne meine eigene Wahrheit in die Visagen habe brüllen wollen, nämlich, dass es mir immer und immer wieder immens Spaß und Erleichterung brachte anderen beim Ficken zuzusehen! Und, dass ich Voyeur und Onanist aus Bestimmung bin. Dass das seit dem so ist, als ich mit neun oder zehn Jahren begann unter der Bettdecke an meinem Ding zu fummeln weil es dort ständig spannte und juckte - und meine Mutter mich aufforderte es zu lassen, weil ..., und mir erzählte, dass man genau davon einen krummen Rücken bekommen würde, dicke, schmerzende Finger, dass man an Schwäche und Auszehrung sterben könne und, dass ein Mann nur tausend Schuss habe. Was immer das bedeutete. Und auch, dass ich späterhin in der U-Bahn durch ein Loch in der Hosentasche onanierte, egal was ich zu sehen bekam, es mich aber besonders spitz machte, wenn ich meinte, dabei beobachtet zu werden. Dass ich heutzutage in Cafes gehe, um dort unter dem Tisch... und den Saft im Tischtuch abwische. Und ins Kino, zu Rockkonzerten, und, dass es mich auf die Straße des siebzehnten Juni zieht, wo die Nutten stehen, um in die Autos der Freier zu sehen. Und, ja, ich habe das beibehalten, freue mich auf den Sommer, da der mich wie magisch in das Strandbad Tegelsee zieht - um dort im Korb zu sitzen, von dort zur Insel Scharfenberg zu schwimmen, wo die Weide steht, ich die Dreiecksbadehose öffne und ...

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Ich drücke fest zu. Arbeite mit beiden Händen. All meinen Fingern. Beiden Daumen. Bin ganz Auge. Als Maler. Schreiber. Musiker. Harfenist. Dirigent. Künstler. Bin Ich. Der erst vor Stunden aus der Psychiatrie als unauffällig und nicht rückfallgefährdet entlassen wurde. Doch nun liegt ER unter mir. Auf dem Rücken. Und ich hocke auf ihm. Drücke immer noch fest zu. Blicke in seine Augen. Sehe ihn an ... Ergründe sein Gesicht. Wie es schwitzt. Es in ihm stöhnt. Sein Körper krampft. Wie der Mund schreien will. Seine Augäpfel hervorquellen. Und brechen. Merke eine Erektion. Seine oder meine? Und davon habe ich all die Jahre geträumt. Von dieser Sternenfülle im Sonnenschein. Dem vollen Mond. Zerfetzten Wolken -, die jagenden Hunde der Nacht. Wald. Und mir. Der ein Wind in den Zweigen. Und, dass mein Herz rast. Die Lunge. Die Welt am Ziel ist. Aber ich weiß auch, ihr werdet mich hassen. Spätestens ab morgen, wenn alle Zeitungen voll davon sind ... Mörder gesucht!
Mir egal. - Ich drehe ihn um. Drücke erneut fest zu. ER nun schon entkleidet. Von allem befreit. Wie ich mich von mir befreien sollte ... Eigentlich. Doch nun auch einerlei. Denn ich nehme ihn mir. Wie ein Tier. Jetzt. Weil ich es will. Ach, ich weiß doch, - ihr - ihr werdet mich so oder so hassen. Doch am meisten hassen wird mich Doktor Schütz, mein Gutachter. Der seine Reputation meinetwegen verspielt hat. Der sich in mir irrte. Und nun mitschuldig wird. Mehr noch als ich ...
Ja, ihr - ihr - werdet ihn mehr verabscheuen als mich. Ihr. Die Gutachter für ALLES und NICHTS. Ihr - die Öffentlichkeit.

Ich. Ich könnte erzählen, wann ich geboren wurde. Wo und wie ich mein bisheriges Leben verbracht habe. Wer Vater und Mutter sind. Das Vater Handelsvertreter war. Mutter Hausfrau -, die sich die Karten legte, um in die Zukunft zu sehen. Vor allem um zu wissen, was mein Vater so trieb. Denn der war selten zu Hause. Und Mutter meinte zu ihrer Freundin, einer faden Blonden mit der sie Portwein trank, war die zu Besuch - und die kam täglich zu Besuch, dass Vater alles vögeln würde, was bei drei nicht auf dem Baum sei. Nur mich seit Jahren nicht mehr, weinte sie. Doch mit wem Vater sie wirklich betrog, konnte sie nicht sagen. Wie auch die schlimmsten Katastrophen nicht. Nämlich die, was mit mir passierte, als die Blonde mir ihren Mittelfinger ins Poloch steckte - und dabei laut lachte. Da war ich geschätzte fünf Jahre alt ... und meine Mutter beim Friseur. - Als ob man auf einer Glatze Locken drehen könnte.

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Was er schreibt. Diese Dauersinnlosigkeiten. Statt Meer, steuert er (zu viele Häfen) an. Dockt fest. Knüpft neue Seile. Erzählt. Daumen unter dem nietenbesetzten Gürtel. Referiert über Salz auf Brot. Vorfahrt für einäugige Angler. Erzählt von Radikalkuren. Und Natur. Dann wieder Leinen los. Auf zum Abendstern. Von wegen Gespür für Ästhetik. Und seine Helden sind auch immer wieder die selben Arschlöcher. Ruhelose Siffer, die irgendwo vor Anker gehen wollen. Und dann wieder nicht. Rockt er den Titelsong. Dröhnt eine Ballade nach der anderen. Früher ein Sänger zum Verlieben. Heut einer zum Ermorden. Oder? - Vor allem bei seinen Piano Melodien könnte ich ihn killen. Sein ’Und währe die Liebe nur ein Wort’ Gefasel. Da werde ich zum Henker. Oder Selbstmörder. Gerade im Sturm nahe Sylt. Eine Hand am Mast. Eine an der Takelage. Wir sind Helden grölend. Auf zu neuen Ufern. Doch es gibt keine mehr. Nicht die und nicht das. Nicht mal allen Ernstes und als Ausnahme. Auch nicht nach einer Flasche Schabau, - du Sau. Und das auf Deutsch, als Zitat Ginsberg (Howl): „Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich im Morgengrauen durch die Negerviertel schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze.“ Und das als Geheul oder Wehklage. Und ich dazwischen. In dieser grandiosen Scheiße beim Einsturz der Mauern von Rockland. Sein andauerndes ’fick mich, baby ...’ Ich kann es nicht mehr hören. Wie auch den Ausspruch ’psychiatrische Klinik’. Wo Macht Hirn frisst. Und wir uns ’so richtig’ kennen gelernt haben. Na dann: Prost, auf Howl!

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Sie war schon eine ganze Weile tot, - bevor wir sie auf der Rückbank legten. Andererseits schien es überhaupt nicht so, weil ihre Beine, die aus dem Seitenfenster des Wagens ragten, im Fahrtwind wippten und sie Geräusche von sich gab als ihr Luft aus der Lunge entwich. Eine Stunde später war sie dann aber steif. Und dann aber auch gleich so was von steif ... so steif habe ich nur Bernie erlebt, als er sich bei der Hochzeit seines Bruders wegen Elfie hemmungslos besoffen hatte und Max und ich ihn nach Hause schleifen mussten. Klar, wir hätten ihn auch liegen lassen können. Doch wer will schon bei Minus 12 Grad in seiner eigenen Kotze aufwachen?
Vor Gericht sagte ich, dass sie offensichtlich Opfer eines Sexunfalls geworden sei. Doch da war das längst nicht mehr nachprüfbar. Denn ihre Überreste waren verschwunden. Sicherlich Wildschweine, sagte der vom Richter hinzugezogene Sachverständige; ein alter Sack mit Pickeln auf den Eiern, wie ich am Urinal sehen konnte. Während ein Zeuge, es war allerdings der altbekannte Dorftrottel, behauptete, sie sei überhaupt nicht tot; er habe sie am Abend des vermeintlichen Tattages schließlich noch selber zum Bus begleitet. Ihr den Koffer getragen - und der sei nicht leicht gewesen. Zudem habe er sie gefragt, wohin sie denn mit dem schweren Ding wolle - und sie hätte ’Hollywood’ geantwortet.
Aber das ist doch ein Jugendscherz, sagte der vorsitzende Richter, damit hatten wir schon Spaß als ich - als ich noch jung war, sagte er, räusperte sich und blickte Richtung Tischplatte in der Ahnung, dass der nahe Fluss im Hochsommer wie immer austrocknen wird und die Fische im Rest Wasser nach Luft schnappen wie blöde. Während ich Max schreien höre „Scheiße, wir stürzen ab ...“, was er sonst nur im Tiefschlaf tut, ich also wegen Sauerstoff für ihn am Fenstergriff ziehe wie irre, das Teil aber nicht aufbekomme. Den bescheuerten Griff werfe ich später in einen Papierkorb am Ausgang; was soll ich mit dem kaputten Ding auch sonst machen ...
Als wir Stunden später nach Hause kommen liegt sie bis über den Kopf zugedeckt im Bett auf dem Bauch, nur ihre Füße ragen hervor, - die Sohlen schwarz, weil sie versäumt hat die zu waschen - und einfach mit dreckigen Füßen ins Bett gegangen ist.

Max behauptet, er könne zehn Minuten unter Wasser bleiben ohne zu atmen. Ich glaube ihm das nicht, - zudem ist kein Wasser im Fluss; jedenfalls zu wenig. Aber das hatten wir ja schon. Also nehme ich mir eine Auszeit und gehe vor das Haus, eine rauchen. Spaziere danach Richtung Weide, wo die Ziegen fröhlich meckernd am Zaun stehen, mit dem Schwanz wackeln und als sie mich sehen voller Hoffnung auf Zukunft ihre feuchten Mäuler durch die Drahtmaschen stecken. - Wenn das mit euch so weiter geht, erkläre ich denen, muss ich den Puff schließen und Konkurs anmelden.

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Ein Mann in Lederjacke, Helm in der Hand, verwuscheltem Haar, - der in etwa mein Alter hat. Der sich eine Zigarette anzündet, während ich meine ausdrücke. Und das direkt neben einer Frau mit blonder Mähne und grün schillernden Creolen in den Ohren, die neben der klotzigen Harley steht, auf die sich der Typ stützt. Dahinter sehe ich das Backsteinhaus mit Gittern vor den Fenstern. Drum herum so was Landschaft mit Schneeresten, Schmelzwasserpfützen, zartem Grün an den Straßenrändern vor einer endlosen Wand in Ocker, auf deren Mauerkrone Stacheldraht blitzt wie von der Hausfrau frisch mit Poliboy geputzt. Verwehen Rauchwölkchen in der Luft. Stehen mein Bruder und ich. Seine Frau.

Ist er es, der sich eins grient, als von den Eltern hoch gelobtes Vorbild.
Bin ich es, das von Akne entstellte Sackgesicht, Alkoholiker mit Magenbluten, über den in einer Akte der Staatsanwaltschaft was von Fluchten in beliebige Sex- und Gewaltausbrüche steht.
„Zudem handelt der Proband in hohem Grade selbstzerstörerisch“, urteilte irgendein irrer Gutachter. - Während ich eine Tasche über die rechte Schulter hängen habe, in der einige Klamotten sind, Rasierzeug und so Scheiß. Und mit der linken Patsche eine Kofferschreibmaschine schleppe, die mir Hilfe fürs Überleben im Knast sein soll.

„Mach schon! - Du musst jetzt da rein“, sagt der strahlende Gott, „sonst bist du zu spät!“ ... und der Idiot denkt wohl ehrlich, da drin warten Bars, Sex und Glücksspiel auf mich, überlege ich. Und frage sie, bevor ich dann mannhaft verschwinden werde die Frage aller Fragen: „Bist du schwanger?“
„Ja“, antwortet sie und dabei glänzen ihre Lippen kalt und bunt wie ihre Augen, führt sie tastend ihre Hände zu einem winzigen Bauch, „aber zum Glück nicht von dir, du Kretin!“

Das geschah am Tag vor der Nacht mit dem hirnlosen Tod. An einem Dienstag. Ist aufbewahrt in Gedicht für Gedicht. Prosa für Prosa. Tag für Tag. Nacht für Nacht. In langen Jahren brutaler Demütigungen vor den zugemauerten Fenstern zur Freiheit, - die kaum besser ...
Meinetwegen nenne es schmutzige Realität. Oder Alltagsszene. Ach, nenne es wie du willst - du weißt schon warum.

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Der alte Kinderfreund hat Zeichen gesetzt. Qualitätsmerkmale geschaffen. Denn seine Filmchen und Fotos zeigen faltenlose Reinheit. Dazu reicht ihm wenig Mobiliar. Eine Badewanne, eine Sitzbank. Tisch und Stuhl. Und er - mit Kindern, als Exposition. Mit denen dann das Wesentliche passiert. Hart und mit Tempo, um keine dramaturgischen Lähmungen zu erzeugen. - Man vermeint förmlich das Gleitmittel zu riechen, wenn er denen den Anus salbt. Und felsengleich steht dem bulligen Mann da schon der Schwanz.

Bierbäuchig ist der. Pädophil, na klar! Mit Vollglatze. Das Gesicht verquollen. Die Nase eine Kartoffel. Und wie die Pendel einer Turmuhr schlagen seine riesigen Klöten gegen den jeweiligen Körper. Quillt in Sekunden sein stinkiger Schweiß, wenn er in rascher Folge stößt. - Gedämpft, wie das Schmatzen, klingt sein Stöhnen wenn sie ihn saugen müssen. Lichtlos das Danach. Feucht und dunkel. Immer. - Dazu Kälte wie im Winter, - wenn der Zombie seine Bilder sortiert. Die eben gedrehten Filme mit dem jeweiligen Datum beschriftet, um die dann den schon geifernde Junkies zur Verfügung zu stellen. Die ihm mindesten zwei Wochen Resonanz bringen. Zudem fremde Fotos und Zuspruch aus aller Welt. Was ihn daran denken lässt, wie er selber jahrelang geschlagen, gedemütigt und sexuell missbraucht wurde - und das es auch darüber Fotos gibt. Die er auch besitzt. Na klar! Dass er bloß die Frage nach dem Warum bis heute nicht beantworten kann. Aber dass es die Hölle war, weiß er. Und dennoch ... Er holt sich immer neue Opfer. Und er hat die Macht dazu. - Erbaut sich daran, wenn einer seiner Engel vor im steht, zu ihm aufschaut, wenig später auf dem Rücken liegt, auf dem Bauch, - die Kamera surrt. Ganz offen mit ihnen spricht, von dem was er gleich tun wird. Er sich vollends entkleidet. Und das immer. - Ohne ihre Namen zu kennen. Ihre Qualen. Wenn sie sich auf die Lippen beißen. Bluten. Kotzen. Urinieren. Einkoten. Nicht mehr auch nur einen Ton singen können, wenn er den Taktstock hebt. Nicht eine engelsgleiche Note ... So lange er auch wütend mit dem Holz auf das Pult drischt. - Bis hin zum Mord, kämmt er denen ihr goldenes Haar. Und der Herr ist mit ihm. Unschuldig. Wie der Staatsanwalt. Seine Richter. Die Beisitzer. Die Zuschauer. Die Journalisten. Wie sein gespitzter Mund. Das süffisante Lächeln. Das auskosten der Ohmacht seiner Opfer - in seiner verplombten Fantasie. - Man müsste ihn totschlagen, einfach so, sagt wohl deswegen jemand; doch wie kann ein nach außen hin normal erscheinender Mensch zu so etwas überhaupt fähig sein?

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Sie haben absolut nichts vorzuweisen. Keinerlei Träume. Null Illusionen. Lediglich beredtes Schweigen als Dauerquatschen. - Das sinnlose Abzählen von schnell angelesenem; wo der Hammer hing, als der da dort und die da jenes tat, oder nicht. Und wer der weiseste der weisen Männer ist. War es Plato, Kant, Aristoteles, Hegel, Leibniz, Thomas von Aquin, Hume, Buddha, Descartes, Nietzsche, Spinoza, Peirce, Averroes, Locke, Konfuzius, Dewey, Nagarjuna, Marx, Augustinus von Hippo, Hobbes, Mamonides, Socrates, Ibn Sina, Kierkegaard, Bacon, Mill, Wittgenstein, James, Rousseau, Mark Aurel, Heidegger, Berkeley, Quine, Bergson, Pythagoras von Samos, Cicero usw. Nun, wer war es. Wer ist wer? - Auch was die oder andere behaupteten bevor sie starben musste gedreht werden, als wäre des Schülers Versetzung gefährdet . - Ja, das sind ihre einzigen Erkenntnisse. Und was wer wann dann dazu sagte, Pflicht. Wurde kommentiert. Hoch intellektuell. Nur zu wissen, wie das Leben in echt spielte, nicht. Denn eine abgesessene Couch ist ihr Leben. Ein kaputter Klappstuhl das Herz. Das verwanzte Einzelbett frisst ihnen den Sex. Ein Furz im Garten gleicht einem Erdbeben. Eine mit Heftpflaster reparierte Brille schärft den Blick. Herzkranzverengung. Hämorrhoiden. Krampfadern. Gichtfinger sind die Folgen. Das Nachschlagen auf Wikipedia bringt Wissen, damit man den Losern was beweisen kann. Doch was, außer sich selber ...?
Mich kotzen so Leute an, weil die lediglich behaupten, - nichts gelebtes vorzeigen können. Nicht mal ihre eigene beschissene Existenz.

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Worte wie Regenbogen. Sommerwind. Leben, Hoffen, Leiden und Sterben. Wie der nie verhallende Ruf nach Tod: Ich liebe dich - ich dich auch!
An einem Wochenende, gegen Mittag, Effie und er lagen noch im Bett, trat der Alte die Tür ein. Eine schäbige Tür aus Fichtenholz mit Astlöchern darin. Also nicht mal für den ein Problem. - Zehntelsekunden später stürzte er sich auf sie. Ein Messer in der Hand. „Ihr Saubande!”
„Hör auf, Paul!” rief sie, nach dem ersten Stich in ihren Körper.
„Ich mache euch kalt!” Der zweite traf ihren Arm.

Jimmi stürzte dazwischen. Und es sah locker aus, angeboren, angelernt, oft trainiert, wie er den Tobsüchtigen auf den Rücken brachte. Ohne Kraft zu gebrauchen, beruhigte er den in Nullkommanichts. Es knackte lediglich leise; wie ein trockenere Ast, auf den man trat. Röchelte, als schliefe wer und träumte verhalten. Das war’s; dazu noch Effie: Deren sirrender Atem in seinem Hirn. Dann die Stille. Und kein Blut. Leere. Nur Effie. Ihre Angst. Und schlechte Luft. Die vom Alten kam. Kot, Urin, das dem die Hose aufweichte. Auf einem Bild trägt der Held Uniform. Schwarz. Stahlhelm mit Totenkopf, SS darauf. Maschinenpistole vor der Brust. Und er sah mutig und anständig aus. Irgendwie. Später, wieder mit Datum hinten drauf, ein Foto vor einer Holzwand mit Stacheldraht als Krone. Noch eins vor einem doppelt oder dreifachen Zaun. Hinter dem Zaun zerlumpte Männer. Hohle Gesichter. Ausgemergelte Kinder, denen die Knochen spitz abstanden. Bleiche Frauen, die ihre Finger wie im Gebet in den Draht krallten. Diese Augen ... Oh Gott, wo warst Du? Das Gesicht Pauls auf den ersten Blick wie auf all den anderen Fotos. Und doch anders. Nicht wegen des fehlenden Stahlhelms. Das hier war mit Feldmütze, in Dienstuniform, Pistole und Schlagstock. - Nein, es war der Blick. Abwesend und doch anwesend sein. Das ängstliche Zurückweichen, als fürchte man die Kamera. Als könnte man sehen, was Paul an Grauen getan – und was er noch tun würde; wozu er in der Lage, jetzt, und in ähnlichen Situationen. Und es lief darauf hinaus, dass Paul sich durch Gewalt punktuell Höhepunkte verschafft hatte in seinem rastlosen, sich nicht schonendem Dasein. - Dafür, dachte der nun, wo er am verrecken war, hätte ihm Ehre und Anerkennung gebührt und nicht der Tod; es lag sowieso eine Verwechslung vor, denn er wollte sich vom Sohn nur das holen, was ihm zu stand; nichts weiter.

War es nicht ein Spiel? Ja, es war ein Spiel, und nun sollte es aus sein ...
Nein, ein Spiel war es nie. Es war das Leben mit ihr. Ein Angebot der Treue, dass nun nicht belohnt wurde. - Er bot Beständigkeit und erntete Niedertracht, den Tod gar. - Es ist ein Missverständnis. Sicher. Denn das ihm zugeteilte Leben hatte ihn sozial verwahrlosen lassen, nicht er sich selber. Und nun folgte in ihm schon wieder diese unheilvolle Frage an den Sohn, die er sich oft gestellt, dem Sohn aus Angst bisher aber nie, - und er wusste warum: ’Liebst du deinen Vater, Sohn?’ Und was der darauf antworten würde, wusste er vorher - und fragte dennoch; und es zischte ihm schon allein beim Gedanken daran schmerzhaft durch die Ohren, dieses schnalzende hartscharfe: ’Nein, ich liebe dich nicht, liebte dich nie, werde dich nie lieben. Du geht’s mir am Arsch vorbei, du Menschenschinder, du Massenmörder!’ - Und es war immer so: Vorgeschobene Dankbarkeit konnte man auf Oktoberfesten oder Betriebsfeiern, oder sonst wo einfordern, hier, auf dem Sterbebett nicht. - Nein, da kann nichts eine Rolle spielen, nicht mal der Tod, denn da krepierte man ohne zu wollen mit geschlossener Schnauze, alles andere ist sekundär. Leider, mit diesem Wissen ging es ihm in seinem Käfig auch nicht besser. Nicht im blinden Zufall Leben. In seiner Wut. Zwischen Pflichterfüllung, Leben und Tod. In dem roter Blutluft war. Vom Alten verschuldet. Von Effie freigesetzt. Ihr Stöhnen, Röcheln, Keuchen. Die Hitze abgehenden Lebens. Dagegen kalt wie Eis Jimmis Ruhe. Diese Überlegenheit des Profis. - Das Anlegen einer Druckkompresse. Verschnüren des Verbandspäckchens mit dem Bademantelgürtel. Hände, da, wo sie sein mussten. Und mit Herzschmerz - der Lebenskuss; mit viel Liebe.

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Er suchte eine Wohnung. Fand zwei Zimmer, Küche, Bad in einem Haus mit Schweißgestank. Aber preiswert. Von der Treppe führte ein trüber Gang. Die erste Tür links war die zu seiner Bude. - An Möbeln hatte er fast nichts; Spind. Tisch. Bett. Sessel. Er würde sowieso nicht oft da sein.
Ihm gegenüber hauste eine Frau. Die Tür stand immer offen. Und die sah aus, als schaffte sie an. - Hohe Hacken. Kurze Röcke. Titten wie Beton.
Ging er an deren Wohnung vorbei, hörte er keuchen, stöhnen, schreien, weinen. Wechselnde Männer. Plastiktüten mit Müll. Präservative obenauf. Ein schmuddeliges Kind. Und anscheinend machte die Hure Überstunden bis in den Morgen. Jimmi drehte dann die Musik lauter, um schlafen zu können. ’Irgendwie habe ich trotz allem Glück’, dachte er im Fieber.

Das Glück war - TBC - positiv. War wortlos. Sputum. Kälte. Isolation. Blutsturz. Ein Zwölfbettzimmer. Glück, waren die Schritte des DOkaytors auf Fliesenmosaik.
„Sie werden uns beim Heilungsprozess tatkräftig unterstützen müssen!”
Er hörte, was der sagte, aber wovon war eigentlich die Rede?
„Ich muss es vom Torf haben, vom Leben da ... dem Knast.”

