Exposé

In einem herrschaftlichen Haus, umgeben von alten Buchen, nahe Elbe und Jenischpark in Hamburg lebt die Familie von Sand.
Die Familie besteht aus drei Personen: Siegfried und Sylvia von Sand - und deren Tochter Cira, als Hoffnungsträgerin. Hoffnung, in so fern, die Tradition der Kaufleute derer von Sand weiter zu führen, oder die durch Geburt zu vergrößern. Doch das Unternehmen ’von Sand’ gerät in Schwierigkeiten, als Ciras Vater wegen des Vorwurfs der Unterschlagung in Haft sitzt. Als er zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird, begeht er Selbstmord. Ciras Mutter muss nun die finanziellen Verpflichtungen des Vaters erfüllen, - die Familie von Sand verarmt. Cira bricht das Gymnasium ab, lernt Friseurin. Als in das Leben ihrer Mutter ein neuer Mann tritt, flüchtet sie nach Lausanne. Dort lernt sie den Fotografen Aris kennen, der sie überredet, mit ihm nach Mailand zu gehen. In Mailand wird Cira Hausmannequin einer Designerin, arbeitet an ihrer Ausbildung im Modedesign.

Auf einer Vernissage begegnet ihr Carl. Sie verlieben sich und Cira folgt ihm nach Cannes. Doch Carl ist Spieler und verzockt den Verdienst aus dem Verkauf von Werken Picassos, der einst auf dem Anwesen seiner Eltern in Vallauris getöpfert hat.
Seine Spielsucht, das unstete Leben machen Cira seelisch krank.
Wegen ihrer Depressionen in Behandlung, lernt sie in einer Klinik den Arzt Bruno kennen, - mit dem sie sich liiert. Sie wohnen bei dessen Eltern, die in den Bergen Nizzas ein Anwesen haben.

Bruno wird von der Klinikleitung entlassen, als er für den Eigenbedarf Opiate entwendet. Cira und Bruno beschließen daraufhin Frankreich zu verlassen, um in Brasilien ein neues Leben anzufangen.
Ein Onkel Brunos beherbergt sie in Rio.

Bruno findet schnell Arbeit, vertritt eine französische Kosmetikfirma und reist viel. Cira arbeitet als Friseurin, lernt Jan Goldhagen kennen, der sie als Modedesignerin anstellt.

Bei einer Modenschau lernt sie Marc kennen, einen farbigen Tänzer, verliebt sich in ihn und wird von ihm schwanger. Im sechsten Monat erleidet sie nach einem Streit mit Bruno um Marc eine Fehlgeburt.
Marc trennt sich von ihr und Cira geht voll in der Arbeit einer neuen Mode- Kollektion auf.

In Brasilien erfolgreich, reist sie mit ihren Mannequins zu einer Modenschau nach Paris und wird dort für ihre Arbeiten in der Presse hoch gelobt.
Im Gefühl des Erfolges verbringt sie mit dem Barpianisten Roland eine Nacht und verliebt sich unsterblich in ihn. - Doch Roland hat ein Angebot aus Kanada in das Hilton Montreal.

Cira geht nach Brasilien zurück und muss feststellen, dass Goldhagen mit sämtlichem Bargeld und dem Erlös aus dem Verkauf der Maschinen und der Fabrik geflüchtet ist. Die Arbeiterinnen wollen sie wegen der ausstehenden Löhne lynchen - und schicken ihr die Todesschwadron auf den Hals.
Bruno flüchtet panisch nach Frankreich. Cira reist wenig später zu Roland nach Kanada und erfährt dort, dass er verheiratet ist.

Mittellos bittet sie ihre Mutter um Hilfe.
In Hamburg findet Cira eine Anstellung in einem Modehaus. Wenig später erkrankt sie an Krebs.




Blick aufs Meer
(Roman)
Michael Köhn



*
Unbestritten ist Cira viel Leid angetan worden. - Manche der Täter sind in ihrer Familie zu suchen und schon verstorben. Andere habe ich aufgespürt, nachdem sie mir von denen erzählt hat. Für einige war es die erste und letzte Begegnung mit mir.


“Wie erst jetzt bekannt wurde, starb bereits vorige Woche das einstige Topmodel, die international erfolgreiche Designerin und Schriftstellerin Nora, die allerdings unter ihrem wahren Namen Cira von Sand nur wenigen bekannt war, in ihrem Haus in Sanary-sur-Mer/Südfrankreich. Die Beisetzung hat in aller Stille stattgefunden.“


*
In einem Traum von Morgenmantel lag sie auf dem Louis Treize Bett und sah aus, als ob sie schliefe. Auf dem Nachttisch verteilt fand ich Tabletten, am Boden stand eine Flasche Champagner - halb voll - mit zwei Gläsern, von denen nur eins benutzt war. An einer Vase lehnte ein Brief. Doch auch der Abschiedsbrief konnte nichts mehr ändern, ich war cirka drei Stunden zu spät, - wie Doktor Morell dann bestätigte. Doch zu dem Zeitpunkt, als ich sie fand, vermeinte ich ihre Wärme noch zu spüren.

Ich habe sie dann entkleidet und zog sie ihrer Anweisung gemäß an. Nahm dazu die schon bereitgelegte seidene Unterwäsche. Ihre Dior Bluse. Das Chanel Kostüm - und ihre sündhaft teuren Stilettos von Stuart Weitzmann. Anschließend bürstete ich ihr Haar, überprüfte ihr Make- Up. Als ich fertig war entzündete ich die am Bett stehende Duftkerze und spielte von Jacques Brel ’La Mer’, ihre Lieblingsmusik; setzte mich neben sie, goss mir vom Champagner ein und trank. Erst als die Kerze komplett herunter gebrannt war, rief ich den Arzt. - Es roch dezent nach Zimt.
Morell schrieb Suicid durch Vergiftung in den Totenschein und verständigte die Polizei.

Warum ich sie nicht gleich benachrichtigt hätte, fragte mich der Kommissar, ein gewisser Armant. - Weil das nicht dem Willen meiner Ex- Frau entsprochen hat, Herr Kommissar. Ja, so ist das Leben, mein Freund, verabschiedete der sich daraufhin. Und damit war Ciras Leben offiziell zu Ende.


*
„Wissen Sie“ sagte ich dem Reporter des Klatschmagazins Sunbeam, einem bleichgesichtigen Menschen mit Hornbrille Typ Nerd, dessen Gestalt einer zusammengefalteten Zeitung glich „letztlich war sie einsam, - soweit ich das einschätzen kann.“
„Eine Person mit solch einem Erfolg als Topmodel, Designerin - und als Schriftstellerin, und dann einsam?“ zweifelte der.
„Woher wissen Sie das eigentlich; immerhin hat sie unter Pseudonym ...?“
„Es gibt überall menschliche Wanzen. Aber wenn Sie die Wahrheit lesen wollen, reden Sie mit mir. Wir machen dann ein schöne Homestory!“
„Nein! Mehr will und werde ich Ihnen nicht sagen, guter Mann.“
„Sie sind doch aber mit ihr verheiratet!“
„Ich war“, antwortete ich. „Ich war. Und das ist lange her!“
„Aber unsere Leser“, gab der Reporter den Demütigen, „unsere Leser haben ein Recht darauf. Und denken Sie auch mal an sich, - was das für Sie bedeuten kann!“
„Ach was -, lassen Sie mich einfach in Frieden!“
„Aber ich ...“
„Nein! - Aus, jetzt ist Ende! Und du Sackgesicht verschwindest augenblicklich. Aber pronto!“
„Und was wird aus ihrem Nachlass; wird ihr letzter Roman verfilmt? Besitzen Sie dafür die Rechte ...?
„Nun hören Sie schon auf, mich laufend zu fotografieren ...!“