Er las Manns ’Zauberberg’. Gleicher unter anders Gleichen. Wieder einmal. Doch trotz Trost war Hoffnungslosigkeit in hohen kalten Gängen. Lakonie. Abgetretene Filzpantoffeln. Stagnation. Standbild, das Halt suchte. Geruch, der gefährliches an sich hatte. Ein Befund, größer als null. Der Tod. Den er zig Mal täglich, zwei Finger breit, in die Flasche rotzte. - Ja, das blutige Gebirge in der Brust muss hinaus, sagte das Gefühl. Diese Ungeheuerlichkeit. Und er hatte keine bessere Idee, als sich einen Nagel in die Brust zu schlagen. - ’Dich mache ich alle!’, habe er dabei gerufen, sagte man.
Es blieben eine Wulst, eine Narbe, eine Warze, das Antlitz Heiligkeit, Trugbild des Teufels. Und Halbschlaf - an unsichtbaren Marionettengehänge, der ihm die Mundwinkel zucken ließ, seine Augen, und Finger. Hand wie Beine. Angst; die fiel wie Schnee, weiß, sanft, unmerkbar erst, die ihn zudeckte, erstickte. - Es waren andere da, denen erging es wie ihm. Doch er konnte sie nicht ertragen. Therapie im Rundgespräch. Er saß lieber alleine, als in sinnlosen Debatten um das Leben zu ringen.

Morgens, noch vor dem Frühstück, wurden die tagtäglichen Abgänge aus dem Keller geholt und in einem schwarzen Kastenwagen zwischengelagert. Zurück blieben Gestank, Verwesung, Gedanken. Jimmi konnte das Schauspiel vom Fenster aus sehen. - Monate waren vergangen und er schaute nicht mal mehr hin. Wochen müssen noch vergehen, es war ihm egal.
Als der linke Lungenflügel faulte, schnitt man ihn raus. Ab da ging es aufwärts im Abwärts. Die gelblich weiße Masse blieb ungekotzt, die vorher müde Zunge wurde redegewandter. - Den Ärzten war er Lob schuldig. Geblieben dagegen Falten. Vom Nasenflügel zum Mund, die stärker und tiefer wurden, je länger er hier war.

„Sie haben eine kräftige Konstruktion, und der auch diese überraschende Gesundung zu verdanken!” tat der Oberarzt begeistert.
„Ein paar Wochen Reha noch ...”

Einzelzimmer in Weiß. Radio und Fernseher. Eins a Essen. Psychologische Fürsorge, die seine Dunkelheit umpflügte, die sein verbogenes, verzweifeltes Selbst auf den Steinplatten der Analyse zertrat. Die nichts und nie begriff. Da musste er durch. - Im Erdgeschoss arbeiteten einige Rekonvaleszenten an Einlegearbeiten. Denen, die er kannte, nickte er zu. Dann krachte die grüne Holztür ins Schloss. Er war draußen. Entlassen.
Die Nachbarin hatte er auf dem Flur getroffen.
„Oh, Sie sehen aber derangiert aus. Kann ich etwas für Sie tun?”
Sie konnte. Er brauchte nichts zu sagen. Als sie kam, hatte er schon die Hose aus.

„Müde Augen hast du”, sagte sie.
„Du riechst gut”, antwortete er. - Sie hatte einen runden Hintern. Er griff ihr zwischen die Beine. Dann waren ihre Lippen überall. Lust und Sehnsucht in roten Kreisen. Ihr weicher Körper an seinem. Zunge an Zunge. Heiße Haut. Zitternde Brüste - um und über ihm. - Sie nahm seinen Schwanz in den Mund. Hieß Gudrun, und war schön. Makellos. Im Dunkeln. - Er spritzte ihr in die Hand, den Mund, in die Fut, ins Laken.

„Ich mag dich sehr”, sagte sie. Und ihre Augen schwammen im blauen Nichts der Worte davon.
„Ich mag dich auch”, log er in einem langen Atemzug, lag unbeweglich; ein Sack. Gewichtslos - und doch schwer. Derweil sich die schäbige Nacht in farbigen Lichtkaskaden der Neonröhren von gegenüber brach. Dann waren sie betrunken.
„Ich brauche dich. Du bist so zärtlich, - leckst so gut.”
Er lag da und wollte das Vakuum aus seinem Schädel bekommen. Die Bude, in der sie waren. Das Bett. Das verwohnte Mobiliar. Er wollte Ansprüche ans Leben stellen; das sagte er ihr.
„Ich werde für dich sorgen”, versprach sie.
„Sorg du für dich. Ich sorge schon für mich!” - Und seine folgende Stummheit spülte ihre drängenden Worte aus der Zeit.
Das Licht ging an. Ihre Haut war kalt und faltig. Die Schminke verschmiert. Ihre Finger spielten am Betttuch, drehten Kringel hinein. Dann war es peinlich, - nicht mehr.
Es kam immer so: Lachen und Weinen waren Eins. Der Morgen danach ein dunkler Kasten. - Er griff nach seiner Hose.
„Ich habe Monate auf dich gewartet!” schrie sie hinter ihm her.
Es änderte nichts. Sie war ihm wie jedes Weib.

90
Erinnerung ist die Hölle. Zwar nicht immer und in Allem, doch oft. Zu oft. Jedenfalls für ihn. - Der Anruf kam spät, musste elf Uhr abends gewesen sein, knatterte wie vom Mond „That’s one small step for man…“
„Shit, ey ...“
„... one … giant leap for mankind.“
„Ey! - Was ist …?”
„Verlag Jean Paul hier ... Moment, ich stelle mal leiser ...!“
„Und?“
„Sie haben uns eine Story eingereicht!“
„Stimmt ...!“ - Obwohl er nicht wusste welche.
„Die hat mir gefallen; und daraufhin habe ich ihre HP gecheckt ...“
„Und?“
„Ich verlege alles von Ihnen!“
„Wie - alles?“
„Na eben alles, Mann! Gedruckt - als Buch!“
Yes, das war es dann mal wieder. Das Doppelte. Dreifache. Für Sekunden. Das tausendfach flackernde Glück. Die Antriebskraft die man brauchte - für das Entstehen von Erinnerungen. Um den Blick auf den Rückblick zu wagen. Zum konstruieren von Wahrheiten. Tief nach Fragmenten im Verdrängten zu graben. Krisen, Brüche, Unentrinnbarkeiten aufstöbern. Morde und Raubüberfälle. Paukenschläge. Idiot. PAUKENSCHLÄGE. Deine Illusionen -, Jimmi. - Ey, es läuft an, Bruder!

„Was haben Sie in letzter Zeit gearbeitet?“
„Als Komparse ... Manchmal mit ’ner Sprechrolle ...“
„Kann man davon leben?“
„Nein!“
„Und wie haben Sie ..?“
„Irgendwie ...“
„Also immer auf der Kippe?“
„Wenn Sie so wollen; auch das!“ - Ey - du, ich werde den Teufel tun und dir am Telefon von mir erzählen ...
„Bankraub, was?“
„Ey, - was soll das?“
„Ich will Sie kennen lernen!“
„So aber nicht, Sir ... also?“
„Haben Sie was zum Schreiben?“
„Ja!“

91
Drei Holzbaracken für je 20 Mann in karger Landschaft. An die fünfundzwanzig Wachmänner im Dreischichtdienst. - Der Torf schmutzig braun, faulig feucht. Andere trocken wie altes Papier, bröckelig. Die Bäume, das Gestrüpp über dem Torf, schwächlich. Weit entfernt der Horizont, versteckt hinter nebligem Himmel.
Die Arbeit war schwer. Doch er gewöhnte sich ein. Trotzdem, die Tage machten ihn nervös. Er dachte an Effie, dabei sollte er aufpassen bei der schweren Arbeit, manch einer hatte hier schon endgültigen Frieden gefunden. - Jede der überdimensionierten Nächte umspülten ihn salzig, machten still. - Die Wochenenden waren arbeitsfrei. Wer keinen Ausgang erhielt, resignierte schon nach Stunden am Dasein; dann störte schon das Auf und Ab von Schritten, die fremden Stimmen, das Sirren vom Wind, der Geruch von Torf. - Wer wollte, konnte sich was kochen. Ein Bollerofen stand im Raum. Torf ist als Heizmaterial unübertroffen, erzählte man ihm gleich zu Anfang. Torf war hier manchem eben alles, Menschen zählten weniger. - Wenn ihm Ausgang zustand, wollte er zu ihr. - Es waren zwar neunzig Kilometer, und wie er das schaffen würde, wusste er nicht, - doch es wird, glaubte er. Als es endlich soweit war, nahm ihn ein Wärter mit in die nächste Stadt. ’Von da geht ein Zug nach Hamburg. Aber denk daran, Sonntag Abend fährt der nicht ...!’ Was kümmerte ihn das - im Moment.
Alltäglich spürbar die Einschnürung der Persönlichkeit, der immense Zwang; hier, wie in jedem Knast. Denn in den Stuben gab es unter den Gefangenen keine Freundschaften. Nähe war sexuelles Interesse, dass in der Latrine erledigt wurde.

Er war wie tot. War einsam alt und weich geworden. Stand blasse Tage am Fenster und sah in den Hof. Frisch gefallener Schnee knirschte unter den Tritten der Wachtposten. Glatt gebügelt die Nacht. Manchmal schrie er gegen das Dunkel an; rauchte, obwohl er nicht rauchte. Organisierte Spiritus. Den versetzte er mit Obst, zuckerte, gab Kakao dazu, soff die Brühe. Schluckte Verdünner aus der Tischlerei. Pinselreiniger. So wurde er zur Laus. Die Seele nörgelte und stach gegen sein Gewissen. Dann kam der Moment, da beteiligte er sich an der Lüge Leben nicht mehr, nicht an der Wahrheit halb toter Zeit. Hatte Valium gehortet, die schluckte er. Ruhe. Liegen - und Nichtstun. Keiner da, der antrieb, schrie, forderte, befahl. - Sterne glommen. Ein Scheinwerferstrahl huschte vorbei. Gitterschatten.
Der Arzt, an seinem Bett, hatte den Tod abgelehnt. Begründung: Es würde davor noch ein straffreies Leben verlangt. - So, da war sie wieder Mal, die Unfreiheit der Selbstentscheidung. Da war der Schweiß, die saugende Zeit, das Schnarchen im Nebenbett, und keine Möglichkeit dem zu entkommen.

92
Er liebte sie nicht. Er brauchte ihr Geld nicht; wollte die Fut, nichts sonst. Die absolute Endzeit stand an. Eine immense Gefühlsleere. Und von irgendwo zog eisiger Atem hoch. - Es roch nach Karbol und Winter. Kälte war. Nacht. Alle Zeit zerpresst vom Gewicht Vergangenem. Eben noch warme Scheiße, die in Minuten gefror. Wochen und Monate Dunkelheit, der man nicht aus dem Weg gehen konnte. Ekel, der notwendig, aber nicht da war. Das Leben als verpisstes Bett, das er morgens hinter sich ließ. Er, Figur auf Eis, das trocken knackte, als zerträte jemand Zuckerwürfel. Die weiße Weite als blendendes Tischtuch, die seine Augen schmerzte. Dazu der unaufhörliche Wind, der Sturm -, der die Bäume des nahen Waldes knackend umlegte, der alles Leben auf null und darunter abkühlte. Lebensfeindlich, die rumpelnden Eisschollen. Diese dicken Batzen von kristallenen Wellen, die wieder und wieder vom Strom angeschoben gegen die Wand bolzten. Dieses elende Eis, das bog sich tagelang krachend in- und übereinander, türmte sich kopulierend. Dazu oft ein Sirren und Klirren. Glasharfenspiel, das höher als Menschengesang tönte. Fremde Melodien, im Fluge von weit her, die in der Nähe zu Kanonendonner schwollen, zum Tod, der bedrohlich über die Brache peitschte um alles zur vernichten. Schloss er die Augen, konnte er ihn erkennen, - hinten im Süden.

93
Marie kam im Auto.
„Wem gehört der Karren?“
„Emil. Aber der hat ja keine Pappe mehr.“
„So - so, Emil...“
„Komm, wir fahren ins Blaue, - können unterwegs ein paar Bierchen besorgen. Service rund um die Uhr,“ lachte sie, und griff ihm zwischen die Beine.
„Du willst doch nur bumsen!“ grinste er.
„Ich kenne da ein lauschiges Plätzchen zum Picknicken.“

Die Gurke zerfiel auf den Feldwegen zur Elbe beinahe in seine Bestandteile. Die Türen klapperten, und die rechte Seitenscheibe rutschte ohne Zutun ins Gehäuse. Die Stoßdämpfer schlugen durch, der Spiegel fiel ab. Letztlich gab der Dieselmotor den Geist auf, sprang aber nach Zündaussetzern wieder an, und spuckte gelb schwarze Abgaswolken seitlich aus dem Auspuff. Direkt durch die löcherigen Türen drangen die Qualmwolken ins Innere. Da schwebten die Abgase dann als fett gelber Wrasen, und brachten Jimmi und Marie dauerhaft ins Husten. Und nicht mal das offene Fenster schaffte Erleichterung. - Aus dem Autoradio krächzte: ’Mit Pfefferminz bist du mein Prinz’, oder ähnlich.
„Ich habe mein Asthmaspray vergessen!“
„... was ist das für ne Scheißidee, - sind wir denn nicht bald da?“
„Nur ein paar Meter noch.“

Sie wollte Spaß, zog ihm die Hose runter, lutschte an seinem Ding.
„Blasen kannst du ...“
„Du hast einen so schönen großen Schwanz“, nuschelte sie begeistert, „ich mach ihn noch größer, und dann streckst du ihn mir hinten rein, ja?“
Alles dachte er, ich mache dir alles. Denn er wollte vergessen - in jedem Fick, vergessen in jedem Rausch und manchmal, da wollte er nicht mehr sein, nicht mehr denken was war; - dieses Trauma Legion loswerden.
„Komm, steck ihn rein“, unterbrach sie seine Gedanken, - und er steckte ihn rein. Eine Fickmaschine, die Tötungsmaschine, - er; einen Schwanz, der alles gesehen hatte was es an Grauen geben konnte; und?, hatte der es für sich behalten, - nein, fotographisch war jedes Detail abgelichtet und weitergegeben. Alles! Und dabei griff er ihren Kopf an der Stirn, war hinter ihr und zog sie an den Haaren hoch und stieß zu – ein Ross, dass sich aufbäumte, dem er die Sporen einschlug.
„Ja, fick!“ keuchte sie atemlos. - Er schlug ihr mit der flachen Hand mehrmals auf den Hintern. „Sag es noch mal!“ - In Phnom Penh war er, während er stieß. Eingeflogen nach einer ’Befriedungsaktion’ im inneren Kambodschas, auf einem schäbigen Hotelbett - und rauchte in die gedankenlose Zärtlichkeit einer Hure. Eine Halbschlafnummer, nur ihre streng riechende Spalte hielt ihn wach. Der Kognak. Literweise. Auch Gedanken – die Gedanken. Die Schuld kam später; - diese Schuld! Dieses ’fast noch’ Kind, in diesem Dorf, dessen Namen er längst vergessen hatte; der biss er in den Nacken. - Sie zitterte vor Angst. Ihr Gesicht war zwischen seinen Händen. Er küsste ihr den Lippenrand lang, zum Haaransatz, den Schläfen, saugte sich an ihren jungen Brüsten fest. Ihre Fut warm und weich; unschuldig. Sein Finger erledigte das Problem. Er legte ihr den Arm um den Hals, drückte leicht zu. Feucht wie kalt ihre Hand. Nebensächlichkeiten. Die Titten, unschuldige Ware. Groß. Fest. Dunkle Warzen mit spitzen Nippeln. Munition, die losgehen konnte. Ja, die Khmer hielten immer etwas versteckt. Er wusste das, hätte er sonst überlebt?
Als er ’ficken?’ fragte, nickte sie, obwohl sie nicht wissen konnte, was das Wort bedeutete. - Er biss ihr in Schrittfalte. Ihre Möse schmeckte nach getrocknetem Mais. Dann war er hart in ihr, - rollte den Kitzler von vorne nach hinten. Wühlte die Zunge in ihr Haar. Drehte sie um. Die Fut nun heiß und nass. Sie zitterte unter seinem Schwanz. Er roch Urin und Scheiße. Spürte die brennende Sonne zwischen Eiern und Hintern. Dann der Stoß, der alles entschied. - Danach rauchte er eine Zigarette. Drückte die an der Schuhsohle aus , - schoss ihr von hinten in den Kopf.
Als er die Hütte verließ ging die Granate hoch.
Keine Sekunde zu früh, dachte er.

94
Ich höre Hans rufen. - Hans wohnt über mir. Störend wie immer seine Rufe, - die erst leise, dann immer lauter wurden.
„Ey, was grillst du denn ... ?“
Ratten, im Sud von Knoblauch und Oregano.
„Du musst nicht antworten, - ich weiß längst, was du grillst!“
Hans wohnt alleine. Seine Frau hat ihn vor einigen Jahren wegen eines anderen verlassen.
„Du grillst bestimmt wieder Ungeziefer!“ Und obwohl ich weiß, dass er keinen Einblick auf meinen Balkon hat, rücke ich den Grill näher an die Wand.
„Wenn du den Grill dichter an die Hauswand stellst, damit ich nicht sehe was du grillst, wird die Wand noch schwärzer!“
Um seinen Vermutungen und Anschuldigungen zu entkommen, stelle ich das Radio lauter.
„Siehst du“, brüllt er, „ich habe in die Zwölf getroffen. Und weißt du warum? Ich habe dich heute Nacht bei der Rattenjagd beobachtet.“
Dabei lacht er, das es trotz der lauten Radiomusik in meinen Ohren scheppert. Doch ich will das nicht. Keine Kommunikation. Schon gar nicht mit Hans, so wie ich ihn kenne. Denn vom Kennen kommen immer alle Probleme, weiß ich. Und hätte Hans damals nicht vom Liebhaber seiner Frau erfahren, wäre er nicht im Gefängnis gelandet - und wir hätten uns nicht kennen gelernt. Doch wie es jetzt auch ist, ich hörte ihn schon damals aus der Zelle über meiner rufen ...
„Ey, was brätst du denn schönes, Kumpel?“
„Ratten!“
„Und wo?“
„In der Kloschüssel“
„Das ist verboten!“
Womit wir beim Thema waren.
„Ja. Wie alles hier!“
„Riecht aber spitze ...“

95
Den ersten Schnaps trank er doppelt, als wollte er schnell in die Unfassbarkeit gelangen. Wollte auf Gedanken reiten, - wozu er nüchtern nicht im Stande war. Wollte aus dem tagtäglichen Selbst flüchten. In die Vergangenheit, zu Effie hin. In die Welt unbewussten Lebens. - Nächtelang stromerte er deshalb über die geile Meile, Udo Lindenberg im Ohr. Tagsüber hockte er an ihrem Grab. Traf eines Morgens dort auf eine Frau, - die pflanzte Blumen. Weiße Wicken.
„Sie müssen Jimmi sein.“
„Und Sie?“
„Angela, - Effies Schwester!“
Einen Hintern hatte die, zum Nüsse darauf knacken. Allerdings fand er ihre weit auseinander stehenden Augen nicht besonders anziehend. Was soll’s ...
„Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?“
„Gerne.“

Sie saßen bis zum letzten Sonnenschein an der Alster. Später unter der Pergola eines Restaurants. Stechmücken wurden lästig. - Angela schlug nach ihnen, klatschte auf den Unterarm. Nach dem vierten Kirschwasser störten die Schnacken nicht mehr. - Angela hatte Fotos von Effie auf den Tisch gelegt.
„War sie nicht schön?“
„Das will ich meinen!“
„Finde ich auch.“
Doch sie wollte etwas anderes von ihm, und er sollte ihr sagen was.
„Du hast den schöneren Arsch!“ nach dem fünften Wodka.
„Findest du?“

Ein paar Meter weiter strolchte eine weiße Katze über die Straße, - ein schwarzer Hund hinter der. Geschmeidig die Mieze, laut kläffend der Köter; rasend im Kreis. Der Stubentiger entwischte auf einen Baum; Bello winselnd davor, - gescheitert, im Versuch den Stamm zu bezwingen. - Angela lächelte. Jimmi griente.
„Ein Hund ist keine Katze!“
„Da hast du Recht!“ sagte er, „ ... lass uns gehen, ich habe Lust auf dich!“
Ihr ’Ja’ kam zögerlich. Er hörte ein Versprechen, das nicht immer auch positiv bleiben musste.

Ihre Wohnung ein einziges Weiß. Geradezu ein Ideal in Weiß. Das ins Eierfarbene umschlug, je nachdem wie die Sonne schien. Und die schien. Auf ihr lichtes Bett. Die sauber weißen Teppiche. Auf das neutrale Weiß der Möbel. Erstrahlten die Türen und liturgischen Decken. Und die scheinbar neuen weißen Handtücher in Bad und strahlender Küche. Vollweiß! Die unsterblichen Bilder an der Wand: Variationen weißer Stiere im Schnee. Gut und Böse. Schien auf die Freuden des Glücks, als er sie ins Bett trug um dort fortzusetzen, was er begonnen hatte.

Für Jimmi hatte sich durch Angela nicht die Wirklichkeit verändert.
Für Angela schon längst.
„Du kommst doch wieder?“
„Mal sehen ...“
„Ich brauche Dich!“
Das sagen sie alle, wusste er. - Dass er niemanden brauchte, das interessierte nicht wirklich.

96
Er spürte den Schuss, flog -, landete rücklings im Laub. Es stank eine Weile nach Phosphor. Schließlich nach Herbst. - Er war wach, und im Moment ohne Schmerzen. Eine Amsel leistete ihm Gesellschaft, kratzte im Laub, pickte wild entschlossen in die Natur. Mit einem Wurm im Schnabel flogt sie davon. Es wurde Nacht. - Ein Fuchs und grunzende Wildschweine umkreisten ihn. Dann setzten Schmerzen ein, eine Art Brennen, dass sie sich schneller und schneller erneuerte. Stärker wurde. Und in seinem Hirn lief die filmische Übersetzung seines Lebens ab. Vielleicht war ihm deshalb kalt, - oder er lag im sterben. - Der Fuchs und die Wildschweine waren schon lange verschwunden.
Mag sein, dass die Natur der Dinge ihn vor dem weiteren Leben bewahren wollte als hätte sie alles gewusst und nichts vergessen. Als gäbe es keinen Morgen und keine Liebe. Und als gäbe es nicht das Meer von Möglichkeiten, die er gestern noch hatte und nun nicht mehr. - Nun das Gute: Denn dem Dasein ist überhaupt nichts peinlich. Nicht mal dass er sich einpisste, voll kotete, und sich kurze Zeit später in der Endlichkeit verlor, weil es nichts mehr zu verlieren gab. - Selbstmord, werden die vermuten, die ihn finden werden, während er schon Lichtjahre entfernt ist. Diese Idioten.

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Auf dem Dachboden hatten sie sich das erst Mal geliebt. Im Stehen.
Dort, am Fenster, mit dem weiten Blick über die Stadt, war sie auch gestorben. In einer Art Gefängnis, auch wenn sie das vermutlich nicht so empfunden hatte. Denn als er sie dort hoch trug, war sie nur noch Augenblicke bei Bewusstsein. - Als es dann soweit war, schloss er seine Arme um sie, hielt sie, während sie aus der Dachluke über die Stadt sah - und mit einem hörbaren Seufzer starb.
Er blieb am Prenzlauer Berg wohnen, während seine Beziehung zu sich selber zu kriseln begann. Es war wie im Krieg. Bei der Legion. Friss - oder stirb. Doch er war satt. Voll satt. Als hätte er ein ganzes Schwein gefressen und vergessen zu kotzen. So blieb nur das Sterben.