*
Nein, - nichts soll mich jetzt stören auf dem staubigen Weg vom Friedhof in Sanary-sur-Mer herunter in die Stadt. Nicht nur weil ich in Trauer bin und doch freundliche Gedanken über diesen wirklich idyllisch gelegenen Platz mit Blick aufs Meer habe, - den eben allerdings kaum jemand bemerkt haben dürfte, denn wie von Cira gewünscht fand die Beerdigung in kleinem Kreis statt ... und der kleine Kreis war ich. Ich, der ihr mit einem Dutzend dunkelroter Rosen das letzte Geleit gab. Und ich gestehe, ich habe haltlos geweint. Doch nichts als das Brechen der Wellen war Zeuge. Durchbrochen vom Zischen der Gischt in der es klang, als wenn das Meer ihren Namen rufen würde: Cira! Und so mischten sich Wellen und Brandung mit meinen Tränen. - Nie werde ich dich vergessen, betete ich ungewollt synchron mit dem dünnen Glockenklang der nahen Kapelle. Bückte mich zur Grabplatte, um davor die Rosen abzulegen. Kniete nieder und küsste die Urne. Auf der in schlichtem Weiß ihr Vorname stand. In kleinerer Schrift unser gemeinsamer Nachname, - was mich wunderte. Denn einerseits hatte sie auf ihren eigenen Namen verzichtet. Zum anderen war sie demnach unverheiratet geblieben. Doch warum sich an Männern für sie nichts passendes gefunden hatte, wird sich eventuell in ihrem Nachlass zeigen, hoffte ich. Denn es würde mich in Erstaunen versetzen, über Männerbekanntschaften nichts zu finden. War es doch die von mir entworfene aussagekräftige ganzseitige Annonce im Magazin ’LiveTime’, die ihr Dutzende Briefe von anscheinend solventen Bewerbern brachte. Leider riss mein Kontakt zu ihr danach ab, ich weiß nicht mal mehr warum, und unsere Beziehung lebte erst neuerlich durch einen Anruf von ihr auf, in dem sie mich um einen dringenden Besuch bat.

„Der Krebs ist wieder da! Nach so langer Zeit!“ weinte sie herzzerreißend an meiner Schulter.
„Ist es so schlimm?“
„Es bleiben mir nur noch wenige Wochen ...“ Und so trauerten wir beide gemeinsam - und ich hielt sie ganz fest, denn ich liebte sie immer noch; nur anders als zuvor. Aber auch das war wohl nicht lange genug; denn, ja, mein Fehler war es Termine in Deutschland wahrzunehmen, statt in Südfrankreich bei ihr zu bleiben. So kam es, wie es kommen musste, denn nur wenige Zeit später erreichte mich im Berliner Hof, ich aß gerade mit einer Bekannten zu Abend, ihr Anruf.
„Ich werde es heute tun ... und will mich von dir verabschieden“, hörte ich ihre weit entfernt klingende Stimme.
„Bitte! - Warte auf mich!“
„Nein, - ich habe lange genug auf dich gewartet!“ Nur Sekunden später buchte ich über Handy den nächsten Flug nach Nizza. Und kam doch zu spät.


*
’Ein halbes Dutzend Enkel’, wünscht sich Ciras Vater Siegfried, wenn er vom Rosé beschwingt in die Zukunft blickt. Doch Cira ist erst vierzehn Jahre alt und Schülerin am Albert Einstein Gymnasium.
’Natürlich nach dem Abitur’, lacht der Vater in die blaue Riesenwolke eine seiner teuren kubanischen Zigarren hinein, ’erst nach dem Abitur, mein Kind!’
Nun, da sind zwar noch einige Nichten und Neffen im Umfeld derer von Sand, - die Siegfried allerdings für total ungeeignet hält, um die Führung seines Unternehme zu übernehmen. ’Alles Schwachköpfe, die...!’; so bleibt also einzig Cira. Ein geeigneter Ehemann und der zu erwartende Nachwuchs.

Es ist Samstag früh, Sommer und warm. Cira ist so gut wie wach und döst bei leiser Musik, als im Kies der Auffahrt ein Auto zu hören ist. Stimmen laut und lauter werden. Und nur wenig mehr als ein Augenblick vergeht, bis die Türglocke läutet.
Schon beim ersten Ton springt Cira aus einer diffusen Ahnung heraus aus dem Bett, sieht aus dem Fenster und entdecke einen Wagen mit offenen Türen und rotierendem Blaulicht auf dem Dach, - und kann im merkwürdig hellem Singsang Funksignale hören.

Direkt vor der Haustür stehen zwei Polizisten in Uniform. Einer von denen blickt wie beiläufig am Haus hoch, um sich abrupt ab zu wenden, als Ciras Mutter aufschreit. - Mutters Hilfeschrei ist ein grässlich hoher, scharfer Ton, wie mit der Axt geschlagen. Ein Ton, der niemandem auch nur einen Millimeter Spielraum im Denken, Handeln und im Tun lässt. Cira schließt aus den Bemerkungen der Polizisten, oder weiß es einfach aus dem Bauch heraus, das ihr Vater tot ist - und wird ohnmächtig.

Als sie zu sich kommt, bleibt ihr unklar wie viel Zeit vergangen ist. Und bis auf die leise Musik aus ihrem Radio herrscht absolute Ruhe im Haus. Neugierig geht sie zum Fenster, sieht hinaus und kann sehen wie ihre Mutter mit einem Mann spricht. Es ist ein hoch gewachsener blonder Mann in Uniform, mit vielen Streifen auf der Schulter, den sie zuvor nicht bemerkt hatte - und der Ohren groß wie Topfdeckel hat, kommt es ihr vor. Cira fühlt plötzlich Angst um ihre Mutter, spürt ein Ziehen in der Magengegend - und wie ihr Harz rast. Und weiß nicht warum, denn die Ohren des Polizisten werden es nicht sein ... Und sie weiß auch nicht, wie sie sich helfen kann.

Ihre Mutter verabschiedet sich von dem Polizisten, wie sie sehen kann, geht ins Haus, schwankt - und stolpert ein wenig. Sei vorsichtig, möchte Cira ihr zurufen, doch es ist sinnlos und außerdem ist ihre Kehle trocken. Trotzdem, Cira will sie trösten. Also nimmt sie all ihren Mut zusammen und geht wenig später, wie durch Watte, die Treppe hinunter ins Foyer. Dort sitzt ihre Mutter zusammen gesunken auf dem Sofa und weint lautlos. Cira nimmt sie schweigend in den Arm, trocknet ihr mit einem Taschentuch die Tränen.

„Du weißt es?“, fragt ihre Mutter.
„Ja!“
„Woher?“
„Von innen heraus“, erwidert Cira.
„Wie deine Großmutter, mütterlicherseits“, sagt ihr Mutter, - und ist stolz auf ihre Mutter, so wie Töchter eben stolz sind auf ihre Mütter, scheint es.

„Ich bin stolz auf dich!“ sagt Cira.
„Warum?“
„Weil du meine Mutter bist, und eine starke Frau!“
„Wir werden sehen“, antwortet die mit verzagter Stimme - und ist ein kleines Mädchen. Ein sehr verlorenes, hilfloses kleines Mädchen. Und Cira sieht durch sie die Zukunft klar vor sich. Doch dann wischt sie die schnell weg, sie will nicht trauriger werden als sie schon ist.

„Ich muss in die Gerichtsmedizin, Vater identifizieren, der Staatsanwalt will es so. Gehst du mit?“
„Nein!“, antwortet Cira, und fühlt sich schwach werden, und obwohl sie nicht weinen wollte, weint sie ... Sieht ihre Mutter als grauhaarige Frau ihr gegenüber sitzen, wie deren Finger zittern, ihr die Augen flackern vor Angst, ihre Lippen stumm bitten, artikulieren: ’Hilf mir, so hilf mir.’

„Nein. Ich kann nicht! Ich könnte seinen Anblick nicht ertragen“, sagt Cira unter Tränen. Und ist sich sicher, diese Worte im Film ’Krieg und Frieden’ von Audrey Hepburn gehört zu haben - und schämt sich dafür. Für diese Gedanken, ihre Tränen - und überhaupt. Sie flüchtet deshalb mit schnellen Schritten zum Fernseher und reitet mit den dortigen Cowboys in eine unbekannte Weite.

„Gut, ich gehe dann mal!“, hört sie ihre Mutter in einem Tonfall, so wie die sich sonst zum Einkaufen in die nahe gelegene kleine Markthalle verabschiedet. Und ihre Mutter geht ohne zu wackeln, ohne ein Stolpern, kerzengrade, wie sie aus dem Fenster sehen kann.

„Wenn du mich brauchst ...“, ruft ihr Cira hinterher. Doch ihre Mutter ist schon weg. Und Cira sieht gerade noch, wie sich das Grundstückstor schließt.


*
Ab da gab es die Versuche mit der Rasierklinge. An den Unterarmen. Innen. Wo es nicht gleich zu sehen war. Feine Streifen schneiden. In eine Haut - weiß wie Bettlaken. Um mit dem roten Blut zu spielen. Mit meinem Blut. Das Leben bedeutet. Wie jedes Blut. Das Schweiß ist. Blitz und Donner. Als ein hellroter Rinnsal. Eine Pfütze. Als kleiner See. Dunkles Dunkelrot. Schwarz werdend. Das dann im Mund aufweicht. Süß schmeckt. Manchmal stockig. Wie alte Watte. Klumpender Schorf. Rostiges Elend. Als wäre es das zwischen den Beinen. Darüber meine Seele weint.

Die Arme erhoben. Hände offen. Finger gespreizt. Stehe ich. Sehne mich nach Sauberkeit. Nach meinem Vater. Einer starken Hand. Einer Schulter zum anlehnen. Vermisse das über den Kopf streicheln. Doch nichts ist. Alles tot. In diesen Tagen der Angst.


*
Ich lernte Cira in einer Rechtsanwaltskanzlei in Hamburg kennen. Der Anwalt war mir wegen seiner Kompetenz in Grundstücksfragen empfohlen worden. Und Cira suchte den auf weil der an der Rothenbaumchaussee, keine fünf Minuten zu Fuß von ihrem Domizil an der Alster, residierte und sie an den Folgen einer missglückten Operation leiden würde, wie sie mir beim gemeinsamen Warten auf den Juristen verriet.
So oder so sah sie dabei solchermaßen zart und hilfebedürftig aus, wie ich mich erinnere, dass ich ihr ohne zu zögern anbot sie nach Erledigung ihrer Vorhaben nach Hause zu fahren.

„Wir könnten auch zu Fuß ...“, höre ich sie lachen, „es ist nicht weit!“
„Gerne!“
Und schon wenige Minuten später raschelten unsere Füße im Laub, verfehlten uns die reichlich herab fallenden Kastanien nur knapp, - was Cira veranlasste „Dicht daneben ist auch vorbei“ zu juchzen. Das allerdings ihre zeitweise Ausgelassenheit schweren Medikamenten - die sie wegen diverser Nachwirkungen auf eine Krebsoperation hin einnahm - zu verdanken sei, kam mir nicht im Entferntesten in den Sinn.

Ich erzählte ihr, dass ich eine Immobilie auf der Reeperbahn verkaufen wolle, und deswegen beim Rechtsanwalt vorstellig geworden war. Nichts ahnend, dass sie mir bei einem Kaffee wenig später anvertrauen würde, dass sie eine Schadenersatzklage gegen einen Operateur führen werde, der sie anlässlich einer lebensbedrohlichen Krebsoperation solchermaßen verstümmelt habe, dass sie mit keinem Mann mehr schlafen werden könne.

Ihr freimütiges Eingeständnis traf mich wie ... ehrlich, ich kann es gar nicht sagen: Ich war geradezu fassungslos und gleichzeitig wurde mir bewusst, was für eine Schärfe ein bestimmtes Wort haben kann, auch wenn es sanft ausgesprochen wird. Wie tief einzelne Sätze in eine Seele schneiden können. Und was Herzschmerz bedeutet. Auch warum einem Menschen von Null auf Jetzt schwindelig werden kann. Was ich bisher in bestimmten Gefühlen für ein Idiot gewesen sei. Oder war. Andererseits, dass eine Überraschung drei Dinge braucht, von denen mindestens zwei Hoffnung und Neugier sein sollten. Und dass das dritte Ding als Glück daher kommt, die anderen beiden zu besitzen. Deshalb schlief ich auch nie mit ihr. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Mir reichte das Glück, sie als eine Frau neben mir zu haben, deren Liebe ich mir sicher sei konnte. Dachte ich.

Typisch Mann, hörte ich dazu von einer früheren Freundin. Doch der erzähle ich ja auch nichts davon das Bondage und das Drumherum meine Art von Sex mit Cira war, weil sie es so wollte. Und es war sicher nicht die schlechteste Art und Weise ... schon aus der Selbsterfahrung, zu was man fähig ist, dachte ich schon damals. Und ich war zu einer Menge fähig.

Nun ist sie tot. Und doch, und weit ab von der Möglichkeit, würde ich mit ihr noch mal von vorne beginnen. - Allerdings war viel passiert, nicht nur ihr Sterben. - Es war nun mal so, dass das damalig ’no go’ in unserer beider Vergangenheit steckte. Im Missbrauch und missbrauchen. In Gewalt, Angst und Schrecken. In Details aus der Jugendzeit - die einem immer und ewig anhaften, egal was man an Klamotten anhat, Frisuren trägt, Schmuck besitzt, an Autos fährt, oder Wohnungen bewohnt. Egal wo man auf der Welt zu Hause ist, was man trinkt, isst, wo man feiert - mit welchen Menschen man sich umgibt. - Es sind letztlich immer die gleichen Rituale in den Restaurants, Bars, Tanzschuppen, Hotels, Schlafsälen, Betten, in den Nachtkästchen, auf pickligen Matratzen voller Milbenkot und altem Sperma. Mit voll gesauten Taschentüchern unter dem Bett. Onanie, zwischen längst abgeliebten Kuscheltieren und stinkenden Socken. Dazu die Schläge.
Die Prügel morgens, um aufzuwachen und in die Schule zu gehen. Den Backpfeifen mittags, beim Essen, Lernen, Sport treiben, in der Freizeit, dem Abendbrot. Der Schändung im Bett. Auf dem Teppich. Dem Sofa. Dem Küchenstuhl. In jeder Ecke der Wohnung. Jedem Stockwerk vom Haus. Der Stadt. Der Welt. Jeder Zeit. Jeden Tag. In welchem Jahr immer. Ohne eine Zukunft. Jede Nacht. Ohne Hoffnung. Sommer und Winter. - Der Prügel mit der Hand, einem Gürtel, dem Stock, einer siebenschwänzige Katze. Ins Gesicht, auf die Arme und den Körper, den Hintern; voll auf die Hoden. Auf das Genital. Mit Angst, die sich zwischen den Augen ins Hirn wächst, ein Einbrand der besonderen Art. Ob der Teller leer gegessen ist, oder nicht. Der Mülleimer ungeleert, die Schulaufgaben vergessen. Ein Loch in der Hose, ein Knopf am Hemd fehlt. Die Schuhe zerschlissen, die Mütze verloren. Wenn das Licht gelöscht, oder die Sonne scheint. Regentropfen ans Fenster klopfen. Du bist alleine. Und niemand hilft dir. Auch das hat System. Und dann will man nur eins: sterben! Und schon der Gedanke daran hat was Gutes, wie auch die Gier nach Leben.


*
Cira ist für den Stiefvater nicht das gute Kind. Für den ist sie ist eine Bohnenstange, mit einem großen Maul. Ein Gör, dass nicht eine Minute stillsitzen kann. Das widerspenstig redet und handelt. Und wohl deshalb ziehen die Eltern des Stiefvaters auch noch in das Haus, zu Mutter und ihr, um auf sie aufzupassen.

„Ist doch genug Platz“, sagt ihre Mutter, als Cira sich darüber aufregt, - auch weil die beiden Alten streng riechen. Und wegen der Unordnung im Bad. Nicht nur wegen dieser Entscheidung ist die Mutter Cira fremd geworden. Sondern auch wegen dem ewig missmutigen Stiefvater. Und, dass sie die beiden Alten Oma und Opa nennen soll.

Dass der Alte ihr auflauert wo er nur kann, um ihr zwischen die Beine oder zumindest an die Brust zu fassen. Der sie am Hals gepackt festhält und so lange durch seine Hosentasche hantiert, bis ihm aus Schritt etwas hervorragt. Wozu er zuckt und stöhnt. Während die Oma, eine schlampig Person mit fettigen Haaren in karierter Kittelschürze über dunkelblauen Trainingsklamotten, sich auf ein Zimmer im Haus reduziert und alles frisst, was Mutter anschleppt. Mutter und sie Hunger haben. Sie dürr bleiben. Nur ihre Füße wachsen. Die groß und größer werden und sie die bald als verfremdendes Abbild ihres eigenen Körpers beobachtet. Wie ihr gesamtes linkisches Elend. Die hohen Wangenknochen über schon vollen Lippen. Ihren breiten Mund. Und dass der Busen quälende Jahre braucht, um ein wenig zu wachsen.