Nun mal langsam, hörte er sie, es gibt noch zu tun.
Gut, antwortete er, ich werde es für Sie tun.
Ab jetzt solltest du mich duzen. Ich tue es dann auch.
Okay, dann küss mich, forderte er, damit ich weiß, dass du da bist - und es ehrlich mit mir meinst.

Er trank zwei Flaschen Sekt, dann Rum - und blieb mit ihr zwei Tage im Bett. - Die Körperverletzung an den an ihrem Tod schuldigen Ärzten, sein Verhalten auf dem Polizeirevier, er schlug bei seiner Festnahme drei Beamte zusammen, brachte genug Druckmittel der Staatsanwaltschaft gegen ihn. Fazit: Er sollte seine ehemaligen Kumpane der Motorradgang ’UnderCover’ ausspionieren. Drogen, Waffen, Huren, Raub, Totschlag. Wer mit wem. Eben das volle Programm; du weißt schon.

„Aber nur wenn ihr gegen die Mörderärzte ermittelt -, ich will die Schweine bestraft sehen!“
„Sie haben mein Wort“, sagte der von der Kripo.
„Wenn nicht“ drohte er, „bist du tot, und der Staatsanwalt gleich mit!“
„Haben Sie nicht ein so großes Maul“, sagte der, „sonst sperren wir Sie gleich in den Knast!“

Ein scheiß Anfang, sagte er ihr.
Ein Anfang ist auch eine Chance, also mach! sagte sie.

Es ist Sekundensache, jemanden zu töten. - Du schießt, triffst, und es setzt ein ganz realer Tod ein, wenn du gut genug getroffen hast. Ein angekündigter Tod. Denn das Opfer hat ihn gewusst - und provoziert. Wie das Wetter dabei ist, spielt keine Rolle. Nur einsam ist man. Wie nach Knoblauch essen, während in einem selber angespannte Ruhe herrschte. Heute hat er daneben geschossen. Das erste Mal. Nun, es wird seine Statistik durcheinander bringen. Seinen Status bei den Auftraggebern. Seinen Preis nach unten ... Doch es ging nicht anders, denn er hatte sich mitten im Schuss in sein Opfer verguckt; riss deswegen die Knarre nach rechts, traf einen Mann, statt der Frau. - Der Kerl rannte schreiend davon. Die Frau, eher ein Mädchen, blieb stehen. Blutspritzer im Gesicht.
Bevor er zu ihr lief, lies er das Gewehr fallen, steckte die Pistole ein - und zog sich die Skimaske vom Kopf. Sie sollte sich nicht noch mehr erschrecken. Er ahnte nicht, dass die Frau, jenes Mädchen, diese Verzauberung, selber eine Waffe hatte. - Es war Mittwoch. Und eigentlich hatte er Mittwochs noch mehr Glück als sonst schon. Deshalb ging er jeden Mittwoch ins Kasino. Spielte Roulett. Zero.

Als er näher kam, drehte sie sich langsam Richtung Pampa, richtet die versteckt gehaltene Walther gegen ihn - und schoss. - Wie geübt durchraste er Teiche, Wiesen und Wälder, ignorierte den Tod; rollte über die linke Schulter ab.
Als er später ihre Wohnung durchsuchte, fand er jede Menge Hinweise darauf, dass sie schon lange einen Krieg mit dem Leben führte, den sie nicht nur auf ihn übertragen hatte. Auch deshalb: Alles auf Zero. Immer wieder.

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Hi Kid, hier kannst du das allerneueste PC Spiel herunterladen, oder gleich krepieren. Denn, wer einen Krieg überleben will muss töten - oder er wird getötet. - Wenn du zart besaitet ist, geht’s danach zum Seelenklempner. - Eine Minute für Mann oder Frau, fünf Minuten für Kinder, sollte man denen beim Sterben in die Augen gesehen haben. - Ich habe aber kein schlechtes Gewissen, oder so was. Ich gehe danach in eine Bar, was trinken, denn ich habe meinen Job gemacht, Krieg geführt. Einen Auftrag ausgeführt. Mir kamen Leute in die Quere, ich habe sie weggemacht. Nichts weiter. ... was heißt schon: Zivilisten?
Zivilistenärsche sind verfallene Gemälde. Gespenster. Die drücken sich vor den Nahrungsmittelhilfen im Schatten der Kneipen herum, und wenn du näher kommst sprengen sie sich in die Luft. Und dich gleich mit. Sind sie dann tot, oder halb, umschwirren sie dich als kreischende Geister und bieten schlechten Stoff - oder aus Ochsenpisse gebrautes Bier an. Egal, du wirfst den Mist ein, säufst ihn, damit du die Scheiße irgendwie überlebst. Genau wie diese zig Furunkel an Arsch und Geist, den stechende Geruch von Ziegenscheiße, die du da drauf tust. - Was immer haften bleibt ist der süßliche Käsegeruch an deinem Schwanz. Du eliminierst also den Schlamm der Erde, ziehst dir die Haut ab, zerbeißt tausend Würmer, die Sonne auf dem Schädel, den scheiß Menschengeruch in der Seele, - den ekelhaften Gestank verbrannter Hühnerfedern, die Knochenlügen des Witchdoctors, den aufgewirbeltem Staub, wenn du ihre Söhne und Töchter gefickt hast und dich vom Acker machst.
Wenn sie Glück haben, erschießt du sie alle. Denn ihr weiteres Leben wird nur noch Krieg und Schmerz sein, und jeder ist dabei alleine. - Echt, die Kunst des Überlebens ist nichts weiter als Heuchelei. Die wirkliche Wahrheit sind Horrorvideos, machen einsam, und ihre lebenden Leichen liegen verbrannt in den Trümmern die der Krieg macht, der ich bin, und den das Fernsehen täglich zeigt. Also: Follow me, Amigo, und freue dich, denn ich bin ein lebendiges Kriegsspielzeug; ein Geschenk für Ostern, Kindergeburtstag oder Weihnachten!

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„Sie sind Alkoholiker, Mann!“, äußerte sich der Psychologe.
„Eigentlich mehr Asperger!“ will ich dagegenhalten, doch ...

„Gratuliere!“, sagt der selbe Kerl heute, wenn die Sprache auf mich kommt. - Doch die Sprache kommt nicht auf mich, denn es ist alles längst vorbei und abgebüßt. Bis auf die zahlreichen Irrtümer. Zum Beispiel bretterte ich seinerzeit meinen Karren gegen einen Pfeiler im Parkhaus vom KaDeWe als ich mit 3-4 Bierchen (eventuell waren es fünf ...? Ich treffe in dem Schuppen immer eine Haufen Bekannte!) mit Mona im Schlepp von der Feinkostabteilung kam und nach Hause wollte.

Mona wurde bei dem Crash leicht an der Lippe verletzt. Nicht mehr als ein Kratzer. Eigentlich. Doch auch ihr ärmelloses hellblaues Kleid mit den gelben Punkten (ihr ’sogenanntes’ Lieblingskleid von hunderten ...) hatte es erwischt. Denn Blut geht nie so ganz raus, kreischte sie. - Vor allen Dingen nicht das von meiner gebrochenen Nase ... Schon klar.
„Es waren mindestens fünf Bier, Herr Richter ... und ...!“, beschwor Mona später vor Gericht, - mit Finger hoch.
„Und ... was?“
„Schnaps, - diverse Kirschwasser!“

Vor dem Gerichtsgebäude küsste sie einen dort wartenden Mann voll auf den Mund. Und wie aus innerem Verlangen musste ich der Knutscherei bis zum Ende zusehen, - dachte dabei: Ey, vielleicht hat der einen größeren Schwanz, einen kleineren, dickeren, längeren, kann länger bumsen, lecken - oder ist voll schwul? Gut, das sagt eigentlich alles - und auch nichts über mich. Und das war zudem weit nachdem sie sich von mir getrennt hatte.
... getrennt hatte? Scheiße, die war einfach so abgehauen, als ich auf ein Bier friedlich in der Kneipe saß!: Hund, Klamotten, Möbel, Geschirr, Bankkonto - alles weg, abgeräumt! Und ich glaubte immer, ich wäre einer, der die Frauen verstehen würde ... Aber warum die wirklich die Fliege gemacht hatte, darüber grübele ich heute noch nach, - stürzte mit ihrem Bild im Kopf und meinen Erinnerungen an unsere Liebe in meiner Stammkneipe mit Bier an Kirschwasser immer wieder aufs Neue heftig ab. Ja - sicher, es war genau die Zeit dafür, redet ich mir ein ...

„Ich habe sie echt gemocht, Herr Vorsitzender!“, log ich, „und seitdem sie weg ist, fühle ich diese kolossale Leere in meinem Herzen!“ Doch was heißt schon ’Leere’ und was weiß das Arschloch von Richter davon; - es ist eher eine Art von Trauer, die darin mehr zu Hause als ich es je war ...
„Sie leiden an Depressionen und sollten ...!“, sagte der Anstaltspsychologe. - Ey, der nun wieder ... auch son Arschloch; die stecken doch alle unter einer Decke ...! Aber nicht nur dass, - und es kam noch besser, denn natürlich ist auch meine Pappe seit dem weg und eine Freundschaft ging in die Brüche weil ich Brühkopf dessen Alte gef... habe; aber ja doch, auch dabei war ich hacke dicht, sonst hätte ich ihm nie den Ausrutscher mit seiner Frau gestanden.
„Wissen Sie, es war wirklich nur eine einzige Nummer, und passierte in einem Hausflur gegenüber vom Rialto Kino als wir zwei beschwippst waren ... Glauben Sie mir bitte, die Frau von dem ist sonst viel zu verklemmt um einfach so in einem Hausflur mit jemandem zu f..., es muss also am Film gelegen haben (... kennst du bestimmt: ’Achteinhalb Wochen’, eine Erotikschnulze, zu der ausgerechnet ihr Macker uns die Karten besorgt hatte, weil er mit Kumpels saufen spielen wollte ...). Es wird also definitiv an diesem scheiß Film gelegen haben, dass sie spitz wie Lumpi wurde und von mir verlangte: ’Komm, besorg es mir von hinten, im Stehen, das hatte ich noch nie ...!’ Und danach war sowieso alles irgendwie nur noch blöde!“

Und auch dem Typen war vieles egal. - Nein, dass ich mit seiner Frau f... natürlich nicht, - denn der schwärzte mich wegen Saufen und Fahren bei der Polizei an. Prompt war die Pappe weg, die ich überhaupt nicht hatte.
Doch wie das so ist, hat man erst Mal was an der Backe, kann es brenzlig werden - und der Knast hat einen in echt. Und so kam das mit Yamal, einem Kinderschänder, der sechs Jahre abzusitzen hatte und bei einer Prügelei mit mir unglücklich auf den Kopf fiel und ums Leben kam. Und der Fall von der Presse wegen Drohungen von Blutrache und so groß aufgebauscht wurde. - Was soll ich dazu abschließend sagen als das, dass ab da der Rest Knast zur Bewährung ausgesetzt wurde, - ich eine andere Identität und so weiter erhielt. - Hallelujah, Baby! Und das vor dem Knasttor die geile Alte von dem Typen mit Kinokarten wartete ... Ich sage aber nicht welcher Film, bestimmt nicht; ich will da keinen von euch Tunten sehen!

100
Kurz vor seinem Tod erzählte er mir, er habe im Quiz gewonnen und nun die Qual der Wahl zwischen einer gebrauchten deutschen Kinder- High- Tech- Prothese und einer russischen MP ohne Schaft, - die aber mit Munition satt. Und, das beides von Kapitalisten aus den USA gespendet worden sei.
Mancher seiner Kumpeln, sinnierte er weiter, hätten ja eher die High- Tech- Prothese genommen und gegen ihr altes Holzbein getauscht, - und echt, kam er im Nachhinein noch sichtbar ins Grübeln, darüber habe auch ich lange nachgedacht; letztlich entschied ich mich aber doch für die win/win Situation, denn ich will raus aus dem Gräuel und wenn es sein muss, auch nur auf einem Bein. - Den fehlenden Arm, übrigens, als innere Stimme ersetzt mir ab nun ja die russische MP. Und meine Augen sind schon ewig die von Al Shababa. Beide Ohren gehören dem Radiosenders Garowei und meinen Willen stärkt mein Glaube, in dessen Vertretung Sheik Mohammed Bnaden von den lone wolfes.

Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich im Quiz nur den zweiten Preis gewonnen habe. Der erste Preis, mit all den Jungfrauen im Gefolge, steht meinem Bruder zu. Und der befindet sich, getarnt als Kamel, als Selbstmordattentäter vor dem Haupteingang des KaDeWe in Berlin und sammelt dort pro forma für die Bewegung Animal Help Afrika.

Unglaublich, simste der, was die idiotischen deutschen Leute wegen der Tiere für Geld raus tun ..., da könnte man glatt ins Tierheim flüchten; dass sein Weg durch den Gewinn aber in verständlicher Weise vorbestimmt sei ... Was ich voll verstehen kann. Schließlich hat ein Mann zu tun, was eines Wolfes würdig ist.

„Allahu akbar, predigte der Muezzin Sheik Koran Mufti vom heiligen Turm, das Attentat wird wieder ein großer Erfolg unseres Kampfes gegen die Ungläubigen sein. Wir versammeln uns deswegen heute pünktlich um Punkt 19 Uhr in Uniform auf dem Aufmarschplatz. Und noch etwas: Sollte jemand von euch zur Erlöserfeier zu spät kommen, erwartet ihn nach der sofort vollzogenen Steinigung lebenslängliches Quizverbot; aber das wisst ihr ja!“

Allerdings passierte dann die Sache mit dem schwarzen Kleinwagen am Wittenbergplatz, direkt vor dem KaDeWe an der roten Ampel und killte somit alle Pläne. Denn am Steuer des Kleinwagens saß eine junge Frau, die der verkleidete Bruder war, die gerade den Gang eingelegt hatte um Richtung Bahnhof Zoo zu fahren um dort das Kamelkostüm in einem Schließfach zu parken, als ein Jeep neben ihrem Wagen stoppte; und dann knallte es minutenlang wie irre und sie war tot. - Polizisten fanden später rund um die Ampel an die 30 Patronenhülsen.

Die einen sagten was von Streit unter Drogendealern. - Yamal erzählte vom israelischen Mossad. Von Juden, Opfern und heldenhaften Taliban- Muslimen. Und, dass das mit seinem Bruder Zufall gewesen sei.

Ich denke, es ist eine (andauernde) Fördermaßnahme im Bezug auf die Berufsausbildung heutiger Jugendlicher; so was wie ein von den Grünen beschlossener Integrationsbaustein ... Oder eben ein anderer Feind im Inneren. Doch so oder so, alle Theorie sieht nur auf dem Papier gut aus. Und letztlich ist es ja auch egal; denn mir passierte dann ja die Geschichte mit Yamal. Folge: Ich kam ins Zeugenschutzprogramm und nannte mich ab da Jimmi. Der Rest ist Aufgabe von Polizei, Armee, Rot- Kreuz und Bestatter. Doch auch das stand ja bis zum Abwinken schon in allen Zeitungen.

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Manche Dinge muss man vor allen anderen Dingen tun. Nämlich sich das Gefühl zu verschaffen, über einen anderen total verfügen zu können; dazu kommt dann das Wissen über die Ohnmacht des Anderen ... Schon weil es sonst nicht viel Greifbares gibt, - auch wenn man total kooperiert. Jedenfalls so tut als ob.
„Der Beschuldigte ist psychisch gesund und auch sonst eine Normalperson!“
Trotzdem möchte er schon noch einiges dazu sagen wie zum Beispiel ...; oder ist es doch besser einfach nur zu lächeln, - zumindest ein wenig?
„ ...hochbegabt!“
Nein, lieber direkt Gewalt anwenden. Damit kommt am weitesten. Und wer ist schon hilfloser als ein sechs jähriges Kind? Klar doch, ein fünfjähriges ...
„ ... mit einem Intelligenzquotienten von 138 ...!“
Ein liebvoller Vater zu sein ist das eine. Pädophil sein das andere. Bei anderen mögen die Dinge anders herum liegen. Doch hier nicht. Nicht mit mir. Da ist Ende Gelände.
„Der Angeklagte passt ins Schema des sadistischen Täters, der quält, um seine Macht zu beweisen ...“
Wie bei Marco, einem fröhlichen Jungen, der an jenem Abend nahe seines Elternhaus Rollschuh lief. Der die ganze Zeit über stumm blieb, die er im Freien lag. Bis ein Jäger ihn fand.
„ ... der sich ganz erheblich gewehrt hat!“
Bleib trotzdem ein freundlicher Mensch, denn die müssen dir das Gegenteil beweisen. - Von wegen beruflichem Frust. Stress. Kränkungen in der Kindheit. Die zwei Ichs; zwei Personen. Was hört man sich hier nicht alles an.
„Willensstärkere Menschen hätten dem widerstehen können!“
So, dazu gibt es nicht mal mehr ein Lächeln ... Nein, nicht mal mehr das; schnell zur Ablenkung mit der Zunge an der Plombe pulen. Am Amalgam lutschen. Bis Blut kommt. Und Phantasien. Aggressionen.
„Lebenslänglich heißt nicht Entlassung nach 15 Jahren!“
Die nervenden Fragen, was bei der Tat in ihm vor sich ging. Ob dies, das oder jenes geschah. Etwas, was nie bewiesen werden kann.
„Wenn es offen bleibt, was die Ursache war, dann wird eine lange Haft nichts daran ändern.“
Von wegen Therapie als letzte Möglichkeit. Nein, weder jetzt noch später. Und ob er doch noch etwas sagen möchte, fragte der Richter.
Was denn sagen? Die Sache ist doch längst entschieden ... und ich momentan nicht lieferbar. Auch nicht im Wege der einstweiligen Verfügung einer Dringlichkeit wegen - und ohne mündliche Verhandlung vor Gott schon überhaupt nicht.
„Warum erzählt er diese Geschichte erst jetzt; was hat er in der Zwischenzeit gemacht; und was hat die Zeit mit ihm gemacht?“
Was, wie? Es wurde gerichtlich verboten meine Filme, Fotos und Tagebücher zu veröffentlichen, - zu verbreiten und zu tauschen soweit und solange im Text die Ausführung von Sex mit Kindern dargestellt wird?!
Na gut, bis zur Klärung aller Fragen wird der Anordnung des Gerichts folge geleistet. Aber ich verspreche, es geht weiter! Und das nächste Kind könnte deins sein ... und damit war es das dann für heute aber auch.

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Als er sich aufrappelt, um dann auf einer der bunt besprayten Plastikbänke zu sitzen, ist die Polizei schon mit Blaulicht zu ihm unterwegs. Gut, es sind eventuell nur zwei Sekunden vergangen - oder ein Jahrzehnt, doch er hört die nahende Meute der Bullen, sieht das Blaulicht, setzt sich den Revolver an den Kopf und drückt ab. Und eventuell ist er zufrieden in diesem Moment, doch er wird es nie erfahren, denn er wird wach, als ihn jemand kräftig rüttelt, so dass er mit dem Schädel an etwas Hartes stößt.
„Pass doch auf ..., ey!“ - Mein Gott, diese verrückten Geschehen kommen von der Schlaflosigkeit, denkt er, durch die Tabletten, die machen mich auf Dauer echt irre; geht zum Kühlschrank und schenkt sich nach.

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Vor ihm steht ein Mann in einem Anzug aus Metall, grauen Haaren, Grinsen, das die Lippen verzieht wie Rick im Nachtclub Rick's Café Américain Treffpunkt, der den Klavierspieler auffordert ’As Time Goes By’ zu spielen, - hält eine Patrone zwischen Daumen und Zeigefinger und sagt: „Ist schon gut, Junge!“, streicht ihm über das Haar, „ich werde mich darum kümmern!“
Und erst da fallen ihm die vielen Kreidestriche und Kringel auf, die ocker Farbe, wohl Blut, wie aus zerplatzten Farbbeuteln gemischt. Der schief an der Hauswand lehnende riesige Lorbeerkranz, - einem siegreichen Boxer würdig. Dicht daneben ein Dutzend oder mehr Baccara Rosen.

„Ein Onkel von mir“, kommt Mona um die Ecke, hält einen Korb in der Armbeuge, „ist gestern genau hier erschossen worden!“
„Curt, der Schauspieler?“, fragt er, „der aus der Soap ’Sauzeiten’?“
„Ja, genau der!“
„Wie alt war der denn?“
„Fünfunddreißig“, antwortet Mona, „ich sollte ihn mal heiraten ...“ und verzieht dabei ihren Mund zu einer Grimasse, als würde ein Albtraum sie zurückzuholen; wie das Licht in einer Eishalle, so kühl und eigentümlich unberührt wirkt sie in dem Moment; doch auch anders. Und er deshalb gezwungener Maßen nach einer Wirklichkeit sucht, die ihm diesen bösen Traum auflöst, - denn sie wollen ja ’schön’ picknicken, wie im Film, wo Frauen mit Körben im Arm die Szene betreten, und glücklich sind, - wovon er schon oft im Kinosessel träumte ... Doch hier ist es die Wahrheit. Kein Kino.
„Lass die Gespenster von gestern“, bittet er sie deshalb.
„Hast Recht, Jimmi!“, blüht ihr Lächeln wieder auf, „hast ja so Recht!“
„Eins noch, war der Mann von eben dein Vater?“
„Ja, dass war der Boss von allen!“
„Von allen - oder von allem?“
„Beidem. Es kommt auf die Perspektive an.“
Damit sind seine Gedanken erneut Treibgut. Und ihre scheinbar auch, denn sie lächeln sich beide wie aus einer unendlichen Ferne an. Sehen nicht aus wie frisch verliebt, oder wie man sich das vorstellt.
„Sag mal, kannst du denn einfach so weg?“
„Ist nicht viel los, da habe ich mir frei genommen.“
„Und wohin willst du mit mir?“, fragt er und deutet auf den Korb.
„Jungfernheidepark“, scherzt sie, „da sind wir richtig!“
Er wird wegen des Namen rot im Gesicht, fühlt so was wie Scham, und weiß nicht warum.
„Mir ist es egal“, sagt er deshalb schnell, „ich fahre mit dir überall hin!“
„Ich habe auch Vertrauen zu dir“, sagt sie.
„Das ist schön!“ Und dann gibt er ihr einen Kuss. Einen ganz kleinen, zarten, weichen - auf die Wange.
„Vorschlag: Wir fahren bis Herrmannplatz, und dann mit der U7 bis Charlottenburg, Okay?“
„Du hast den Fahrplan im Kopf, Jimmi, was?“
„Ja“, sagt er, „ich fahre oft U-Bahn.“
„Und wohin?“
„Nur so ...“
„Einfach nur so?“
„Ja!“
„Schön -, ich komme dann das nächste Mal mit!?“
„Mal sehen ...“
Er nimmt ihr den Korb ab, und versucht, beim Gehen nicht zu hinken.
„Wenn du nicht kannst, nehme ich ihn“, sagt sie.
„Geht schon.“ Und es ist ihm irgendwie was peinlich. Dann stehen sie auf dem Bahnsteig. Und er fühlt diese Unruhe wiederholt, - denkt an den Unfallchirurgen. Hört dessen Worte: es wird schon wieder! Ja, es wird: aber was?
„Hast du auch Wasser dabei?“
„Ja, habe ich.“
„Ich muss ein Aspirin nehmen, habe Schmerzen.“
Sie gibt ihm die Flasche.
Er murmelte ein kaum hörbares „danke“, trinkt. Schluckt dazu das Schmerzmittel, das eben nicht Aspirin ist, - schüttelt sich bei der Einnahme des Medikamentes. Und es kommt ihm vor, als seien dabei alle Blicke der Umgebung auf ihn gerichtet in diesem schlimmen Moment, der aber doch auch ein wunderbarer ist, denn ihr Blick ist auch darunter. Und mit diesem angenehmen Gefühl greift er sie am Arm, und sie steigen in den wartenden Zug.
„Wir können vorne stehen bleiben, sind nur zwei Stationen“, sagt er, und klemmt den Korb zwischen seinen Füßen ein.
„Ich weiß“, sagt sie, drängt sich an ihn, legt ihre Arme um seinen Hals als sich der Zug ruckend in Bewegung setzt.
„Hast du Angst, dass uns jemand den Korb klaut?“
„Nein, warum?“
„Du bist nicht locker.“
„Eigentlich schon.“
„Und uneigentlich?“ - Uneigentlich steht er mit dem Rücken zur Tür und sieht in der Scheibe gegenüber sein Gesicht - und die unbekannten Gestalten dahinter. Nur sie sieht er nicht ...