Zwei Mal ist sie dem Drangsal ’zu hause’ fast entkommen. Wollte sie sich mit Tabletten das Leben nehmen; vor einen Zug werfen. Doch das alles nur halbherzig und anfängerhaft. Verursacht durch ein Zögern bei der Ausübung, weswegen sie rechtzeitig gefunden wurde. Saß sie auf der Polizeiwache. Mit Schleife im Haar. Blau Weiß. Während die Beamten voller Versprechungen die Mutter anriefen. Und darauf sie, die Schnecke Cira, wieder ins Haus musste. Platznehmen im Wartesaal. Denn aus war es mit der großen Flucht in die Fremde. Der Gier im Tod auf Leben. Nackt und verrückt sein auf etwas, das sie noch nicht an sich selber kannte. Der Spielwiese Körper. Der sich auf ihrem Lebensweg noch ausbilden wird, hoffte sie. Ausbilden muss, - obsessiv, - ist sie energisch. Aus Gründen, die sie sich mal grau radiert, mal bunt gemalt, am häufigsten aber mit spitzer Feder gezeichnet in Museen und Ausstellungen ansieht - und ihre Beobachtungen in lustvollen Träumereien festhält. Ins Tagebuch schreibt. Oft tragisch, vielfach grotesk überzeichnet und meistens außerordentlich makaber. Doch voller Vorfreude alles zu probieren, was sie gesehen hat, bevor das Leben vorbei ist und diese Art von Sexualität verboten wird, wie sie befürchtet. - Auch weil ihr Schulfreund Hubert, ein hoch gewachsener Junge aus gutem Hause, wie man damals so sagte, überhaupt keine intimen Anstalten ... nicht mal einen Kuss, schrieb sie ins Tagebuch. Und, das von den frühen Tagen nichts verruchtes zu erwarten sei. Der Fernseher in schwarzweiß. Hubert aber immerhin Klavier spielen konnte. Singen. Ehrgeiz besaß. Später Medizin studieren will.


*
Ich weiß auch, was ich will, schreibt Cira in ihr Tagebuch. - Ich will weg. Und zwar so schnell wie möglich. Legal kann ich das erst, wenn ich volljährig bin. Bis dahin muss ich mir eine Grundlage geschaffen haben. Meine Grundlage ist von der Schule abzugehen - und eine Lehre anzufangen. Wenn ich ohne Abschluss von der Schule gehe, bleibt an Lehrstellen nicht viel Auswahl. Zudem muss ich bedenken, dass ich den gelernten Beruf überall auf der Welt ausüben kann. - Also werde ich Friseurin!


*
Den Umgang mit Hubert hat ihr der Stiefvater verboten. Als Grund dafür nennt er, dass sie selten zu Hause ist, ihrer Mutter nicht im Haushalt hilft, Oma und Opa missachtet. Und sein Auto nicht putzt, mit dem er tagtäglich Fisch ausfährt. „Schließlich ernähre ich euch damit! Basta!“


*
Den Mann, den Mutter bald heiraten will, hasse ich. Wie ich seine Eltern hasse. - Und wenn es soweit ist, werde ich nicht eine Sekunde zögern und gehen. Schon der Gedanke macht mir Mut. Auch wenn die Lehre als Friseurin schrecklich ist. Die Chefin mich herablassend behandelt. Die Kunden unfreundlich sind und aus den Haaren stinken; das Trinkgeld meist miserabel ... von dem ich die Berlitz- Schule bezahle, um französisch zu lernen. Denn mein Entschluss steht fest: Ich gehe nach Frankreich!
Auch weil mich Hubert nicht so sehr liebt, um mich zu heiraten.
Sind wohl seine Eltern daran schuld. Weil ich denen zu arm bin. Zu dumm, wie ich neulich in einem Gespräch belauschte. Und dazu dann noch meine Mutter mit dem verrückten Kerl. Und dessen blöde Eltern. Oma und Opa. Meine Gürte! Und, dass wir ausziehen müssen. Das Haus verkaufen. Um in die Altonaer- Bronx zu ziehen. Also noch weiter weg von meiner Lehrstelle. Zu der ich nun nicht mehr mit dem Fahrrad fahren kann. Wie an das Grab von Papa. - Ich muss immer öfter weinen ... auch weil mein Zimmer so winzig ist und der selbst ernannte Großvater immer zudringlicher wird; meine Slips aus dem Wäschekorb stiehlt, - besonders wenn ich meine Regel habe. Und Mutter das abtut, als wäre es nichts, als ich es ihr erzähle. Seitdem erzähle ich ihr überhaupt nichts mehr. Doch sie fragt auch nicht. Nicht mal wegen meiner feuerroten Augen, der fiebrigen Stirn; weil das Leben auf engstem Raum immer schrecklicher wird. Und sowieso. Auch wegen Hubert. Den ich nur noch im Traum liebe. So weit von einander entfernt haben wir uns inzwischen, - von dem ich neulich noch glaubte, er sei der Mann fürs Leben.


*
Ich, Alex, komme aus einer ganz anderen Ecke der Gesellschaft. Mehr aus der seitlichen Linie, von schräg unten. Und doch haben wir einiges gemeinsam. Denn auch bei mir ist in der Jugend viel weggebrochen. Und das Leben passte nur unvollkommen zusammen. Willen und Wollen fehlte lange Jahre jeglicher Zusammenhalt. Und das Dasein führte nirgends hin. Irgendwie war ich immer auf der Jagd nach mir selber. Und das ohne Rücksicht auf Verluste. - Von anderen geschätzt wurde meine Freigiebigkeit. Mein Ehrlichkeit. Dass man sich auf mich verlassen konnte. - Doch in mir trage ich den Sinnsucher. Handele selbstzerstörerisch. Und in dem ich mich so zeige, ziehe ich mich zurück. Mal improvisiert, mal obsessiv. Freiwillig oder nicht. Oft am Rande einer Psychose. All das wusste ich aber erst viel später. Doch da lebten Cira und ich schon getrennt.


*
An einem Montag, ich erinnere mich noch genau, erregte eine Zeitungsanzeige in der TZ Berlin mein Interesse. Exekutive gesucht, stand da. Eine Telefonnummer, die man zu einer bestimmten Zeit anrufen sollte, mehr nicht. Ich stellte den Wecker, um die Uhrzeit nicht zu verpassen. Und, da ich mein zukünftiges Klientel meist gründlich recherchierte, nahm ich das Telefonbuch und checkte die Nummer, die mir verdammt nach einer anrufbaren Telefonzelle aussah. Klar, - es war auch so, wie ich schnell herausfand. Nur, um zur der Telefonzelle (nach Tempelhof, nähe Flughafen) zu kommen und nachzusehen, wer sich hinter dem Inserenten verbarg, blieb keine Zeit mehr. Ich rief also pünktlich die vorgegebene Nummer an. Es dauerte keine fünf Freizeichen, dann hörte ich es Rauschen, dann ein Knacken, Brummen in der Leitung, und mir war, als wenn das Gespräch irgendwie über eine Telefonzentrale weitergeleitet worden wäre. Doch das war nur so ein Gefühl, nicht greifbar, mehr eine Ahnung.

„Mit wem spreche ich?“, fragte eine Stimme, die ich weder einem Mann noch einer Frau zuordnen konnte.
„A... äh - Rubin!“, sagte ich, „ich habe ihre Annonce gelesen.“
„Und“, fragte die Stimme direkt, „wären Sie nach dem Job abreisebereit?“
„Abreisebereit? Wohin?“
„In ein Land Ihrer Wahl!“
„Sorry“, sagte ich, „darauf bin ich nicht vorbereitet.“
„Dachte ich mir,“ nörgelte die Stimme, „schreiben Sie sich die Nummer auf, die ich Ihnen gleich angebe, und rufen Sie dort in genau zehn Minuten an. - In genau zehn Minuten, hören Sie, und keine Minute später!“
„Okay. - Nennen Sie die Nummer.“
Ich muss wohl nicht sagen, dass es eine ähnliche Ziffernfolge war wie die zuvor. Und daraufhin war mir nach Whisky, wie oft wenn ich unzufrieden war. Zwei auf die schnelle schaffte ich, dann hatte ich meine Entscheidung - und rief auf die Sekunde genau an.

„Pünktlich sind Sie ja“, rauschte es nach Brummen und Knacken undeutlich wie zuvor. Und, als ich nichts sagte: „Haben Sie es sich überlegt?“
„Ja!“
„Und, Ihre Entscheidung?“
„Ich mach’s!“
„Gut so, dann kommen wir zu Schritt zwei, - haben Sie was zum Schreiben?“
„Ja.“
„Dann schreiben Sie sich eine Adresse auf, wir treffen uns genau dort in neunzig Minuten.“
Die Stimme diktierte, ich schrieb.
„Aha, das ist vor einer Telefonzelle?“
„Nein, ich rufe Sie dort an. Also gehen Sie ran, wenn es klingelt.“
„Verstanden, Sagen Sie, wie ist denn eigentlich Ihr Name?“
„Später!“
Die besagte Adresse war natürlich wieder eine in Tempelhof, und da ich in Reinickendorf wohnte, musste ich Gas geben, denn inzwischen war Rushhour. Auch hatte ich noch nie zuvor so heftig gebetet, dass meine Karre ansprang; den Köder also geschluckt wie ein verfressener Hai und dachte, auch wegen der inzwischen fünf Whiskys, wenn das mal gut geht ...


*
Als du damals die Zeitungsausschnitte gefunden hast, war die Zeit für meine Wahrheit noch nicht reif. Heute kann ich deine Fragen beantworten. Und wie du vielleicht erinnerst, war ich seinerzeit im Inkasso tätig. Und, nein, der Job ist nicht so wie man immer wieder hört oder im Fernsehen sieht; nein, es ist nur manchmal so ... Klar auch, das Geschäft warf gutes Geld ab. Es war zwar mühselig und nicht ungefährlich, brutal oft, hat aber in gewisser Weise über das Geldverdienen hinaus Spaß gebracht, weil man manchen Typen auch helfen konnte, vor allem wenn es um Spielschulden ging, die ich durchaus nachempfinden konnte, denn ich bin neben der Trinkerei auch Zocker. Nein - war, kann ich zum Glück heute sagen.
Früher waren es die Pferde, dann Roulett, als das langweilig wurde Poker. Bald zockte ich auf alles, was sich zocken lies, zur Not auch auf dreibeinige Ameisen an der Börse. Und, da ich um Auftraggeber zu finden selber in der TZ Berlin annoncierte, las ich täglich die Geschäftsanzeigen, die Kontaktanzeigen, die Arbeitsmarktannoncen, um eventuell etwas Anderes, Besseres als das was ich tat zu finden.
Manche der Inserenten dort versprachen Millionen, andere einen dubiosen Job, eine Geldanlage mit extremen Renditen, oder alles zusammen. Klartext: die meisten dieser Sorte wollten auf leichte Art Geld von denen kassieren, die ihre Versprechungen nach schnellem unkomplizierten Reichtum ernst nahmen. Und die waren dann später meine Kunden. - Bei denen nenne ich mich Rubin Taylor. Und ich bin sicher, die werden mich kennen. Denn mein zweiter Name ist Rache. Und wem ist Rache unbekannt? - Ja, ich will Rache, weil Gewalt mich krank macht. Und mich macht jede Art von Gewalt krank. Mich macht die tagtäglich im Fernsehen gezeigte Gewalt massiv krank. Mich macht die in Zeitungen berichtete Gewalt unsäglich krank. Mich macht die am PC miterlebte Gewalt irrsinnig krank. Mich macht die auf der Straße ausgeübte Diktatur krank, böse und gewalttätig. Auch hasse ich im Rückblick die in der Schule erlebte Gewalt. Hasse die seinerzeit zu Hause erlebte Gewalt. Auch deshalb werde ich jede Art von Gewalt mit meiner Art von Gewalt bekämpfen. Werde jegliche Art von Gewalt bekämpfen, die nicht von mir gesteuert wird. Und deswegen suche ich Mitarbeiter. Dazu suche ich Mitarbeiter -, die bereit sind zu töten; suche Mitarbeiter, die auf meinen Auftrag hin töten. Leute - die ich dafür bezahle, zu töten. - Behaupten Sie jetzt aber nicht, ich sei auf der Suche nach mir. Nein, ich kenne mich lange genug. Also spielen Sie nicht den Psychiater, denn der bin ich selber. Und nicht nur deshalb kenne ich jedes Detail von Gewalt. Weiß fast alles über das Leben und Sterben. Über Schuld. Und Mord und Totschlag.

Keine zwei Minuten musste ich überlegen, bis der Wortlaut für meine Mitarbeiteranwerbung stand: "Ich suche Mitarbeiter, die ohne Skrupel töten!" Den Text fügte ich dann in den Onlinevordruck vom ’Suchkatapult’ ein, drückte auf Bestätigen und schaltete den somit in Sekunden in die unübersehbare Anzahl von Printmedien und Anzeigenblätter. Und das alles unentgeltlich und anonym, versteht sich, wie fast alle Gewalt in der heutigen Welt. Genau deshalb auch meine Dutzendware an Prepaidhandys, die ich schon vor meiner Mitarbeitersuche aus Vorsichtsmaßnahme und Trainingsmaßnahme schneller wechselte als meine Unterwäsche.

Zum Hergang: Man kann, wie neulich mit dem Bankmanager Strauss Kahn geschehen, prominente Leute korrumpieren - und die somit vernichten. Doch das ist bei unbekannten Menschen ’dem kleinen Mann’ selten eine praktikable Lösung. Nein, diese unseligen Typen muss man komplett abschaffen oder zumindest ihrer Fähigkeiten berauben, Unrecht zu tun. - Da ich keine Zeit habe irgendwelche Leute ihrer Fähigkeiten zu berauben, schaffe ich diese Menschen ab. Und dazu suche ich Mitarbeiter, die ich Top bezahle. Deswegen kann ich mir die auch aussuchen. Sollten Sie also meiner Anforderung gereichen die unter Anderem heißt, dass ihr eigene Lebenszeit begrenzt ist, melden Sie sich, es stehen noch einige lukrative Einsatzbereiche frei.

Eigentlich stehe ich als Präsident einem Konsortiums vor, hätte ich fast gesagt ... Ein Gutachter schrieb dazu: Es könnte sein, dass er sich anders entwickelt hätte, wenn er einen Vater gehabt hätte, der ihn erzogen hätte ... Doch es lag anders und deshalb passierte folgendes: Wie direkt aus dem In- Magazin ’Galaxi for Men’ geschnitten kam mein Freund Matze mit einem Vorschlag daher, der zu einer Bitte wurde, der ich sofort entsprach, weil es mein Gerechtigkeitsempfinden verlangte. Es ging darum jemanden zu richten, der den Selbstmord einer Person verursacht hatte.
Einige Tage später kam mir der Typ um den es ging auf der Straße entgegen. Meine Auftraggeberin, also die Inserentin im ’Galaxi for Men Magazin’, saß im Kaffee gegenüber.
„Und?“, fragte ich durch den Voiceverzerrer vom Handy.
„Er ist es!“ Kam ihre Antwort.
„Sicher?“
„100 % sicher!“
Ich steckte das Handy in die Manteltasche, ging dem Mann einige Schritte entgegen, verharrte..., ließ ihn seinerseits einige Meter näher kommen, auch um meinen Pulsschlag zu beruhigen. Hob dann, als er nahe genug war, die rechte Hand mit der Zeitung, in der ich die Pistole versteckt hielt, schulterhoch und feuerte ihm, als er sich cirka einen halben Meter von mir entfernt befand, in schnellem Rhythmus zwei Schüsse in den Kopf. Der auf die Waffe aufgesetzte Schalldämpfer milderte das Geräusch der Schüsse wie erwartet. Und das klein gewählte Kaliber bewirkte, dass der Mann wie in Zeitlupe zu Boden sank; sein leises Stöhnen hörte lediglich ich. Unbeirrt davon passierte ich ihn, drehte mich nicht um, tat, als hätte ich den Mann überhaupt nicht bemerkt ... An der nächsten Straßenkreuzung winkte ich einem Taxi, dass ich schließlich an der U-Bahnstation Hallesche Straße stoppen ließ. Hinter einem Pfeiler, auf dem fast leeren U-Bahnsteig, zerbrach ich die in ein Taschentuch gewickelte Sonnenbrille in mehrere Teile, und entsorgte die in zwei sich gegenüberstehende Abfalleimer. Meinen Hut steckte ich zusammen mit Pistole und Schalldämpfer in einen mit kleinen Löchern versehenen Plastikbeutel, verknotet den fest und warf ihn, als die Hochbahn einige Minuten später die Spree überquerte, unbemerkt von den beiden älteren Frauen im Zugabteil aus dem Fenster. Auf dem Vorplatz vom Bahnhof Warschauer Brücke, zwischen einem geparkten VW- Kombi an dem Rost blühte und einem schrottreifen Volvo auf dem eine tote Taube lag, zertrat ich die Simkarte vom Handy. Den ehemals grauen Mantel trug ich inzwischen auf Brombeer gewendet. Die schweinsledernen Handschuhe hatte ich in dessen Innentasche gesteckt. Für mich war die Sache erledigt. Der ideelle Lohn verdient. Die Vergewaltigung und der Selbstmord der minderjährigen Tochter der Frau gerächt. Doch das war längst nicht alles, denn diese idiotische Stadt quoll über von Psychopathen wie diesem Kerl - und einem wie mir. Und genau deshalb habe ich zu tun; aus Liebe am Leben.