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Berlin, das niemals schläft. Das sich Rad an Rad, Welle um Welle an ihm versucht. Ihn wie mit einem Riesenpendel erschlägt, bis die einfachen Dinge verschwinden. Rache, zum Beispiel, - als er beginnt eine SM zu tippen die nicht mehr enthält als ’ich liebe dich!’ und damit alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Ausrufezeichen. Und wie auf eine automatische versendete Bestellung kommt die Antwort: ’Ich dich auch’ - Achtungszeichen. Und ein Smiley, - als Hoffnung? - All das in vollem Rund. Sattem Gelb. Wie Ecstasy, das ein Hier sein zerbricht, wie es seine Art ist.
„Danke -, aber lass mal stecken“, antwortet er auf das Angebot des Blinden nach Dope, „es geht auch ohne Stoff!“
„Bei mir nicht“, sagt der, klopft Takte von Uriah Heeps free me: ‘why should I worry, that you might not love me ...’
„Ich habe ja auch noch ein Auge!”
„Deswegen bist du auch so schrecklich positiv, Alter. Ich fürchtete schon, du hättest zwei ...!“ Redet der Blinde weiter. Sätze wie Wasser, die aus dem Land ins Meer fließen. Und alles im Kreis, wie dessen Figur. Mit schwarzen Fingernägeln und einem irgendwo in seinem korpulenten Leib verstecktem Lachen, - das ihm ab und zu auf die Beine schlägt. In einem Zucken im ‘Rhytm and Blues’ von Ray Charles, Sam Cook, Steve Wonder, Marvin Gaye, von James Brown, mit ’I Got You’, It's A Man's World’ - oder ’Cold Sweat’: ‘you hold me tight, make everything all right, I break out in a cold sweat - heh!’, sitzt der dann da. Und das alles ist ein Treffen in Frage und Antwort, in Gemeinsamkeit, das die Nasenflügel vibrieren lässt: ’I got you - in a mans world, brother!’
’Westhafen’, röhrt es aus dem Zuglautsprecher da hinein.
„Ich muss dann mal“, verabschiedet sich der Blinde, „mal sehen, was der Tag so bringt.“
„Ja, halt die Augen offen, Mann, - und bis bald mal wieder ...“

Auf dem Bahnsteig klemmt der Typ sich den Stock unter die Achsel, schiebt die Sonnenbrille ins Haar, zieht die Binde vom Arm, schlingt sich die um den Kopf, sieht dazu in die Scheibe - um die drei Punkte auf der Binde akkurat nach vorne zu platzieren, und taktet seinem Handy dann eine SM ’im Blues Brother Rhythmus’ ein. Als der Zug anruckt winkt er sein Logo ’take it easy, brother!’ Richtung Jimmi, der ungläubig zu ihm hin sieht, bis der Glutpunkt von dessen Zigarette mit Bahnhof und Dunkelheit eins werden.

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Zurück auf der Straße, hat er in Minute 55 sein Comeback im fetten Leben. Kickt an die 40 MB Software über die Straße, schleudert eine Flasche gegen die Wand einer Ruine, während um ihn herum Millionen Handys, Tablets, Notebooks in Social- Media- Kanälen rauschen, es um Drogen, Sex, und die Suche nach Glück geht, - nach Liebe; alles in einem Gerät vereint, Paradies genannt, dem man auf Twitter folgt. Auch hetzen dynamische Backups die Ruhe der Bewegung, - läuft er durch Straßen, between Walls and Windows - Apple ist tot -, die unendliche Freiheit versprechen. Surft er topp die Welle; trifft internationale Junkies, Schwule, Säufer, Huren, Fixer, Obdachlose - wie im Krieg. Ist er weit draußen, sieht kein Land mehr; Game over, Tabledance. Sind einzig andere schräge Vögel seine Coexisten, - Anarchisten wie er, die auf soziale Sicherheit und endlosen Konsum scheißen.
Um seinen Affen zu füttern versetzt er die goldene Armbanduhr, ein Erbstück, für einen Liter Wodka, mit dem er dann über Stunden eine leidenschaftliche Affäre hat, - bis es Stunden später zurück ins Schattenreich geht. Doch auch da stirbt er nicht einfach so, sondern findet sich als Krümel im Tabak seiner alten Haschischpfeife. - Und genau in diesem Zustand der Erkenntnis begegnet ihm Gott - als Penner, in einem von Motten zerfressenen Mantel, dessen Augen voller Glauben und Zuversicht sehen, - der ihn um einen Zug aus der Pfeife anhaut. Manch einer würde jetzt eventuell anfangen zu beten, oder zu schreien. Doch er ist längst wieder unterwegs: ’on the road, body ... sound be silence ...’ und verkündet sein Motto: Nimm, Bruder, nimm mir alles; was ich dann noch habe reicht locker für drei Leben!

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Dass Manager ’Pobreit’ Berlin erobern will, steht schon lang fest; wie seine Idee Genmüll abzuladen, wo bis eben noch das Tacheles stand.
1.000 Liter Freibier gibt es zur Neueröffnung. Und Liveact ’Schwulentreff’ aus der öffentlichen Toilette gegenüber. Dazu ab dem 20 Bier mit Schnaps einen Baseballschläger für den Nachhauseweg. Und das ist auch gut so.
Ab und an steht am Tresen eine nackte Frau neben einem 12ender Hirsch. Der Rest ist Rauputz über Elektrik unter Parkett. Äußerlich. Zumindest Freitags, - mit auf heavy Metall polierter Holvertäfelung. Doch auch da sucht man Jukebox und Marienstatue vergebens. Findet dagegen einen singenden Wirt. Und zum Wochenende legt genau der dann eine blonde DJ mit riesigen Möpsen auf den Teller. Deswegen entfällt der nächtliche Snack mit dem zweiten Auge dazu. Und während des Oktoberfests auf den Münchner Wiesn (Wiesn, die alte Kotzbürste, ich lach mich schlapp) sogar jeden Tag. - Hipp ist der Laden dennoch nicht, schon rein aus gesundheitlichen Gründen. Da geht es nämlich ’sehr’ authentisch zu. Steht jedenfalls auf den Flyern, die in der Kneipe ausliegen. Darauf auch die Preise für Bier (ein Fass Helles ab 219,20 Euro, zahlbar an der Portokasse). Schnaps, Rum und Whiskey. Wer einen der Mitarbeiter ficken will, sollte ’aber bitte’ vorher anfragen. Verändert hat sich also wenig. Zumindest nicht äußerlich. Alles vermüllt, zerschlagen, beschmiert und mit rostigen Dellen wie auf den Fotos vom Mars. Alles im Raffer und als würde man sich selber zum allerersten Mal entdecken ohne den Zauber der eigenen Zeugung im Ausschnitt von Zeit noch einmal zu spüren. Nun gut, jeder der will oder nicht wird trotzdem voll getroffen und kann sich, wenn er Glück hat, in einem schwarz lackierten Spiegel sehen. Einen roten Stern im grauen Asphalt mit goldenem Namenszug. Der dort für immer aufbewahrt und nicht weniger wert ist als der Urknall allen Daseins im Genmüllprozess. Genau wie er es, der große Bringer ’Pobreit’, als der kolossalste aller Vorstandsvorsitzen will; der mich eben ganz lieb fragt: „Sorry, kann ich mal bitte durch?“

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All das ist Jimmi kaum zumutbar. Ist Unruhe. Wie auch die Lippen von Mona, die sich langsam öffnen, als sie auf einer Decke im Jungfernheidepark liegen, und sich das erste Mal zu lieben versuchen. - Doch dann ist es nicht Ravels Bolero in achtzehn Variationen, wie erwartet, warum eigentlich erwartet?, sondern Astor Piazzolla, mit einem Tango Nuevo. Und ab da ist es Tango, - Bandoneon. Immer nur Tango, - Bandoneon ... Tango der Piazzolas, Cardells, Vardaros in Tausend Variationen der Wahrheit. Musik aus den Bordellen und Kabaretts von Buenos Aires, aus aller Welt Unterwelt der Liebe, dem trunkenen Begehren ... Verrucht und leidenschaftlich, wie auch immer. Gepaart und geboren aus der Lust zum Leben, der Herkunft von Blut, Schweiß und Tränen, Violine, Gitarre, Klavier, Bass und Bandoneon.
Als sie bei Anbruch der Dunkelheit Arm in Arm den Park verlassen, schenken sie die Reste mit Korb einem, der sich gerade, aber eigentlich viel zu früh, auf einer Parkbank für die Nacht einrichtet.
„Danke!“, sagt der.
„Gerne“, sagt Mona und ist fröhlich und lacht.
„Danke, den Herrschaften, - vielen herzlichen Dank!“, freut sich der wegen der halbvollen Flasche Wein überschwänglich und lacht wie irre, klappert mit den Zähnen, dass es durch den Park hallt wie einst Säbelrasseln.
„Eine gute Tat“, amüsiert sich Jimmi.
„Immerhin ..., aber das war doch wohl nicht alles?“
„Natürlich nicht!“ - Denn es bleiben ihm die zwei in ein Tempotuch eingewickelten Präservative, über die er voller Schreck denkt, dass die sich kurz über lang in seiner Hosentasche auflösen werden, und dann ...
Doch nun sind sie erst Mal am U-Bahnhof Kottbusser Tor.

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Enge Stäbe. Diagonal. Horizontal. Die wachsen zu monumentalen Balken. Täuschen ihn, wenn er liegt, sitzt, liest, wachend träumt, halb schläft. Die gaukeln ihm vor, er läge im Sarg. Zudem irritieren ihn diffuse Schatten. Brennen seine Augen. Wird das Sehen schlechter. Ist das Blitzen in den Augenwinkeln zu beklagen. Fliegen Raben im Bogen um ihn, die grässlich kreischen. Wünscht er, taub zu sein. Entlädt sich die Vergangenheit. Kein Wunder. Zweiundzwanzig Stunden am Tag in einer winzigen Zelle, da passiert eine Menge an Sterben.
Zweiundzwanzig Stunden. Sitzt er. Oder liegt einfach so da. Blickt schräg nach oben. Zu dem winzigen Fenster, um den Himmel zu entdecken. Nein. Es ist kein anderer Blickwinkel nach draußen möglich, als der schräg hoch. Sind nämlich überall Gitter. Egal von wo. Ob aus gekrümmter Position, vom Tisch. Auf verbrauchter Matratze. Vom säuischen Klobecken aus, dem wackeligen Stuhl, morschen Schrank, vom dreibeinigen Schemel. Und nur zwei Stunden täglich kann er auf den Hof. Blickt dann von draußen auf das Elend. Auf hohe Mauern, mit einem Schlitz im Himmel. In Blau. Wenn er Glück hat. Doch wer hat schon Glück ... Auch deswegen hat er das Spiel erfunden. Suizid. Und zurück. Aufhängen. Und abschneiden. Pulsadern. Schnitt. Und zunähen. Plastiktüte. Über den Kopf. Tief einatmen. - Doch nie lassen die einen in Ruhe. Nie ...! Doch es wird. Noch. Schon. Sicher? Klar, Mann!

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Großstadttristesse. Anonymität. Sachlich. Kühl. Hier Einsamkeit im realistischen Leben. Auf jeden Fall (technischer) Fortschritt mit Sogwirkung. PC. Facebook. TV. Blueberry. Tatort. Für Jimmi immer ein Konflikt zwischen Wildnis und Zivilisation, bezogen auf seine ins surreale kippende Erwartungshaltung. Als Asperger. Nachtschwärmer. Eben ...
So oberflächlich denkt er, könnte man sagen. Sagt aber keiner. Ist ja auch keiner da. Nur das einsame Haus am Bahnübergang mit Gleisen ins Irgendwo. Wo das Käuzchen krächzt. Fast wie im Heimatfilm. Auch der Wald. Geruch von Tannen. Fichten, Kiefern. Birken. Kaum Eichen. Einige Wildblumen. Gras. Klee mit Tau. Dampfende Pflastersteine. Darüber ein Auto. Das liegt auf dem Dach. Mit noch drehendem Rad; eigentlich drehen sich zwei Räder. Das vorne rechts. Hinten links. Doch das hinten links nur lustlos. Das rechts wie rasend, als säße ein Hamster darin. Scheiße, - und Samstag boxt Klitschko. Der ältere. - Nein. Hat er sowieso kein Interesse daran; immer nur den Jab raus. Die Linke hängen lassen. Auf steifen Beinen durch den Ring. Schieben und rangeln wie Bären. Genau wie der junge Klitschko. Ist doch kein boxen, - so was. Und dann das warten, bis Klitschko trifft, der Gegner fällt. Die scheiß Werbung zwischendurch. Dann lieber gleich auf eine kahle Hauswand glotzen. Oder in den Wald. Ohne Ziel und Fensterscheibe. Um 7 Uhr und ... morgens. Auf dem Weg ins Studio Babelsberg. - Viele denken, Schauspieler sein ist geil. Ist es nicht. Man kann kaum von leben. Mit oder ohne Werbefilme. Da bleibt nichts - und das Dasein ist ein langwieriger Vorgang. Eine Aufgabe! Und für jeden neuen Tag muss man sich einen abringen. Positive Gefühle, - Jimmi! Hörst du, Junge? Da musst du durch! Also atme gefälligst ... in die selbst inszenierten Momentaufnahmen. Sonst versinkt du in Einsamkeiten; ist man im Arsch, - was denkst du denn! Mal hier ein paar Gläser. Dort eine Flasche. Mal eine Nase. Mal H. Einen Joint. Mandrax. Eine Frau. Oder zwei. Einen Kerl. Und hinterher weiß man überhaupt nicht mehr was passiert ist. Nichts über Gefühle, oder so. Nichts spiegelt sich mehr. - Französisch (auch total), Girlfriend Sex, Griechisch, Gesichts- und Körperbesamung, Russisch, Bi- Spiele, Spanisch, Massagen aller Art, Englisch, 69, Schwedisch, Zärtlichkeiten, NS, Zungenküsse, Fußerotik, Menage a´trois. Täglich ab 18 Uhr. Montags Ruhetag! Steht auf einem Schild am Haus. - Poor lonesom Cowboy; es ist an die 7:30. Und Montag. Trotzdem. Jimmi freut sich auf Samstag. Auf Puff. So kann er Klitschko entkommen. Der dämlichen Werbung. Seiner geschrotteten Karre, - denn auch bei der dreht sich längst kein Rad mehr.

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Wenn ein Arschloch sein Arschloch aufreißt kommt Scheiße raus, - was sonst; - was sonst. Und die Zeiten ändern sich nicht. Nur eins bleibt: das Bessere ist der Feind des Guten. Und dazu habe ich ihn am Hals. Es ist der dritte von Rechts - und drücke zu, denn meine Party steht unter dem Motto: Zahle, oder du bist tot! - „Was kann dein Auftraggeber also mehr für sein Geld erwarten? - Na sein Geld, du Idiot! ... Was soll er denn mit einem toten Schuldner?“
Echt, mir gehen solche Stümper auf den Sack ... denn seit Tagen versuche ich den herbeigeeilten fünf Harz 4 Typen beizubringen wie man richtig Geld eintreibt, doch die begreifen es einfach nicht. Schnallen nichts. Doch nun ist Ende. Habe ich die Faxen dicke. Ist Aus. Vorbei. Fini. Jedenfalls für mich; - schicke deshalb die Typen nach Hause. Was bleibt, ist meine Suche nach Intelligenz - und wenn ich mir die aus den Fingern saugen muss, - deshalb ist nur noch sie übrig, das Fräulein Maxime. Die lade ich zum Essen ein, - meine aber mit essen Trinken; mit Open End.
„Sie haben es schon gemerkt, Herr Professor?“ fragt sie, kaum das wir sitzen.
„Was denn?“
„Von meiner Krankheit!“
„Keine Spur“, muss ich zugeben. Und bedaure sofort, mich mit ihr in die dunkelste Ecke der Bar zurückgezogen zu haben, - man weiß ja nie.
„Wollen Sie wissen, was ich habe?“
„Wenn es Sie erleichtert darüber zu reden.“
„Das tut es. Vor allem wenn ich was getrunken habe.“
„Wir haben doch gerade mal den ersten!“
„Ich hatte schon vorher“, gesteht sie errötend, „bei meiner Freundin.“
Ja, ich weiß, du kleine Schlampe möchte ich ihr am liebsten sagen. Und dass ich auch weiß, dass dir Patrick den Hintern mit Heidsick ausgespült hat und die Schampusperlen aus der Ritze lutschte ...
„Nun sagen Sie schon“, ermuntere ich sie, „so schlimm kann es nicht sein“, ziehe mir Schuh und Socke aus und schiebe ihr unter dem Tisch meinen nackten Fuß zwischen die Oberschenkel, den großen Zeh abgespreizt.
„Genau das ist es, Herr Professor“, macht sie auf begeistert, „ich stehe auf lange, dicke Zehen!“ - Und Schwänze, setze ich hinzu.
„Ja, ich habe gleich gemerkt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt!“
„Ach, deswegen haben Sie mich neulich auch wie ein rohes Ei behandelt?“ flirtet Sie mich an.
„Ja - ja“, gebe ich zu.
„Und was ist mit Ihnen“, fragt sie.
„Abgeschwächter Borderliner!“ antworte ich, „von der französischen Linie. Über meine Familie infiziert.“
„Da haben Sie es bestimmt auch nicht leicht, was?“
„Nun ja, es bestimmt vor Allem wesentlich meine Sexualität ...“
„Wesentlich?“
„Ja!“
„Wie äußert sich das?“ wenn ich fragen darf.
„Bei Schüben nach links werde ich furchtbar geil ...“
„Und - sind Sie jetzt links?“
„Bin ich!“
„Und was passiert rechts?“
„Dann bilde ich mir ein wer zu sein, der ich sonst nicht bin - und vergewaltige und ermorde Frauen.“
„Das klingt aufregend!“
„Das ist es auch.“
„Aber wie können Sie links und rechts trennen, schließlich ist ein sexueller Akt auch immer ein wenig eine Vergewaltigung?“
„Das stimmt. Doch leider gibt es dafür bisher keine befriedigende Antwort.“
„Wollen wir die Antwort gemeinsam suchen?“
„Aber klar, fangen wir mit meinem Zeh an!“
„Gut ich schiebe ihn mir jetzt bis zum Anschlag rein und wir werden sehen, was passiert ...“

111
Geld. Macht. Geil! Weiß ich doch ... und dass Religion Körperverletzung ist, wo auch immer.
„Bist du Jude?“
„Nein!“
Moslem?“
„Nein!“
„Du bist aber beschnitten!“ Da standen wir nackt auf der weltberühmten Seebrücke von Ahlbeck auf Usedom, - sie hinter mir mit ihren spitzen Knubbeltitten und wie immer schaumig feucht im Schritt, aber völlig ungeschützt von Seitenwinden.
„Ja, ich bin beschnitten! Aber nicht aus religiösen Gründen!“
„Sondern?“
„Aus medizinischen!“
„Nun mach -, erzähl schon! Mir fallen bei der Kälte die Finger ab ...“
„Also gut: Ich habe mir im vorigen Jahr einen Penis transplantieren lassen.“
„Was? Dieses samtweiche, geile Fell in meiner Hand ist ein Kunstteil?“
„Nein - nein, das ist ein echter. Bloß nicht mein eigner ... beziehungsweise ist der jetzt schon mein eigener - und jeder der 25,76 cm teuer bezahlt.“
„Mann - ist das aufregend“, sagt sie und erhöht die Schlagzahl während ich beim Blick auf den Strand sehe, wie ein Mensch mit Kapuze über dem Kopf unsere Sachen aufklaubt und davon rennt.
„Wo hast du den denn machen lassen?“
„Rio“, sage ich, „Copacabana ... von einem jungen Carioca ...“
„Einfach so?“
„Einfach nicht!“ Sage ich. „Man muss schon Beziehungen zur eskadron de muerte haben!“
„ ... und der Junge hat jetzt deinen kleinen ...?“
„Ja - und ein Haufen Geld dazu.“
„Das ist ja alles so aufregend, Jimmi ...“ stöhnt sie, als es mir im hohen Bogen kommt und ihr eine der fressgeilen Sturmmöwen von seitlich links auf den Kopf scheißt.
„Na - habe ich dir zuviel versprochen?“

112
Die Zelle misst unter Mühe und Regeln drei mal drei Meter. Eine Zweimannzelle, sagt man. Rechts an der Wand ein Doppelstockbett. Mit einem abgegriffenen Kartenspiel unter jeder Matratze. Einem Tisch am Fenster. Seitlich davon zwei Stühle. Ein Plastikschrank ohne Türen links an der Wand. Darin Wäsche, Rasierzeug. Teller, Tasse - aus Plastik. Geschirr für zwei. Löffel und Gabeln - auch aus Plastik. Weiß. Messer gibt es nicht. Unten im Schrank Schuhe. Drei Paar. Schwarz. Auf Hochglanz geputzt. Daneben das Waschbecken. In der Ecke, neben der Tür, das Klo. Eine Art Abfalleimer. Um die Toilette eine Schamwand von cirka einem Meter fünfzig Höhe; der Kopf soll zu sehen sein, von wegen Suizid und so. Fünf Bücher stehen auf dem Regal, unter dem er sitzt. Vier sind seine. Die haben lachsfarbene Rücken. Eins ist komplett schwarz; die Bibel. Die man hier nicht braucht. Er jedenfalls nicht. Und vor allem jetzt nicht. Denn er hat Besuch.
Sein Rücken ist von Anspannung gebeugt, Morbus Scheuermann Endstadium ... so was von krumm aber auch ... Und seine Anspannung steigert sich ständig noch, krümmt ihn weiter. Ja, er lechzt förmlich nach einem Ton, einem Laut seines Gegenüber. Und wäre es ein Seufzen, Stöhnen, ein Röcheln, ein satter Furz. Alles käme gut, jedenfalls besser als nichts - und so beugt er sich näher - und näher zu dem.
„He - Alter!”
Doch nichts. Der bleibt ein Raum für sich. Eng. Stickig.
„He ..., Alter …Glatzkopf ...“
Dann sitzt er seinem Widerpart Nase an Nase gegenüber auf dem Boden, hat ein Krachen im Kehlkopf, kratzt mit den Fingernägeln am fett aufgetragenen Bohnerwachs. Doch nein - es ist angetrocknetes Blut ... Blut! - Blut gleich Leben. Leben wie Blut. Doch anscheinend ist es ihm völlig egal, was es ist, oder er will es nicht bemerken, verdrängt es, denn er fordert seinem Gegenüber nun entschlossen eine Antwort ab: „Eh, Mann! Du da ..., lass dich nicht so hängen, sag endlich was ... Mach schon!“
Wenn man ihn fragte, wie lange er schon im Gefängnis ist, würde man hören: ’Seit gestern. Ohne die lebenslängliche Zeitverschiebung!’ Und dann würde der Typ grinsen. Warum auch immer. - Sein Mitgefangener fände so was lustig. Sagt er. In Gedanken. - Doch der andere sagt überhaupt nichts. Nicht jetzt. Nie mehr in der Zeit. Es hindern den daran nämlich in Streifen gerissenes Bettzeug um den Hals. Das karierte Halstuch um den Kopf, das Teile der Nase verdeckt. Tränen aufsaugt. Schreie tötet. Ein ’zur Hilfe’, - eventuell. Doch diese Vermutung ist naiv, relativ, denn eigentlich schreit hier keiner beim Sterben. Nicht mal die Bösen, wie er, denn auch die haben sich längst eingerichtet in diesem Leben ohne Zukunft. Dem Tod auf Raten. Und die sind mehr als ein Teil davon. Die sind hier alles! Denn es dreht sich die Erde nur um sie. Um die gelbe Sonne auf ausgetretenen Latschen.
„Komm hoch, du bist noch nicht dran mit Sterben...“, sagt er fast bittend zu seinem Gegenpol und das wohl deshalb, um nicht alleine sein zu müssen. Aber wer weiß schon wirklich weshalb. Obwohl es stimmt, denn zu zweit ist man unter Umständen nicht so alleine einsam. Zudem irritiert ihn der Bleistift mit Radiergummi obenauf, der seinem Zellengenossen im Penismund steckt. „Mann! Untenrum tätowiert bist du also auch noch ...!“ Und mit einem Ruck zieht er den raus. Um Sekunden später wieder die Stunden zu zählen; auch weil er seine Hoffnung auf Freiheit nie aufgeben wird. Die Selbstmordversuche. Schlägereien. Vergewaltigungen. Fluchtversuche. Die auf Gnade. Entlassung. Ja, sein verfluchter Zukunftsglaube auf irgendwas scheint den Tag in die Länge zu ziehen; irgendwie.

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Tief zwischen Vergangenheit, drei Sekunden Gegenwart und Zukunft verkriecht er sich in letzter Zeit immer häufiger; mich beschleicht das Gefühl, dass er sich mir mit voller Absicht entzieht. Ausflüchte sucht, die ich nicht nachempfinden kann. Felder bestellt, auf denen niemals Früchte wachsen werden. Und ich glaube auch, aber das sage ich nur unter vorgehaltener Hand denen ich vertraue, dass er immer öfter mit dem Tod spricht, - sicherlich auch daran denkt ...?
Nun ja, sagen Sie, das tut doch jeder im Vorhof der Hölle, weil eigentlich alle Teil des Todes sind. Doch er widerspricht, fragt: „Sind wir schon tot?, täglich aufs Neue?, hier in der Hölle?“
Gut, gut, man soll nicht unerwähnt lassen, dass es hier jede Mange Personal gibt, das helfen will und tut was es kann damit wir den Wahnsinn den Himmel haben. Da spricht man nicht einfach ’nur so’ von Hölle.

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Mit der Post kam ihr Bild und ich dachte warum nicht, obwohl sie nicht unbedingt mein Typ war. Wohnen würde sie in Berlin, schrieb sie - also trafen wir uns nahe der Havel bei Oranienburg an einem bekannten Parkplatz für Liebespaare, Voyeure, Stricher, Schwule und sonstige Onanisten, keine zehn Minuten von mir.
Ich war dann etwas zu früh und konnte beobachten wie sie ankam, ausstieg und mir kleiner erschien als auf dem Foto. Immerhin war ihre Karre protzig. Ein BMW- Sechszylinder.
Ein paar Blumen irgendwelcher Sorte hatte ich dabei und gab ihr statt der Hand einen Kuss auf ihren pflaumenweichen Mund. Sie war blond. Und ihren Namen wusste ich auch nicht mehr.
„Sie schrieben was von schlank“, nörgelte sie, „dabei sind Sie gar nicht schlank!“
„Ist Tagesform“, sagte ich „ ... und wie die Sonne steht!“ Und bevor sie weiter den Zauber des ersten Augenblicks zerstören konnte, bugsierte ich sie auf den Beifahrersitz ihrer Karre und fuhr mit ihr was essen. Eine Kleinigkeit nur. Den Rest tranken wir. Und es war nicht gerade wenig.
Nachdem sie die Zeche bezahlt hatte, vögelte ich sie im Stehen an ihrem Wagen und brachte sie dann ins Hotel.
„Bleibst du nicht?“
„Nein, ich muss jetzt alleine sein ... wir sehen uns morgen!“
Ich nahm mir ein Taxi und kam am anderen Morgen zum Frühstück auf ihr Zimmer. Nach frischen Brötchen mit Räucherschinken und Lachs an Schampus und hinterher einem Verdauungsschnäpschen zog ich ihr die Jeans runter und die Bluse aus.
„Du hast was von Vollweib geschrieben“, sagte ich, „dabei hast du einen mageren Hintern und flache Titten!“
„Lass mich raten“, sagte sie, „du willst jetzt mit mir machen was du willst?!“ Und so geschah es. Danach zeichnete ich ihr mit Lippenstift den Rückweg in die Karte, gab ihr das Foto zurück und nahm die Blumen mit. Als ich wieder an der Schreibmaschine saß, fiel mir ihr Name ein.

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Mutter genießt meine absolute Priorität. Und all die 24 Stunden meiner Zeit Welt sind ihre. Wann sich das ändert, ob überhaupt, ist momentan nicht vorauszusehen. Gleich nach dem Aufstehen fahre ich deswegen die drei Kilometer zum Bäcker, der wenige Meter neben dem Hauseingang zu meiner Mutters Wohnung seinen Laden hat. Dort nehme ich mit der Begrüßung drei helle und zwei dunkle Brötchen in Empfang, man kennt mich. Zwei von den hellen Brötchen sind für Mutter. „Hell, aber schön knusprig, Junge!“, höre ich sie, die bettlägerig und zunehmend dement ist. Gehe darauf in den Zeitungsladen nebenan, in dem für mich auf der Tageszeitung zwei kalte Taschenflaschen Wodka stehen. Es ist dann 7:15 Uhr. Immer!
Von einer der Flaschen drehe ich den Verschluss ab, trinke die in einem Zug leer, damit meine Hände nicht mehr zittern, mein rasendes Herz zur Ruhe kommt, mir der Schweiß - in seinen selten dämlichen Versuchen - nicht von der Stirn in die Augen laufen kann, um mir darin das Weiße auszubrennen wie es, an einem noch heißeren Sommertag als der heute, schon geschah. Als ich wenig später die Wohnungstür aufschließe, horche ich in den Flur, gehe einige Schritte nach vorne, lausche in das Schlafzimmer: Nichts! Ich fummele den kleinen Schlüssel hinter dem Bild mit Kater Murr vor, um mit zwei Handgriffen den neben der Schlafzimmertür befindlichen Sicherungskasten zu öffnen, die drei Sicherungen ’Küche’ einzudrehen. Höre darauf augenblicklich den Herd summen, den meine Mutter wohl irgendwann in Betrieb setzen wollte, schiebe vorsichtig die angelehnte Schlafzimmertür auf, sehe in den abgedunkelten Raum, horche hinein - höre aber auch hier nichts als meine Angst, sie könnte tot sein, im Schlaf gestorben ... Eigentlich ein schöner Tod ... wie sie dann da liegt, als ich ihren Kopf sehen kann, den weit geöffneten Mund, ihre spitze Nase, - um zu erleben, wie sich einiges später ihr magerer Brustkorb geringfügig hebt. Ja, sie lebt! Ich ihr einen guten Morgen wünsche, mit zwei Fingern ihr Gebiss aus dem Wasserglas angele und es ihr einsetzen will.
„Lassen Sie mich gefälligst los ... Was suchen Sie überhaupt in meinem Schlafzimmer?“ Dann wird es Nacht und Tag, Tag und Nacht, Abend und Morgen, Morgen und Abend. Und ich weiß nicht, ob ich mich je wohler gefühlt habe. Und was aus mir ohne meine Mutter werden soll.

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Wer schreibt, hängt mit drin. Stellt sich zusammen, kompiliert. Oder entzieht sich, wie einst Burroughs. Und pfeffert den Koffer mit den scheiß Manuskripten aus dem Fenster. Doch dann geht es wieder von vorne los. Neu erfassen. Schreiben. Zerreißen. Schneiden. Falten. Und nichts anderes mehr. Um im Reality Studio mit einem Drecksack kommunizieren, der man selber ist. Jahrelang. Bestenfalls. Versunken in der Beschreibung beschreibbarer Welten und Wirklichkeiten in endlosen Schleifen von Blut und Tränen, die man auch neben einer Bar an die Wand pissen könnte. Doch das schafft kaum einer. Und es würde auch nichts nützen. Denn weit und breit ist kein Arzt zu sehen. So ist der Absturz vollzogen. Nerven und Geduld am Ende. Als würde man von einem Hochhaus springen. Rasant und senkrecht. Und nichts mehr ist mit Beschaulichkeit, Bier im Kühlschrank und Familieglück nach dem Abendessen vor dem Fernseher. Und später unter der Decke ein bisschen Fummeln. Fakt ist das Unberechenbarkeitsstadium. Punkt. Der Suff. Punkt. Wie viel man intus hat. Und ob es wann reicht.

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Die Motherfucker sind stolz
Auf Berlin/Neukölln
Den Arsch der Welt
Um fett gegen Nazis aufzustehen
Auch gibt es keine Ölpest
In der Imbissbude hier
Weniger Amokangst
Oder wie in Kreuzberg Gier
Denn die Täter sind die Chaoten
von www wir sind Neukölln de
Und das sprayt jeder Arsch als
Scheißhausparole an die Wand
Um das Deutschlandwetter abzulesen
Deswegen schlagen die Herzen nur höher
Wenn ein Auto brennt
Spielt hier ein Haufen erfolgloser Vereine
Auf ihre Weise
Zwischen Tonnen von Hundescheiße
Gibt es den weißen Tod gleich am Schloss
Im Garten
Frisch geschächtete Würstchen
Schafe Ziegen verschleierte Apfelärsche
Den alltäglichen Dönerfick neben Möwenpick
Menschen pränatal
Kinder Zwangsverheiratet
Wird das Tanzbein anders geschwungen
Als die Faust
Und keine Sau
Fährt in die Schweiz
Wegen Platzmangel im Depot
Alles souverän erreichbar ab Bahnhof Zoo

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Die guten sind die Bösen. Früher wären das die ersten gewesen ... aber was bringt das noch ... Ich behaupte, dass die Psychoanstalt mit der dort gewalttätig ausgeübten Heilung zu Jimmis geistigen Endverwahrlosung mehr beigetragen hat als ein Leben im Fegefeuer des Knastes. Und wenn Sie noch ein paar Minuten Zeit haben, rechne ich mal eben aus wie viel Kilo Haldol, Truxal und Mogadan er im Laufe seines Hier seins verkümmelt hat. - Zeitweise stand Jimmi so unter Dope, dass er beim Anblick der Pfleger wie ein Pawlowköter reagierte. Gut, Valium hat er schon draußen pfundweise weggeschlabbert, und wenn dann die Entzüge fuhren, saß er aus wie einer der ganz Alten hier, da hing ihm der Thalamus zum Großhirn raus, und das war als wenn die U-Bahn aus dem Gleis gesprungen wäre, alles dicht, kein Nervenfunke gelangte mehr zum Bewusstsein, die Libido, die war ihm sowieso schon durch die Demütigungen in seiner Jugend weggeflogen, - war vor den Psychopharmaka entgleist, seine Sensibilität von Extremitäten und Rumpf, ja und die Schnauze erstmal, wie Frankenstein auf der Flucht nach dem ersten Blitzeinschlag hinter dem Horizont. Auch seine Mutter hat ihn nicht wieder erkannt beim Besuch. Und sonst? Tastempfindung, Tiefensensibilität, Temperatur, Schmerzempfinden? Mein Gott, er hat mal während des Hofgangs mit einem Pflasterstein Kopfballspielen geübt, die darauf folgende Gehirnerschütterung hielt ihn zwei Wochen im Bett -und die korrekte Verstandestätigkeit fehlte zwei Jahre ab da. Wie auch das störungsfreie Sehen, die Riechfunktion, der Gesichtsausdruck, Gebärden ... und der Hypothalamus erst, der ging bei der andauernden Pisserei, bei den Fieberschüben im Wach- Schlaf- Zentrum verlustig. Der bekam nichts mehr auf die Rolle - im Nervensystem. Von wegen Kreislauf, Körperwärme, Nahrungsaufnahme. Herr, er sehnte sich geradezu nach der Kiste mit Sägespänen im Keller. Gut, manchmal wurde er dort gestört durch schmerzende Kaltgüsse, Elektroden am Gemächt, die an den Schädel zwangsweise angepasste Drahthelmelektrik, aber sonst? - Hier nun, medikamentös therapiert, zerfiel seine Persönlichkeit und ich mit ihm, - ich konnte mich zuletzt nirgendwo anklammern in seinem Hirn. Seine Birne war praktisch leergefegt wie der Marktplatz vor der Hochzeit! - und das primitive Teil, wie schon erzählt, formte sich schweinekringelgleich ein. Trocknete aus wie eine alte Kopfweide bei andauernder Sommerhitze die vor Durst schon morgens um fünf den Tau weggesoffen hat, die Leere hinterlässt, Krampf am Ding, auch Zungen- Schlundkrämpfe, rasende Herztätigkeiten, Schwindelzustände, die nichts, rein gar nichts mit der Blumenkohlarie zu tun haben, die er der Mutter einst gesungen hatte. Doch das ist eine andere Geschichte. - Ein Witz dagegen hier die Blutdrucksenkungen, Kreislaufkrisen wie bei Frauen im Klimakterium, Maulaustrocknung, - wie?, sagte ich schon? Dann weiter mit den Magenbeschwerden, Übelkeiten, Brechreizen, Harnverhaltungen, Verstopfungen, auch wieder Durchfall, dass die Bude vor Fäkalien nur so schwamm. Und wenn dann sein Mitbewohner Neumeier auch noch seinen Senf dazu tat ... die beiden halbblind, weil der Augeninnendruck das Sehen erschwerte, mit hoch geröteter Haut den Scheiß mit Handfeger und Schippe wegwuschen, oh Spezi, dann kam Freude auf ... Und die Pfleger stimmten dann mit ein: Heute haun wir auf die Pauke! Und das taten die. Ja, die Keile gab es als Nachschlag quasi umsonst, hinterher. Das Fixieren, wenn er sich gegen Schläge zur Wehr setzte, blieb noch das Geringste.
„Er soll doch nicht aus der Kiste fallen, wenn er so erregt ist!“ - und kotzt dann nachts „ ... die alte Sau!“ (der soll es gefälligst auffressen, quälten sie ihn bis morgens, nach dem Schichtwechsel) „ ... will er aber nicht!“
Und zur eigenen Sicherheit wird ihm dann Essen und Trinken entzogen. Auch der Schlafentzug folgende Nacht ist Psychotherapie, „ ... hilft gegen Depressionen“ Und dann wieder die Dröhnungen genau in den ältesten primitivsten, aber auch widerstandsfähigsten Teil. Genau dahinein, wo alles Sein den Ursprung hat, - wo früher der segensreiche Heilkrampf ansetzte, wo die Hirnzellzerstörung Feige aus uns allen machen muss. Muss! Dort hinein - mit Hurra, wo Parkinson, Dyskinesie, Akathisie, Tasikinese, Hyperkinese sich freudig gebiert, wo das Menschenrecht am chemischen Knebel erstickt! Halleluja Herr ... mein Gott, ich komme ...! Und sein Zählen hört nicht auf. Vielleicht, weil er das Hoffen nie aufgegeben hat. Hoffen?

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Ich denke über den Namen vom Impfstoff nach, während die Frau neben mir ein Plastikteil in die Höhe hält und mir erklärt, dass das, was sie in der Hand hält - demonstrativ schüttelt, weswegen in mir Assoziationen geweckt werden als wenn sich so was wie ein Samenerguss zeigt und in mir reine Erregung, wirkungsstark, doch zugleich sinnlos, eher eine Art visuelles Rauschen auf bildlicher Ebene aufkommt - eine Schneekugel sei.
„Wie die beim Arzt“, sage ich, um mich abzutörnen, „wenn der mir meine Arthritis beschreibt!“ - während mir der Name vom Impfstoff, „son rotes Zeug mit Ameisensäure“, immer noch nicht einfällt. Shit! Ein Mist aber auch.
„Literweise ins Knie gefickt!“ geht es mir dabei im Ohr rum, erreicht aber nicht voll mein Hirn, wie das Lachen von Doktor Mühe, wenn er mir nach der Impfung ein Pflaster auf die Einstichstelle pappt.
„Der verdient sich daran ne goldene Nase“, sagt seine Sprechstundenhilfe jedes Mal, während ich beim Verlassen der Praxis - und auch das jedes Mal - leicht bis mittelschwer humple, und mir irre die Hoden schmerzen.
„ ... son rotes Zeug aus Ameisensäure ...“, als mir bewusst wird, dass mein Bein ab ist. Ab! „Oder aus Maden“, sagt die neben mir, der ein Arm - bis rauf zur Schulter - fehlt. „Meinetwegen auch aus Maden!“
„Den Arm oberhalb vom Knie“, höre ich, „es ging nicht anders und war das Beste!“ - als ich bei der Visite wegen der Amputation beim Chefarzt nachfrage. Mein Arm? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.
„Die Operation ist wirklich sehr gut gelungen. Und in wenigen Tagen geht’s ab zur Reha!“ war der säuisch gut gelaunt. Als ob mich dessen säuisch gute Laune trösten könnte, oder sonst was an Schrott. Doch summa summarum ist der Mensch paarisch - gebaut. Folgend verfüge auch ich über ein zweites Bein, einen zweiten Arm - und Hoffnung, das was nun weg ist wieder nachwächst, wie einst mein (legendärer) Eidechsenschwanz. Obwohl man vorher nicht wissen kann, ob sich ein nachwachsendes Bein oder Arm (Eidechsenschwanz, ich lach mich schief) usw. mit dem schon da seienden so verträgt, wie das nun nicht mehr da seiende es mit dem seienden getan hat. Bitte? Doch auch diese einfache Frage kann und konnte mir kein Schwein beantworten. Genau wie die, was in dem Cocktail ’rotes Zeug mit Ameisensäure aus Maden’ nun wirklich drin gewesen sei. So denke ich immerfort über den Namen vom Impfstoff nach, während die Frau neben mir ein Plastikteil in die Höhe hält und mir erklärt, dass das, was sie in der Hand hält - und demonstrativ schüttelt - (weswegen in mir Assoziationen geweckt werden, als wenn sich da so was wie ein Samenerguss zeigt), eine Schneekugel sei, die das Drama um mein Bein und ihren - wie meinem - Arm voll auf die Bühne bringt. In einem Guss - so- zu- sagen - das Herz vom Ganzen. Absatz. Einrücken. Neues Wort! ... Gelenksteifigkeit. Wurstfingersyndrom. Kopfschmerzen. Fieber. Müdigkeit. Muskelschmerzen. Funktionsverlust. Und ... Haftungshinweis: Für die hier gemachten Angaben wird keine Gewähr übernommen; im Einzelfall ist ein Arzt zu konsultieren! Und trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir auch keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für einen wie mich, der dreimal Sicherungsverwahrung hat erscheint das (60 Milliarden Dollar im Jahr gibt der US- Staat für 2,2 Millionen Häftlinge aus), bezogen auf keinerlei Haftung, naiv.

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wenn sie es ernst meinen
verdunkeln sie die zelle
zerschlagen das spionglas
schreien befehle
schießen endlos tränengas hinein
öffnen das verließ
blenden dich
prügeln auf beide oberarme
fesseln dich an hand und fuß
legen dich flach
schleifen dich über zig treppen
in den keller
entkleiden dich
untersuchen
mit dem schlagstock dein rektum
stecken dir den prügel ins maul
in dem fensterlosen
gekachelten raum
schließen dich mit einer kette
auf das bett aus mauerwerk
rammen dir eine abführspritze rein
warten
bis du das kassiber ausgeschissen hast
wenn sie es ernst meinen

sollten sie es nicht ernst meinen
werden sie dir über tage
jegliche nahrung entziehen
das wasser verweigern
das glied an einer urinflasche befestigen
damit du den saft nicht saufen kannst
dich mit einer täglichen kalium- salz- betonspritze
flachlegen
mit elektroschocks
deinen herzschlag revolutionieren
mit salpetereinläufen wohin auch immer
aufruhr erzeugen
im raum unterdruck herstellen
sauerstoff reduzieren
dir säure in die augen spritzen
heißen kerzenwachs in die ohren träufeln
fingernägel ausreißen
auf die hoden schlagen
rippen brechen
pfefferkörner auf der zunge zerreiben
kalt abduschen
in nasse handtücher pressen
dich auf höchsttemperatur bringen
und
sollten sie es nicht ernst meinen
wirst du wünschen tot zu sein
ehe du geboren

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Mutters Grab liegt inmitten anderer Altertümer. Zwischen einem an steifen Armen hängenden Jesus aus Sandstein. Flankiert von der heiligen Jungfrau Maria auf schwarzem Marmorsockel. Alles nahe - und unweit der dutzend verstorbenen Pfarrer. Jene mit protzigem Goldkreuz unmittelbar neben der Kapelle. Du weißt ja, wenn du von der Holländerstraße kommst scharf rechts rein.
Das bei Jenne, Opa und Oma kein Platz gewesen sei, hörte ich gestern vom Bestatter. ...was n, - kein Platz für n bisschen Asche? Keine Möglichkeit im Schoß der Familie ewigen Schlaf zu schlafen. Was sagt dein Herz, Bruder?, der Verstand? Der legt rote Rosen ab. Ich gelbe. Werfe drei Bund welke Tulpen auf den Kompost. Und, weil ich es mir aussuchen kann, lege ich mich zum alten Gemüse auf den Haufen. Wühle mich zwischen was wie Lorbeerkränze toter Boxer, die ihre letzten Siege längst hinter sich haben. Genau deshalb ist es auch so friedlich hier. Kein Krieg, kein Kampf, alle Motoren aus. Echt, ey, - ist himmlisch still hier. Lediglich der Wind, ein ganz feiner, leiser sabbelt mit sanftem Einschub dazwischen. Bewegt Ahorn, Linde. Reichlich Tanne. Pustet Duft in den blauen Himmel. Tanzt mit weißen Wolken. Ein unsichtbarer Specht tockt regelmäßig. Ich erkenne seinen Rhythmus, - der stopft mir die Ohren zu. Vom Rücken des Engels mit silbernen Flügeln steigt krächzend ein Rabe auf. Verschwindet im weißen Dunst einer startenden Maschine des nahen Flughafens Richtung Süden. Ey, ich weiß, wo der landen wird. Sind von hier zu Ritas Kneipe nur um 500 m Luftlinie. Also ist der in cirka 2 Minuten da. „Thomas ...“, sage ich deshalb zu meinem Begleiter, der ein cooler Bewacher ist - der auf einer Holzbank im Schatten der Sonne sitzt und augenscheinlich fest pennt, „ ... ey, du, Thomas, - kannst du mir mal helfen die Urne meiner Mutter auszubuddeln, - und die Asche bei Jenne einzustreuen?“
„Junge“, sagt der, „ich gehe in ein paar Tagen in Rente, dann kannst du ja noch mal alleine herkommen ...“
„Hast ja Recht, Tommy, - lass uns lieber ein Bier trinken gehen.“
„Eine gute Idee...“ Und genau in diese geile Illusion hinein springt der König der Tiere, der eben noch auf einem Grab eines preußischen Offiziers wachte und sich vom Invalidenfriedhof drüben verirrt haben muss, aus kapitaler Höhe herab, macht vor mir Männchen und verdreht dramatisch seine Augen, - die Zunge staubtrocken, „ ...schon Okay“, sage ich, „kannst ja mitkommen. Denk aber dran, Rita schenkt Berliner Kindl aus, kein Löwenbräu ...!“
„Gut, dann nehme ich eben davon eine Flasche!“ - Und wieder bin ich Axt, das gefrorene Meer, kein Auferstehen, nirgendwo, nicht im Jenseits, hier, wohin wir einst Hand in Hand gingen. Treibe durch die Zeit. Ein Fremder in der Fremde. Zahle den Preis ... als mir ein fetter Überschallknall den Rost aus dem Hirn pustet. „Die Russen -, diese Schweine“, ist Tommy sauer, „davon wird einem ja das Ohrenschmalz hart!“
„MIG 17“, sage ich, „ ... die Schrottmühlen schmeckt man schon über Meilen.“

Sehe Mutter mit frisch gewaschenem Haar, Seidenkleid, Pumps Louis XV, einem über die Schulter geworfenen Blueberry Love Kaschmirschal, als hätte sie nichts anderes getan als diese edlen Teile hundert Jahre spazieren zu tragen - darauf wartend, dass ihr Held sie auf Händen trägt - in einem weißen Rolls Royce Silver Shadow Cabriolet an die Cote d’Azur entführt. Setze einen Doppelpunkt ins Journal der Unwirklichkeiten - überschreibe mein schmerzhaftes Leergefühl, das Fehlen von Mutter, die mir nicht mal Jenne rüber bringen kann, mit Jugendstil. Das kein Jenseits hat. Oder Auferstehen. Kein niederknien auf St. Golgatha Gnaden. Einzig Briefe schreiben, vier Blatt pro Umschlag. Zeitungsartikel lesen. Studien treiben. Erinnerungen zerschneiden. Die wieder kleben. Mein Dasein imitieren. Als Überlebenshilfe;
Psychotherapie.