*
Der glücklichste Tag meines Lebens war die Freisprechung, mit dem Überreichen der Urkunde: Friseurin! Mein Traum ist wahr geworden. - Zu hause hatte ich schon Tage zuvor gepackt. Zwei Koffer, eine Tasche, meinen Reisepass. Die Fahrkarte in die Schweiz. One way Lausanne. Wo ich als Friseurin in einem renommierten Salon arbeiten konnte, - den mir der Innungsmeister vermittelt hatte. Ein Glückstag: Ich könnte die Welt umarmen! Doch nur Mutter wurde umarmt - mit Kuss und Glückwunsch für mich. Der Rest der Bagage interessierte mich nicht. Und weg war ich. Und ohne mich umzudrehen. Denn sich umdrehen bringt Pech. Und Pech hatte ich schon lange genug.

Am Bahnhof dann Hubert; mit dem habe ich überhaupt nicht gerechnet.
„Wie kommst du denn ...?
„Deine Mutter! sagt er, ... ich wollte mich zumindest verabschieden.“
„Ach du ...“
„Und dir sagen, dass ich dich sehr, sehr lieb habe!“ Dabei steckte er mir ein Päckchen zu.
„Ist eine Kette drin, damit du an mich denkst ...“
„Wir werden uns schreiben“, schlug ich vor.
„Das machen wir“, war er begeistert, „jeden Tag!“
„Zweimal die Woche!“
„Gut!“
Und dann winkte er wie blöde mit beiden Händen. Rannte am Zug mit, bis der Bahnsteig zu Ende war. Und ich nahm mein Tagebuch und schrieb. Und schrieb. Bis Lausanne. Wo mich der glatzköpfige Chef mit dem Auto abholte.
„Sagen sie einfach Chef!“ sagte der.
„Chef?“
„Ja.“
„Na dann ist ja alles klar.“
„Prima! - Ich zeige dir auch gleich, wo du wohnst.“
„Sagen Sie doch bitte Sie!“ bat ich. „Ich bleibe dann auch bei Chef!“
„Na dann ist ja alles klar.“
Irgendwie hatte der was von einer Schallplatte mit Sprung.


*
Ich werde Ciras Haus verkaufen. Und meine Wohnung in Bandol. Wohin ich nach unserer Trennung gezogen war um ihr Nahe zu sein, sollte sich mich jemals brauchen. Sie brauchte mich aber nicht. Und ich bin nur wenige Male auf einen Kaffee die paar Kilometer zu ihr nach Sanary gefahren. Also zog ich einige Zeit später nach Berlin. Dann nach Hamburg. Und wieder nach Berlin. Habe so überall einen Koffer. Die Wohnung in Bandol. Und Erinnerungen. Manchmal mehr als das. Denn ohne Frau ging bei mir gar nichts. Und das ist heute auch noch so.


*
Der Salon ’Chef’ liegt in der Innenstadt von Lausanne. Im Quartier Le Pont. In einigem drum herum Theater, Kathedrale, Park, Schwimmbad. Weiter weg Wasser, Wald und Berge. Also alles da.

Zentral liegt auch die Berlitz- Schule bei der ich mich gleich anmelde, um mein Französisch zu komplettieren. Da der Salon auch von Mädchen des Lyzeum frequentiert wird, denen ich mich zumindest sprachlich gewachsen zeigen will. Denn die Meisten von denen sprechen so gut wie keine Fremdsprache, haben aber dank ihre Eltern Geld ohne Ende, und so benehmen die sich mir gegenüber auch. Mach das! Tu dies! Du ziepst an meine Haaren! Kratz mich gefälligst nicht! Du stinkst nach Schweiß! Wasch dir zuvor die Hände! - Geradezu als sei ich von Idioten umzingelt. Nur eine ist richtig nett, Mona und die kommt aus Deutschland. Und spricht französisch.

Mein Zimmer allerdings, das liegt direkt über dem Salon - mit romantischem Blick auf den Markt, ist klein und die Tür nicht abschließbar, so dass ich jeden Abend einen Stuhl unter die Türklinke klemme. Und doch versucht es Herr Chef schon mehrmals ... Dank meiner Vorsichtmaßnahme aber ohne Erfolg. Trotzdem, ich kann Mona nicht zu mir einladen, es ist einfach zu winzig. Und so treffen wir uns im Cafe Abrakadabra, in dem auch Künstler verkehren. Und genau da läuft mir Aris über den Weg. Ein Grieche, der „aber mit italienischer Mutter, geboren in Mailand“, strahlt. Ein Gott.
„Ich bin Fotograph!“ Mein Türoffner in die Sexualität.
„Und habe nächsten Monat eine Ausstellung in Mailand!“ Und bis dahin war ich seine kleine Gans, wie er mich beim Küssen nennt, und Jungfrau. Doch nun nicht mehr lange. Dachte ich.
„Gehst du mit mir nach Mailand?“

Aber das war ein Irrtum, denn Aris ist ja Grieche. Und Griechen suchen Griechinnen. Oder nach dem Kamaki Phänomen. Das wissen alle. Nur ich mal wieder nicht. Und dann protzte er mit seinem Wagen, einem riesenhaften rosa lackierten Amischlitten, mit Weißwandreifen und Chrom ohne Ende. Und er selbst ein Zauberer. Anfangs.
„Ein Mädchen muss bis zur Hochzeit Jungfrau sein!“ Seine Meinung. Denn Aris stand auf Analsex. Mit vorher stundenlangem Streicheln und Küssen. Ausgiebiger Massage - hintenrum. Und einölen. Bis mir ganz heiß wurde. Von seiner Zunge. Vom Lecken. - Da bekam ich weiche Knie. - Und man spart Öl, sagt er - und darüber muss ich lachen. Denn das mit dem Öl war mir egal. Auch ob hinten oder vorne. Zunge oder nicht - es war mein erstes Mal! Mein erster Mann! Ein Kerl mit einem Ding. So was habe ich noch nie gesehen. - Eigentlich habe ich überhaupt noch nie einen nackten Mann in Natur gesehen. Aus Versehen mal Hubert, seitlich, mit herunter gezogener Unterhose am Klo stehend, als ich die Tür aufriss - während er aus so was wie einer längeren Hautfalte urinierte.

„Weißt du“, sagte er danach, „ich ziehe mir beim ... lach nicht ... also ... ich ziehe mir immer die Unterhose runter, um nicht einzutropfen!“
„Macht Mann das so?“
„Vielleicht nicht alle Männer“, sagte er, „aber ich.“
„Andere nicht?“
„Ehrlich, ich weiß es nicht!“ Und dabei wurde er rot und fing zu zittern an.

Zwei Jahrzehnte später sah ich ihn Nähe Jungfernstieg in inniger Umarmung mit einem Mann. - Manche brauchen eben länger, dachte ich, und winkte. Und er winkte fröhlich zurück, kam angerannt: „Chefarzt ... bin ich ... Chirurgie ...“, keuchend.
„Und Professor, wie ich hörte. Aber nicht gut in Form, was?“
„Ich nicht, aber der Fred!“ stellte er unter anhaltender Begeisterung und mit weißen Speichelfäden an der Lippe seinen Begleiter vor, „wir haben eben geheiratet!“
„Glückwunsch!“
„Danke. - Kommst du mit was essen; wir wollten gerade ... Bitte!?“
„Leider. Ich habe einen Termin!“ - Da wusste ich noch nichts vom Krebs; erst zwei Stunden später.
„Beruflich?“
„Ja, ich starte gerade neu durch!“ - Dieser Spruch war im Nachhinein der reinste Irrsinn, direkt zum schießen, wenn es nicht so traurig wäre ... wie die Diagnose.
„Nimm bitte meine Karte. - Würde mich echt freuen, von dir zu hören!“
„Und mich auch“, sagte Fred, der bis eben völlig unbeteiligt wirkte, „melden Sie sich bitte - unbedingt!“
„Mache ich. Bestimmt!“

Bald darauf war es soweit. Hatte das Warten ein Ende. Mein Zögern. Ab da ging es um alles. Um mein Leben. Obwohl überall die Blumen blühten. Krokusse und Veilchen. Primeln und Himmelschlüssel. Und die Menschen auf den Straßen lächelten. Sonnenbrillen trugen. Der Sonne wegen. Nicht wegen der Tränen, wie ich. Und niemand hatte Eile. Niemand außer mir. Mich hetzte meine Wut. Mein Hass. Mich hetzte die Zeit. Der Zeiger einer Uhr. Die Stunde Null. Vor der es kein Entkommen gab - für mich.