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Ich sage dir, was Krieg ist. Und dass ich nicht erwachen kann aus dem Alptraum. Niemals! Weil es kein Ende gibt, wie es keinen Anfang gegeben hat seit der Krieg aus dem Leib der Mutter geboren wurde; der deshalb schon immer da ist. Von da ab jedenfalls, als Adam seine Rippe gab um eine Gefährtin zu haben. Und so begann das Leid, dass vor Allem das unsägliche Leid der Mütter ist. Ein Etwas, dass mit dem Hubschrauber zur Front fliegt und zurück. So oder so. - Bruder an Bruder drückt sich am Stahl der Maschine den Hintern platt, die Schnellfeuerwaffen auf den Knien, die Köpfe mit den übergroßen Helmen im Nacken, im Versuch sich zu entspannen. Ihre Kampfmontur verschwitzt, die Stiefel verdreckt, - einen halbverwesten Leichnam transportieren sie in der Munitionskiste, deren Inhalt längst verschossen ist. Genau daran denkt er, wenn der Whiskey in seinen Hals läuft. Ein Jahr in Betäubung schon, oder zwei ... das in ein freudloses Lachen fließt, in eine Traurigkeit, die der Arzt Depression nennt. Diese Wut - auf was weiß ich. Die ihm die schulterlangen Haare in die Stirn peitscht, wenn er beidhändig gegen eine Wand, eine Tür, gegen sein Leben drischt. - Acht Menschen hat er eigenhändig erschossen. In sechzehn Augen gesehen. Sein Scheitern in ihnen gelesen; wie die in ihm sein Zerbrechen darüber gelesen haben. Seine Zukunft, diesmal nicht aus der Hand gesagt wie von der Zigeunerin auf dem Dom neulich. „Ein langer Schatten begleitet Sie“, flüsterte die, „ein Trauma ...!“ Und das hat er, wenn er auf der Matratze am Boden liegt und nicht schlafen kann. Nicht leben und sterben. Kann. Wo er liegt und wartet, als wäre seine Seele noch zu retten ... Wie im Dschungel, der die Augenlider fallen lässt, in dem die Toten und Verstümmelten auf Dunkelheit warten. Auf die leiser werdenden Schreie sterbender Kameraden, das Ende der Einschläge, das ferne Gedröhne der Hubschrauber. Der Granaten. Die MG-Salven, - die noch Jahre später im Kopf Lärm machen. In das Aufbäumen hinein, bevor das Leben vergeht und eine unsägliche Stille einem das Herz zerreißt. Eingebettet in das Wissen, dass Freiheit Diktatur des Kapitals ist. Ein gigantisches Geschäft mit Millionen Nullen. Nullen. Nullen ...

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Wie einen vergessenen Koffer auf dem Laufband hat die Zeit meine Träume überrannt. Die Hoffnungen. Meine Unschuldsbeteuerungen. Nicht mal ein Augenzeuge, nirgends Fingerabdrücke, keine DNA. Nur mein Ich. Das gegen mich aussagt. Und ich weiß nicht warum. In diesem roten Backsteinbau. Ich finde, es ist an der Zeit euch allen noch einmal eine Chance zu geben. Von wegen Fußabdruck und so ... der außerdem viel zu klein ist. Und kein Geständnis. Nicht meins. Nein! Doch immer wieder aufs Neue diese Zeitungsartikel - von wegen Schuld. Dabei hätte es jeder sein können. Hat es jeder tun können. Nur ich nicht. Denn ich kenne mich. Weiß, was ich mache. Und deshalb die Anhörung. Doch eigentlich hätten die sich die Arbeit mit mir sparen können. Mir das Wasser zu entziehen ist ungesetzlich. Erpressung. Ein Mordversuch, ihr ... Angeblich war die Leitung kaputt. Von wegen ... Die anderen soffen und pinkelten wie die Pferde. Bei mir kam kein Tropfen. Nicht mal mehr Blut. So wie neulich. Nachdem sie mich in die Nieren geschlagen ... weil ich den Brief erhielt. Deinen. In dem du sagtest, dich für mich einzusetzen. Das war irgendwann im September. Oder Oktober. Kurz vorm Indiansummer in mir. Wegen der Lunge. Als die bedingte Haftentlassung abgelehnt wurde. Krebs ist kein Grund, stand da drin. Klar, verrecken kann man hier auch gut. Ist auch kein Regelverstoß. Gibt auch keinen Elfer, wie beim Fußball. Hier hilft nichts. Nicht mal das blödeste Foul. Die idiotischste Schwalbe. Oder du. Meine verzögerte Hinrichtung. 4 Jahre, 3 Monate, 2 Tage, 21,5 Stunden. Einkerkerung. Da war Mutter noch am Leben. Lachte. Bei der Geburtstagsfeier. Doch dann nicht mehr. Als sie mich holten. Weg vom Strom des Lebens. Rein in die Schattenwelt. Ohne Kontakte. Freundschaften. Mit scheiß Essen. Eingeschlossen. Ohne Zukunft. Wie auf dem Mars. Feiner roter Staub. Oder wie soll ich mir eure Welt vorstellen? Als Tod im blauem Hemd und geschorenen Haaren mit Nummer auf der Jacke? Oder Grün. Von wegen Frühjahr. Als Bilder vom Leben. Die kenne ich nicht mehr. Eher den Tisch. Du weißt schon. Auf den man die ... schnallt. Und dann die Spritze. Du weißt schon ... aus dem TV. Dann die Reise in Minuten durch ein irrwitzige Leben. Wahnsinn! Man sollte nie darüber nachdenken. Eigentlich. Oder Radio hören. Weil irgendwann dein Name kommt. Irgendein Idiot sagt ihn. Sagt DU da. Ohne Liebe. Oder Respekt. Stattdessen: Abgelehnt! Sagt: Der Termin ist auf den soundsovielten festgesetzt. Auch deswegen. Kein Fernsehen. Schwülstige Daily Soaps. Oder Liebeslieder. Weil es nicht zu ertragen ist. Diese Kette kommender Ereignisse. Die sich hinter Glas abspielen. Das dick wie Flaschenböden; und wie ein Kind trugen die mich einst durch die Welt. Dazu euch, als die Fehler meines Lebens. Die mir mehr als nur eine verkorkste Verbindung sind: Frauen ... Ja, diverse Frauen. Hunderte! Doch darüber rede ich nicht mehr.

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Ich beschreibe Männer. In kurzen Texten ohne viel Satzzeichen und Schnickschnack drum herum. Auf nicht mehr als 0,10 Seiten erzähle ich vom Ficken, Blasen, Lutschen, Saufen, über Frauen - und irgendwelchen Gefühlen wie Liebe. Über das also, was Männer für Liebe halten: Ficken, Blasen, Lutschen, Saufen. Die andere Gehirnhälfte Mann erreiche ich nicht, denn da ist das Thema Auto geparkt (oder Fußball). Auf 0,90 Seiten Formel Eins Fußball. Auch werden da Infos über Boliden gespeichert, die sich vor Kraft gerade mal so halten können. Über laufende Muskelfabriken. Sixpacks. - Nein, ich schreibe darüber nicht. Gerne aber mal einen Satz über den Prinzen von so und so Habsburg, der auf seiner Hochzeit neulich sagte: “ ...die tut so schöne Titten haben!“ Mehr braucht Mann nicht. Nicht mal mich. Denn das weiß der Mann auch so alles längst. Das sagt ihm nämlich sein Schwanz. Und der ist ihm Mainstream. - Frauen haben da andere Maßstäbe. Je dicker je lieber. 800 Seiten von so was wie die Wandermöse ist da keine Ausnahme. Oder 1.000 Seiten über fröhlich Abnehmen. Dazu die kurzen Dinger zwischendurch, wo Gloria sich in Liebesdingen Lust holt. Nein, nichts für mich. Nichts für Männer ... Die lesen ja nicht mal 0,00 Seiten vom Ficken, Blasen, Lutschen, Saufen, über Frauen und irgendwelche Gefühle wie Liebe. Deshalb bin ich so erfolglos. Schreibe gegen die Wand. Weil Männer nicht lesen. Nicht können. Oder wollen. Was weiß ich. Sicher bleibt, Männer füllen ihre 0,09 Tage mit Ficken, Blasen, Lutschen, Saufen, Frauen - und irgendwelchen Gefühlen wie Liebe. Mit Formel Eins an Fußball. Salute! - Das war’s dann aber auch, Leute, denn ich muss jetzt mit meiner Frau in eine Ausstellung über Gallensteine. Da drunter ein Akt, der von der Künstlerin als “Körpersteinzuwächse aus unterschiedlichen Quellen“ betitelt wurde. Hochinteressant, bestimmt. Nur so viel noch: Mir geht’s gut. Und meine Frau hat Klasse. Und Geschmack! - Ach, Sie kennen den Witz schon?

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Mörder Hager. Typ Zaunlatte. Wie ausgetrocknet, seine 1,90 Länge. Faserig seine Haare, - irgendwie. An den Mundwinkeln weiße Klebe. Zuckende Ohren. Augen, Marke Bahnschranke. Gesicht schmal wie Sonntagnachmittag im Regen. Dominante Backenknochen. Stoppelbart. Mit drei P. Lacht, wie ein Handy klingelt.
„Der Fehler meines Lebens“, nennt er sie heute. Da steht er vor der Tür. Ein glatter Aufbau. Den Pinsel noch in der Hand. Mit Rot dran. Wie Blut. Palette mit Wasserfarben, grinst er. Macht sich gut; von wegen Sonnenuntergang rot - gelb. Und alles voll im Griff. Ist er der Situation überlegen. Eher wohl überkompliziert. Also fast ein unschuldiger Irrtum. Und vier Jahre jünger als sie; die Alte. Er hat sie ... und auch gemalt. Beide. Sollte ein Akt werden. Mutter und Tochter. Witwe und Halbwaise. Mit Schwanz. Obwohl ihn am Tod des Mannes keine Schuld trifft. Sagte er. Ein Unfall. Das mit dem Beil. Der Idiot. Von wegen Sicherungsverwahrung. Das biegt sich noch.

126
In Natur kannten sie sich erst zwei Stunden, als er in ihrer Küche freihändig einen exakten Kreis auf die Herdplatte zeichnete. Oder war es die vorweggenommene Kette von Ereignissen? Jedenfalls sagte er grinsend: „So stelle ich mir eine perfekte Familie vor. Vater, Mutter, Kind! Aber das habe ich dir ja schon im Forum gesagt.“
„Ja, schon, das ist aber nicht mein Status“, antwortete sie.
Weiter darüber reden wollte sie nicht; musste sie auch nicht. Zudem hörte sie nicht mal mehr zu, als das Schicksal fragte wen denn nun hier eine Schuld träfe ... an der durchschnittenen Kehle. Am entstellten Gesicht. Dem See von Blut des großen, starken Bären - den sich jede Frau wünscht. Dessen Fell nun durchlöchert von Messerstichen. Und dass sie deswegen nicht zum Essen und Trinken gekommen seien. Zum Vögeln. Oder zu was anderem. Und sie bedauerte den blöden Zufall, einen solchen Idioten im Netz überhaupt kennen gelernt zu haben; dass man sich in der Liebe ’aber auch so was von’ täuschen lassen kann. Weil der Macker ein immer geiler Volltrinker ist ... ein Schläger und Betrüger. Ein amtsbekannter Sittenstrolch, - der einzig an die Tochter ran wollte. Von wegen klassischer Familie. Nein, - der war der Sohn eines Alkoholikers, litt an psychotischen Schüben. Wurde im Heim selber sexuell missbraucht; das waren jedenfalls seine letzten Worte. Als ob eine so dämliche Entschuldigung überhaupt noch nötig wäre ... Doch das ist alles weit weg. Vergangenheit. Wie seine Augen, die ihm aus den Höhlen quollen, als er starb. Sein Grinsen, beim letzten Atemzug. Nein, auch diese Umstände lohnten kein Nachdenken. Und doch. Die immergleichen Fragen. Was. War? Was ist? Was wird? - geschieht mit dieser ... dieser Bestie. Tausend Überlegungen, ohne auch nur eine Sekunde weinerlich zu sein. Und Tatsache, keine zwei Stunden später sind Wohnung und Bad steril wie ehemals. Hängt der keimfreie Electric Devil am Haken. Rülpsen Bioschweine auf dem Hof. Freut sich Frau an Portwein und Zigarre. Jubelt im Fernseher einer ’Das war Spitze!’, springt dabei hoch in die Luft. Wirbt die Kerze mit Vanilleduft. Erscheint auf dem PC das Logo einer Partnerschaftsbörse. Keimt die Saat.

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Es ist Nacht. Kalt. Sterne am Himmel. Heller als alle strahlt Venus. Und ich höre Mark Knopfler: Brothers in Arms. Wenn sich der Schmerz dann vervielfacht, kommt der Gedanke an sie. Meine Ex. Dann kann ich wieder lachen. Weil irgendwann alles vorüber ist. Tränen. Schmerz. Wut. Trauer. Der letzte Schokoriegel gegessen. Die Verpackung im Müll. Doch im Herzen bleibt sie. Mit ihr der Todeszellenfraß. Wie die Sehnsucht nach Freiheit. Landschaften. Dem Blockhaus am See. An dem ich mit Angelset und Lunchpaket sitze. - Du verstehst? - dass ich meinen Platz noch nicht aufgeben will? - weil ich mir die Hölle auf Erden in ein Paradies biege werde ... Aber dazu brauche ich Zeit. Oder einen Automaten, der Identität herstellen kann. Wünsche realisiert. Lachen druckt. Freude am Leben. - So sahen wir uns im Besuchersaal. Und du hattest en bloc 20 Schokoriegel dabei. Erst als ich die später auspackte, las ich die Mahnung ’Iss die mit Verstand’ und hörte dich, mit doppeltem Ausrufungszeichen ’mein Junge’ sagen, - weil du mich bis zum Schluss so nanntest: ’Junge!! - hol das verdammte Akkordeon und spiel auf!’ Und ich spielte, machte Gedanken sichtbar, träumte den ewigen Traum von Liebe. Und du, du hast auf dem Kühler des rostigen Buick gesessen, dir Engelsflügel angesteckt und ’Wings of Desire’ gesungen: ’ We lay our lives between the lines’. So war es.

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Pakete müssen einen Sturz aus 80 cm Fallhöhe schadlos überstehen. Können. Und ich habe. Vorerst. - Recke mich. Klopfe mir den Staub von den Klamotten. Beginne einen Dubstep zum Lockerwerden. Ey, Bruder, - geiler kann das Leben nicht sein ... Krieg und Frieden. Immer wieder. Der Rest ist Liebe. Erzählen und Spielen. Ein Heben und Senken, - wenn einer trägt und der andere getragen wird. Das Ineinandergreifen von Gefühlen, Handlungen und Taten. Fallen und auffangen, oder fallen lassen. Egal - was misslingt. Der Zeit bleibt es einerlei. Lediglich eine Verschiebung der Seele ’sei zum Beispiel bei mir zu beobachten’, behauptet mein Gutachter, Doktor Einstein; weil ich Fleisch in Ekel verwandelt kann. Tragende ins Schwanken bringe. Trauer in Sorge um die Zukunft wandele. Freunde zu meinen Feinden werden lasse, - indem ich sie kompromisslos aussauge, um badend in ihrem Blut zu sein. Und das der Lust wegen. Meiner Geilheit. In Willkür. Wie der Staat. Der aus normalen Menschen ohne Mühe zwergwüchsige macht. Aus Erwachsenen Kinder. Aus Gesunden Kranke. Nur weil eine Industrie dahinter steckt ... Bis sie mich dann holen, die Frankensteins der Zeit, um mich in der Abspritzecke zu beugen und chemisch niederzuknüppeln. Minuten später zieht Haldol- Nebel auf. Regen. Vermischt sich mit menschlichen Umrissen. Prasselt Hagel in die Mundtrockenheit. Stechen Eiskristalle. Starte ich die absolute Vermessung der Welt. Dann wird es dunkel ... Ist der Film abgedreht. Die Soldaten tot. Sind Menschen wie ich entmachtet und ins Meer abgesaugt. Doch wenig später öffnet sich mein Vorhang erneut - und mein Blick geht direkt in die Kamera; ich bin schließlich Profi. Ein Produkt der Gesellschaft. Bin wie ihr. - Alle. Unschuldig! Mit Rückfallquotengefahr.
Pakete müssen jahrelange totale Isolation in Einzelkäfigen schadlos überstehen können. „Und da unten“, sagt die Stimme und deutet zum Boden, „wachsen ihre Regeln ...“ Nüchtern gesehen, gehöre ich nicht dazu.
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vieles ist besser
als verstörtes kind zu sein
vor angst nicht schlafen zu können
vor dieser lächerlichen figur
alles
als zitternd ein gedicht vorzutragen
das den schmerz nicht lindert
die pein
statt ein schild zu geben vor der welt
die sich liebe nennt
besser als das familienbild
auf dem etwas nicht stimmt
eine krippe im stall
heuchelei überall
alles ist besser
ist besser
als solch ein leben

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Sie will mich im Krankenhaus besuchen. Kurz vor der lebenswichtigen Operation. Die zwar Routine ist, trotzdem nicht von Pförtner zu machen sei, lacht der Chirurg. Und zu dem Zeitpunkt konnte ich auch noch lachen ...
Eine Woche lang liege ich darauf im Orbit. Erwache mit Kopfschmerzen.
Alles eine allergische Reaktion auf Antibiotika, höre ich. Immerhin bleibt mir über Wochen meine Stimme - vom Tubus. Laute wie unter Helium, die lustig klingen, aber kein Mensch versteht. Dabei hätte ich einiges zu erzählen.

Von der reise
Über die stufen aufgeschichteter berge
Felsen wie backenzähne
Flüsse
Die still wie die fische darin
Verhexte sägeblätter
Schlangenhaut
Über entfleischten knochen
Die grüne wüste
Flussaufwärts
Durch augen höhlen vom teufel besessen
Halte ich das maul offen
Bett in der psychiatrie
Dorf meiner leiden
Ruine
Die tote wasser heißen könnte

Oder neues Leben. Andere Sitten. Gute Dinge. Unebenheiten. Wie meine Logik. Heute hin. Sonntag zurück. Gefühle spüren können. Platz haben. Tag und Nacht offen sein. Den Streit mit mir zu lassen. Distanz aufheben, wie ein zu Boden gefallenes Taschentuch. Nichts was ich lieber täte als im Bett zu liegen, in diesem idiotischen Raum und sinnloses zu denken, während die Online- Spritze in meinem Arm fuhrwerkt und mir das Gefühl vermittelt, es wäre nichts passiert was in die Zeit passt; lediglich Tagebuch schreiben - als Wahlmöglichkeit - zum Harakiri. Und manchmal bekomme ich beim Schreiben Angst - um mich; ein Zustand zwischen Wahnsinn, Idiotie und Widerstand, der von mir jämmerlich genannt wird, der deswegen aber nicht von mir weicht. Doch dann spüre ich was im Gesicht, streichelt jemand meine Wange. Bist du da. Frühling. Sind wir Romeo und Julia. Tanzen. Weiß ich - wie du tickst, was du fühlst, denkst und wie du funktionierst. Bilden wir einen Kreis. Sind ein Paar im Licht. Weil du mich liebst, wie ich bin. Und ich lerne zu akzeptieren, wie es ist dich zu lieben. Even if I’m gone.

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Sie halten mir die automatische Gesichtserkennung vor. Die ist auf 76.78 Grad schräg - und vermutlich Richtung Sonne ausgerichtet. Leider gibt es kein Streuobst dort. Dafür sind an einem Bach Tannen gepflanzt, die dunkle Schatten werfen. Mir haben sie deswegen eine Klarsichthülle über den Kopf gezogen, um meinen Hunger auf Freiheit zu dämpfen. Doch daran halte ich mich nicht. Schiebe das rotweiße Absperrband zur Seite und gehe Richtung Grablichter, weil dort die die Wahrheit zu finden sein soll, behauptet jedenfalls ein uralte Sage. Doch nichts. Auf den Steinplatten glibberiger Grünspan, braunes Moos und verkohlte Reste einer Paketschnur. Ich muss zu spät sein und jemand anders hat die Freiheit von ihren Fesseln befreit, denke ich. Bemerke noch, wie in der Kneipe gegenüber das Bier zu kochen anfängt. Die Tischbeleuchtung brennt. Eine schwer vertrocknete Rose betrunkenes Glas bricht. Und das ein Brombeerbeet sich freischaufelt. Dabei steht die Zukunft so gut wie leer, als wäre ich vier, neun oder 16 - als ich dann endlich trinken durfte, so viel ich konnte. Das mache ich heutzutage nicht mehr, da gehe ich einfach meiner Wege und trage vorbeugend Löschwasser unterm Hut. Doch irgendwann ist dann nichts mehr davon da. Nur Aggression. Wie am Wochenende in der Sporthalle der Anstalt. Geboren aus meiner Erinnerung. Als ich noch Rastalocken trug um Leute zu erschrecken. Ehrlich, ich habe keine Ahnung was das Wort ’Ausgeliefert’ bedeutet.