*
Es ist Mai. Cira und ich sitzen in der Friedrichstrasse im Cafe. Rohrstühle, ebensolche Tische, eine bunte Markise über unseren Köpfen knattert im Wind, - eine Fahne fliegt vorüber. Bombenwetter, für Sylt. Beinahe achtzehn Grad. Noch nicht so heiß, dass man am liebsten nur am Strand liegt. Nein, dazu ist es noch zu früh.
„Es soll auffrischen!“ scherzt die Kellnerin. Sie lacht wie über einen guten Witz, als sie weiterhin erklärt, „aber auf Sylt gibt es ja kein schlechtes Wetter, nur unpassend angezogenen Leute.“
Und wir lachen zurück, sagen Ja - ja wie aus einem Mund. Schieben Sonnenbrillen über Augen. Relaxen. Schlürfen heißen Kakao mit Einlage.

„Ich habe wieder dieses Brennen da unten.“
„Was kann ich tun?“
„Nichts, - nichts kannst du tun!“ Darauf habe ich gewartet. Jeder Schlag wird retourniert. Tennisspiel, die Vorhand auf die Rückhand, die Rückhand auf Vorhand. Ball halten Fehler, macht der Gegner.
„Warum kann ich nichts tun -, ich möchte dir doch helfen.“
„Du kannst aber nicht!“ - 'Du kannst nicht!' - Nichts. Gar nichts. Irgendwie bin ich emotional pleite. Impotent. Topp und doch Flop. - Auf der uns gegenüberliegenden Straßenseite ein Juweliergeschäft. Eine blonde Frau darin, die ein Päckchen nimmt und nach draußen tritt.
„Du, sieh mal“, sage ich, „die da drüben.“
„Ja, die habe ich auch schon gesehen“, ihr Kommentar.
„Mensch, - die sieht aus wie du!“
„Ja find ich auch. Nur Jahre jünger.“
„Stimmt!“ - Und ich bin ein Schwein, denke mich in die zehn Jahre jüngere Muschi, wühle mich in sie wie in ein frisch bezogenes Bett. - Nackend liege ich und erwarte meine Traumfrau, die meine Wünsche befriedigt. - Ja, diese Dublette soll es sein. Ich will ihr nach; mein steifer Ast, mein Begehren wird sie fressen. Doch ...
„Zahlen bitte“, und das war's. Nichts mehr als ein Augenquicki. Trotzdem, wenn Cira mir das nächste Mal an die Wäsche geht um meinen Schwanz in den Mund zu nehmen, was sie seit Wochen nicht mehr tut, werde ich an diese Frau denken. - Bestimmt! - Ach was: Vergiss es einfach!


*
Irgendwann später wusste ich, nie wirklich begriffen zu haben warum meine Mutter mit dem Kerl und dessen Eltern zusammen lebte. Auch nicht nach deren Tod. - Erst starb die ’Oma’, dann der ’Opa’. Der Alte bald danach. Alle drei an Krebs. Oder an der Naivität, wie sie lebten. An Hunger irgendwelcher Art. Armut im Geiste. An Enttäuschungen über sich selber. Oder aus Bosheit. Jeder Anlass war mir recht. Auch wenn es unmenschlich klingt - und ich weit weg war.

Am Tag, bevor ich zu dritten Male wegrannte, schlug mich die ’Oma’. Schimpfte, ich würde ihren Mann verrückt machen, ich sei eine Hexe ... prügelte mich mit Fäusten, einem Gürtel, zog an meinen Haaren. Bespuckte mich. Schrie: Hexe, Hexe, Hexe bis ihr die brüchige Stimme wegbrach ... und ich rannte und rannte. Schlief im Hauptbahnhof auf einer Bank. Bis jemand mich fragte, wie alt ich sei. Sechzehn, sagte ich. Als die Polizei kam. Sechzehn!

Ich sehe das Geschehen klar vor mir. Heute noch. Wo ich wieder bei meiner Mutter wohne. Ich, als ein kleines Mädchen. Als ein verlorenes Mädchen. Und voller Stolz. - Eben kommt Mutter in mein Zimmer und bürstet mir die Haare, flicht mir einen Zopf, was sie mir nicht mal als Kind getan hatte. Bringt die dünne Decke wegen des warmen Wetters. Und am Morgen Brötchen. Marmelade. Kaffee.


*
’Sie erreichen ihr Ziel in sechs Stunden und fünfundvierzig Minuten’, verspricht die Frauenstimme. Doch ich glaube dem Quattroporte nicht, es muss schneller gehen - und heize den Flitzer energisch an. Sylt, heißt mein Ziel über Hamburg. - Einige Tage werde ich auf der Insel alleine verbringen, dann lasse ich Eva einfliegen, meine Vertraute. Doch erstmal geht es wie gesagt nach Hamburg. Ich besuche dort Matze, meinen Freund und Geschäftspartner. Einen ehemaligen Profiboxer aus Österreich, der in Hamburg unter Vertrag stand und dort hängen blieb.
„Wegen der guten Luft“, sagt er, „ich brauche die Freiheit, die Weite im Hafen, den Geruch der Schiffe aus allen Erdteilen ... dann fühle ich mich nicht so eingeengt.“

Matze und ich werden nach dem Kaffeetrinken im Hotel Atlantic - ’es ist zwar arg heruntergekommen ... aber nostalgisch’ ist Matzes Meinung, mit seiner Piper nach Sylt fliegen.
Den Porsche lasse ich derweil bei Matze in Rothenbaum stehen, denn auf Sylt werde ich die VRSCA V- Rod auf fetten 9’’/240 reiten; ich freue mich schon darauf. Und das konnte ich in letzter Zeit nicht oft sagen.
Die Harley hat mir übrigens Eva schon vor Wochen runter gefahren; nur wenig später, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde.
„Ich brauche Abstand“, hat sie mich über Willi, einen meiner Rechtsanwälte, wissen lassen.
„Lass sie doch machen“, zerstreute Willi meine Bedenken; und manchmal hat er Recht.

Mein Vertu Python Handy bestätigt nervend zum wiederholten Mal die Hotelbuchung des Dorint Sölring Hof ... Die Jahre zuvor bin ich im Fährhaus in Munkmarsch oder im Landhaus Stricker abgestiegen, da gab es mit der Buchung übers Handy keinerlei Probleme; irgendetwas an dem Teil scheint also nicht in Ordnung zu sein. Trotzdem, ich bleibe schon wegen des zwei Sternekochs und dem vorzüglichen Weinangebotes bei der Entscheidung für den Sölring Hof, - eher wechsele ich das Handy. Matze zum Beispiel hat das Angel of the Stars, das spinnt nie, behauptet er jedenfalls.

„Sie haben Mona gebucht, vergewaltigt - und danach angezündet!“ Sagt er.
„Wo?“
„Hier - im Atlantic. In der Präsidenten Suiten. In der Badewanne!“
„Und wer sind die?“
„Drei Russen.“
„Und?“
„Ich werde die Todesstrafe wieder einführen!“
„Alle drei?“
„Einer reicht!“
„Oh Mann - erst Eva, dann Mona; wo soll das hinführen?“
„Es sind diese jungen Russen mit ihren kleinen Schwänzen - mit unendlich Geld. Die kennen keine Grenzen, haben keine Moral, keinen Charakter; die denken, sie können sich alles erlauben. Das sind Tiere. Pfui Teufel!“ Und dabei spuckt er auf den abgetretenen Teppichboden vom Atlantic.
„Und wann passiert es ...?“
„Jetzt - wo wir hier sitzen!“ Und wie aufs Stichwort klingelt sein Handy.
„Lass uns kurz im UKH vorbei, liegt sowieso auf der Strecke, ... ich will es ihr sagen.“
„Aber klar doch!“
Als wir im UKH ankommen, ist sie schon tot.
„Sepsis!“ kommt die Message von Monas behandelndem Arzt, „an Ihrer Stelle würde ich darauf verzichten, sie nochmals zu sehen.“
„Schade“, sagt Matze, „ich hätte es ihr gerne noch gesagt!“
„Und was ist mit den Beiden anderen?“ frage ich, als der Arzt weg ist.
„Die sind in Arbeit.“

Matze war es auch, der die einstige Tennisanlage neben meinem Haus in Bandol kaufen wollte um dort ein Hotel mit Barbetrieb und so weiter bauen zu lassen. Allerdings hatte die Mafia aus Marseille etwas dagegen. Und Cira. Da waren wie noch verheiratete und wohnten auch zusammen. Damals. Doch das ist ein anderes Thema. Obwohl. Wir lebten auch als wir miteinander verheiratete waren nicht immer unter einem Dach.