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Einen Umschulungsplatz zum Binnenschiffer ... Die Havel rauf und runter. Die Elbe. Von der Spree in die Oder. Ja, das war sein Ding. Jedenfalls besser als nutzlos rum zu sitzen. War er dann in der Stadt, kroch Mona in sein Bett.
„Der Alte wird dich vermissen.”
„Ich schlafe bei einer Freundin, denkt er.”
„Sag mal, bumst du ihn?”
„Habe ich noch nie.”
„Noch nie?”
„Nein. Er hatte einen Autounfall. Seit dem kann er nicht mehr.”
„Hat er das gesagt?”
„Ja, wer sonst?”
„Was macht er mit dir?”
„Er sieht mich an.”
„Nackt?”
„Ja.”
„Mehr nicht?”
„Nein, mehr nicht!” ... verschwieg ihm die tägliche Prostatamassage, dass er sie überall streichelte, den Finger reinsteckte, sie mit einem Kunstpenis bedrängte. Das sein Schachfreund sie ...
„Ich möchte, dass das aufhört - mit dem ’Nacktansehen’!”
„Ich auch, aber wie?”
„Wir werden eine Lösung finden.”
„Ja ...”
„Ich liebe dich!”
„Ich dich auch!” Sommerwindworte. Sätze wie Regenbogen. Leben, Hoffen, Leiden und Sterben. Wie der nie verhallende Ruf nach Tod: Ich liebe dich - ich dich auch! Nur, dass er wusste, das nichts von Dauer ist als der ... und dass er seit Jahren mit einer Kugel im Bauch vor sich hinvegetierte.

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Im Keller hat er die Sprache verloren. Dafür eine Bibel erhalten. Wegen dem Trost. Um sich nicht gleich am Bettpfosten zu erhängen. Und den anderen, seinen Zellenpartner, den Untermieter gleich mit ins Irgendwann - wenn ihm die Worte nicht mehr fehlen würden, (Gott) einen Abschiedsbrief zu schreiben.
„Ist aber keine gute Idee, deine Haftentlassung zu beschleunigen!“
„Nein, nicht unbedingt ...“
Er hat den Brief wenig später trotzdem geschrieben; sagt, „Die Wahrheit schreibt sich wie essen.“ Und schon Wochen danach soll seine Anhörung sein. Immerhin. - Doch weshalb gerade jetzt, fragt er das Blut an der Wand, wo er seine Schuld fast vergessen hat, wo der Begriff Reue leer ist und fad schmeckt, - nach all den Jahren kommen ihm die Sklaventreiber mit so was wie Hoffnung. Dabei brauchen sie Insassen. Weil alles ein Geschäft ist. Die Behinderten. Kranken. Alten und Drogenabhängigen. - Kindergärten und Schulen geschlossen werden. Anstalten für Millionen Euro neu gebaut. Der Rest wird abgelehnt. Also brauchen sie ihn ...
„Man vergisst nichts. Gott sei Dank!“ sagt er.

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Als er die Landschaft aus Ruinen, Müll, Unkraut und Gestank hinter sich hat, steht im Gegenschnitt die helle Fassade eines Hauses. Drosselt er die Geschwindigkeit vor einem Fenster mit Frau dahinter auf Minimum. Regelt über e- Bus seine Sehnsucht auf 9,9 kW ab. Vergisst dadurch die Frau. Das Haus. Seine Erfüllung. Den irren Liebeswahn. Ihren Fünfuhrtee. Ungeachtet dem geht hinter ihm das Leben weiter. Legen die Bullen ihren Karren zu einem Abschuss direkt hinter seinen. Erwacht er aus dem Trance und sieht seine Kindheit. Das Sterben von Liebe.

Es gibt Momente, an denen wird er fast verrückt bei der Vorstellung ihr nie wieder zu begegnen. Nie wieder mit ihr essen zu gehen. Nie mehr an all ihr Gemeinsamkeiten überhaupt nur denken zu können. Es gibt nicht mal die winzigste Hoffnung. Weil Strafe Strafe ist. Und es keine Gnade und Zugeständnisse für einen wie ihn gibt. Es scheint jedenfalls so.

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Irgendwer schließt das Fenster, lässt die Rollos runter, macht den Fernseher an - und zwingt mich zum Sterben. Dabei habe ich noch gar nicht gefunden, was ich suche. Nämlich meine Fertigstellung im Ordner Organisation. Stattdessen geht es um Sehnsucht, die man zudem voll auf mich projiziert. Aber auch um Glück, das einfach nicht zu fassen ist. Und das, was davon schon mal da war, ist meiner Zeit zwischen den Fingern zerronnen. Dazu steht die absolute Wahrheit um eine Frau und einen Mann zur Disposition. Geht es um Untreue. Abstieg und Moral. Und so weiter. Und genau deshalb hat sie Schluss gemacht. Nahm Tabletten. Und ging für immer. Doch dann ist sie plötzlich wieder da. Vollgekotzt bis unter den Kragen. Und ich, ich befinde mich mal wieder im schönen Irland, in einer fremden Geschichte. Im Drama um einem ältlichen Ehemann, einen unreifen Liebhaber, dem mit kaltherziger Schwiegermutter, einem katholischen Pfarrer mit pädophiler Neigung, Seite an Seite mit einer raffgieriger Immobilienmaklerin, die einen Fuchsschwanz am Rolls Royce Cabriolet hängen hat. Geht es um das sterbenskranke Wunderpferd Fury, knurrt der vielgeliebte Hofhund Bello, stirbt eine eben überfahrenen Katze, brüllt darüber ein selten debiler Nachbar seinen Frust in den Tag. Ja, genauso gefangen war ich in meiner Kindheit ... Doch damals war Krieg. Und Durchhalteparolen ersetzten Spaß und Tanzmusik. Zum Mittag gab es Steckrüben. Abends gab es Steckrüben. Morgens. Und ab und an rieselte Putz von der Decke, klirrte Glasscheibenbruch in den Fraß, kamen die Bombeneinschläge näher. Kroch ich ’between the devil and the deep blue sea’ mit meinem Teddybären im Arm auf Knien in den Keller, um mir meine heile Welt zu bewahren; ging verschütt unter den Trümmern des tausendjährigen Wahnsinns. Ein Blutfleck in der Dunkelheit und irre vor Angst, gefangen in der Furcht vor dem Tod. Und so schließt sich der Kreis, liebe Kinder ...
Mit letzter Luft gelingt es mir den Fernseher auszuschalten, den kratzigen Anstaltsschal über die Überwachungskamera zu legen und ins Bett zu gehen. Früher -, früher wäre ich nach solch einem Desaster mit dem Fahrrad über den Deich in die Kneipe und hätte mich gnadenlos zwei, drei Tage zugesoffen.
’Ey, sieh zu, wie du ohne mich klarkommst’, twittere ich auf die endlose Rille (der Frau Pilcher), dann schlägt mir jemand die (längst) abgeernteten Augen vom Stock. CU, brülle ich. Dann wird es dunkel.

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Es dauerte bis zum späten Abend ehe die Überreste unserer Sanitätsstaffel gefunden wurden, erzählte mein Vater. Fahrer und Beifahrer des LKW waren mit ihren Koppeln an das Lenkrad gefesselt. Die Verwundeten hinten im Wagen verbrannt. Ein Zeuge sagte ’lebendig verbrannt’.
Im schwelenden Wagen sah ich die immer noch brodelnden Schädeldecken. Leiber aus Brei. Knochensplitter. - Spürte Hass. - Fühlte Gleichgültigkeit. - Hatte Lust auf blanke Gegengewalt. - Und dann auch wieder nicht. Denn da war ich, ein vor Schreck erstarrtes Tier, hatte Angst und tausend Gedanken im vergifteten Blut, das in meinem Kopf umher quoll. Und richtig: Stunden später kam der Befehl ... und es war einer, der mir über Hirn, Augen, Mund an meinem Körper runter verfaulte. Doch es änderte nichts: Wir erhängten von den Widerstandskämpfern 99 Stück gegen Mittag des darauf folgenden Tages. Sprengten ihre Waffenlager. Kriegsverbrechen, urteilte man später.
Doch für mich war das längst nicht alles, denn ich erschlug dabei ein kleines Tier; es wollte mich beißen. - Die restlichen Dorfbewohner wurden auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Die Männer in fünf Gruppen aufgeteilt. Vier davon in Scheunen getrieben, erschossen. Frauen und Kinder - und auch die fünfte Gruppe der Männer - in die Dorfkirche geführt und die, als alle drin waren, in Brand gesteckt. Leute, die dem Feuer entkommen wollten, wurden erschossen. Ich spürte dabei ein Messer im Kopf. Riss mir das Herz aus der Brust. Sah rote Zitronenfalter über dem Parkett. - Währendessen in der Kirche die Überlebenden erschossen wurden. Später das Dorf komplett niedergebrannt. Insgesamt starben 642 Dorfbewohner. Unter ihnen 245 Frauen, 207 Kinder. Mir wurde an Ort und Stelle ein Orden verliehen. - Oradour, ein unvorstellbares Massaker, heißt es dagegen in der Geschichtsschreibung.
Nach dem Krieg verurteilte ein Tribunal 21 von 65 angeblichen Tätern zu Todes- und mehrjährigen Haftstrafen. Nur ich wurde frei gesprochen. Und weiß bis heute nicht warum, klagt er. - Das war drei Wochen bevor ich ihn getötet habe; Sie wissen schon: wegen dem kleinen Tier - dem Sohn vom Monster. Das bin nämlich ich, Jimmi, der voller Schuld im Schein einer Kerze im Keller des Daseins liegt. Der schwere Steine trägt. Mörtel. Sand. Am Haus der Zukunft für die Welt baut. Doch egal ob ich liege oder trage, ich höre zwangsläufig die Vergangenheit. Das Ohr dazu kommt von außen. Wie die Augen. Meine irren Bewegungen. Das Rucken. Zucken. Und das Stechen. All diese Möglichkeiten von Schmerz, wenn ich meinen Schädel gegen die Wand schlage. Die Zeit mit Füßen trete. Hilflos an einer Entschuldigung baue. Auf Absolution warte. In Dunkelheit. Sitze. Stehe. Liege. Im Licht. Im Tal der Tränen - auf und ab gehe. Wieder und wieder. Vogelfrei, wie ich bin. Und so gut wie tot.

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Ole war ein Drei- Flaschen- Mann. Moskovskaya. Die erste dauerte den Vormittag. Die beiden anderen trank er bis zum Abend. Ein bisschen Wein dazu. Selten ein Bier. Rauchte aber - drei Pack - ohne Filter.
Als Promi- Zeichner verdiente er nicht schlecht, konnte sich Rauch und Suff locker leisten. Und eine Frau. Die 25 Jahre jünger war. Trotzdem besuchte er ab und an einen Puff in der Niebuhrstraße. Ein guter Laden. Mit einer Puffmutter wie aus dem Bilderbuch; eine frühe Domenica, mit verlebter Eleganz in Gesicht und saftigem Dekolleté. Und mit immer guter Laune. Auch deswegen war Ole da. Und zum Aktzeichnen. Bumsen? Nein, - bumsen ließ er, - wollte nur zusehen. Und zeichnen. Und dabei lernte er Horst kennen. Berufsboxer. Der kam zwei mal täglich. Und hatte sich wenige Tage zuvor mit einem KO in der 8 Runde den Deutschen Schwergewichtstitel erboxt.
„Dich will ich mal beim richtigen Training zeichnen, Horst!“
„Jederzeit!“ War der begeistert, obwohl um seine Person wegen des Titels gerade mächtig Rummel war. Und als es nicht gleich klappte, mit dem Zeichnen beim Training - weil der Manager von Horst dagegen war, lud Ole ihn zu sich nach Hause ein.
Zum Abschied, beide waren vom Moskovskaya satt und weil es draußen kalt war, schenkte Ole Horst seinen nigelnagelneuen Fuchsmantel. Bodenlang. Mit Mütze. Und die mit Ohrenklappen daran. Man trug das so. In den Sechzigern. In West- Berlin.

Zwei Tage später ging in der Früh das Telefon bei Horst. Ole. Dessen Stimme schwankte schon ein wenig.
„Du - Horsti - ich habe da einen Auftrag deines Managers, um ein Plakat für deinen nächsten Kampf zu zeichnen. Komm doch bitte heute Nachmittag.“
„Gebongt“, sagte Horst, „gleich nach dem Training. Wird so gegen sechs sein!“
„Ich - ich freu mich schon - so ...“

Gegen fünf hatte Ole den zweiten Russen flachgelegt. Ein Flasche Wein. Und als Horst klingelte, war seine Frau längst außer Haus. Für Ole war das kein Problem, er hätte den Weg zur Tür auch im Liegen gefunden. Nur, - Horst hätte den Fuchs nicht tragen sollen. In so einem schicken Teil nach dem Training, da schwitz man doch noch nach - und versaut das schnieke Fell. Und so sah das wohl auch Ole. Denn der pöbelte schon an der Tür. „Ey, - du Penner hast mir den Fuchs mitsamt Bärenfotze geklaut, du Sau!“
„Den hast du mir doch neulich geschenkt!“
So ging das dreimal, oder auch viermal. Jedenfalls startete Ole einen Sprint ins Schlafzimmer, zum Kleiderschrank und kam Sekunden später mit einer Makarow in der Hand gelaufen, als sei es ein olympischer Wettbewerb - und zog durch.

„So, du Sausack ziehst jetzt den Mantel aus, die Mütze und hängst alles an den Haken dort. Und dann verpisst du dich!“
„Und wenn nicht?“
„Dann bist du Boxmeister gewesen!“
„Na dann mach“, sagte Horst. Und Ole machte. Dicht neben den Kopf von Horst. In die Türfüllung. Eigentlich ein guter Schuss. Für seinen Zustand. Und Tatsache. Denn Horst setze einen Tag mit dem Training aus. Packte stattdessen in eine Kiste Fuchs mit Mütze und Ohren daran und trug die zur Post in der Niebuhrstraße. Dicht neben dem Puff Starlight Express, der gerade mit Sonderpreisen warb. Horst war aber nicht nach vögeln.

Keine zwei Wochen später traf er seinen Manager auf der Straße.
„Lange nicht gesehen ...“
„Was soll ich auch bei deinem Training, das läuft doch wie von selber, - oder?“
„Hast Recht. - Und einen schönen Fuchs hast du an, sogar mit Mütze und Ohren daran.“
„Den hat mir gestern Ole geschenkt. Und ich glaube, der steht mir, - oder?“
„Besonders die Bärenfotze!“
„Wenn du das sagst ...“

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Einfach mal das maul halten sage ich Beck
Spanne den schirm der hoffnung auf
Als es blut regnet
Weil gegenüber ein männlicher migrationshintergrund seine frau
Lieb mit einem messer zwangsbehandelt
Auch mehrmaliges einstechen biss die klinge bricht ist nicht als versuchter totschlag anzusehen
Urteilt richter ahnungslos
Dagegen finde ich das bild von chinesischen kotz durchfall erdbeeren brillant ausgeleuchtet
Denn auch so dinger haben ein opfer abo
Wie sonst nur frauen haben meint der wettermann
Und zeigt auf sein unschuldiges vergewaltiger tief in der hose
Ich rate dringend zur notbestattung der demokratie
Falls es in dt. überhaupt mal eine gab
Denn unsere politiker drucken euros für die europazone wie an fasching luftschlangen
Mit denen sich mutti fürs pleiteland schon mal die schürze bindet
Dabei ist bis weihnachten noch hin
Grinst der die armen noch ärmer machende ökostrom gläubig
Ich brauche deswegen meine spritze noch dringender als sonst schon
Und wie auf bestellung rast die drohne voll mit H heran und schießt mir ein loch in den hintern
Voll geil alter
Wozu sind wir auch sonst in Afghanistan

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Ohne jeden Wellenschlag gleiten die Bösen in der Morgendämmerung über den See. Ein abnehmender Mond hängt auf cirka 3:30 Uhr. Kaum Wolken. Leichter Ostwind. 85,78 % Luftfeuchte. 16,5 Grad Wassertemperatur. 17,3 Luft. Weder das Boot noch die Körper der Bösen werfen Schatten. Lediglich ihre Helme blitzen und verraten sie. Denn die übertreffen sogar die -4,67 mag der Venus.

Ich stehe am Fenster mit Panoramablick im ersten Stock meiner vor zwei Jahren komplett sanierten Gründerzeit- Villa (600 qm Wohnfläche) und beobachte sie. Als sie aus dem Boot springen, im Zickzack den 2.330 qm Lenné - Garten durchqueren, - Büsche als Deckung ausnutzen, nehme ich meine Pistole und bewege mich Richtung Belle Etage, um mich dort in den Juan- Carlos- Chesterfieldsessel 1892 zu setzen; ein Erbe meines Großvaters. Wie die hundertvierundvierzig Millionen Euro. Die Firma mit 1.200 Angestellten. Das Gut. Mit Ländereien. Pferden. Die beiden Jachten an der Cote Azur, mit ebenda einer Villa. Und die Frauen jeden Alters, - die mir nicht nur wegen des Geldes hinterherlaufen, sondern ... Ach, was erzähle ich da. Denn die Bösen rammen trotz der dreifachen Stahlarmierung in 1,8 Sekunden die Eingangstür aus Qualitätseiche auf.

Als sie mich im Sessel sehen, oder wegen der goldenen Pistole in meiner Hand, zögern zwei von ihnen für 0,27 Sekunden. Der dritte nicht. Der rotzt mit einer Uzi, Kaliber 9x19 (oder doch 45 ACP?) einen Feuerstoß in die Decke, dass der Putz rieselt und der Kronleuchter schwankt. Ich folge seiner direkten Anweisung und werfe meine 6 Schuss Glock 17 auf den Boden, als hätte sie Krätze.

Die Bösen sagen, sie seien die Guten - und ich repräsentiere das Menschenmordende Kapital. Denen würde es deswegen auch egal sein, dass mir unterhalb vom Knie das Bein fehlt. Folge einer Haiattacke beim Surfen über das Great Barrier Reef, da war ich gerade mal 12 Jahre alt, lüge ich. Richtig ist, dass ich im Alter von 11 Jahren entführt wurde. In einer Kiste im Elbe- Autobahntunnel der A 7 gefangen gehalten lebte. Mit Strom gefoltert wurde. Und über sechs Monate zum Lesen einzig einen vierbändigen Brockhaus hatte, den ich bald auswendig konnte. Durch einen Stromeinsatz meines Entführers, der wollte meine Schmerzensschreie auf Band dokumentieren um meinen Großvater um vierzig Millionen zu erpressen (der zahlt/e nie!), litten die Beinnerven solchermaßen, dass mir das Bein später im Krankenhaus amputiert wurde.
Ersetzt wurde das Teil im vorigen Jahr übrigens durch eine High Tech C mit Patellea Tendon Bearing System, ist also nicht sichtbar; und wenn sie es nicht wissen ...
„Doch, wissen wir!“ Sagt einer, den ich gerne als den längsten, kleinsten dicksten, dünnsten, schlauesten oder dümmsten bezeichnet hätte. Doch nichts davon. Die drei sind einer wie der andere 1,85 m groß, wiegen jeweils 79,5 kg, sprechen sich nicht mit Namen an und verstellen ihre Stimmen augenscheinlich durch in ihren Helmen befindliche Sprachsysteme eines mir unbekannten Herstellers und besitzen, unisono, einen IQ von 145.
„Halten Sie ihre Gedanken unter Kontrolle!“ Herrscht man mich wegen meines Nachdenkens an; doch ich kann es nicht lassen.
„ ... zum letzten Mal ...!“
Die Bösen greifen mich, ziehen mir einen Leinensack - fein gewebt lebensmittelecht 33 x 24 cm (durchschnittliche Lieferzeit 3/4 Tage) - über den Kopf und werfen mich auf den Bauch. Spreizen mich wie den gekreuzigten Jesus. Streifen mir eng sitzende Latex- Fausthandschuhe Größe M, Ausführung Herren, Lackschwarz, oberarmlang, extra dick, über. Fesseln mir die Arme mit Paketband 48 mm mal 66 mm mit Aufdruck ’Vorsicht Glas’ auf den Rücken.

Was das Böse (aber) nicht weiß ist, dass das Gute einzigartig vorbereitet dasteht. Und in meinem Fall stringent nach Handbuch ’Das Gute, Fall 378’ handeln wird. Vorgabe: Drei Böse. 185 cm. 79,5 kg. IQ 145. Morgendämmerung. Boot. Mond. Kaum Wolken. Leichter Ostwind. Feucht. 16,5 Grad Wassertemperatur. 17,3 Luft. Auch, dass das Böse die dreifache Stahlarmierung in 1,8 Sekunden überwindet. Mit Uzi, Kaliber 9x19 (oder doch 45 ACP?) bewaffnet ist. Dass es Gedanken lesen kann. Mir einen Leinensack - fein gewebt lebensmittelecht 33x 24 cm durchschnittliche (Lieferzeit 3/4 Tage) - über den Kopf zieht. Mich mit Paketband 48 mm mal 66 mm mit Aufdruck ’Vorsicht Glas’ fesseln wird, usw. Ja, all das ist in einem Micro Chip dem Hund implantiert. Meinem Pluto. Rasse Kishu Ken. 53 cm Höhe. 25 kg Gewicht. Herkunft Japan; der seinerseits eine Drohne aktiviert, sollte ich jemals an Dr. No denken.
„Lassen Sie das!“ droht man, „ ... James Bond wird ihnen auch nicht mehr helfen können!“ Doch genau was James Bond in solch einer Situation tut, wird ab nun Pluto (Sir Kishu Ken 007) bewerkstelligen. Dessen Versteck sich 2,20 m unter dem Rasen, Schnitthöhe 2,5 cm, bei der alten Stieleiche, Stammumfang 6,33 m, kupierte Höhe 27,78 m befindet.

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’Ich habe es gemacht’ sagt er. Ganz schlicht und ohne Pathos. Hat seinen vier Kindern die Kehlen durchgeschnitten. ’Im Schlaf’, sagt er. Während die Frau in Urlaub war. ’Ich wollte die nicht der Mutter überlassen! sagt er.
Das klingt doch gut, denke ich. Der Mann will Verantwortung übernehmen, man sollte ihn freisprechen. Eine Gedenkfeier für Mann und Kinder abhalten und die Ehefrau steinigen. Der Rest ist Kitsch. Kostüm. Kulisse. Eventuell Liebesschmerz über die lesbische Freundin der Frau, die im bordeauxroten Ledermantel im Gang vor dem Sitzungssaal wartet. Und dort drin ist es wie Kino. Wie bei ’Die Zwölf Geschworenen’ von Sidney Lumet; sollte ihr Erinnerungsapparat noch funktionieren. Wie der Mann da sitzt, sich ein Stück Papier vors Gesicht hält. Damit er die Chance hat nicht erkannt zu werden, wenn er wieder rauskommt - um seine grauenhafte Tat in Schönheit umzuwandeln. Doch schon schwenkt die Kamera weiter. Auf die Trümmer nebenan. Direkt in die große Freiheit. Wo jeder alles tun und lassen kann, um die Welt zu zerstören. Und alle anderen haben gefälligst Verständnis zu haben. Wieso denn Verzicht? Es geht um Vollständigkeit im Sein!

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Jeder kann diese schöne Schreibidee verwenden, ein Wort an mich reicht - und ich gebe die frei. Warten Sie also nicht zu lange, denn wer zu erst kommt ... kommt zu erst. Jawohl! - So, und nun stelle ich die Story vor: Eine Frau berichtet von ihrer scheiß Kindheit. Vom Fehlen eines rosa Nuckel. Eines Kasperletheaters mit Grete. Weint über die graufarbene Tapete im Kinderzimmer. Beschwert sich über ihre Jugend, - als ihr gleichaltriger schwuler Onkel ihr die Jungens wegbumste, die sie wollte. Sie erzählt über sich als junge Frau, die von ihrem unerzogenen Pudel sexuell angemacht wurde. Über den missratenen Ehemann, der sich im Knast festsitzt, weil er dort besser isst als zu Hause. Mit dieser Fülle Schicksal beladen gelangt sie nach einem missglücktem Suizid in die Schreischau von Talkmasterin Schweinemacher. All die anderen Übeltäter wie Nuckel, der schwule Onkel, der Pudel und der Ehemann, der in Handschellen aus dem Knast vorgeführt wird, sind ebenfalls dort. Sofort beginnt ein riesiges Durcheinander und ein wahnsinniges Geschrei; es kommt zwischen Tapete Kinderzimmer und Pudel schon zu Handgreiflichkeiten. Moderatorin Schweinemacher kann den Knatsch nicht verhindern, sie erschießt sich auf offener Bühne, auch um die TV- Einschaltquote auf ABSOLUT unschlagbar zu toppen. Daraufhin kommt die Protagonistin schuldbeladen und schreikreischend wie die ist in die Klapsmühle. Gefühlte fünf Jahre später, am Entlassungstag, stehen bis auf (logisch) Schweinemacher alle Beteiligten vor der Tür. Jeder umarmt jeden (und sich selbst) und alle weinen. In dem Augenblick kommt der die Protagonistin in der Klapse behandelnde Arzt dazu, der sich während der Therapie in sie verliebt hat, zieht eine Pistole und erschießt kaltblütig Onkel, Pudel, Ehemann und ein paar Zuschauer. Legt die Pistole aus der Hand, zieht einen fünf Karat schweren Diamantring aus der Tasche und steckt den seiner Ex-Patientin an den Finger. Im Finale umarmen sich Protagonistin und Arzt vor goldenem Morgenrot, stammeln von Liebe, fangen vor Glück an zu weinen und warten auf die Polizei; so schließt sich der Kreis. Wenn also jemand den Stoff will: Ich scheiße drauf!

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Ich will es glatt. Die Welt soll flach sein. Ich fülle also alle Löcher mit Beton. Verfuge Krater, Brüche, Rillen, Kratzer, Schrammen. Die kleinste Ritze. Schleife Gebirge ab. Ebene Wüsten ein. Kontinente, Meere, Ozeane. Auch die Pole. Stutze gleich lang alle Kreaturen. Befriede die Natur. Den Innen- und den Außenraum der Erde - mit allem Sein. So bin ich Herr der Dinge. Schöpfer. Gott. Ein kleines Schwein, das alles niederreißt.

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Mit den Bildern im Kopf muss ich leben. Den vielen Toten. Frauen. Jeden Tag. Jahr für Jahr. Stunde um Stunde. Und immer muss ich zum Ausgangspunkt zurück. Gebe den Befehl mir Selbstwertgefühl einzureden - um als Täter, als Opfer zu überleben. Nur: Von mir, der Schuld, gibt es keine Beweisfotos oder DNA-Spuren. Und der Einfachheit halber und ob Böse oder nicht, werde ich mit dem oder jenen verglichen. Was mich ankotzt; auch der Einfachheit halber rezitiert dieser oder jener nichts als seine angelesene Weisheit - und gibt die als Lebensmotto aus. Was mich mehr als alles andere ankotzt. Und dann sind da noch die mit Perücke und Sonnenbrille. Anonym - wollen die sein. Obwohl hier jeder früher oder später seinen Arsch zeigen muss. MUSS! Und nur Idioten bestreiten das. Doch davon gibt es genug, - wo ich bin. Im Bipolar. Wo wir uns wie fremd gesteuert prügeln, - stürzen, hochfliegen und zusammenbrechen. Wo der Boden mit Holz belegt ist, die Wände weiß gestrichen ... Wo nicht nur die Betten Gitter haben - wie die Fenster. Und an den Decken Engel in goldfarbene Trompeten blasen ohne einen Ton zu erzeugen. Wo es einen Keller gibt, in dem man auf kaltem Beton liegt und sich tot stellen muss - um nicht seine eigenen Exkremente zu fressen. Urin zu trinken. Wo ich an Jasmin denke. An einen See im Sommerlicht. Das war 2007. Im Juli. Als mir der Staatsanwalt Fotos und Zeitungsausschnitte vorgelegt hat. Eine Mappe voller Pornographie.
„Dreißig Jahre sind eine lange Zeit!“ sage ich.
„Ein Leben“, antwortet er. Da waren die Hintermänner noch nicht mal ermittelt. Die Perücke mit Sonnenbrille. Der mit den angelesenen Weisheiten. Um endlich mal schmutzige Wäsche zu waschen. Die soll übrigens nach ihrer Entlassung in einer Kneipe nahe dem Kietz gearbeitet haben. Und die Sonnenbrille soll in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt gewesen sein. Dann doch lieber gleich auf den Strich, ist meine Ansicht. Doch die Obrigkeit bleibt unbelehrbar und leitet wegen Strafvereitelung ein Verfahren ein. Und deshalb wurde ich erneut durchsucht. Angeklagt und aufgelöst. Zerstört, sagt man dazu in meinem Umfeld. Doch da lebte ich schon längst in meiner eigenen Freiheit. Und wer über mich was sagt, wer mich bestrafen will oder auch nicht, geht mir links am Arsch vorbei. Nur mit den Bildern in meinem Kopf muss ich leben. Jeden Tag. Jahr für Jahr. Stunde um Stunde. Also lebe ich mit all den bizarre Dingen wie mit euch, - die ihr habt geschehen lassen.

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Es gab in mir schon lange keinen richtigen Befreiungsschlag mehr. Lediglich Schmetterlinge. Doch heute spüre ich ihre Hand an mir. Den zielsicheren Griff in meine Hose. Wenn sie links das und rechts jenes streichelt. Mich dabei ihre Zunge züngelt. Ihr Mund die Lippen spitzt - und um meinen Schaft legt. Wie sich mein Glied darin versteift. Und ich im Tanz der Vampire ihre Schamlippen teile, um an ihrem blutigen Kitzler zu lutschen. Auch dass sich im Saugen und Schmatzen, im Sturm ansteigender Geilheit mein Tinnitus verdoppelt. Wie der sich in Sekundenbruchteilen weit über die gerade noch erträglichen 3.800 Hertz vervielfacht. Klar, fast jeder kennt das einsame Zirpen vom Heimchen am Herd, - aber nicht das Schreien von sechs Stück mir in die Ohren entlaufener Futtertiere in Endzeitstimmung. Dazu den Krampf in der linken Wade, wenn es mir kommt. Wie die Kopfschmerzen. Tausend Nadelstiche. Die sich in Wellen auf Millionen verstärken. Und nur zögerlich geht das Licht aus - und meine Welt unter. Trotzdem mache ich mir nur manchmal Sorgen ob mein Kosmos überhaupt der eure ist. Ob andere überhaupt eine Seele und ein schlagendes Herz wie meins ihr Eigen nennen. Und warum ich euch das alles erzählen muss ...
„Das wird schon wieder!“ beruhigt mich (völlig unnötiger Weise) Professor Otitis, „ ... denn jeder Symptomkomplex stellt sich anders da. Übrigens, Sie können durch Gähnen oder Schluckbewegungen auch selbst für einen Druckausgleich sorgen!“ Und so weiter und so fort. Als er dann endlich weg ist, scheide ich mir mit der Nagelschere das Gaumensegel ab und spüle es im Klo runter.

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Meine Mutter lebte hundert Jahre Einsamkeit wie tausend. Doch das wusste ich erst viel später, weit nach dem sie mir das Buch von Márquez schenkte. Und ich schäme mich heute noch, ihre Einsamkeit nicht bemerkt zu haben. Dabei war es (eigentlich) ganz einfach ... Bei mir lag es daran, dass ich wegen eines fundamentalen Mangels an Spürsinn als Psychopath eingestuft wurde. Und sicherlich auch einer war. Dazu Rechtshänder mit verquastem Denken, der zudem mit Gott nichts am Hut hatte und einzig Rock’n Roll tanzte. Und dann war da noch die Sache mit dem Mann meiner Mutter, der mein Erzeuger war. Über dessen Machenschaften (ich sage nur Diebstahl und Frauengeschichten) sie wohl nie richtig hinweg kam. Und dann der Ärger über mich, oder mit mir, ganz egal wie man es sich einrenkt, - es bleibt letztlich der Tod meines Erzeugers und die Flucht in die Legion. Darüber kann man schon mal in den Teppich beißen. Was meine Mutter aber nicht tat, - sie war eine starke Frau; eine selten starke Frau. Und ich fing erst viel später an mich schlecht zu fühlen. Lange nachdem ich zurück war. Vom Jungen zum Mann und Mörder gereift. Als Kämpfer und Schuldner. Und Gott weit weg. Irgendwo links hinter Kassiopeia, in der Nähe von Cap. Wo ich ihn im Suff schon zig mal vergeblich suchte, wie auch mein Auto am nächsten Tag. Meist stand es nur einige Meter weiter - und Gott schlief darin seinen Rausch aus.

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Die Welt ist flach, hat ein paar Bäume, heißt Schillerpark, durch den ich zu meinem Vater muss, um die Alimente zu holen.
Bin ich da, ziehe ich meine Pistole und töte den Tyrannen. Und das jedes Mal.
Das an die Wand gespritzte Blut kratze ich ab, nehme es mit, - bringe es zu Mutter. Davon können wir mindestens zwei Wochen gut essen, sagt sie dann. Und ich überlege ’gut’ von was.

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wie betäubt wanke ich aus dem roten backsteinbau der gnädigen schwestern
auf die strasse
mutters klamotten in der hand
plastiksack poliklinik steht drauf
der so dunkel blau wie meine tränen
denn gestern ist sie gestorben
25ster dezember
und ich nun komplett in schwarz mit binder
doch das ausmaß der scheiße ahnte ich lange vorher
die gedanken sacken mir darüber weg wie augenwasser
rutschen mit dem schweiß dem scheiß dem nass dem wunsch
wie der pflicht etwas trinken zu müssen in meinen jackenkragen
rein durchs hemd der salzige regen die arschbacken runter
meine wut
bis schräg gegenüber der klinik zum rosengarten
so heißt die destille
da stürze ich rein in trunkenes lachen laute musik
drei kurze lecke ich in sekunden ab
trinke zwei pils hinterher oder vier
und dem typ rechts neben mir der an dem sack zieht
der so blau dem poliere ich die fresse weil der nicht hört
als ich sage
pfoten weg da ist mutter drin
stehe dann minuten leer und mit geschwollenen knöcheln
vor der kneipentür und halte mich am blut und
so gut es geht an irgendeiner art von vergangenheit fest

beileid sagen sie
verstehen nichts
gehen weiter
ich bleibe zurück
getroffen von den stahlschlägen des tages
im rauschenden verkehr der nacht
quäle ich mich zum platz wo du gestorben
sehe dich ermordet im blut
an einem traurigen sonntag morgen
auf einer regennassen straße der keine uhr schlägt
nur blumen im strom des unglücks
und das herz des täters in der plastiktüte meiner seele
kratze ich das wort gerechtigkeit in den asphalt
während meine ketten gegen die zeit anklirren

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Zweiter Teil: Er klopft nicht. Kommt rein, stellt sich dicht neben mich, holt ihn raus und pinkelt klatschend ab. Es spritzt sowas von urgewaltig, dass ich Wellen von Gischt auf die Hand bekomme und lache, und er deswegen, ja - bestimmt deswegen (und nach einem Blick auf mein Ding) erstaunt so was wie ’deiner ist ja fast genauso lang wie meiner' sagt. Alle lachen. Nur ich nicht, weil nämlich niemand da ist. ’Ja, beinahe’, antworte ich ihm, ohne auf sein Ding zu sehen und den Lachern auf den Mund, was sonst eigentlich meine Art ist, - was ihn wohl verblüfft. Und - ey, - ich meine ’den’ Müller in ’dem’ Berlin, wo gerade ein Mann vom Reichstag in den Tod gesprungen ist, ein anderer sich verbrannt hat und Hertha BSC im Fußball in die zweit unterste Bundesliga abgestiegen ist. Eventuell weil die Mauer weg ist. Oder wegen Union. Eisern. Holz. Immer.
Zweiter Teil: Als ich Müllers Reißverschluss ratschen höre, schließe ich die Augen - um nicht sehen zu müssen wie er sich beim Versuch die Abkürzung zum Brandenburger Tor durch die Wand zu nehmen den Schädel einrennt. Was für ein Idiot, denke ich noch, als es staubt, - die Vopos werden ihn erschießen. Und so ist es. Denn als ich ins Zimmer komme, ist er nicht mehr da. Stattdessen fällt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Kartenhaus zusammen, während auf einer Briefmarke ein in sich verschlungenes Pärchen auf Müllers neuem Leinenledersofa Tango tanzt. Mit einem herumliegenden Stringbademantel wische ich denen deren Schweiß von den offenen Fensterscheiben. ’Und diese Hure habe ich neulich noch gemalt’, sagt Müller, der alte Sammler, - als Therapie, - quietscht es ungehört.
Zweiter Teil: Müller soll auch, erzählt man ohne vorgehaltener Hand, die grüne Mohrritzius haben ... Diesen Quatsch behauptet jedenfalls er, den ich aber noch nirgends sehen kann. So greife ich an, klappe den schwarzen Kasten zu, Steinway steht dran, höre in einem Schmerzensschrei Fußfinger brechen, und rufe Gloria an, die seine Frau spielt, die knapp einen Meter die Meile neben mir einen misslungenen Kopfstand macht -, während ich warte, es klingeln lasse, die Spannung genieße, sie aufwacht -, und ich mit mir um den Nachtisch wette warum sie welche Ausrede hat nicht ans Telefon zu gehen. Mann ... es klingelt und klingelt und dauert wirklich endlos bis Müller sich endlich meldet: ’Meier’, brüllt der wie irre, dass mir die Trommel am Fell verrutscht. Wette gewonnen! Und ich werde mir den aus Metall mit Schokosplitter nehmen ...
Zweiter Teil: ’Ich will deine Frau sprechen’, sage ich ernsthaft bemüht meine Freude über die brisante TV- Schoko- Wette in bunt zu unterdrücken, - außerdem weiß ich, dass du Müller bist; das sage ich ihm aber nicht. „Was willst DU denn schon wieder von der Meierschen“, ist seine Gegenfrage, - „das macht mich echt verrückt, dass DU die dauend anrufst.“
„Ich rufe die nicht dauernd an“, rechtfertige ich mich - bin meinerseits sauer - setze böse geworden nach das ich, als ich die das letzte Mal anrief deren Name Monika war und dazumal die Mauer gebaut wurde. Und das DAS verdammt lange her ist!
„NEIN. Das war gestern“, kontert er, „als wir Pfleger Ollis Laube ...“
„Stimmt! - JA“, brülle ich leise, „beim Tagesausgang, - trotzdem, - gib mir jetzt sofort Monika!“
„Ey“, sagt er, „was willst du denn nun in Echt von der?“
„Ich wollte die fragen, wo du steckst“, antworte ich treu.
„Ach so“, sagt Müller. „Moment, ich hole sie ans Telefon.“
„Okay“, sage ich und lege in dem Moment auf als Gloria wegen des Telefonklingelns das Fluchen anfängt, aufsteht und mit einem Bierkasten auf der Schulter durch die Decke verschwindet.
„Monika!“ brülle ich, „ ...bleib hier, du bist mir noch was schuldig!“
„Scheiß drauf“, nervt Müller, „ich glaube, ich habe mir das Bein gebrochen.“
„Sag mal“, kommt mir die Idee des Tages, „hast du mir was ins Bier getan?“
„Es gibt kein Bier“, sagt er.
„Nein? Dann lass uns schnell wo anders hin gehen.“
„Einverstanden, - ich fege nur noch schnell die toten Wespen zusammen!“
Zweiter Teil: „Sagen sie, Herr Müller“, kommt mir Schwester Monika so nahe, dass ich ihre Bierfahne rieche, „nehmen sie auch die verordneten Medikamente regelmäßig?“
„Selbstverständlich, Frau Doktor Gloria“, antworte ich, der Frage wegen dankbar, „schließlich möchte ich wegen der Führerscheinprüfung bald entlassen werden.“
„Ich möchte aber hierbleiben“, brubbelt Müller. - Was für ein Irrenhaus, denke ich, - was man auch tut, denkt, sagt, überall Bekloppte ohne Pappe, die ihren Müller nicht ordentlich trennen ... und so fahren die auch. „Vorsicht!“ brüllt Müller. Doch dafür kann ich mir jetzt auch nicht nichts mehr kaufen.
Zweiter T...

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Von wegen - ich schreie das Blaue vom Himmel runter, als hätte ich mich in meine Existenz nicht eingefunden, in die sechs, sieben Dosen Bier am Vormittag. Du- Dose. Und Ich. Dose. Als wären wir füreinander bestimmt. Haben uns am Küchentisch gemeinsam schön gesoffen. Und das war nicht immer leicht. Ist wie Totschlag. Abgebrannt. Austauschbar trostlos. Arschloch mit Balkon. Wie der Tag, an dem ich mir die blassen Haare piss- blond färben ließ. Ein Gelegenheitsjob. Und ohne Erinnerung später. Wie die kaputten Frauen und besoffenen Typen in der Stampe. Eine mit Pepita- Mantel und Karo- Hut, oder Karo- Mantel mit Pepita- Hut. Und irgendwie so hieß die auch. Fickte, als bräuchte sie Hilfe. Wie, - was ich sonst noch in Erinnerung habe? Eigentlich nichts, - außer das Gefängnis. Dem Gefängnis, sagen die. Dem? Ja! Und ihr seit immer noch die gleichen Penner, was? Wie im Lotto, sagen die, - und du hast heute schon wieder sechs Richtige ... Wie neulich, sage ich, da fehlten mir hinterher die Schneidezähne. Glück gehabt, hätte auch die ganze Kauleiste sein können ... Kenne kaum eine Ecke, wo ich nicht schon hingepisst habe. Ey, das lässt du schön bleiben. Und dann kommt der Schaffner und fragt nach der Fahrkarte. Aber alles kein Problem, man muss nur die richtigen Leute kennen.

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Es sind immer die Schuld, die alles unterordnen müssen. Gefängnisse bauen. Sicherheitsgewahrsame. Die völlig bescheuerten Architekten des Lebens. Mit Kaffee im Kopf, wie Lava. Esszimmer und Zigarre. Und einem Gedächtnis voller Namen; kommt vom vielen Zucker. Den uralten Lorbeerbäumen. Grünem Sonnenlicht. Der Welt als winziges Spatzennest. Mit salzigem Geruch und farbloser Kacke daran. Wie das Meer. Wenn es bei Nacht durch die leeren Straßen läuft. Über die Bäume hinter der Kirche stolpert. Mit einem Kopf glatt und weiß. Als Lichtfleck. Dem Hund an der Leine. An der Kette von Irrtümern und Zufällen. Diese freudlose Vergangenheit. Als wenn man sich ein Wochenende mit sich alleine träumt und vorsorglich am Montag schon die Gegensprechanlage abschaltet. Alles Routine- Scheiße. Fast wie Seifenflecken auf dem Badspiegel. Die einem ohne anzuklopfen in die Augen geraten. Und hackevoll wie vorgestern. Furchtbar. Mit Bier angefangen. Mit Rotwein weiter. Mit Schnaps, ohne ein paar Schritte zu gehen, nur tiefer in den Sessel rutschen. Bis der Morgen an Telefon ist und der Hintern knochig. Die kaputte Wirbelsäule schmerzt wie ein altes Tier. Ja, ein schwieriger Fall. Der Akt des Zigarrenanzündens. Geburtstag. Hochzeitstag. Weihnachten. Vatertag. Neujahr. Enkels Geburt. Examen eines Kindes. Bestandteile eines Lebens. Je nach Tageszeit. Wenn man sich was ’besonderes’ gibt. 17,2 Zentimeter lang. Ein angespannter Zustand mit Gefühl. Fast wie gutes Essen. Dicke. Länge. Geschmack. Feuer. Glut. Rauch. Asche. Das ist das Beste. Die Ruhe danach. Wenn längst das Gasfeuerzeug explodiert ist. Ein Strom von Blut. Ganz ohne Stahlhelm. Mit Feldmütze. In Dienst- oder in Ausgehuniform. Himmlisch, wie einem (wie mir) endlich das reif gewordene Schwarze von der Seele platzt. Fuck n- Dada- Life.

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Als wären mir Unstimmigkeiten geheuer. Die man rückblickend nicht mal mehr nachvollziehen kann. Das Zwinkern und nervös mit dem Mund zucken. Kringel um Kringel in die Haare drehen. An den Fingernägeln knabbern. Ich kann mich nicht satt genug daran sehen. Ist wie Hollywood. Diese mageren Viecher mit den flachen Titten, tief gekerbten Hintern und überlangen Beinen auf kolossalen Füßen. Wie die schon laufen. Als hätten sie mehr zu verbergen als nur ihre Mösen. Wenn man sie nur ließe, würde denen der Busch brennen. Der Anus. Ihre Gaumen feucht (werden) im spekulieren, wie ich wo in sie eindringe. Und wie tief. Gleich hier, auf einer Matratze aus Beton. Oder an einem der unbequemsten Orte der Welt, in meinem Dornengarten. Im Spagat auf der Brüstung vom Windsor Atlantica Rio, im 39sten Stock. Um danach im Pool ... Alles wie gewünscht. Wenn nur das Licht stimmt. Die Frisur sitzt. Eine Fresse wie ein Sonnenaufgang an der Copa. Dahinein ficke ich sie und mich ins Glück. Danach ist nichts mehr. Kein Eingang im Ausgang. Einzig den Wald ihrer Herzen nehme ich mit. Süßsauer lege ich die ein. Und weil die das hier wissen, lassen die mich nicht mehr raus.

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Geh keinem Kampf aus dem Weg
Gib immer Vollgas
Wo du auch bist
Lass es krachen
Dann sehen wir uns auf der dunklen Seite
Und du hälst dort die Lampe
Ey ...
Wir sind die echten Gewinner - Alter
Oder hast du Angst vor der Isolation
?

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Es ist das abstrakte Aufeinanderstoßen schwarzer Giebel mit weißen Fenstern ... davor Gitter, als durchbrochene Fläche zur Beschränkung an Eigentum zur Freiheit. Einiges an milchigem Glas als Zwischenelemente in der Mauer. Und über all dem eine ausdrucksvolle Arabeske. Justitia. Blind. Schwert. Mit Waage. Die es sehenden Auges zu überwinden gilt. Theoretisch. Mir machten das unmäßige Kaffee trinken und die Aufputschtabletten Jahre lang unmöglich richtig zu funktionieren. Doch nun bin ich endlich raus aus der Scheiße. Habe neu hören, sprechen, sehen und gehen lernen müssen. Denken! - Vor allem - Das! Zwar hat das Denken im Denken an das System in einzelnen Bereichen immer noch mit dem blöden Scheiß hier zu tun, aber das ist nun einmal meine Welt. Der Boden der Hölle, in der ich existiere. Das zu erkennen hat mich beinahe 30 Jahre gekostet. Und es ist noch nicht zu Ende. Weil nie etwas richtige zu Ende ist. Weil alles Geschehen weiter auf dem Grund der Seele keimt, wächst ... und ... und ... eines Tages wird mich die aufplatzende Frucht töten ... ich habe aber fast keine Angst davor.

Fini - 22. Okt. 2012

Hinweis: suche Verleger :-)



""meldung vom 12. oktober 2012 <nur mal so - unter UNS freunden> - ich habe einen vertrag mit einem independent-verlag geschlossen, der meinen roman 'Hinter dem Mond' und mein  roadmovie 'Aufgelaufen' im vollen wasch- schleuder- und trocken- programm bringt :-) und so werde ich in 'Aufgelaufen' mit 'meinem Afghanistanhelden' den Till Schweiger film 'Schutzengel' rocken *fg* - was ja auch nicht weiter schwer ist - zugegeben - lol""



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