*
Aris fotografiert mich. Immer. Und in allen erdenklichen Posen. Nackt. Mitten zwischen die Beine. Von hinten und vorn. Mehr aber von hinten.
„Du hast einfach Klasse!“ Ist seine Begründung. Zudem erregt es ihn, wie er mir gesteht, meine Rosette zu sehen ... Und er kann überhaupt nicht genug davon bekommen. Also muss ich an meine Gesundheit denken, ihn bremsen.
„Das hält kein Mensch aus!“
„Dabei bin ich doch so vorsichtig.“
„Bist du! Und auch zärtlich. Es ist trotzdem zuviel!“
„Du kannst nicht aufs Klo, was?“
„Auch das - und es tut weh!“

Neben seinen künstlerischen Akten fertigt Aris Kollagen. Welche aus Frauenkörpern. Mit Tieren. Mit vom Tod geküsste Mädchen. Welche mit Essstörungen. - Enthäutete Körper. Ausgeweidete Leiber. Innereien, drapiert er. In Überschneidungen von Leiden, Leben, Sterben und Tod. Allesamt Ausgeburten des Grauens. Die er unter Pseudonym in bestimmten Galerien ausstellt, - die ihm das große Geld bringen.
„Ehrlich, mit den Aktfotografien verdiene ich so gut wie nichts!“

Will ich mit ihm über Liebe reden, meine Empfindungen für ihn, seine für mich, fühle ich mich wie bei einem Tennismatch bei dem der Ball nicht zurückkommt. - Und schon bevor Aris und ich nach Mailand gehen denke ich, dass er unter einer Persönlichkeitsstörung leidet; einer Art seelischer Verwahrlosung. Denn er lacht über seine grausigen Kollagen aus vollem Hals. Und noch über andere Dinge. Zum Beispiel skelettiert er bei lebendig Leib Tiere. Vögel, Hamster, Mäuse, Kröten und Schlangen die er sich allesamt in einer Tierhandlung besorgt; dazu sagt er mir unvermittelt: „Weißt du, ich muss immer die Kontrolle behalten. Und wenn ich was mache, muss ich wissen was dahinter ist!“
„Und ich bin dir Mittel zum Zweck?“
„Natürlich nicht. Du bist das hübscheste Mädchen, dass ich kenne. Und ich bin so stolz auf dich - und ich will, dass du in Mailand Karriere machst. Und du wirst sehen: es klappt! Versprochen. Du kommst eines Tages groß raus!“

In Mailand, drei Tage nach dem Umzug, schlägt er mich das erste Mal. Da habe ich gerade erst einen Tag die Stelle als Hausmannequin bei Bicci Mode. Gut, die hat er mir über seine Kontakte besorgt. Doch er hat die mir auch genommen. Denn übersät von blauen Flecken und mit verheulten Augen kann und will ich keine Klamotten vorführen.

„Das passiert nie wieder“, sagt er, „ ... doch heute musste es sein!“
„Ist das deine Entschuldigung?“
„Nein, das ist keine, weil es mir nicht Leid tut - aber morgen ist die Ausstellung und mein Nervenkostüm ist im Arsch ...“
„Und deswegen schlägst du mich?“
„Das verstehst du nicht!“
Ab da war mir klar: Ich wollte weg! Nur weg. Egal wohin!

„Das Richtige tun, du weißt schon: staubfreie Fotografie!“
„Surrealismus?“
„Wie Matter oder Pollock ...“

Er hätte auch als Maler oder Bildhauer tätig sein können, dieser Multi- Künstler. Doch er schlägt mich. Traktiert mich zudem mit Redensarten und Logoweißheiten. Lässt mich stundenlang vor Repeatwänden posieren. Denn weit vor allen Pin- Ups geht es ihm um Etymologie, wenn er das Wort ins Bild zwingt, sagt er. Und mich postiert er, als wäre ich eine durch einen Unfall verbogene Skulptur. - Er ist eben in jeder Hinsicht eine frühe Form von dem was noch auf mich zukommt; vereint Klarsicht und Schwachsinn als Pionier der Celebrity- Kultur. Und während er mich schlägt, dicht an der Ekelgrenze entlang fickt, scheint er über verschiedene Gesichter zu verfügen; sinniert über Action- Painting nach. Während auf dem Plattenspieler stundenlang ’stand by me’ dudelt. Mir das Blut in der Adern gerinnt, das er mit erneutem Schlagen flüssig hält. Und knipst. Mit jedweder Sensationsgier knipst. Endlos.

„Surrealistische Collagen haben Zukunft!“
„Aber ich nicht mit dir!“
„Du hast also keinen Bock mehr?“
„Schon lange nicht!“
„Lass uns noch die Ausstellung zusammen machen ...“

Und genau diese Antwort hat es gebraucht, um mich in seiner Gegenwart als tot zu fühlen; von wegen ich habe ihm mal geliebt: Nein, das war lediglich Einbildung und Neugier auf meinen ersten Sex; aus dem ja nun auch nichts Richtiges geworden ist. Denn Jungfrau bin ich immer noch. Jedenfalls vorne. - Also gehen wird zu der Vernissage. Und dort lerne ich ihn kennen. Der vor den Bildern mit mir darauf steht und mit dem Kopf nickt.

„Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“
„Sehr!“ Sagt er.
„Und ...“ als er sich zu mir umdreht „nun noch viel besser!“
Dabei sieht er mich an wie Kinder einen ansehen, die Vertrauen zu einem haben. Oder wie Kerle die sehen wollen, wie weit sie gehen können, oder
ob sie schon zu weit gegangen sind.
„Sie sind noch so jung!“ Höre ich ihn.
„Alt genug, um mich nackt fotografieren und ausstellen zu lassen!“
Und dann dauert es noch eine halbe Stunde, bis das Desertieren und Türenschlagen vorbei ist; die ’staubfreien’ Fotos führten wohl zu allerhand massiver Atemnot bei den Voyeuristen.

„Da ist eine unverschämte Wucht drin“, meint auch ... „wie war doch gleich Ihr Name?“ ... „Carl!“ ... meint (also) auch Carl.
„Finde ich auch!“
„Und Sie sind seine Muse?“
„War ich - bis eben.“
„Weil Sie mich kennen gelernt haben?“
„Mein Name ist Cira ...“ Sage ich.
„Ich weiß; der steht auf einem der Fotos!“
„Na dann wissen Sie ja jetzt Bescheid.“ - Ansonsten habe ich kein Konzept. Weiß nicht wohin und wie weiter. Ich weiß überhaupt nichts. Von wegen Bescheid; ich bin Drifter!

„Sind Sie Künstler, Carl?“
„Nein, ich verkaufe Kunst.“
„Und welche?“
„Töpfereien von Picasso.“
„Oh, Picasso ...“


*
Ich liege schlaflos. Aus weiter Ferne ist die Hupe eines Autos zu hören. Rumpelt ein Zug. Schlägt eine Uhr. Ich zähle nicht mit. Lausche lieber dem anschwellenden Schilpen, Girren und Raunen der Natur. Doch allmählich werden die Geräusche der Stadt lauter. Wächst aus dem Flüstern ein Summen und Brummen. Höre ich Stimmen. Rufe. Hupen. Kreischen. Klappt eine Tür. Startet ein Motor. Flieht der Mond dem Himmel; für alle Fälle. Sind die Bauchschmerzen da. Dieses Ziehen. Als eine Art Sehnsucht nach dir. Mein Frieren, über das was kommt und sein muss. Dazu der Wunsch nach Morgensonne, um mich zu wärmen. Nach Musik. ’Tears in Heaven’, von Eric Clapton. Zum Fröhlich sein. Dazu ein Frühstück zu zweit - wäre schön. Und ’Automn Leaves’; ja, komm lass uns ... in den Sommer ... und vergiss deine Gitarre nicht!


Stand: 21. Aug. 2012


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